Ogott, es ist 30B!
Alarm! Ein Buchungsversagen vom Reisebüro oder der Airline oder Gott:
Der angestrebte Gangplatz ist nicht verfügbar, ein Mittelplatz droht.
Ein Mittelplatz! Quasi ein Stuhl in der Hölle. Die Aussicht löst
spontanes Organversagen bei mir aus.Meine Lebenserwartung sinkt
alleine durch den Anblick der Platznummer 30B um drei Tage. Aber der
Mensch ist Mensch, weil er hofft und weil er kämpft, singt ja schon der
große deutsche Vulgärphilosoph Grönemeyer, also versuche ich, bei der
netten Dame im Lufthansakostümchen eine bessere Platzierung
rauszuschlagen. Erfolglos. Naja, vielleicht wird’s ja diesmal nicht so
schlimm, versuche ich mir einzureden, aber ach, kurze Hose, Holzgewehr,
allein im Wald, und überall ist Krieg – natürlich wird es schlimm, es
wird immer schlimm.
Erstmal
lässt sich links neben mir eine von tränengasartigen Parfümwolken
umwehte bulgarische Großfürstin nieder. Mit schriller Stimme, schwacher
Blase, ausufernder Gestik und zahllosen Sonderwünschen ans verzweifelt
freundliche Servicepersonal. Respekt für das Territorium ihrer
Mitreisenden hat sie nicht, verweigert mir konsequent die Nutzung der
mir zustehenden Armlehne. Vielleicht ist es auch eine rumänische
Fürstin, aber egal.
Rechts von mir wuchtet sich Mr. Sumo in den
Sitz, ein amerikanischer Mitbürger mit der Figur und Hautqualität von
Jabba The Hut, umwölkt von Schweißgeruch. Schweißgeruch von so
ungewöhnlicher Intensität, dass man ihn quasi sehen kann, eine
blassgelbe Wolke von unregelmäßiger Struktur. Mr. Sumo hat eine laute
Bassstimme, eine schwache Blase, ausufernder Gestik und zahllose
Sonderwünsche ans verzweifelt freundliche Servicepersonal. Respekt für
das Territorium seiner Mitreisenden hat er nicht, verweigert mir
konsequent die Nutzung der mir zustehenden Armlehne.
Über mir
schlagen die Gerüche zusammen, verbinden sich zu einer Todeswolke, die
Kleintiere töten würde und aus der kleine grüne Blitze zucken. Vor
meinem Gesicht treffen sich zuweilen die Arme der Großfürstin und Mr.
Sumo, wo sie meinen Luftraum verletzen, was ich, mein Widerstand durch
die Wolke rasch gebrochen, nicht verhindern kann. Zusätzlich zur
räumlichen und olfaktorischen Übergrifflichkeit kommt der Sound: Mr.
Sumo hat möglicherweise seinen iPod gehackt, denn die Musik ist
eindeutig lauter als Apple das vorgesehen hat und als es außerhalb von
Montagehallen erlaubt ist. Musik, ach, was rede ich: Gun’n’Roses hört
der Mann. Vermutlich ist er nicht natürlich entstanden, sondern wurde
für die Rolle des fetten Amis gecastet. Obwohl er bei der Lautstärke
eigentlich nicht mehr denken können dürfte, liest er ein Buch. Eine
Taschenbuchausgabe. Bourne Identity von Robert Ludlum. Ich sagte ja
schon, dass er vermutlich gecastet ist. Die Großfürstin starrt derweil
durch ihre goldgeränderten Brillengläser aus dem Fenster auf die
Wolken, dabei zischt sie durch die Zähne, man kann es hören, wenn bei
Mr. Sumo eine Sekunde lang Pause zwischen zwei Songs ist, und wackelt
ein bisschen mit dem Kopf. Vermutlich verflucht sie die Lande, über die
sie hinweg fliegt, aus Gewohnheit, weil sie das sonst auf ihren
Besenritten auch so macht.
Ich tue, was jeder in meiner Lage täte,
ich betäube mich mit Gummibärchen und Rotwein und versuche, mich durch
Autosuggestion in den Schlaf oder eine Ohnmacht zu zwingen. Was auch
irgendwann klappt und mich davor bewahrt, durch Verschlucken des
Plastikbestecks Selbstmord begehen zu müssen. Ich habe überlebt. Aber
manchmal wache ich nachts auf und schreie „30B!“. Und weine bitterlich.




