Dieses Mal fällt es mir besonders schwer auf das vergangene Jahr zurück zu blicken. Gibt es doch so viele Dinge, die unerledigt geblieben sind. All die Vorsätze, die ich vor genau 365 Tagen gemacht habe, sind – bis auf wenige Ausnahmen – verpufft im Nichts. Damit ich nicht Gefahr laufe, dass meine Aussagen zu guten Vorsätzen auch in diesem Jahr unbeachtet bleiben, habe ich mich entschieden, mir an dieser Stelle einiges von der Seele zu reden.
Gerade zum Jahresende komme ich ins Grübeln. So sehr, dass es mir in den letzten Tagen förmlich den Schlaf geraubt hat. Wieso ist das Jahr 2011 so suboptimal für mich gelaufen? Wen oder was habe ich besonders vernachlässigt?
Bei der Ursachenforschung sind mir nicht nur die mahnenden Worte meiner engsten Freunde dienlich. Aufgrund meiner schon fast exhibitionistischen Art, mein Leben auf Social Media Plattformen wie Facebook, Google+, Twitter, Foursquare und anderen zu dokumentieren, kann ich auf eine Vielzahl von Reaktionen in Form von positiv und negativ gestimmten Kommentaren zurückgreifen. Das Fazit, das ich aus der Analyse des Feedbacks ziehe, ist ebenso deutlich als auch richtungsweisend (sollte es zumindest für mich sein): Daniel, Du hast eine massiv gestörte Work-Life-Balance. Du musst Dein Leben radikal ändern!
Ja, es ist richtig. Ein Arbeitstag á la 9-to-5 ist mir fremd. Mein Beruf als PR-Manager bringt es mit sich, dass ich oft auch am Wochenende im Einsatz bin. Als Social Media Experte muss ich im Namen von Kunden auch in den Abendstunden reagieren und auf dringende Fragen oder Aktionen im Internet reagieren. Und das mache ich überaus gerne. Allerdings übertreibe ich es zuweilen. Aus freien Stücken. Dabei ist das Priorisieren von Aufgaben nicht gerade mein Steckenpferd. So muss die erste Einsicht – und somit ein erster Vorsatz für 2012 – lauten: Du musst nicht alles sofort erledigen! Lerne, Prioritäten zu setzen!
Die Verbesserung meiner Work-Life-Balance ist aber nur ein Aspekt von vielen, die mir in diesem Jahr bewusst wurde. Es fing dieses Jahr auch schon denkbar schlecht für mich an. Im Februar offenbart mir mein Orthopäde, dass ich vier gebrochene Rückenwirbel habe. Die unsäglichen Schmerzen, die ich bis dahin schon ein knappes halbes Jahr mit mir geführt habe, rührten von meinem Unfall im September 2010 her (ich berichtete). Monat für Monat quälte ich mich durch den Alltag. Stets auf Linderung der Schmerzen hoffend. Unzählige Arztbesuche und Behandlungen beim Physiotherapeuten – nichts half. Nun bleibt mir nur noch die Operation. Die Warteliste beim Experten für Wirbelsäulenbrüche in Münster ist jedoch lang. Erst Ende Januar 2012 habe ich einen Termin fürs Vorgespräch.
Ich hoffe jedoch, dass ich nach der OP wieder meinen Couchsurfing-Aktivitäten nachkommen kann. Dann hätte ich an dieser Stelle auch wieder mehr zu berichten. Mein zweiter Vorsatz lautet also: Wieder mehr Couchsurfen. Auch auf meinen Dienstreisen.
Mein dritter – und wohl für viele Leser meines Blogs der interessanteste – Vorsatz: Endlich das Buch über meine Weltreise-Erfahrungen als Extreme-Couchsurfer fertigstellen! Das Projekt liegt mir besonders am Herzen. Leider kamen oben genannte „Hindernisse“ (Unfall, mangelnde Work-Life-Balance, etc.) auf, so dass ich in diesem Punkt bisher kläglich versagt habe.
Bei meinem persönlichen Jahresrückblick kann ich aber auch über positive Dinge freuen. So startete ich meine neue Arbeitsstelle als PR Director bei Die Etagen GmbH in Osnabrück, meiner Heimatstadt. Durch die räumliche Nähe zu meinem Sohn Liam bleibt mir mehr Zeit für ihn. Zeit, die ich in diesem Jahr besonders genossen habe. Im Zuge meiner Hauptaufgaben übernahm ich zeitgleich den Posten des Pressesprechers und PR-Managers der Dennerle GmbH, die mir insbesondere für ihren Social Media PR Bereich freie Hand gegeben haben. Innerhalb kürzester Zeit konnten wir mit der Agentur das Unternehmen zur erfolgreichsten Firma in der Aquaristikbranche in Sachen Social Media führen.
Zudem kam die erfreuliche Nachricht, dass Rita (für jene, die sie nicht kennen: Sie war meine Freundin zu meiner Zeit in Brasilien) ihre lebensbedrohliche Krankheit überwunden hat. Ihr Leben stand auf Messers Schneide. Ihr Lebenswille hat sie letztlich gerettet.
Ein weiterer Punkt ist das Kurzprojekt „In 80 Stunden um die Welt!“. Dabei fuhr ich mit meinen Mitstreitern Alex Kahl und Oliver Regehr 80 Stunden lang durch die Republik, um möglichst viele Menschen mit verschiedenen Nationalitäten zu besuchen und zu interviewen. Ziel waren 30 Nationalitäten. Das war offensichtlich ein zu ambitioniertes Ziel. Am Ende standen 21 Menschen mit 18 verschiedenen Nationalitäten auf unserer Liste. Trotzdem können wir das Projekt als Erfolg feiern. Die Erfahrungen, die wir sammelten, sind unbezahlbar. Darüber hinaus erzielten wir ein hohes Medieninteresse (mehrere Radiointerviews, Zeitungsartikel, etc). Allerdings handelte es sich auch um ein sehr schwieriges Arbeitsprojekt, das all unsere Kräfte abverlangte und ein hohes Maß an Planungssicherheit verlangte. Das wurde den interessierten Lesern vielleicht nicht immer ganz deutlich. Ups, da fällt mir doch noch ein Vorsatz für 2012 ein: Das Projekt mit allen Berichten und noch zu veröffentlichen Videomitschnitten gänzlich zum Abschluss bringen!
Weitere „private“ Projekte liegen in der Pipeline. Neben dem eigenen Buchprojekt stehen weitere interessante Vorhaben auf meiner Liste. Die sind allerdings nur realisierbar, sofern ich den Punkt „Work-Life-Balance Verbessern“ sofort umsetze. Mehr zu den neuen Vorhaben kann ich an dieser Stelle noch nicht sagen. Noch sind sie „geheim“. Und wer weiß, vielleicht tut sich ja auch in Sachen Liebe etwas bei mir. Man(n) soll ja nicht die Hoffnung aufgeben.
In wenigen Stunden schlägt die Uhr Mitternacht. Dann ist es soweit… Ich starte SOFORT mit der Umsetzung meiner Vorsätze. Ob sich mein Leben dann tatsächlich drastisch zum Positiven ändert, bleibt abzuwarten. Ich bin aber zuversichtlich. Und in Zukunft bin ich jedem Leser dankbar für die freundliche Erinnerung, meine guten Vorsätze einzuhalten. Was habt Ihr eigentlich für (gute) Vorsätze getroffen?
Ups, der Text ist schon wieder viel zu lang geworden. Bleibt mir an dieser Stelle nur, Euch allen einen erfolgreichen Start ins Neue Jahr zu wünschen. In der Hoffnung, dass es uns alle besser trifft als das vergangene Jahr. Vor allem aber wünsche ich Euch Gesundheit und viel Liebe.
Frohes Neues Jahr!
Daniel
Nguyen-Trong Quan (genannt Quan) kam November 1991 zu uns ins Land. Seine Heimatstadt ist Thai Binh in Vietnam. „Das einzige was ich damals auf Deutsch sagen konnte war ,Guten Tag´ – mehr nicht“, erinnert sich der heute 43-jährige Familienvater. Er sei damals als Gastarbeiter in der Tschechoslowakei gewesen und schließlich nach Deutschland gekommen. Auf der Suche nach neuer Arbeit.
„Ich war sehr neugierig auf das Land. Aber auch sehr nervös“, sagt Quan. Er habe Glück gehabt, weil er in Pirmasens in der Firma Dennerle einen guten Arbeitgeber gefunden habe. „Das war keine Selbstverständlichkeit. Denn auch damals gab es in der Region nur sehr wenige Arbeitsplätze.“ Sein neuer Chef Heinz Dennerle, habe ihm und seiner jungen Familie auch bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung geholfen. „Wir sind ihm und unseren Vermietern sehr dankbar“, sagt Quan. „Wir haben durch sie ein neues Zuhause gefunden, wo wir uns sehr wohl fühlen.“
Doch das Wohlbefinden hierzulande könne nicht vom Heimweh ablenken, das ihn plagt. „Ich vermisse meine Familie, meine Geschwister, sehr. Vor drei Monaten waren wir das letzte Mal dort und der Abschied fiel uns sehr schwer.“ Darüber hinaus fehle ihm auch der Kontakt zu den ehemaligen Kollegen. Denn, wie er uns erklärt, war er mitnichten arbeitslos als er damals in die Tschechoslowakei kam. Quan gehörte zu einer Auswahl von Vietnamesen, die aufgrund ihrer „Zuverlässigkeit und des Fleißes“ ins Ausland vermittelt wurden. Damals arbeitete er als Glasbläser. Heute in der Logistik eines Unternehmens für Wasserpflanzen sowie weitere Teich- und Aquaristikprodukte. Der äußerst sympathische Vietnamese leibt seine Arbeit, sagt er. Vor allem, weil er sich „integriert fühle“.
Ein Zustand, der sich schon sehr schnell eingestellt habe. Obwohl es anfangs große Sprachschwierigkeiten gab. „Ich habe zwar zwei Sprachkurse besucht, aber das war irgendwie zu wenig. Nur selten mal abends, weil ich ja auch tagsüber arbeiten musste. Aber ich hatte im Alltag viel Unterstützung durch Kollegen und auch meinen Nachbarn. Sie helfen mir auch heute noch bei für mich komplizierten Begriffen.“ Zuhause spricht Quan mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (6 und 19 Jahre alt) Vietnamesisch. Ein Stück Heimat bewahren, wie er sagt.
Kontakt zu seinen Liebsten in der vietnamesischen Heimat hält Quan via Internet. Er tut’s wie viele unserer Interviewpartner: per Skype und anderen Live-Chat-Programmen. Vor allem sein älterer Sohn nutze die Gelegenheit, um sein Vietnamesisch „in Schuss zu halten“. Der Nachwuchs spreche hervorragend Quans Heimatsprache, verkündet er uns stolz.
Währenddessen steigt uns bereits ein angenehmer Duft in der Nase. Quans Frau hat eine riesige Portion Nudeln nach original vietnamesischer Rezeptur zubereitet. Eigentlich sind wir viel zu spät dran, müssen weiter. Nach Indien. Aber der Magen knurrt. Und es riecht einfach verdammt lecker. Quan will noch ein vietnamesisches Bier anbieten, doch wir können uns dagegen wehren – schließlich gilt: Don’t drink and drive!
Beim gemeinsamen Essen wird uns dann im Gespräch noch eines sehr deutlich: Quan bekommt nichts „geschenkt“. Er und seine Frau finanzieren die Familie ohne staatliche Zuschüsse. „Deswegen reisen wir auch nur selten nach Vietnam“, sagt Quan. Die Flüge für eine vierköpfige Familie seien sehr kostspielig. „Und was wir fürs Leben brauchen, haben wir“, sagt er. Was barucht man mehr, um glücklich zu sein. Egal, in welchem Land.
Eigentlich kam Cristina vor sechs Jahren nur nach Deutschland, um der Hochzeit ihrer Schwester beizuwohnen. Doch sie verliebte sich bei der Gelegenheit unsterblich in ihren heutigen Mann und blieb – bis heute.
An den ersten Tag in Deutschland kann sich die 41-Jährige noch sehr gut erinnern. “Es war ein Sommertag. Wir hatten 30 Grad und sind auf ein Weinfest gegangen. Das war das erste Mal, dass ich ein solches Fest hier besucht habe”, sagt sie. Neben Wein böte unser Land noch viel mehr Annehmlichkeiten. “Deutschland ist so schön”, betont Cristina. Sie führe mit ihrer Tochter ein sehr viel besseres Leben als in Brasilien. Angefangen bei den Arbeitsbedingungen und den Verdienstmöglichkeiten. “Hier verdiene ich mehr Geld”, sagt Cristina. Sie arbeitet bei der Firma Dennerle in Vinningen. Europas größter Anbieter für Wasserpflanzen und namhafter Hersteller für weitere Aquaristik- und Teichprodukte.
Dazu muss gesagt werden, dass wir den Kontakt zu Cristina auch über Dennerle herstellen konnten. Daniel (also ich) betreut das Unternehmen als PR Manager. Darüber hinaus hat Dennerle sich entschieden, sich als Unterstützer bei unserem Projekt einzubringen. So konnten wir etwa einige Nano Cubes für einen Guten Zweck versteigern (die Aktion brachte einen Erlös von knapp 450 Euro). – Dies sei an dieser Stelle nur erwähnt, damit nicht gleich der Verdacht “versteckter Werbung” aufkommt. Ich mache hier also ganz offen “Werbung” für das Unternehmen, weil es uns bei dem Projekt sehr unterstützt hat.
Zurück zu Cristina. Ein weiterer Faktor, der für Deutschland und gegen ihre Heimat Belo Horizonte in Brasilien spricht ist, dass “mein Kind hier in Sicherheit spielen kann”, sagt sie. In ihrem Heimatland sei die Kriminalitätsrate noch immer erschreckend. Die Gefahr, dass dem Nachwuchs beim Spielen etwas geschehe entsprechend hoch. Darüber hinaus lobt Cristina das deutsche Bildungssystem (Hört! Hört!). “In Brasilien sind die staatlichen Schulen leider nicht so gut wie die Privatschulen. Und die wiederum müssen teuer bezahlt werden. Nur die wenigsten Menschen können sich das leisten. Hier in Deutschland ist das System wesentlich besser. Die Schulen hier sind seeeehr gut”, betont sie. Die Kinder bekämen hier vieles gestellt, was in Südamerika extra bezahlt werden müsse. Schwimmunterricht. Ärztliche Kontrollen. Lehrmittel. “Ich liebe Deutschland von Beginn an”, sagt sie.
Für ihre mittlerweile 13 Jahre alte Tochter war der Start in unserem Land nicht so einfach. Als sie als Siebenjährige an die Weinstraße zog, hat sie “große Probleme gehabt”. Sie habe ihre Freunde sehr vermisst, das deutsche Essen habe ihr nicht geschmeckt und die Sprache bereitete ihr auch Probleme. “Heute ist das glücklicherweise anders”, freut sich Cristina. “Meine Tochter hat viele Freunde hier gefunden, isst sehr viel und sehr gerne deutsches Essen und auch die Sprache beherrscht sie sehr gut. Ja, man kann sagen, dass sie sehr gut integriert ist.”
Doch auch “Haxe mit Sauerkraut” kann nicht über die Sehnsucht nach Freunden und Familie in Brasilien hinweg trösten. “Ich habe immer Heimweh nach Brasilien. Aber ich wohne hier. Mein Mann ist Deutscher. Ich muss also noch mindestens ein paar Jahre hier bleiben.” Das heiße aber nicht, dass sie sich in Deutschland nicht wohlfühle. Das habe sie ja schon betont. “Ich habe jetzt zwei Zuhause. Wenn ich in Brasilien bin, vermisse ich Deutschland. Und umgekehrt”, sagt sie. Jedes Land habe seine Vor- und Nachteile. “Ein Besuch bei der Bank ist zum Beispiel hier wesentlich entspannter. Du kannst ganz frei reingehen und Dich beraten lassen. In Brasilien musst Du erst durch eine Sicherheitsschleuse, wirst von bewaffneten Männern beobachtet, ziehst eine Nummer und musst Dich in eine ellenlange Schlange einreihen. Du brauchst dort viel Zeit. Oder auch der Vergleich mit den öffentlichen Bussen ist gut. In meinem Heimatland ist das eine Katastrophe. Immer voll und längst nicht so bequem und komfortabel wie in Deutschland. Außerdem ist dann immer noch die Frage, ob der Bus in Brasilien pünktlich ist und tatsächlich an der Haltestelle anhält, um dich mitzunehmen.”
Fragen, die sich Cristina vielleicht in knapp zehn Jahren wieder täglich stellen muss. Denn sie und ihr Mann haben große Pläne. “Mein Mann geht in neun Jahren in Rente und wir haben uns überlegt, ob wir dann sechs Monate im Jahr in Brasilien und sechs Monate in Deutschland leben”, sagt sie. (Das war übrigens bis vor einem Jahr auch Daniels Plan. Im Monatswechsel wollte er in beiden Ländern leben, um auch der Betreuung seines Sohnes gerecht zu werden. Er hatte während seiner Zeit in Rio de Janeiro aber schnell realisieren müssen, dass er es sich finanziell nicht leisten kann.)
Für längere Zeiträume sollte eine Finanzierung für Cristina und ihren Mann allerdings kein Problem darstellen. Vor allem kann sich Cristina regelmäßig auf das “Fernweh” und der damit verbundenen Rückkehr nach Deutschland freuen: “Denn dann gibt es wieder Haxe mit Sauerkraut”, sagt sie und lacht.
Die folgende Geschichte kam zustande, weil Marvin Kleinemeier unseren Ausführungen über unser anstehendes Reiseprojekt auf einer spontanen Session beim vergangenen Barcamp in Bielefeld lauschte. Der Mitarbeiter der Paderborner Gesellschaft für Projektierungs- und Dienstleitungsmanagement (gpdm) betreut das Projekt “arena4you” (das wir in einem gesonderten Beitrag noch genauer beschreiben werden) und vermittelte uns somit den Kontakt zu einem brasilianischen Veranstaltungstechniker in der Commerzbank Arena in Frankfurt. Mehr noch: Marvin empfing uns in Frankfurt und lotste uns durch den Termin. (Danke hierfür noch einmal, Marvin!)
Für Jean Pereira war das neue Leben in Deutschland anfangs eine große Umstellung. “Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch. Habe Zuhause in Belo Horizonte Theater gespielt und hatte einen sehr großen Freundeskreis”, sagt der Brasilianer. Hier in Deutschland musste er von Null anfangen. “Die ersten zwei Jahre habe ich noch gezweifelt, ob es die richtige Entscheidung gewesen ist.”
Er konnte nicht ein einziges Wort Deutsch und wegen der bürokratischen Verhältnisse durfte er auch noch nicht zur Schule gehen. Das war 2001. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten hat er durchgehalten, ist hier geblieben. Auch seiner Familie zuliebe. Denn seiner Mutter zog es schon ein paar Jahre vorher nach Deutschland. “Sie hat auf meine Cousine aufgepasst, war also Babysitter. Dann hatte sie sich in einen deutschen Mann verliebt und ist hier geblieben.” Er sei dann später nachgekommen. Wir er denn unsere Sprache gelernt habe. “Nun, wie gesagt, ich bin ein sehr kommunikativer Mensch. Ich habe nebenher noch Spanisch und Italienisch gelernt. Insgesamt sind es jetzt fünf Sprachen. Dafür bin ich aber auch total schlecht in Mathe und Physik”, sagt der 25-Jährige. Das sei insbesondere für die Ausbildung zum Fachmann für Veranstaltungstechnik in der Commerzbank Arena eine Herausforderung gewesen. “Wenn man Formeln in die Hand gedrückt bekommt, die man nicht versteht, aber befolgen soll, das ist das Schwierige daran”, sagt er.
Das Thema leitet uns auch sogleich ein in die Unterschiede zwischen Brasilien und Deutschland. “Die Mentalität unterscheidet sich sehr.” Die Deutschen seien eher zurückhaltend im Wesen. Die Südamerikaner hingegen gastfreundlicher und offener. “Die Deutschen denken außerdem immer an Morgen, also an die Zukunft. Die Brasilianer hingegen denken mehr an das Heute. Was manchmal auch schlecht sein kann, denn die geben ihr Geld auch immer sofort aus und legen es nicht für die Zukunft auf die hohe Kante”, sagt Jean. Letztlich gelte für seine Landsleute aber der Spruch: Arm, aber glücklich! Die Deutsche Mentalität sei aber schließlich die erfolgreichere. Und damit vielleicht auch erstrebenswertere.
Kann er sich noch an seienn ersten Tag in Deutschland erinnern? Jean muss lachen: “Ja, es hat geregnet. Es war eher ein englandmäßiges Wetter.” Doch die veränderten klimatischen Bedingungen – in Brasilien herrschen fast ganzjährig tropische und subtropische Temperaturen – machen ihm nichts aus. “Meine Arbeitskollegen frieren sehr viel öfter als ich.” Es ist also nicht unbedingt das Wetter, das er vermisst. Auch nicht die brasilianischen Telenovelas. Denn die werden Zuhause von der Familie rauf und runter gesehen. Vielleicht noch ein bisschen das brasilianische Essen. Denn das gibt es seltener als damals.
Was ihn doch ein wenig stört hierzulande, “ist, dass ich immer mit anderen Augen betrachtet werde. Die meisten halten mich für einen Türken oder Araber, was oft mit Vorurteilen einhergeht. Aber ich ann und will ja auch kein Schild, auf dem “Ich bin Brasilianer” steht, tragen.” Denn das sei das Erstaunliche: Sobald er mit seiner gebürtigen Identität aufwartet, schauen die Menschen meist interessiert. “Brasilien ist ein Land, das mit vielen schönen Dingen in Verbindung gebracht wird.” Mit Fußball zum Beispiel. Aber dafür sei bei ihm kein Talent vorhanden. Jean arbeitet trotzdem im Fußballstadion. Und die Arbeit mache ihm Spaß. “Es ist abwechslungsreich hier. Hier müssen ja nicht nur Spiele organisiert werden. Sondern auch Konzerte und andere Großveranstaltungen. Ich fühle mich wohl hier. In Deutschland und mit meiner Arbeit”, sagt er.
Jean, muito obrigado para a conversação!
Wolf Pracht ist Stammgast im Restaurant von Nanni und Maria Sagheddu im beschaulichen Puderbach. “Die beiden haben die italienische Kultur in den Westerwald gebracht”, sagt er. Die Geschichte der beiden Sardinier ist eine sehr lange und man könnte sicher ein Buch darüber schreiben. So interessant ist sie. Das Interview in ihrer Pizzeria “Il Nuraghe” war mit Abstand das längste, das wir auf unserer Reise geführt haben. Wir versuchen mal, die wichtigsten Punkte in diesem Blogbeitrag in gekürzter Form zu umreißen.
Kennengelernt haben sich die beiden in Sardinien. Maria war 17 Jahre alt als der damals 24-jährige Nanni einige Installationsarbeiten für ihren Vater im sardischen Elternhaus übernahm. “Es war Liebe auf den ersten Blick”, sagen beide unisono. Bei den Renovierungsarbeiten passiert Nanni ein Missgeschick. Ihm fällt eine Zange auf den Boden, was eine Macke in den frisch gelegten Fliesen hinterließ. Marias Vater behielt 20.000 Lire ein und sagte: “Du bekommst das Geld, wenn die Macke behoben ist.” Das war kurz vor der Abfahrt der gesamten Familie nach Deutschland. Ausgerechnet am Tag der Abfahrt taucht Nanni am Haus der Familie auf. “Der Vater rief noch aus dem oberen Stockwerk: Der bekommt kein Geld von mir.” Nanni war aber gar nicht an den 20.000 Lire interessiert. Er wollte mehr. Er wollte seine Tochter Maria.
Die Familie reiste nach Deutschland und Nanni drei Jahre später nach. “Ich wollte bei Maria sein. Sie näher kennen lernen”, sagt er. Und die drei Jahre Trennung überstehen sie auch. Der großen Liebe tut es keinen Abbruch. Weihnachten macht Nanni seiner geliebten Maria im Kreise ihrer Familie einen Heiratsantrag. Doch zusammenziehen dürfen die beiden da noch nicht. So will es die sardische Tradition. “Unverheiratet durfte man in unseren Familien nicht zusammenziehen”, erklärt der heute 57-Jährige.
In der Zwischenzeit ereilt Marias Familie ein Schicksalsschlag. Ihr Haus brennt völlig ab. “Wir standen plötzlich mit leeren Händen da”, erinnert sich Maria. Da habe sich erstmals sehr deutlich die Hilfsbereitschaft der deutschen Mitbürger gezeigt. “Der ehemalige Chef meines Vaters hat uns sofort eine neue Wohnung organisiert. Fast jeder im Ort hat geholfen und uns mit dem Nötigsten versorgt: Kleidung, Möbel, Lebensmittel. Wir konnten gar nicht dankbar genug sein.” Ein erstes deutliches Anzeichen dafür, dass die Italiener im Kreise der Deutschen akzeptiert wurden. Als eine von ihnen. Maria hat Tränen in den Augen, als sie von den Improvisationskünsten ihres Vaters berichtet. “Er hat nicht nur damals in den schweren Stunden viel, sehr viel für unsere Familie getan.”
Und dann wird geheiratet. “Wir waren 650 Personen und feierten auf drei Etagen im Rohbau meines Bruders”, sagt Nanni. Und Maria erinnert sich noch an das Versprechen ihres frisch Angetrauten: “In den Flitterwochen wollten wir eigentlich nach Rom. Stattdessen haben wir gearbeitet. Nach 25 Jahren Ehe haben wir es endlich nach Rom geschafft.” Ja, Nanni hat viel gearbeitet. Als Installateur in einem Krankenhaus in Wolfsburg, später hat er auch in der Gastronomie geholfen. Eines Tages wollte er zusammen mit seiner Frau ein eigenes Restaurant eröffnen. “Meine Kollegen haben damals sehr über die Kochkünste meiner Frau geschwärmt”, berichtet der 57-Jährige. Und an dieser Stelle sei auch gesagt, dass wir an diesem Tag die mit weitem Abstand BESTEN Nussecken ever gegessen haben. Maria gab sie uns als Wegzehrung mit. “Komplett selbst gemacht”, sagt sie. Dafür alleine lohnt es sich schon, in deren Restaurant in Puderbach aufzuschlagen.
Wie auch immer, Nanni erzählt uns von seinem Glück, wie er an das heutige Restaurant gekommen sei. “Wir haben sehr viel Arbeit in die Renovierung des Restaurants gesteckt. Zeit und Geld. Plötzlich sollte das Haus zwangsversteigert werden, weil der Vermieter in massiver Finanznot geriet. Und wir sahen schon unsere Felle davon schwimmen. Doch die hiesige Bank gewährte uns einen Kredit über 316.000 Euro und unsere Existenz war gesichert”, erklärt Nanni. Heute führen sie laut Stammgast Pracht “das erfolgreichste und beliebteste Restaurant in der Region”.
Und das nicht nur wegen des hervorragenden Essens. Alleine schon das Ambiente des italienischen Gasthauses vermittelt südländisches Lebensgefühl. An der Decke der im Vorbau befindlichen Eisdiele – die in zweiter Generation vom Sohn geführt wird – befindet sich ein von Hand gefertigtes Fresko. Nicht alles aus Italien kann Familie Sagheddu in den Westerwald bringen. Es sind die Dinge, die sie selbst auch sehr vermissen: das schöne Wetter, die Gelassenheit, die Geselligkeit.
Aber dafür schätzen die zugezogenen Italiener aus dem Westerwald die deutsche Pünktlichkeit, Genauigkeit und Klarheit, wie sie sagen. Ja, wir fühlen uns voll integriert. Die Leute aus der näheren Umgebung seien stolz darauf, dass sich die Sagheddus in ihrer Mitte wohlfühlen. In Sachen Integration seien keine Wünsche mehr offen. Der einzige Wunsch, der Maria Sagheddu umtreibt, ist: “Ich wünsche mir für meinen Sohn eine Frau, die ihm den Rücken freihält. Und mit ihm viele Enkelkinder für uns in die Welt setzt.” – Und wir überlegen, ob wir den Titel unseres Projektes in “Schwiegertochter gesucht!” ändern sollen.
Grazie! Für ein sehr interessantes und ausgiebiges Gespräch. Und natürlich für die super leckeren Nussecken (wir haben selbst gemachte Nussecken als Proviant mit auf den Weg bekommen – suuuuper Lecker!)! Wir kommen wieder. Versprochen!
Amen Vovor hat eine Woche lang bitterlich geweint und gezweifelt. War es wirklich die richtige Entscheidung nach Deutschland zu gehen? So vieles hat ihr gefehlt, besonders aber die Wärme in der Heimat Togo und die Familiennähe. Zumindest anfangs.
Die 33-Jährige kam 2003 als Au Pair nach Köln, wo sie noch heute lebt. Nach ihrem Abitur in Togo, begann sie ihr Germanistik Studium in der Heimat. Doch 2001 und 2002 war das studentische Leben durch Unruhen geprägt. “Es war eigentlich nicht möglich, dort gut zu studieren”, sagt sie. Sie habe den Wunsch gehabt, ins Ausland zu gehen und von dem Au Pair Programm erfahren. “Es war also auch eine politische Entscheidung, mein Land zu verlassen.” Da sie bereits Germanistik studierte – “Trotzdem war mein Deutsch sehr schlecht” – hatte sie Deutschland als Zielort ausgewählt.
Ihr Start in Köln sei ein wahrer Kulturschock gewesen. “Es war schrecklich. Ich habe die Kinder meiner Au Pair Familie nicht verstanden. Und die Kinder haben sich auch ganz anders verhalten als bei uns in Togo. Außerdem fühlte ich mich alleine gelassen. Denn ich musste mich ja um die Kinder kümmern, aber wer kümmerte sich um mich?” Die Familie sei nett gewesen, keine Frage. Sehr geduldig. Hätten ihr beim Erlernen der Sprache geholfen. Aber für Amen keine eigene Familie mit der entsprechenden Nähe.
Trotzdem habe sie sich gut eingelebt. Schließlich Sozialarbeit studiert und arbeitet heute als Sozialpädagogische Familienhelferin bei der Stadt Köln und betreut vor allem afrikanische Familien, die Französisch sprechen. Inzwischen hat sie auch Anschluss zu anderen Menschen mit Migrationshintergrund gefunden. Die Au Pair Agentur habe entsprechende Veranstaltungen organisiert.
Wenn es um die Unterschiede zwischen Togo und Deutschland geht, hat Amen eine klare Meinung: “Da liegen Welten zwischen!” Man brauche sich nur die geordneten Strukturen im deutschen Regierungssystem anschauen. Davon sind wir in Togo meilenweit entfernt. “Eigentlich kann man Togo auf gar keiner Ebene miteinander gleichsetzen.” Was ihr auffalle sei, dass wir Deutschen sehr viel anonymer leben. “In Togo steigst Du in den Bus und kommst sofort mit Fremden ins Gespräch. Das ist hier in Deutschland fast undenkbar oder zumindest sehr selten. Leider.”
Kontaktfreude zeigt die junge Frau auch im Umgang mit ihren Freunden im Internet. “Ich schreibe sehr oft mit vielen meiner Freunde über Facebook, ab und zu telefonieren wir auch”, sagt sie. Zwar sei die technische Infrastruktur in Togo nicht zu vergleichen mit der in Europa (es gibt nicht so viele private Internetanschlüsse), aber ihre Freunde nutzen entweder die Möglichkeiten im Büro oder in den Internetcafés, um regelmäßig mit Amen zu schreiben. “Man kann sagen, dass Facebook schon sehr viel genutzt wird!”
Wir fragen sie noch abschließend, ob sie sich sportliche Aktivitäten gesucht habe, um Anschluss an deutsche Mitstreiter zu finden. “An der Uni habe ich es auch nicht gemacht, trotz der zahlreichen Angebote. Ich hatte aber auch gar keine Zeit dafür, denn ich musste mein Studium selbst finanzieren. Mit Putzen, Kellnern und Babysittern.”
Gerade rechtzeitig bekommen wir noch unsere Antwort. Denn es klopft an der Scheibe unseres Wagens (wir haben das Interview im Auto geführt). Eine freundliche Politesse macht uns darauf aufmerksam, dass wir in der Fußgängerzone stehen. Ein Hinweis, den wir dankend annehmen. “Ich fühle mich jetzt sehr wohl hier in Deutschland”, gibt uns Amen noch mit auf den Weg. Wir sagen Danke, Amen. Und wünschen Dir weiterhin viel Erfolg in unserer Mitte!
Eines schon mal vorab: Wir müssen Ana und ihrem Mann gleich in mehrfacher Hinsicht danken. Um das Projekt zu unterstützen, waren sie bereit, uns auch nachts um 2 Uhr bei sich in Duisburg zu empfangen. Und das, obwohl sie wieder früh morgen aus dem Bett mussten. “Das ist so ein tolles Projekt, wir unterstützen es gerne. Egal zu welcher Zeit”, sagten sie. Außerdem hat uns Jürgen Motz noch einen Spannungsumwandler für den Zigarettenanzünder mitgegeben, so dass wir für den Rest der Reise unsere Laptops mit Strom versorgen konnten. Das Teil, das wir mitgenommen hatten, verfügte leider über einen falschen Steckereingang. Tja, hätten wir das mal vorher ausprobiert. Daran kann man sehen, wie stressig die Reiseplanungen für uns waren. Gracias, Gracias, Gracias!
Nach den Philippinen kommen wir also in Spanien an. Ana Motz-Paris heißt die attraktive Spanierin, die uns gerne mitten in der Nacht ihre Geschichte erzählt. Über 40 Jahre lebt sie nun in Deutschland. Sie kam als Sechsjährige aus dem “wunderschönen Valencia, weil die Arbeitssituation für meine Eltern in Spanien sehr schlecht waren”, sagt sie. Damals hätten die Duisburger Verkehrsbetriebe in Spanien um Gastarbeiter geworben. Anas Vater folgte dem Ruf. Später auch die Mutter mit dem Nachwuchs.
“Anfangs hat mir eigentlich alles gefehlt. Familie, Freunde, ich habe meine Heimat als Kind sehr vermisst”, erinnert sich Ana. Aber dann kam sie in die Schule und plötzlich sei “alles super” gewesen. Denn die damals junge Spanierin war die einzige Ausländerin in der Klasse. Das Interesse war da und ich wurde total nett aufgenommen. Meine Lehrerin kümmerte sich sehr um mich!” Bei den Hausaufgaben hätte sie schon ein wenig Probleme gehabt. Dabei war sie bereits in der Vorschule in der Heimat die Beste im Rechnen und Schreiben.
Wenn man schon so lange in Deutschland lebt, einen deutschen Pass hat, mit einem Deutschen verheiratet ist, wie viel spanische Identität steckt da noch in Einem? “Ich bin in Spanien und Deutschland Zuhause. Wir fahren jedes Jahr, manchmal mehrmals, nach Spanien und jedes Mal, wenn wir wieder abreisen, ist es für mich, als wenn ich immer wieder ein Stück von mir da lasse.” Sie denke dann auch stets daran, dass es schön wäre, wenn sie dort bleiben könnte. “Es ist das Klima. Die Art, wie die Menschen dort leben. Das besondere Flair von Valencia, was mich begeistert. Ja, ich würde gerne in Spanien leben, aber nur mit meinem sozialen Umfeld hier in Deutschland. Das heißt, meine Freunde und Bekannte müssten dann mit dort hin”, sagt sie und lacht.
Das Thema Sprache ist bei Ana auch ein besonderes. Mit ihren beiden Kindern wurde bis zum Schulzeitalter spanisch gesprochen. “Es ist ein Teil ihrer Identität”, betont Ana. “Meine Kinder sollten ja auch das Land lieben. Die Sprache ist ein Bezug dazu.” Wir erzählen ihr die Geschichte von Leila, die unter anderem durch besondere Veranstaltungen (vom Arbeitgeber organisiert) an die deutsche Kultur und Sprache herangeführt wurde. “Das war vor 40 Jahren”, fragt Ana erstaunt. “Ich kann mich noch daran erinnern, dass mein Vater ohne jede Sprachkenntnisse als Straßenbahnfahrer eingesetzt wurde, das führte manchmal auch zu Missverständnissen”, erzählt sie und lacht. Die folgende Geschichte ist auch tatsächlich zum Lachen.
“Mein Vater hatte eines Tages die Leitstelle angefunkt und gesagt: Ich habe in der Bahn eine Tote gefunden! Die Leitstelle hat ihn dazu aufgefordert, stehen zu bleiben. Sie wollen einen Krankenwagen holen. Naja, es stellte sich schließlich heraus, dass es eine Tüte und keine Tote war, die mein Vater fand.”
Solche Situationen sollten Ana nicht widerfahren. Ihr Deutsch ist perfekt. Ebenso ihr Spanisch. So gut, dass sie an der Volkshochschule Spanischkurse gibt. Und in ihrer Freizeit tritt sie mit den “Freien Schwestern Duisburg” (hinter diesem Link verbirgt sich eines von vielen unterhaltsamen Videos von den coolen Schwestern aus dem Ruhrpott und auch eine Fanseite bei Facebook ist vorhanden) auf. “Wir haben sehr viel Spaß mit der Truppe”, sagt sie.
Ana hatte Glück. “Ich weiß von vielen Menschen, denen es beim Integrationsprozess nicht so gut erging. Ich hatte verständnisvolle Lehrer, die mich förderten, so dass ich auch aufs Gymnasium gehen konnte. Das Glück hatten nicht alle. Einige wurden sozusagen alleine gelassen und selbst mit der neuen Situation klar kommen. Was manchmal einfach hoffnungslos war”, bedauert sie.
Den Kontakt zu den Freunden und Bekannten hält sie – wie viele andere unserer Interviewgäste – (wie sollte es auch anders sein) via Social Media. “Wir haben viel Kontakt mit den Spaniern per Facebook”, sagt sie.
Gibt es denn noch etwas, was sie aus ihrer Kinderzeiten als prägnante Erinnerung an Spanien hat? “Ja, ich habe als Kind von meinem Vater ein Dirndl geschenkt bekommen, das er mir in Spanien gab. Das war der Hit. Ich habe es unheimlich gerne getragen und habe natürlich alle Blicke auf mich gezogen.” Das ist bestimmt auch noch heute so, denken wir uns. Und verabschieden uns bei einer total sympathischen spanisch-deutschen Familie. Adiós. Nos encantó!
Johannes Rudi ist Kasache. Der 35-Jährige lebt in Osnabrück und arbeitet als Personalleiter bei der überregional bekannten Club Discothek Alando Palais. Johannes ist „gesellschaftlich voll integriert“, wie er sagt. Ein Schlüssel dafür sei – wie wir es auf unserer Reise schon oft auch von den anderen Interviewgästen hörten – die Sprache.
Johannes erinnert sich: „Ich war 15 Jahre alt als ich mit meiner Familie in Deutschland angekommen bin. In Hannover haben wir uns zunächst getrennt. Meine Mutter, Geschwister und ich sind mit zum Onkel gekommen, der schon zuvor in Deutschland wohnte. Mein Vater ging ins Grenzdurchgangslager in Kiel. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, dass sich alles so neu für mich anfühlte. Andere Straßen, andere Autos. Ach, irgendwie alles.“
Deutsch lernte Johannes sofort im Zuge eines zehnmonatigen Sprachkurses. Deutsch beherrscht er heute perfekt. Nahezu akzentfrei. „Aber nicht nur, dass ich die Sprache konnte, hat mir beim Integrationsprozess geholfen. Wir hatten ja auch schon keine großen Unterschiede bei den Mentalitäten. Nicht umsonst sagt man ja auch Russlanddeutsche zu uns.“ Er habe das Glück gehabt, von Beginn an fast ausschließlich mit Deutschen zu tun gehabt zu haben. „Wir haben auf einem Bauernhof mit sehr netten Vermietern gelebt. Nicht mitten in der Stadt, wo ich womöglich viel mehr Zeit unter Russisch sprechenden Bekannten verbracht hätte.“ Ein Bild das sich häufig in unserer Gesellschaft zeigt. Man trifft sich unter „Seinesgleichen“, spricht die entsprechende Sprache, öffnet sich nicht für die Kultur und Mentalität des Landes, in dem man wohnt.

Zudem ist Johannes ein sehr ehrgeiziger Typ. In der Schule schaffte er es von der Hauptschule (kurz nach Anreise) bis zum Fachabitur. Seine Internatszeit leistete ihm beim Integrationsprozess auch noch Schützenhilfe. „Ich habe nie schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt er. Und Heimweh habe er auch nicht, wenngleich er schon noch einige wenige Freunde vermisst. Zu denen halte er via Internet Kontakt. Unter anderem über die Seite odnoklassniki.ru, die mit der deutschen StudiVZ-Plattform vergleichbar ist.
In Kasachstan ist Johannes nie wieder gewesen. „Mich hat nichts sonderlich dorthin gezogen. Meine Familie lebt hier in Deutschland. Meine Freunde auch. Niemand wartet auf mich in Kasachstan.“, sagt er. Aber irgendwann einmal wird er wieder zurück in die alte Gegend fahren und den einstigen Landsleuten von seiner Heimat berichten: Deutschland.
Leila de los Santos ist eine richtige Frohnatur. Ihr sanftes Lächeln steckt an. Man hat sofort gute Laune, wenn man ihr in die Augen schaut. Leila ist 61 Jahre, davon lebt sie 40 Jahre in Deutschland und ist Mutter von drei Kindern – Olaf, Fidel (Daniels Klassenkamerad zur Grundschulzeit) und Matreen. Ihre gebürtige Heimat trägt den exotischen Namen Pagsanjan Laguna und liegt auf den Philippinen.
Dass Leila ihre „Hürden“ in Deutschland mit ausgesprochen gesundem Humor genommen hat, stellte sie eindrucksvoll durch ihre heitere Art im Gespräch mit uns unter Beweis. Dazu aber später mehr. Zunächst etwas zu ihrer Geschichte: Wir schreiben das Jahr 1971 als die junge Philippinin als Krankenschwester in unser Land kommt. „Deutschland hat Anfang der 70er Jahre pro Monat auf den Philippinen rund 3.000 neue Arbeitsplätze für Krankenschwestern ausgeschrieben. Ich habe mich beworben und bin angenommen worden“, berichtet sie uns – natürlich mit einem sympathischen Lächeln im Gesicht. Zusammen mit 31 anderen Frauen von den Philippinen startet sie ihre Karriere im damaligen Stadtkrankenhaus in Osnabrück. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Münster verbringt sie 21 Jahre auf einer Dialysestation, zehn Jahre auf einer Intensiv-Abteilung und nun seit einiger Zeit auf der Kardiologie. „Ich bin ja schon etwas älter, da ist die Intensiv-Station nichts mehr für mich“, sagt sie.
Heimweh habe Leila eigentlich nie gehabt. „Unsere Schwester Oberin beim Krankenhaus hat regelmäßig Veranstaltungen für die philippinischen Angestellten organisiert. Einmal in der Woche machten wir einen Ausflug, bei der wir auch bewusst in Kontakt mit den Deutschen gebracht wurden, oft waren auch deutsche Kolleginnen und Kollegen dabei. Man kann sagen, wir wurden richtig gut betreut.“
Ob denn wirklich alles gut verlaufen sei, möchten wir wissen. „Nun, manchmal fühlte ich mich schon etwas ausgegrenzt, weil ich Schwierigkeiten mit der Sprache hatte“, erklärt sie uns. Und der sehr deutliche Akzent ist auch nach 40 Jahren immer noch sehr präsent. Den regen Austausch in ihrer Landessprache hat sie regelmäßig telefonisch oder auch persönlich. Denn sie gehe die Angehörigen sehr oft im Urlaub besuchen.
Zurück in ihrer alten Heimat muss sie aber immer wieder feststellen, dass ein dauerhaftes Leben für sie dort nicht mehr in Frage kommt. „Ich komme da nicht mehr wirklich klar. Obwohl mich fast alle dort kennen“, sagt sie. Mein Zuhause ist jetzt in Osnabrück.
Kann sie sich noch an den ersten Tag in Deutschland erinnern? „Ja, das vergesse ich so schnell nicht“, sagt sie und klopft mir mit der Hand auf mein Knie. „Es hat geschneit. Das erste Mal, dass ich Schnee gesehen habe. Zu allem Überfluss habe ich einen meiner Schuhe bei der Zwischenlandung in Paris im Treppenlift verloren. Der war futsch. Die waren einfach zu groß für mich und daher zu locker an den Füßen. Meine Eltern hatten nicht viel Geld und haben mir das günstigste Paar gekauft. Die gab es nur in der Größe“, erzählt sie. Und wieder ist das Lächeln da.
Und wie sei sie mit den Sprachproblemen umgegangen? Sie habe mit den Jahren immer mehr dazu gelernt. Einen großen Beitrag dazu leisteten dabei ihre drei Kinder, die perfektes Deutsch sprachen. „Bei uns wurde Zuhause auch nur Deutsch gesprochen“, sagt sie. Viel schöner sind aber die Anekdoten, die ihr zum Thema Sprache einfallen. Plötzlich wird die zierliche Frau ganz aufgeregt, lacht sogar ganz herzlich als sie uns davon erzählt, was ihr für Pannen schon aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse passiert sind.
Anekdote 1: Das Wau-Wau Futter
Leila erzählt: „Damals haben wir in Osnabrück Hundefutter gekauft und gegessen.“ – An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass ihr Sohn Fidel mit seiner Tochter Luna dem Interview ebenso beiwohnte und nach diesem Satz nicht an sich halten konnte. Wohl wissend, dass das Interview auch mit der Videokamera aufgenommen wird und seine Mutter sich womöglich um Kopf und Kragen reden würde, verdrehte er reflexartig die Augen und stöhnt: „Oh, Gott!“. Aber Leila lacht herzerfrischend und erzählt weiter: „Ja, weil wir dachten es sei Corned Beef. Damals war ja keine Abbildung von einem Hund drauf. Irgendwann kam dann unsere Putzfrau mit ihrem Hund an und verfütterte das Dosenfleisch an ihr Tier. Erst da haben wir es erfahren. Wir konnten ja nicht lesen. Seitdem wird mir immer schlecht, wenn ich im Laden nur Hundefutter in den Regalen sehe.“
Anekdote 2: Die „aktive“ Hautcreme
„Weil wir nicht Deutsch lesen konnten, sind uns auch andere lustige Dinge passiert. Zum Beispiel haben wir im Einkaufsmarkt eine Creme gekauft, auf der zwei sich reibende Hände zu erkennen sind. Das hat uns vermittelt, dass die Creme gut für die Hände beziehungsweise für die Haut sein muss. Wir dachten es sei Körperlotion, also cremten wir uns an den Armen und Beinen damit ein. Und dann hat es geregnet und wir fingen plötzlich kräftig an den Armen und an den Beinen durch die Strumpfhose an zu schäumen. Es war Spülmittel von Palmolive.”
Anekdote 3: Besuch aus Frankreich in der Bäckerei
„Die erste Zeit sind wir auch verarscht worden.“ Ihr Sohn Fidel zuckt erneut zusammen als er das Wort hört und fragt erstaunt: „Was?“ Leila grinst: „Ja, nur so zum Spaß. Die Ärzte haben mich zum Bäcker geschickt und mir einen Zettel mitgegeben. Da ich noch nicht so gut Deutsch konnte, habe ich der Bäckerin den Zettel in die Hand gedrückt. Darauf stand: Berliner, Amerikaner und Pariser. Ich sollte große Pariser kaufen, sagten mir die Ärzte. Also stand ich da in der Bäckerei und habe mit meinen Händen gestikuliert und gesagt: Große Pariser. Große Pariser. Die Verkäuferin hatte gelacht und gesagt, die seien ausverkauft. Die Ärzte haben mich im Krankenhaus dann mit „April, April!“ begrüßt. Und selbst die Tradition kannte ich bis dahin nicht.“
Liebe Leila, vielen Dank für den kurzen, aber herrlich heiteren Abend. Und auch vielen Dank für das umfangreiche Lunchpaket (für die Leser: Es bestand aus typisch philippinischen Gerichten wie angebratene Nudeln und Frühlingsrollen). Es hat hervorragend geschmeckt!
Eigentlich ist Michalis Josing gelernter Sportjournalist. Und eigentlich gab es auch eine Zeit, in der er Deutschland den Rücken kehrte und nie zurück wollte. Heute steht der 39-jährige Grieche aber als Inhaber des beliebten Hamburger Restaurants „Dionysus“ hinter dem Tresen. Und er ist glücklich.
Bereits in den 70er Jahren zog es seine Mutter in unser Land, um ein griechisches Lokal zu führen. Michalis selbst blieb zurück in Griechenland. Bei seiner Familie. Bis er 19 war. 1989 folgte er dem Ruf seiner Mutter und verließ seine Heimat auf Kreta. „Ich habe eine Ausbildung zum Optiker begonnen, aber nicht abschließen können“, berichtet uns der zweifache Vater. Warum? „Ich hatte nichts, was mich hier gehalten hat. Im Gegenteil: Mir fehlte die Sonne, das besondere Licht, die Freunde. Nur meine Mutter war hier, ansonsten war ich allein. Es war einfach nicht meine Welt“, sagt er. Er sei depressiv geworden. Ein Zustand, den sein Freund (und heutiger Trauzeuge) mit Sorge von Griechenland aus beobachtete. Kurzerhand organisierte dieser Freund einen Rückflug in die Heimat. Das war 1992.
In Athen widmete er sich seinem Studium zum Sportjournalisten, verdiente sein Geld mit einem Job in einem Nachtclub. „Ich habe ein paar Jahre dann als Journalist gearbeitet und irgendwann doch noch einmal überlegt, ob ich einen neuen Versuch in Deutschland wagen sollte.“ Gesagt, getan. 1997 zog es ihn wieder an die Alster. Alles habe viel besser funktioniert. „Ich bin erwachsener geworden, das hat vieles einfacher gemacht.“ Beim Sprachkurs im Goethe-Institut lernte er schließlich seine Frau kennen. Seine Energie steckte Michalis zunehmend in das Restaurant seiner Mutter. Renovierte das Lokal während der ihrer Abwesenheit – „Es war eine Überraschung für sie“ – und übernahm bald ganz die Geschäfte des Restaurants.
„Ich wollte mich als Gastronom durchsetzen. Mit einer neuen Idee.“ Er setze ein neues Konzept um. Statt „Zyklopen“-Platte servierte der smarte Grieche Tapas. „Naja, war schon eine Umstellung, besonders für die Stammgäste. Die ersten beiden Jahre nach der Einführung des neuen Konzeptes waren sehr schwierig. Aber meine Geduld hat sich ausgezahlt“, sagt er und berichtet nicht ohne Stolz, dass das „Dionysus“ das älteste griechische Restaurant Hamburgs sei, das über eine so lange Zeit unter der gleichen Familie geführt werde.
Geduld und Zeit sind zwei Dinge, die er hierzulande noch vermisse. Das sei auf Kreta ganz anders. „Dort haben die Menschen weniger Stress, weil sie eben mehr Zeit haben.“ Es gebe aber auch etwas, was sich Griechenland von Deutschland abschauen könne. Und jetzt kommt’s: „Bürokratie ist nicht immer schlecht“, betont Michalis. „Das deutsche System ist sehr gut. Und alle Landsleute, die ich kenne, sehen das genauso. Wenn die Griechen ein solches System hätten, sie würden heute nicht in der Finanzkrise stecken“, ist er überzeugt. Natürlich werde die Finanzkrise auch mal im Restaurant von den Gästen thematisiert. Die Bemerkungen seien aber unterhaltsam und „nicht böse gemeint“.
Den direkten Draht zu Freunden und Familie in der Heimat hält Michalis übrigens per Social Media.
„Wenn möglich kommuniziere ich jeden Tag via Skype oder Facebook“, sagt er. Daher wisse er auch, wie die Stimmung tatsächlich auf Kreta und im Rest des Landes sei. „Was wir hier in den Medien manchmal serviert bekommen, entspricht nicht immer der Wahrheit. Die positive Einstellung gegenüber den Deutschen hat sich nicht wirklich verschlechtert.“ Und spielt dabei auf die jüngst erschienene griechische Sportnachricht mit dem Konterfei Adolf Hitlers (das neben dem Bild von Dortmunds Trainer Jürgen Klopp platziert wurde) an, die „von einer unbedeutenden griechischen Zeitung ohne nennenswerte Reputation veröffentlich wurde. Aber hier in Deutschland als ernst zu nehmender Artikel die Runde machte“. Die Stimmung sei also nahezu unverändert. Was gut sei. Denn schließlich wird Josing in Griechenland als Deutscher bezeichnet – und umgekehrt in Deutschland als Grieche. „Wenn man es so sieht, habe ich zwei Zuhause. Das finde ich toll!“










