Die Sache mit dem Taxifahrer
Es gibt Dinge, die haben so gar nichts mit dem Couchsurfing zu tun, und trotzdem habe ich das Bedürfnis sie hier in diesem Blog zu veröffentlichen. Mein Faible, Zufällen praktisch in die Hände zu fallen, hat sich ja bereits auf meiner Reise auf die Couchen dieser Welt immer wieder bemerkbar gemacht. Heute Nacht hat er mich wieder erwischt: der Zufall.
Nach einer sehr angenehmen Unterhaltung bei einem langjährigen Freund – bei einigen Bier und anderen Spirituosen – entschied ich mich (verständlicherweise), mein Auto stehen zu lassen und mir ein Taxi zu rufen. Bei uns in Osnabrück gehört die Taxizentrale 32011 zu meinen Favoriten. Schon lange Zeit vermisste ich die Stimme von Frau Menke am Telefon. Die Mutter eines alten Schulfreundes, die mit ihrer wohlklingenden Stimme den Fahrgästen schon bei der Bestellung immer wieder aufs Neue ein gutes Gefühl vermittelt. Heute Nacht hatte sie endlich wieder eine Schicht belegt und ihre Stimme ertönte am anderen Ende der Leitung. “Taxizentrale, guten Abend”, erklingt es aus dem Hörer. Wie vermag ich nun die sympatische Stimme hier in schriftlicher Form zu beschreiben. Es ist fast unmöglich! Und ich möchte auf keinen Fall hiermit dazu aufrufen, es mit einem Anruf bei besagter Taxizentrale selbst auszutesten. Denn, sie sitzt schließlich nicht 24 Stunden am Telefon.
Lange Rede, kurzer Sinn. Wenige Minuten später steht das Taxi vor der Tür. Ich steige ein und der freundliche Fahrer fragt mich nach meinem Ziel. Wenn ich mich noch recht erinnere, ist sein Name Guiseppe. Nagelt mich nicht darauf fest. Ich gebe mein Ziel an und sage: “Sag doch bitte eben Frau Menke Bescheid, dass ich gut im Taxi angekommen bin!” Er zögert nicht, gibt einen Zahlencode in sein Kommunikationsgerät ein und wir warten auf Antwort. Während dessen fragt er mich: “Soll ich reden oder möchtest du?” “Ach, mir egal. Wir beide”, sage ich. Und da ertönt sie auch schon wieder. Die wohl mit Abstand am meisten sympatische Stimme Osnabrücks: “34.1.”, schallt es aus den Lautsprechern des Wagens. “Ja, ich wollte nur sagen, der Daniel ist gut im Taxi angekommen”, sagt Guiseppe. Und ich füge hinzu: “Ich bin bei einem sehr netten Fahrer gelandet. Vielen Dank, Frau Menke.” Es folgt ein freundliches “Gute Fahrt” und die kurze Konversation ist beendet.
So kommen wir zwei Nachtschwalben ins Gespräch über Frau Menke. Ich erkläre Guiseppe, dass ich sie aus meiner Jugendzeit kenne. Dass ich mit ihrem Sohn den einen oder anderen Streich verbrochen habe. Und nun kommen wir zum eigentlichen Zufall: Es war im November 2005 als das Osnabrücker Land ein Schneechaos heimsuchte. Damals habe ich meine Redakteursausbildung in Vechta absolviert und habe mich mit dem Zug auf den Heimweg nach Osnabrück gemacht. Ich erinnere mich noch, dass wir sehr langsam fahren mussten, weil der Schnee die Strecken blockierte. Zwischendurch sind wir sogar ausgestiegen und haben dem Zugführer dabei geholfen, Bäume von der Strecke zu sägen.
In Osnabrück angekommen, glich der Hauptbahnhof einer Totenstadt. Keine Menschenseele in Sicht, der Bahnhofsvorplatz komplett von Schnee bedeckt, kein Bus oder Taxi in Sicht. Ich rief damals meine hochschwangere Frau an und berichtete vom Dilemma. Schließlich gab es für mich keine Möglichkeit von der Innenstadt in den Südkreis der verschneiten Stadt zu kommen. Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg zu meinem besten Freund Christian, etwa eine halbe Stunde Fußmarsch vom Bahnhof entfernt. Durch knietiefen Schnee. Auf der gesamten Strecke begegnete mir kein Fahrzeug, nicht ein mal ein Räumfahrzeug für das in Massen vorhandene Weiß.
Bei Christian angekommen, wagte ich dennoch einen Anruf bei der Taxizentrale. Zunächst war kein Durchkommen, aber nach etwa einer halben Stunde, endlich ein Freizeichen. “Taxizentrale, guten Morgen”, ertönte es aus dem Hörer. Mittlerweile war es schon weit nach Mitternacht und die Stimme von Frau Menke hatte etwas Beruhigendes. “Ach, Frau Menke, ich muss irgendwie nach Sutthausen. Meine schwangere Frau wartet dort auf mich und kein Taxi in Sicht.” Frau Menke sicherte mir jedoch zu, es werde bald ein Taxi für mich ankommen. Wie versprochen, stand 15 Minuten später ein Taxi vor der Tür und mit Schrittgeschwindigkeit (ehrlich, sehr viel schneller war das nicht) machten wir uns auf den Weg zu meinem damaligen Zuhause zu meiner damaligen Frau mit dem damals noch ungeborenen Filius Liam.Doch am Anfang unserer Straße gab es kein Weiterkommen. Der Schnee war einfach zu hoch. Das Taxi blieb stecken.
“Ich kann den Rest auch zu Fuß weitergehen”, sagte ich damals und half dem Taxifahrer noch, das Auto wieder in die Spur zu bringen. So landete ich dank “32011″ und der freundlichen Taxistimme in dieser verschneiten Dezembernacht vor mehr als sechs Jahren doch noch Zuhause.
Als ich diese Geschichte dem Taxifahrer heute erzählte, sagte er mir: “Das war am Damenweg, stimmt’s?” Und ich erstaunt: “Ja, woher weißt du das?” Nun, wie sich herausstellte, war mein heutiger Chauffeur der selbe Taxifahrer wie im Jahr 2005, der mit mir diese Geschichte im chaotischen Osnabrück erlebte. Er erzähle noch heute die Geschichte anderen und erinnere sich noch genau an den Fahrgast jener Nacht, der sehnsüchtig von seiner schwangeren Frau erwartet wurde.
Und uns beide führte im Grunde genommen die sympatische Stimme von Frau Menke wieder zusammen. Jahre nach dem Schneechaos 2005 und am ersten wirklich warmen Tag dieses Jahres. Der sommer trägt so manche Zufallsblüte.
Ich wünsche Euch in diesem Sinne einen entspannten Sonntag. Die Vögel zwitschern draußen schon. Eigentlich das Zeichen zum Aufstehen. Nun, ich versuche stattdessen die Augen zu schließen und träume von der 32011-Stimme, die da sagt: “Taxizentrale, gute Nacht!”
