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“Mein Start war ein Kulturschock”
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 01.12.2011 um 15:20 Uhr

Amen Vovor hat eine Woche lang bitterlich geweint und gezweifelt. War es wirklich die richtige Entscheidung nach Deutschland zu gehen? So vieles hat ihr gefehlt, besonders aber die Wärme in der Heimat Togo und die Familiennähe. Zumindest anfangs.

Die 33-Jährige kam 2003 als Au Pair nach Köln, wo sie noch heute lebt. Nach ihrem Abitur in Togo, begann sie ihr Germanistik Studium in der Heimat. Doch 2001 und 2002 war das studentische Leben durch Unruhen geprägt. “Es war eigentlich nicht möglich, dort gut zu studieren”, sagt sie. Sie habe den Wunsch gehabt, ins Ausland zu gehen und von dem Au Pair Programm erfahren. “Es war also auch eine politische Entscheidung, mein Land zu verlassen.” Da sie bereits Germanistik studierte – “Trotzdem war mein Deutsch sehr schlecht” – hatte sie Deutschland als Zielort ausgewählt.

Ihr Start in Köln sei ein wahrer Kulturschock gewesen. “Es war schrecklich. Ich habe die Kinder meiner Au Pair Familie nicht verstanden. Und die Kinder haben sich auch ganz anders verhalten als bei uns in Togo. Außerdem fühlte ich mich alleine gelassen. Denn ich musste mich ja um die Kinder kümmern, aber wer kümmerte sich um mich?” Die Familie sei nett gewesen, keine Frage. Sehr geduldig. Hätten ihr beim Erlernen der Sprache geholfen. Aber für Amen keine eigene Familie mit der entsprechenden Nähe.

Trotzdem habe sie sich gut eingelebt. Schließlich Sozialarbeit studiert und arbeitet heute als Sozialpädagogische Familienhelferin bei der Stadt Köln und betreut vor allem afrikanische Familien, die Französisch sprechen. Inzwischen hat sie auch Anschluss zu anderen Menschen mit Migrationshintergrund gefunden. Die Au Pair Agentur habe entsprechende Veranstaltungen organisiert.

Wenn es um die Unterschiede zwischen Togo und Deutschland geht, hat Amen eine klare Meinung: “Da liegen Welten zwischen!” Man brauche sich nur die geordneten Strukturen im deutschen Regierungssystem anschauen. Davon sind wir in Togo meilenweit entfernt. “Eigentlich kann man Togo auf gar keiner Ebene miteinander gleichsetzen.” Was ihr auffalle sei, dass wir Deutschen sehr viel anonymer leben. “In Togo steigst Du in den Bus und kommst sofort mit Fremden ins Gespräch. Das ist hier in Deutschland fast undenkbar oder zumindest sehr selten. Leider.”

Kontaktfreude zeigt die junge Frau auch im Umgang mit ihren Freunden im Internet. “Ich schreibe sehr oft mit vielen meiner Freunde über Facebook, ab und zu telefonieren wir auch”, sagt sie. Zwar sei die technische Infrastruktur in Togo nicht zu vergleichen mit der in Europa (es gibt nicht so viele private Internetanschlüsse), aber ihre Freunde nutzen entweder die Möglichkeiten im Büro oder in den Internetcafés, um regelmäßig mit Amen zu schreiben. “Man kann sagen, dass Facebook schon sehr viel genutzt wird!”

Wir fragen sie noch abschließend, ob sie sich sportliche Aktivitäten gesucht habe, um Anschluss an deutsche Mitstreiter zu finden. “An der Uni habe ich es auch nicht gemacht, trotz der zahlreichen Angebote. Ich hatte aber auch gar keine Zeit dafür, denn ich musste mein Studium selbst finanzieren. Mit Putzen, Kellnern und Babysittern.”

Gerade rechtzeitig bekommen wir noch unsere Antwort. Denn es klopft an der Scheibe unseres Wagens (wir haben das Interview im Auto geführt). Eine freundliche Politesse macht uns darauf aufmerksam, dass wir in der Fußgängerzone stehen. Ein Hinweis, den wir dankend annehmen. “Ich fühle mich jetzt sehr wohl hier in Deutschland”, gibt uns Amen noch mit auf den Weg. Wir sagen Danke, Amen. Und wünschen Dir weiterhin viel Erfolg in unserer Mitte! :-)

Die “Tote” in der Straßenbahn
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 28.11.2011 um 09:20 Uhr

Eines schon mal vorab: Wir müssen Ana und ihrem Mann gleich in mehrfacher Hinsicht danken. Um das Projekt zu unterstützen, waren sie bereit, uns auch nachts um 2 Uhr bei sich in Duisburg zu empfangen. Und das, obwohl sie wieder früh morgen aus dem Bett mussten. “Das ist so ein tolles Projekt, wir unterstützen es gerne. Egal zu welcher Zeit”, sagten sie.  Außerdem hat uns Jürgen Motz noch einen Spannungsumwandler für den Zigarettenanzünder mitgegeben, so dass wir für den Rest der Reise unsere Laptops mit Strom versorgen konnten. Das Teil, das wir mitgenommen hatten, verfügte leider über einen falschen Steckereingang. Tja, hätten wir das mal vorher ausprobiert. Daran kann man sehen, wie stressig die Reiseplanungen für uns waren. Gracias, Gracias, Gracias!

Nach den Philippinen kommen wir also in Spanien an. Ana Motz-Paris heißt die attraktive Spanierin, die uns gerne mitten in der Nacht ihre Geschichte erzählt. Über 40 Jahre lebt sie nun in Deutschland. Sie kam als Sechsjährige aus dem “wunderschönen Valencia, weil die Arbeitssituation für meine Eltern in Spanien sehr schlecht waren”, sagt sie. Damals hätten die Duisburger Verkehrsbetriebe in Spanien um Gastarbeiter geworben. Anas Vater folgte dem Ruf. Später auch die Mutter mit dem Nachwuchs.

“Anfangs hat mir eigentlich alles gefehlt. Familie, Freunde, ich habe meine Heimat als Kind sehr vermisst”, erinnert sich Ana. Aber dann kam sie in die Schule und plötzlich sei “alles super” gewesen. Denn die damals junge Spanierin war die einzige Ausländerin in der Klasse. Das Interesse war da und ich wurde total nett aufgenommen. Meine Lehrerin kümmerte sich sehr um mich!” Bei den Hausaufgaben hätte sie schon ein wenig Probleme gehabt. Dabei war sie bereits in der Vorschule in der Heimat die Beste im Rechnen und Schreiben.

Wenn man schon so lange in Deutschland lebt, einen deutschen Pass hat, mit einem Deutschen verheiratet ist, wie viel spanische Identität steckt da noch in Einem? “Ich bin in Spanien und Deutschland Zuhause. Wir fahren jedes Jahr, manchmal mehrmals, nach Spanien und jedes Mal, wenn wir wieder abreisen, ist es für mich, als wenn ich immer wieder ein Stück von mir da lasse.” Sie denke dann auch stets daran, dass es schön wäre, wenn sie dort bleiben könnte. “Es ist das Klima. Die Art, wie die Menschen dort leben. Das besondere Flair von Valencia, was mich begeistert. Ja, ich würde gerne in Spanien leben, aber nur mit meinem sozialen Umfeld hier in Deutschland. Das heißt, meine Freunde und Bekannte müssten dann mit dort hin”, sagt sie und lacht.

Das Thema Sprache ist bei Ana auch ein besonderes. Mit ihren beiden Kindern wurde bis zum Schulzeitalter spanisch gesprochen. “Es ist ein Teil ihrer Identität”, betont Ana. “Meine Kinder sollten ja auch das Land lieben. Die Sprache ist ein Bezug dazu.” Wir erzählen ihr die Geschichte von Leila, die unter anderem durch besondere Veranstaltungen (vom Arbeitgeber organisiert) an die deutsche Kultur und Sprache herangeführt wurde. “Das war vor 40 Jahren”, fragt Ana erstaunt. “Ich kann mich noch daran erinnern, dass mein Vater ohne jede Sprachkenntnisse als Straßenbahnfahrer eingesetzt wurde, das führte manchmal auch zu Missverständnissen”, erzählt sie und lacht. Die folgende Geschichte ist auch tatsächlich zum Lachen.

“Mein Vater hatte eines Tages die Leitstelle angefunkt und gesagt: Ich habe in der Bahn eine Tote gefunden! Die Leitstelle hat ihn dazu aufgefordert, stehen zu bleiben. Sie wollen einen Krankenwagen holen. Naja, es stellte sich schließlich heraus, dass es eine Tüte und keine Tote war, die mein Vater fand.”

Solche Situationen sollten Ana nicht widerfahren. Ihr Deutsch ist perfekt. Ebenso ihr Spanisch. So gut, dass sie an der Volkshochschule Spanischkurse gibt. Und in ihrer Freizeit tritt sie mit den “Freien Schwestern Duisburg” (hinter diesem Link verbirgt sich eines von vielen unterhaltsamen Videos von den coolen Schwestern aus dem Ruhrpott und auch eine Fanseite bei Facebook ist vorhanden) auf. “Wir haben sehr viel Spaß mit der Truppe”, sagt sie.

Ana hatte Glück. “Ich weiß von vielen Menschen, denen es beim Integrationsprozess nicht so gut erging. Ich hatte verständnisvolle Lehrer, die mich förderten, so dass ich auch aufs Gymnasium gehen konnte. Das Glück hatten nicht alle. Einige wurden sozusagen alleine gelassen und selbst mit der neuen Situation klar kommen. Was manchmal einfach hoffnungslos war”, bedauert sie.

Den Kontakt zu den Freunden und Bekannten hält sie – wie viele andere unserer Interviewgäste – (wie sollte es auch anders sein) via Social Media. “Wir haben viel Kontakt mit den Spaniern per Facebook”, sagt sie.

Gibt es denn noch etwas, was sie aus ihrer Kinderzeiten als prägnante Erinnerung an Spanien hat? “Ja, ich habe als Kind von meinem Vater ein Dirndl geschenkt bekommen, das er mir in Spanien gab. Das war der Hit. Ich habe es unheimlich gerne getragen und habe natürlich alle Blicke auf mich gezogen.” Das ist bestimmt auch noch heute so, denken wir uns. Und verabschieden uns bei einer total sympathischen spanisch-deutschen Familie. Adiós. Nos encantó!

Kasachstan -Nie wieder in der alten Heimat gewesen
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 25.11.2011 um 09:30 Uhr

Johannes Rudi ist Kasache. Der 35-Jährige lebt in Osnabrück und arbeitet als Personalleiter bei der überregional bekannten Club Discothek Alando Palais. Johannes ist „gesellschaftlich voll integriert“, wie er sagt. Ein Schlüssel dafür sei – wie wir es auf unserer Reise schon oft auch von den anderen Interviewgästen hörten – die Sprache.

Johannes erinnert sich: „Ich war 15 Jahre alt als ich mit meiner Familie in Deutschland angekommen bin. In Hannover haben wir uns zunächst getrennt. Meine Mutter, Geschwister und ich sind mit zum Onkel gekommen, der schon zuvor in Deutschland wohnte. Mein Vater ging ins Grenzdurchgangslager in Kiel. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, dass sich alles so neu für mich anfühlte. Andere Straßen, andere Autos. Ach, irgendwie alles.“

Deutsch lernte Johannes sofort im Zuge eines zehnmonatigen Sprachkurses. Deutsch beherrscht er heute perfekt. Nahezu akzentfrei. „Aber nicht nur, dass ich die Sprache konnte, hat mir beim Integrationsprozess geholfen. Wir hatten ja auch schon keine großen Unterschiede bei den Mentalitäten. Nicht umsonst sagt man ja auch Russlanddeutsche zu uns.“ Er habe das Glück gehabt, von Beginn an fast ausschließlich mit Deutschen zu tun gehabt zu haben. „Wir haben auf einem Bauernhof mit sehr netten Vermietern gelebt. Nicht mitten in der Stadt, wo ich womöglich viel mehr Zeit unter Russisch sprechenden Bekannten verbracht hätte.“ Ein Bild das sich häufig in unserer Gesellschaft zeigt. Man trifft sich unter „Seinesgleichen“, spricht die entsprechende Sprache, öffnet sich nicht für die Kultur und Mentalität des Landes, in dem man wohnt.

Zudem ist Johannes ein sehr ehrgeiziger Typ. In der Schule schaffte er es von der Hauptschule (kurz nach Anreise) bis zum Fachabitur. Seine Internatszeit leistete ihm beim Integrationsprozess auch noch Schützenhilfe. „Ich habe nie schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt er. Und Heimweh habe er auch nicht, wenngleich er schon noch einige wenige Freunde vermisst. Zu denen halte er via Internet Kontakt. Unter anderem über die Seite odnoklassniki.ru, die mit der deutschen StudiVZ-Plattform vergleichbar ist.
In Kasachstan ist Johannes nie wieder gewesen. „Mich hat nichts sonderlich dorthin gezogen. Meine Familie lebt hier in Deutschland. Meine Freunde auch. Niemand wartet auf mich in Kasachstan.“, sagt er. Aber irgendwann einmal wird er wieder zurück in die alte Gegend fahren und den einstigen Landsleuten von seiner Heimat berichten: Deutschland.

Philippinischer Humor vom Feinsten
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 24.11.2011 um 09:26 Uhr

Leila de los Santos ist eine richtige Frohnatur. Ihr sanftes Lächeln steckt an. Man hat sofort gute Laune, wenn man ihr in die Augen schaut. Leila ist 61 Jahre, davon lebt sie 40 Jahre in Deutschland und ist Mutter von drei Kindern – Olaf, Fidel (Daniels Klassenkamerad zur Grundschulzeit) und Matreen. Ihre gebürtige Heimat trägt den exotischen Namen Pagsanjan Laguna und liegt auf den Philippinen.

Dass Leila ihre „Hürden“ in Deutschland mit ausgesprochen gesundem Humor genommen hat, stellte sie eindrucksvoll durch ihre heitere Art im Gespräch mit uns unter Beweis. Dazu aber später mehr. Zunächst etwas zu ihrer Geschichte: Wir schreiben das Jahr 1971 als die junge Philippinin als Krankenschwester in unser Land kommt. „Deutschland hat Anfang der 70er Jahre pro Monat auf den Philippinen rund 3.000 neue Arbeitsplätze für Krankenschwestern ausgeschrieben. Ich habe mich beworben und bin angenommen worden“, berichtet sie uns – natürlich mit einem sympathischen Lächeln im Gesicht. Zusammen mit 31 anderen Frauen von den Philippinen startet sie ihre Karriere im damaligen Stadtkrankenhaus in Osnabrück. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Münster verbringt sie 21 Jahre auf einer Dialysestation, zehn Jahre auf einer Intensiv-Abteilung und nun seit einiger Zeit auf der Kardiologie. „Ich bin ja schon etwas älter, da ist die Intensiv-Station nichts mehr für mich“, sagt sie.

Heimweh habe Leila eigentlich nie gehabt. „Unsere Schwester Oberin beim Krankenhaus hat regelmäßig Veranstaltungen für die philippinischen Angestellten organisiert. Einmal in der Woche machten wir einen Ausflug, bei der wir auch bewusst in Kontakt mit den Deutschen gebracht wurden, oft waren auch deutsche Kolleginnen und Kollegen dabei. Man kann sagen, wir wurden richtig gut betreut.“

Ob denn wirklich alles gut verlaufen sei, möchten wir wissen. „Nun, manchmal fühlte ich mich schon etwas ausgegrenzt, weil ich Schwierigkeiten mit der Sprache hatte“, erklärt sie uns. Und der sehr deutliche Akzent ist  auch nach 40 Jahren immer noch sehr präsent. Den regen Austausch in ihrer Landessprache hat sie regelmäßig telefonisch oder auch persönlich. Denn sie gehe die Angehörigen sehr oft im Urlaub besuchen.

Zurück in ihrer alten Heimat muss sie aber immer wieder feststellen, dass ein dauerhaftes Leben für sie dort nicht mehr in Frage kommt.  „Ich komme da nicht mehr wirklich klar. Obwohl mich fast alle dort kennen“, sagt sie. Mein Zuhause ist jetzt in Osnabrück.

Kann sie sich noch an den ersten Tag in Deutschland erinnern? „Ja, das vergesse ich so schnell nicht“, sagt sie und klopft mir mit der Hand auf mein Knie. „Es hat geschneit. Das erste Mal, dass ich Schnee gesehen habe. Zu allem Überfluss habe ich einen meiner Schuhe bei der Zwischenlandung in Paris im Treppenlift verloren. Der war futsch. Die waren einfach zu groß für mich und daher zu locker an den Füßen. Meine Eltern hatten nicht viel Geld und haben mir das günstigste Paar gekauft. Die gab es nur in der Größe“, erzählt sie. Und wieder ist das Lächeln da. ;-)

Und wie sei sie mit den Sprachproblemen umgegangen? Sie habe mit den Jahren immer mehr dazu gelernt. Einen großen Beitrag dazu leisteten dabei ihre drei Kinder, die perfektes Deutsch sprachen. „Bei uns wurde Zuhause auch nur Deutsch gesprochen“, sagt sie. Viel schöner sind aber die Anekdoten, die ihr zum Thema Sprache einfallen. Plötzlich wird die zierliche Frau ganz aufgeregt, lacht sogar ganz herzlich als sie uns davon erzählt, was ihr für Pannen schon aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse passiert sind.

Anekdote 1: Das Wau-Wau Futter

(c) preisvergleich.eu

Leila erzählt: „Damals haben wir in Osnabrück Hundefutter gekauft und gegessen.“ – An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass ihr Sohn Fidel mit seiner Tochter Luna dem Interview ebenso beiwohnte und nach diesem Satz nicht an sich halten konnte. Wohl wissend, dass das Interview auch mit der Videokamera aufgenommen wird und seine Mutter sich womöglich um Kopf und Kragen reden würde, verdrehte er reflexartig die Augen und stöhnt: „Oh, Gott!“. Aber Leila lacht herzerfrischend und erzählt weiter: „Ja, weil wir dachten es sei Corned Beef. Damals war ja keine Abbildung von einem Hund drauf. Irgendwann kam dann unsere Putzfrau mit ihrem Hund an und verfütterte das Dosenfleisch an ihr Tier. Erst da haben wir es erfahren. Wir konnten ja nicht lesen. Seitdem wird mir immer schlecht, wenn ich im Laden nur Hundefutter in den Regalen sehe.“

Anekdote 2:  Die „aktive“ Hautcreme

(c) www.becks24.de

„Weil wir nicht Deutsch lesen konnten, sind uns auch andere lustige Dinge passiert. Zum Beispiel haben wir im Einkaufsmarkt eine Creme gekauft, auf der zwei sich reibende Hände zu erkennen sind. Das hat uns vermittelt, dass die Creme gut für die Hände beziehungsweise für die Haut sein muss. Wir dachten es sei Körperlotion, also cremten wir uns an den Armen und Beinen damit ein. Und dann hat es geregnet und wir fingen plötzlich kräftig an den Armen und an den Beinen durch die Strumpfhose an zu schäumen. Es war Spülmittel von Palmolive.”

Anekdote 3: Besuch aus Frankreich in der Bäckerei

„Die erste Zeit sind wir auch verarscht worden.“ Ihr Sohn Fidel zuckt erneut zusammen als er das Wort hört und fragt erstaunt: „Was?“ Leila grinst: „Ja, nur so zum Spaß. Die Ärzte haben mich zum Bäcker geschickt und mir einen Zettel mitgegeben. Da ich noch nicht so gut Deutsch konnte, habe ich der Bäckerin den Zettel in die Hand gedrückt. Darauf stand: Berliner, Amerikaner und Pariser. Ich sollte große Pariser kaufen, sagten mir die Ärzte. Also stand ich da in der Bäckerei und habe mit meinen Händen gestikuliert und gesagt: Große Pariser. Große Pariser. Die Verkäuferin hatte gelacht und gesagt, die seien ausverkauft. Die Ärzte haben mich im Krankenhaus dann mit „April, April!“ begrüßt. Und selbst die Tradition kannte ich bis dahin nicht.“

Liebe Leila, vielen Dank für den kurzen, aber herrlich heiteren Abend. Und auch vielen Dank für das umfangreiche Lunchpaket (für die Leser: Es bestand aus typisch philippinischen Gerichten wie angebratene Nudeln und Frühlingsrollen). Es hat hervorragend geschmeckt!

Die Bürokratie in Deutschland findet Michalis gut
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 21.11.2011 um 09:30 Uhr

Eigentlich ist Michalis Josing gelernter Sportjournalist. Und eigentlich gab es auch eine Zeit, in der er Deutschland den Rücken kehrte und nie zurück wollte. Heute steht der 39-jährige Grieche aber als Inhaber des beliebten Hamburger Restaurants „Dionysus“ hinter dem Tresen. Und er ist glücklich.

Bereits in den 70er Jahren zog es seine Mutter in unser Land, um ein griechisches Lokal zu führen. Michalis selbst blieb zurück in Griechenland. Bei seiner Familie. Bis er 19 war. 1989 folgte er dem Ruf seiner Mutter und verließ seine Heimat auf Kreta. „Ich habe eine Ausbildung zum Optiker begonnen, aber nicht abschließen können“, berichtet uns der zweifache Vater. Warum? „Ich hatte nichts, was mich hier gehalten hat. Im Gegenteil: Mir fehlte die Sonne, das besondere Licht, die Freunde. Nur meine Mutter war hier, ansonsten war ich allein. Es war einfach nicht meine Welt“, sagt er. Er sei depressiv geworden. Ein Zustand, den sein Freund (und heutiger Trauzeuge) mit Sorge von Griechenland aus beobachtete. Kurzerhand organisierte dieser Freund einen Rückflug in die Heimat. Das war 1992.

In Athen widmete er sich seinem Studium zum Sportjournalisten, verdiente sein Geld mit einem Job in einem Nachtclub. „Ich habe ein paar Jahre dann als Journalist gearbeitet und irgendwann doch noch einmal überlegt, ob ich einen neuen Versuch in Deutschland wagen sollte.“ Gesagt, getan. 1997 zog es ihn wieder an die Alster. Alles habe viel besser funktioniert. „Ich bin erwachsener geworden, das hat vieles einfacher gemacht.“ Beim Sprachkurs im Goethe-Institut lernte er schließlich seine Frau kennen. Seine Energie steckte Michalis zunehmend in das Restaurant seiner Mutter. Renovierte das Lokal während der ihrer Abwesenheit – „Es war eine Überraschung für sie“ – und übernahm bald ganz die Geschäfte des Restaurants.

„Ich wollte mich als Gastronom durchsetzen. Mit einer neuen Idee.“ Er setze ein neues Konzept um. Statt „Zyklopen“-Platte servierte der smarte Grieche Tapas. „Naja, war schon eine Umstellung, besonders für die Stammgäste. Die ersten beiden Jahre nach der Einführung des neuen Konzeptes waren sehr schwierig. Aber meine Geduld hat sich ausgezahlt“, sagt er und berichtet nicht ohne Stolz, dass das „Dionysus“ das älteste griechische Restaurant Hamburgs sei, das über eine so lange Zeit unter der gleichen Familie geführt werde.

Geduld und Zeit sind zwei Dinge, die er hierzulande noch vermisse. Das sei auf Kreta ganz anders. „Dort haben die Menschen weniger Stress, weil sie eben mehr Zeit haben.“ Es gebe aber auch etwas, was sich Griechenland von Deutschland abschauen könne. Und jetzt kommt’s: „Bürokratie ist nicht immer schlecht“, betont Michalis. „Das deutsche System ist sehr gut. Und alle Landsleute, die ich kenne, sehen das genauso. Wenn die Griechen ein solches System hätten, sie würden heute nicht in der Finanzkrise stecken“, ist er überzeugt. Natürlich werde die Finanzkrise auch mal im Restaurant von den Gästen thematisiert. Die Bemerkungen seien aber unterhaltsam und „nicht böse gemeint“.

Den direkten Draht zu Freunden und Familie in der Heimat hält Michalis übrigens per Social Media. „Wenn möglich kommuniziere ich jeden Tag via Skype oder Facebook“, sagt er. Daher wisse er auch, wie die Stimmung tatsächlich auf Kreta und im Rest des Landes sei. „Was wir hier in den Medien manchmal serviert bekommen, entspricht nicht immer der Wahrheit. Die positive Einstellung gegenüber den Deutschen hat sich nicht wirklich verschlechtert.“ Und spielt dabei auf die jüngst erschienene griechische Sportnachricht mit dem Konterfei Adolf Hitlers (das neben dem Bild von Dortmunds Trainer Jürgen Klopp platziert wurde) an, die „von einer unbedeutenden griechischen Zeitung ohne nennenswerte Reputation veröffentlich wurde.  Aber hier in Deutschland als ernst zu nehmender Artikel die Runde machte“. Die Stimmung sei also nahezu unverändert. Was gut sei. Denn schließlich wird Josing in Griechenland als Deutscher bezeichnet – und umgekehrt in Deutschland als Grieche. „Wenn man es so sieht, habe ich zwei Zuhause. Das finde ich toll!“

„Das war wie eine kleine UNO-Vollversammlung“
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 20.11.2011 um 09:30 Uhr

Alex sagte schon im Vorfeld, dass es ein hoch interessantes Gespräch mit Robert werden würde. Robert Basic, gebürtiger Kroate, spricht schnell. „Und sagt dabei fast nur kluge Dinge“, meint Alex. Er hat recht. Im Interview in einem Restaurant an den Herrenhäuser Gärten in Hannover habe ich meine Mühe, seinen Ausführungen mit voller Konzentration zu folgen und mir dabei das Gesprochene als Notizen festzuhalten. Alle Punkte hier nieder zu schreiben, würde den Rahmen sprengen. Wir bemühen uns aber das Treffen mit ihm nahezu umfassend zu skizzieren.

„Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Fleiß – das sind drei Eigenschaften, von denen wir Kroaten uns eine Scheibe von den Deutschen abschneiden können“, sagt der 44-Jährige, der gebürtig aus Zagreb stammt. In den 70er Jahren sei sein Vater als Gastarbeiter mit offenen Armen bei uns in Deutschland aufgenommen worden. Der kleine „Robby“ und seine Mutter blieben Daheim im damaligen Jugoslawien. „Es lief so gut für meinen Vater, dass meine Mutter bald nachzog. Ich wurde derweil bei meiner Tante geparkt“, erklärt Robert und grinst ein wenig vor sich hin. „Das war eben damals so.“

Nachdem auch die Mutter einen Job gefunden hatte, „durfte ich, der kleine Robby, zusammen mit meinem Bruder dann nachziehen“. Er könne sich noch genau an die Wohngegend erinnern, wo er mit seiner Familie unterkam. Seine erste Station führte ihn nach Frankfurt, in die Bockenheimer Warte. „Es war alles sehr karg und grau“, sagt er. Kontakt zu Deutschen hatte Robert als Kind nur wenig. Damals in Frankfurt sei sein Leben geprägt von der multinationalen Vielfalt des Viertels gewesen. „Wir waren ein bunter Haufen. Viele Nationalitäten. Und wir haben uns gegenseitig unsere Sprachen beigebracht. Irgendwie war das wie eine kleine UNO-Vollversammlung – nur, dass wir halt Kinder waren und gespielt haben.“

Und das Leben war anders als in deutschen Familien. „Bis ich in die Schule gekommen bin, habe ich den Tag über alleine Zuhause oder in der Nachbarschaft verbracht. Meine Eltern waren ja beide arbeiten.“ Das besonders in den 70er Jahren noch vorherrschende traditionelle Bild einer deutschen Familie, bei der die Frau und Mutter sich um Haushalt und Kinder kümmerte, gab es bei den Basics nicht. „Das gemeinsame Familienleben fand dann abends nach der Arbeit statt“, sagt er. Seine Eltern haben sich mit der Arbeit ein schönes Haus in der Heimat leisten können. „Es ist so schön und so groß, ich nenne es immer das Papa-Mama-Hotel. Dafür haben meine Eltern wirklich hart gearbeitet und viel gespart.“

Ob er je mit der Integrationsfrage konfrontiert wurde, wollen wir wissen. „Nein, diese Frage stellte sich mir nie. Ich wurde auch nie bewusst  gefragt, ob ich ein Ausländer sei.“ Für Robert ist der Integrationsprozess eine Frage der Betrachtung von kulturellen Aspekten, was „schließlich auch zur Identitätsfindung führt“. Dabei legten sich insbesondere Menschen wie er selbst, die schon lange in Deutschland leben, die Argumente passend zurecht. Gibt es einen negativen Aspekt, der gegen die Deutschen spreche, dann behaupte er mit Stolz, er sei ja Kroate. Umgekehrt funktioniere das ebenso. „Alles was positiv ist, wird auf die entsprechende Seite gezogen“, sagt er. So stecke in einem automatisch von jeder Nationalität ein Stück Identität.

So oder so „ist die Sprache ein ganz großer Hebel für die Akzeptanz unserer Person in der Gesellschaft“, betont Robert. Beherrsche man nicht die Sprache der anderen, ist man automatisch nicht Standard, nicht Teil der Gruppe. Die Gefahr der Ausgrenzung steige. Zwangsläufig. „In dem Zusammenhang ist auch wichtig, dass man sich nicht nur auf diesen Punkt konzentriert.“ Und gegebenenfalls als Entschuldigung für eine nicht gelungene Integration nehme. Jeder müsse sich selbst mit einbringen. Vor allem das Elternhaus sei gefragt. Es sollte dem Nachwuchs entsprechende Unterstützung bieten und mit Disziplin an die notwendigen Eigenschaften – wie zum Beispiel das Erlernen der Sprache – heranführen.

Nicht zuletzt sollten Hinzugezogene sich nicht in den eigenen vier Wänden verstecken. Im Gegenteil. „Sie sollten auch den Deutschen ihre eigene Kultur nahe bringen. Wir Kroaten sind zum Beispiel sehr gastfreundlich.“ Davon könnten sich übrigens die Deutschen eine Scheibe abschneiden. „Bei uns Zuhause haben die Gäste immer, wirklich immer was zum Essen bekommen. Und wehe, wenn jemand nichts essen wollte. Der hätte meine Eltern beleidigt“, grinst Robert.

“Child of earth” langweilt sich in Israel
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 19.11.2011 um 09:49 Uhr

„Mir war in Israel ein bisschen langweilig“, antwortet Liron Tocker auf unsere Frage, warum sie nach Deutschland gekommen sei. Die 29-Jährige Designerin hat in Hamburg ein neues Zuhause gefunden. Dort lebt und arbeitet sie seit 2006.

An ihre Ankunft in Deutschland kann sie sich noch sehr gut erinnern. „Es war März und es lag überall Schnee. Ich habe zehn Jahre lang keinen Schnee gesehen und stand entsprechend fasziniert vor dem Flughafen“, sagt sie. Ihr damaliger Freund habe sich sehr gewundert, warum es eine „solche Besonderheit für mich war“.

Anfangs war das Leben hier in Deutschland schon eine Herausforderung für Liron. Die deutsche Sprache war oft ein Stolperstein für sie (heute spricht sie sehr gut Deutsch). Spürbar seien für sie auch die verschiedenen Mentalitäten gewesen. Nur eines von vielen Beispielen sei der Unterschied in Sachen „Offenheit“. Liron blickt an die Decke unseres Vans und erinnert sich:  „Grundsätzlich gehen die Menschen in Israel offener miteinander um. Man kommt sehr schnell auch als Fremder ins Gespräch. Im Bus. Beim Einkaufen. Beim Sport.“ Das sei in Deutschland leider eher selten der Fall.

Außerdem vermisse sie das gute Essen aus Israel. „Humus“, ruft sie, verdreht dabei die Augen und schleckt sich dabei mit der Zunge über die Lippen. „Und natürlich das gute Wetter! Für mich kann es gar nicht heiß genug sein.“ Einmal war sie schon so weit Hamburg den Rücken zu kehren, auch weil sie lange keinen Job finden konnte. Aber sie gab der Hansestadt dann doch noch eine Chance. Trotz der Bürokratie, die für Liron hierzulande „die Hölle ist“.

Heute fühlt sie sich wohl in Deutschland. Es gibt ja auch positive Dinge über unser System zu berichten. „In Israel kann man zum Beispiel die Rechnungen in der Gastronomie nicht getrennt bezahlen. Und die Öffentlichen Verkehrsmittel sind ein Traum hier. In Israel kommen die Busse meistens viel zu spät. Oft auch gar nicht“, sagt sie.

Die Zeit ist schon wieder weit vorangeschritten. Liron muss arbeiten und wir in Richtung Griechenland aufbrechen. Sie will uns noch etwas mit auf den Weg geben. „Ihr möchtet gerne wissen, ob in Deutschland etwas bei den Integrationsprozessen besser laufen könnte? Oh ja, das könnte es! Es wäre schön, wenn die Ausländerbehörde besser kommunizieren würde.“ In ihrem Fall habe sie wegen einer Aufenthaltsangelegenheit  Monate auf eine Entscheidung gewartet. Saß auf heißen Kohlen und wusste nicht einmal, ob ihr Antrag schon in Arbeit sei. „Das waren extrem lange Entscheidungswege. Ich war in einer fast hoffnungslosen Situation. Durfte nicht arbeiten. Und wusste lange nicht, ob ich überhaupt in Deutschland bleiben durfte.“

Sie wird deutlicher: „Es wäre schön, wenn das System ein bisschen „menschlicher“ wäre.“ Sie sei halt ein „Child of earth“. Der menschliche Faktor sei ihr extrem wichtig. Und außerdem finde sie den Begriff „Child of earth“ auch viel zu hippiemäßig. Das wollte sie zuletzt noch mit Nachdruck festhalten. Lehitraot, Liron. Du Global Citizen. ;-)

Zwei völlig verschiedene Kulturen
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 18.11.2011 um 09:40 Uhr

Schahin Partovi ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Der Perser mit Wurzeln im Iran spricht auch einwandfreies Deutsch. Und er hat in Deutschland BWL studiert. Wäre der 26-Jährige Hamburger nicht durch sein „ausländisches Erscheinungsbild“ einer anderen Nation zuzuordnen, man könnte meinen er sei ein „typischer“ Deutscher.

„Als Kind bin ich sehr oft im Iran gewesen“, sagt er. Sein letzter Besuch ist aber bereits vier Jahre her. Er habe schon allein wegen der „eher schwierigen politischen Situation“ auf eine Einreise verzichtet. Vor einigen Jahren war er geschäftlich im Heimatland seiner Eltern und Großeltern. „Ich bin dort erstmalig zum Teppiche kaufen hingeflogen und habe mich fast nur im familiären Umfeld bewegt und mich mit dem Geschäft beschäftigt. Vom Straßenleben selbst habe ich so gut wie nichts mitbekommen“, sagt er. Aber auch ohne frische Eindrücke aus dem Iran könne er sich glücklich schätzen in Deutschland zu leben. „Ich fühle mich überhaupt nicht eingeschränkt hier“, sagt Schahin. Im Gegenteil, es sei weit besser als im Iran, wo etwa  „fürs Händchenhalten in der Öffentlichkeit Peitschenhiebe verteilt werden“. Das sei eine „ganz andere Nummer“, betont der junge Teppichhändler.

Der Unterschied zwischen der deutschen und der iranischen Kultur sei nun mal besonders prägnant. „So gerne ich aber auch in Deutschland lebe und nach den hier gewohnten Regeln agiere, ganz auf unsere Traditionen verzichte ich nicht“, erzählt uns Schahin. Der junge Mann ist verlobt. Mit einer Iranerin. Er habe standesgemäß bei seinem zukünftigen Schwiegervater um die Hand der Tochter angehalten. „Wichtig ist auch, dass sich beide Familienteile miteinander verstehen. Wenn meine Eltern sich nicht mit den Eltern meiner Verlobten verstehen würden, wir hätten ein Problem.“ Aber wahrscheinlich hätte er sie trotzdem gebeten ihn zu heiraten. „Das ist halt Liebe“, sagt er und zwinkert selbstbewusst mit den Augen.

In Sachen Religion würde er sich eher als gemäßigt ansehen. Seine Mutter sei sehr gläubig, sein Vater glaube nicht an Gott. Wenn es ums Thema Traditionen geht, fällt Schahin auch adhoc das iranische Neujahrsfest ein. Dann werde 13 Tage lang gefeiert. Der krönende Abschluss sei ein gemeinschaftliches Grillfest im Hamburger Stadtpark mit mehreren tausend Teilnehmern. Dann verbringe er ausschließlich die Zeit mit seinen iranischen Bekannten und Freunden. Ansonsten genieße er das „Privileg“ einen multikulturellen Freundeskreis zu haben. Und nicht nur in diesem Kreis habe er sich immer wohl gefühlt. „Um das Thema Integration musste ich mir nie Gedanken machen. Ich bin ein voll integriertes Mitglied unserer Gesellschaft. Solange ich denken kann.“

In Deutschland über den Tisch gezogen
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 17.11.2011 um 09:30 Uhr

Die erste Erinnerung von Jamie Foust an ihre Ankunft in Deutschland ist leider keine schöne: „Für ein paar hundert Meter vom Hamburger Flughafen zum Hotel knüpfte mir der Taxifahrer ganze 20 Euro ab. Heute weiß ich, dass er mich übers Ohr gehauen hat“, sagt die 26-jährige US-Amerikanerin.

Vor erst knapp zwei Monaten kam sie zu uns ins Land und wird zwei Jahre bleiben. Ihr Arbeitgeber Shell ermöglicht ihr den Erfahrungsaustausch mit den deutschen Kollegen in der hanseatischen Firmenzentrale. Hätte sie weniger Gepäck gehabt – „Klar, als Frau reist man mit vielen Koffern an“ – dann wäre sie die paar Meter zum Hotel auch zu Fuß gegangen. Aber das ist Geschichte.

Sie freut sich trotzdem auf die Zukunft bei uns. Als sie im Februar vom Geschäftsführer das Angebot bekommen hat nach Deutschland zu gehen, habe sie nicht lange gezögert und zugesagt. „Ich hatte immer Gutes von Deutschland gehört. Außerdem war ich noch nie hier. Da fiel die Entscheidung leicht“, sagt sie. Immerhin sei es auch das Land ihrer Vorfahren. Ihr Nachname Foust sei eine Abwandlung des deutschen Namens Faust.

Der bösen Überraschung in der Kanzel des Taxis folgten viele positive Momente. Ihre neuen Kollegen stünden ihr stets mit Rat und Tat zur Seite. „Sie sorgen auch dafür, dass ich einen vernünftigen Deutschkurs besuchen kann und auch die Zeit dafür habe“, sagt Jamie, die sich im Gespräch mit uns noch ihrer Heimatsprache behelfen muss. Sie hofft, dass sie schon bald fleißig mitdiskutieren kann, wenn die deutschen Kollegen und Freunde miteinander reden.

Überhaupt sei ihr Start in Deutschland vom großen Engagement ihres Umfelds geprägt. Bei einem Mitarbeiter-Event fand sie schnell Anschluss an andere junge Kollegen, die sie bereits an die schönsten Ecken der Hansestadt entführten. „Besonders gut hat mir der Ausflug an den Elbstrand mit einer Fährfahrt in den Sonnenuntergang gefallen.“ Außerdem habe sie – wie es sich für einen waschechten Hamburger gehört – in einem typischen Fischrestaurant gespeist. „Da lag plötzlich eine gigantische Fischplatte vor uns. Das war schon beeindruckend und geschmeckt hat es auch.“

Etwas überrascht ist sie, weil der multinationale Mix in Deutschland „längst nicht so ausgeprägt ist wie bei uns“. Vielleicht liege das aber auch an Hamburg, mutmaßt sie. Denn in Frankfurt habe sie sehr viel deutlicher „die internationale Vielfalt unter den Menschen bemerkt“. Auch in München. „Allerdings war da auch gerade das Oktoberfest. Das wundert nicht, dass da mehr Touristen in der Stadt waren“, sagt die junge Marketing-Expertin.

Ob sie denn schon Sehnsucht nach ihrer Heimat empfinde, wollen wir wissen. „Mir fehlen schon die Leute Zuhause. Besonders aber auch Dinge wie die Cola Light (Diet Coke), die hier in Deutschland ganz anders schmeckt.“ Zudem fehle ihr, dass sie hier in Deutschland nicht wirklich nach einem Gefallen gefragt wird. „Zuhause wird man öfters gefragt, ob man jemanden mal zum Bahnhof bringen oder zum Beispiel beim Renovieren helfen kann. Das ist wohl ein deutliches Zeichen dafür, dass ich die Menschen hier noch nicht so gut kenne und umgekehrt.“

Begeistert zeigt sich Jamie zudem über die Sprachkenntnisse der Deutschen. „Hier sprechen die meisten Menschen zwei, drei oder mehr Sprachen. Das ist der absolute Wahnsinn. Ich komme mir irgendwie unhöflich vor, wenn ich nicht einmal Deutsch kann“, betont sie. Deswegen will Jamie auch so schnell wie möglich unsere Sprache lernen. Was sie aber nicht verstehe ist, dass es möglich ist, dass Service-Mitarbeiter der Deutschen Bahn  „nicht in der Lage waren, mir telefonisch zu helfen. Die konnten einfach kein Englisch sprechen“. Beim Eröffnen eines Bankkontos bei einer Commerzbank-Filiale habe sie massive Schwierigkeiten gehabt. Keiner habe ihr das Onlinebanking-Verfahren erklären können. Dafür reichten die Sprachkenntnisse auf beiden Seiten nicht aus.

Trotzdem habe Deutschland und seine Bewohner insgesamt einen sehr guten ersten  Eindruck bei ihr hinterlassen. Ein Eindruck, der sich weiter bestätigen wird, ist Jamie überzeugt.

An dieser Stelle sei ihr noch einmal von uns für die großzügige Unterstützung gedankt. Sie überreichte uns bei unserem heutigen Besuch Tankgutscheine für V-Power Diesel, die unsere kleine Weltreise in Sachen Spritkosten abdecken und maßgeblich zu einem etwaigen Gelingen unseres Vorhabens beitragen wird.

Madagaskar – Die Musik. Die Wärme. Die Spontaneität.
Veröffentlicht in Allgemein,Lifestyle & Reise von Daniel Hopkins am 16.11.2011 um 18:30 Uhr

Auf den Sofa dieser Welt habe ich ja bereits gesessen, geschlafen, Diskussionen geführt. Im Zuge unserer Projektreise “In 80 Stunden um die Welt” haben wir einige Interviews (u.a. auch auf den Couchen der Befragten) geführt. In den kommenden Tagen werde ich auch an dieser Stelle unsere Eindrücke posten. Ein Teil der Interviews ist bereits an anderer Stelle erschienen – ich möchte sie Euch hier aber auch zugänglich machen. In ein paar Tagen werden dann die neuen Beiträge auch zeitgleich hier im stern.de Blog und auf der Projekthomepage erscheinen. Ich hoffe, Ihr habt viel Spaß bei dieser Serie (danach führe ich dann meine “normalen” Couchgespräche weiter).

Und los geht’s:

„Wie ich heiße und woher ich komme, sind die ersten Dinge, die ich auf Deutsch beantworten konnte“, sagt die junge Frau aus Madagaskar. Wir sitzen bei Nomenisoa Razananivo in der Küche. Es ist 6.30 Uhr in der Früh. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee steigt uns in die Nase. Wir haben Brötchen mitgebracht. Die mag Nomeni besonders gerne. „Brot mag ich nicht“, sagt sie.

Die 26-jährige Madargassin (wir hoffen, dass das so richtig geschrieben wurde) ist unsere erste Interviewpartnerin auf unserer außergewöhnlichen Reise um die Welt in Deutschland. Die Nacht war kurz. Vieles musste noch auf den letzten Drücker von uns erledigt und getan werden. Vieles blieb noch ungeplant und unerledigt. Es wird ein sehr stressiger Trip. Dessen sind wir uns jetzt schon bewusst. Ausgeschlafener als wir wirkt Nomeni. Nachdem wir unsere Technik in Position gebracht haben, starten wir direkt ins Gespräch. Woher sie genau stamme und wie sie nach Deutschland gekommen sei, wollen wir wissen.

„Ich komme aus Tulear, das liegt im Südwesten von Madagaskar.“ Ihr Deutsch klingt relativ sicher, trotz des offensichtlichen starken Akzents. Was nicht weiter wundert, bedenkt man, dass Nomeni schon zu Schulzeiten auf der südlichen Halbkugel unsere Sprache gelernt hat. „Ich hatte einen Deutschkurs bei einer Professorin“ erinnert sie sich. Dennoch, als sie 2003 nach ihrem Abitur in Madagaskar das erste Mal zu uns nach Deutschland kam, reichten die Deutschkenntnisse nicht aus, um „barrierefrei“ mit den Deutschen ins Gespräch zu kommen. Der Liebe tat es keinen Abbruch. Sie lernte trotz Sprachprobleme ihren heutigen Mann Jürgen kennen – die beiden kommunizierten auf Französisch, der zweiten Amtssprache auf Madagaskar.

Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt zwecks Intensiv-Sprachkurses kehrt die hübsche Madargassin wieder heim. „Doch irgendwie kam ich mir damals im eigenen Land schon fremd vor. Ich war lange weg und meine Freunde haben sich in andere Richtungen weiterentwickelt als ich.“  Sie fuhr zurück nach Deutschland. Hierzulande ist ihr Abitur nichts wert, zumindest ist die Anerkennung nicht vergleichbar mit einem deutschen Abitur. Die immer noch vorhandenen Sprachprobleme kamen noch hinzu. Nomeni entscheidet sich dafür ihre (deutsche) Fachhochschulreife auf der Abendschule nachzuholen. „Nur Deutschkurs wäre mir zu langweilig gewesen. Ich wollte gerne mehr Fächer haben.“ Tatsächlich habe sie auch anfangs richtig gute Noten gehabt. Schließlich habe sie den Lernstoff bereits in Madagaskar serviert bekommen. Aber das habe ihr nichts ausgemacht. Sie ging sogar sehr gerne zur Schule. „Das ist eine tolle Atmosphäre dort. Ich habe viele interessante Menschen kennengelernt und die Lehrer haben uns auch sehr gut geholfen.“

Aber es hat auch Hürden bei ihrem Integrationsprozess gegeben. Zum Beispiel, wenn sich einige andere Erwachsene in der Abendschule über sie und Mitschüler mit ähnlich schwachen deutschen Sprachkenntnissen lustig gemacht haben. Oder, wenn die Lehrer mit Ungeduld auf die abgehakte Lesetechnik der Abendschüler reagierten und abrupt und genervt einen anderen Schüler zum Vorlesen aufforderten. „Das könnte wirklich manchmal besser laufen“, sagt Nomeni.

Und was vermisst Nomeni – zehn Flugstunden von der Heimat entfernt – am meisten? „Meine Familie fehlt mir sehr. Vor kurzem bin ich noch dort gewesen und die Sehnsucht ist nun noch größer als zuvor. Auch, wenn es mir sehr gut hier gefällt.“ Außerdem vermisse sie die „Atmosphäre von Madagaskar“. Die Musik. Die Wärme. Die Spontaneität. „Bei uns Zuhause gehst du auf die Straße und fängst manchmal spontan an zu feiern“, sagt sie. Wir Madargassen haben schon ein besonderes Temperament. Ein Temperament, das sich auch schon bei ihrer sechsjährigen Tochter bemerkbar macht, wie sie sagt. „Ja, da sind unsere afrikanischen Wurzeln schon zu merken.“

Doch ganz zurück nach Madagaskar, das möchte keiner von beiden. „Deutschland ist unsere Heimat“, sagt Nomeni, die in Kürze zu einem Bewerbungsgespräch für die Ausbildung zur Krankenschwester eingeladen ist. In Madagaskar wollte sie gerne Kindergärtnerin werden. Ein Wunsch, der sich in Deutschland geändert hat. Das sei das Schöne an unserem Land. „Hier kann man alles lernen, was man möchte, wenn man sich auch wirklich bemüht. In meinem Heimatland geht das oft nur, wenn man Beziehungen hat“, betont sie.

Wir drücken ihr für das anstehende Gespräch auf jeden Fall kräftig die Daumen. „Veloma“, heißt es schließlich für uns nach knapp einer Stunde mit Nomeni. „Veloma“ ist das madargassische Wort für „Auf Wiedersehen“. Ja, wir freuen uns darauf!