„It‘s easy when you‘re big in Japan“. Als die Münsteraner Band Alphaville dieses Statement in ihrem Mega-Hit „Big in Japan“ verewigte, ahnte wohl niemand, dass sich sie die Zeile mal wunderbar für den Einstieg in eine Fußball-Kolumne eignen würde. Denn wer als Profikicker „big in Japan“ ist, ist auch „big in Mode“ – zumindest in der Bundesliga.
Seit Shinji Kagawa maßgeblichen Anteil am Höhenflug der Dortmunder Bourssia hat und dabei angesichts der für ihn kolportierten Ablösesumme von 350.000 Euro ganz nebenbei den Begriff Schnäppchen im deutschen Fußball neu definiert hat, sind japanische Kicker für deutsche Bundesligisten so begehrt wie die Sojasoße im Sushi-Restaurant.
Schalke 04 hat sich bereits zu Beginn der Saison mit Atsuto Uchida verstärkt und mittlerweile sind auch der 1.FC Köln mit Tomoaki Makino und Bayer Leverkusen mit Hajime Hosogai in Fernost fündig geworden. Darüber hinaus darf wohl das Interesse des VfB Stuttgart an dem Japaner Shinji Okazaki immer noch als „heiß“ bezeichnet werden. Damit wäre dann fast ein Drittel der Liga mit einem japanischen Fußballer ausgestattet. Außer dem „unerschöpflichen Reservoir“ Brasilien weiß ich gar nicht, ob dann noch andere Nationen besser in der Bundesliga vertreten sind.
Ohne die Qualität der einzelnen asiatischen Profis jetzt schon abschließend beurteilen zu können, zeigt dieser Trend vor allem eins: Wie irrational die ach so professionelle Bundesliga tickt. Denn trotz immer mehr Wissenschaftlichkeit in den Trainingsmethoden, trotz unzähligen, auswertbaren Daten und Statistiken – man muss nicht mal ein Hobby-Psychologe sein, um zu erahnen, wie der Prozess der Entscheidungsfindung bei diesen Neuverpflichtungen in den Köpfen von erfahrenen Managern und Trainern im Hinterkopf abgelaufen ist: „Wo haben die Dortmunder nur den Kagawa her? Diese Japaner scheinen ja echt günstig und gut zu sein. Wäre doch gelacht, wenn das bei uns nicht auch funktioniert.“ Fußball bleibt eben auch in Sachen Transferpolitik ein einfaches Spiel.
Den japanischen Fußballern sei dieser aktuelle Trend natürlich von Herzen gegönnt. Vielleicht lernen sie ja in Deutschland dann auch den alten Alphaville-Hit kennen und singen leise mit: „It‘s easy when you‘re big in Japan.“
Es ist zu vermuten, dass die Kerzen vor dem Kölner Geißbockheim ganz rot gewesen sind. So wie man es aus dem Fernsehen kennt. Vor ein paar Wochen als dort eine Mahnwache abgehalten wurde. Eine Mahnwache. Weil ein Fußballverein nicht erfolgreich ist.
Natürlich es hat schon auch an anderen Orten Sitzblockaden oder sonstige Protestaktionen gegeben, nur weil Fußball-Mannschaften irgendwelchen Ansprüchen nicht genügen. Von einer Mahnwache hatte ich allerdings noch nichts gehört. So etwas hatte ich bisher immer mit wirklich schlimmen Ereignissen verknüpft.
Dass die schlechte Presse (insbesondere in Köln) aus jedem Fußballspiel und der kleinsten Belanglosigkeit drum herum ein großes Theater macht, ist nicht neu. Dass aber anscheinend immer mehr Fans das richtige Maß aus den Augen verlieren schon.
Ja, ich habe auch mindestens zwei Stunden schlechte Laune, wenn mein FC schon wieder verloren hat. Ja ich finde den Spruch, dass Fußball nicht das Wichtigste sondern das Einzige ist, auch gut. Und dass man nicht kommen kann, wenn einer am Spieltag beerdigt wird, klingt auch in meinen Ohren ziemlich cool.
Aber neben dem ganzen Pathos kann man doch nicht vergessen, wie viel Komödie in dem vermeintlichen Drama steckt. Und wie viel absurdes Theater. 50.000 Menschen, die einen Verein lieben, feuern 11 Menschen an, die diesen Verein nur in den seltensten Fällen lieben. Dumm gelaufen, leider wahr, aber auch lustig. Zumindest wenn man sich selber und das Ganze nicht so ernst nimmt.
Und allen FC-Anhängern sei eines gesagt. Den absoluten Tiefpunkt erlebte der Club nicht kürzlich mit der Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach. Sondern in der Saison 98/99. Mit Bernd Schuster als Trainer verlor man damals 1:6 gegen Hannover und danach 1:4 gegen St. Pauli, So rutschte man auf den 17. Tabellenplatz – in der zweiten Liga. Damals hätte vielleicht auch ich eine Kerze für meinen Lieblingsverein aufgestellt. Natürlich eine rote, so wie man es aus dem Fernsehen kennt.
Jeder Bundesligaverein strebt nach Einzigartigkeit und möchte etwas ganz Besonderes darstellen. Schließlich sind Vereine heutzutage Marken und da muss man eben unterscheidbar sein. Das ist nicht immer einfach, der VfL Wolfsburg ist zum Beispiel für mich das Gleiche wie Bayer Leverkusen – nur eben in grün und geographisch anders verortet.
Dass es auch im wahrsten Sinne des Wortes anders geht, beweist ein guter, alter Bekannter, der nun wieder in der Bundesliga spielt. Dieser Club ist sozusagen noch anderer als jeder andere Bundesligaverein, vielleicht ist es sogar der anderste Verein der Welt. Natürlich, der FC St. Pauli ist gemeint.
Der Kultclub vom Kiez hat seine Andersartigkeit mit vielen unterhaltsamen und lobenswerten Aktionen unter Beweis gestellt – sie aber auch immer wieder mit einer erstaunlichen Ausdauer betont und propagiert. Heute weiß jeder, dass nur die Kiezkicker den Mut haben, sich in den einzigartigen Farben Braun oder Gold zu präsentieren. Nur im Stadion am Millerntor werden Songs von Rockbands wie AC/DC oder Blur zur Stimmungsmache eingesetzt. Und nur zu diesem Verein passt ein ganz besonderes Symbol, das Wahrzeichen des FC St. Pauli es muss einfach ein Totenkopf sein. Denn die “Paulianer” sind die letzten verbliebenen Piraten in der durch und durch kommerzialisierten Bundesligawelt. Als mutige Freibeuter kämpfen sie für das Gute, während der Rest der Vereine dem ungerechten König Fussball oder Kaiser Franz oder wem auch immer dient.
Dabei ist der FC St. Pauli immer wieder für Überraschungen gut und man fragt sich, mit welchen Aktionen der Club in Zukunft seine Andersartigkeit unter Beweis stellen wird. Muss der Ball im Stadion am Millerntor nicht längst eckig statt rund sein? Muss der Platz dort wirklich aus Rasen und kann er nicht aus Asche sein? Und müssen die Linien auf dieser Asche dann nicht schwarz statt weiß sein? Und wie lange wird es wohl noch bedauern, bis die Spieler des Vereins gar keine Trikots mehr tragen sondern sich Rückennummer und Vereinsfarben aufmalen oder gar eintätowieren lassen?
Nicht mehr lange, würde ich normalerweise sagen, doch in den letzten Jahren bekommt auch der FC St.Pauli immer öfter mal einen Gegenwind zu spüren. Denn um solche Abenteuer wie die Bundesliga zu finanzieren, braucht auch der Kiezclub vor allem eines – nämlich Geld. Selbst der findigen Marketingabteilung des Vereins ist noch kein anderes Zahlungsmittel eingefallen, mit dem man sich eine wettbewerbsfähige Mannschaft und ein zeitgemäßes Stadion zusammen stellen kann. Also werden im Stadion am Milerntor mittlerweile Logen an solvente Kunden vermietet, aber natürlich hat man diese Logen – wieder einmal anders als alle anderen – Separées genannt. Doch das Schlimmste für den Kiezclub ist, dass er für solche und viele andere Aktionen nicht mehr nur gelobt wird sondern auch Kritik zu spüren bekommt. Der Club sei so etwas wie ein Mode-Label, eine Merchandising-Fabrik und für viele vielleicht nur ein Trend, um beim Fußball auch als Fan anders als die Anderen zu sein. So etwas hört man in St. Pauli nicht gern und man nimmt es auch nicht mit einer gewissen Gelassenheit hin – dazu ist der Wunsch nach Anerkennung für die eigene Andersartigkeit zu groß, dafür hat man sich die ganze Mühe nicht gemacht. Also wirkt man bei kritischen Worten oft ein wenig beleidigt. So wie ein kleiner Junge im Piratenkostüm, dem seine Mutter gerade erklärt, dass er in der Wirklichkeit weder feindliche Schiffe erobern noch versunkene Schätze entdecken kann. Manchmal hat man es im Leben eben nicht leicht. Auch nicht als anderster Verein der Welt.
Es hat nicht gut angefangen mit dem 1. FC Kaiserslautern und mir. Denn als Kind haderte ich mit dem Namen des Vereins, weil ich ihn nicht abkürzen konnte, ohne in einen Konflikt mit meinem heiß geliebten 1. FC Köln zu geraten. Was sollte ich machen, wenn ich die fiktiven Paarungen meiner Fantasie-Meisterschaften in DIN A 4 Hefte schrieb? FCK-FCK notieren? Die Namen ausschreiben? Da hätte ich bei der Länge von Kai-sers-lau-tern viel zu viel Zeit für die Niederschrift einer kompletten Saison gebraucht. Ich fand schließlich eine diplomatische und großzügige Lösung, „Köln“ schrieb ich aus und der 1. FC Kaiserslautern bekam von mir gnädig das Kürzel „FCK“ verliehen. Und heute? Heute bin ich stolz wie Bolle, denn wir FC-Fans haben dieses alte Problem mittlerweile elegant gelöst. Wir haben uns ganz auf die zwei wichtigsten Buchstaben in unserem Namen konzentriert. Wir sind der FC – wer braucht da schon ein K?
Mit dem 1. FC Kaiserslautern bekam ich indes auch in meiner Jugend Probleme. Diesmal nicht wegen des Namens sondern wegen der Atmosphäre auf dem Betzenberg, die gelinde gesagt manchmal ziemlich geladen war. Da konnte man schon mal Angst bekommen und das tat dann der eine oder andere Schiedsrichter auch. In den 80er Jahren war ich nicht der einzige Fan, der das Gefühl hatte, dass für zwei Bundesliga-Mannschaften ganz besonders oft ein unberechtigter Elfmeter gepfiffen wird, gerne auch in der Nachspielzeit. Für den FC Bayern immer und für den 1. FC Kaiserlautern zuhause auf dem Betzenberg. Ehrlicherweise muss man aber zugeben, dass nicht nur das Pfälzer Publikum, sondern auch die Kampf- und Heimstärke des FCK ziemlich Furcht einflößend war. Nach einem Auswärtsspiel in Kaiserslautern hatte man jedenfalls meistens einen ziemlichen Hals – und 0 Punkte auf dem Konto.
Doch die Zeiten änderten sich. Nach der Sensationsmeisterschaft als Aufsteiger mit Otto Rehhagel begann der langsame Abstieg der roten Teufel. Man bewegte sich zielsicher auf die zweite Liga zu und verfiel mit schöner Regelmäßigkeit in ein großes Jammern, in der immer von der Bedeutung des Vereins für die ganze Region die Rede war. Das nervte genauso wie die ewigen Wortspiele, die sich rund um die roten Teufel rankten. Unermüdlich war auf den Tribünen des Betzenbergs der Teufel los und gefühlte 10000mal steckte dieser Teufel auch im Detail, wenn es auf dem Spielfeld für die Lauterer mal nicht so lief.
Die Wortspiele gibt es auch heute noch, aber immerhin ist eine gute Portion Zuversicht in die Pfalz zurückgekehrt. Der 1. FC Kaiserslautern spielt wieder in der Bundesliga, und – man mag es kaum glauben – ich freue mich auf ihn. Weil viele Erinnerungen wach werden, und weil Erinnerungen schon viel wert sind, wenn man sechs Spiele pro Saison gegen Kunstprodukte wie Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim bestreiten muss. Der 1. FC Kaiserslautern ist eben immerhin ein echter Verein, in dem noch richtig viel Geschichte steckt. Mit Fans auf den Rängen, die ihre Karten wahrscheinlich sauer verdient und nicht von ihrem Abteilungsleiter zum Geburtstag geschenkt bekommen haben. Ja, die Zeiten ändern sich und wie drückte es ein Freund von mir neulich so treffend aus: „Wenn ich in die Hölle kommen sollte, dann kann der Chef da von mir aus ruhig ein roter Teufel sein.“
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Große Ereignisse bleiben auch nach dieser WM in Erinnerung. Die grandiosen Spektakel der deutschen Nationalmannschaft. Das fast perfekte Spiel der Spanier und ihr unglaublich geduldig erspielter Triumph. Im Schatten dieser Giganten gibt es aber auch andere Momente, die man nicht vergessen kann.
Am Samstag, den 12. Juni betritt Diego Armando Maradona die Bühne. Mit seinen Argentiniern besiegt er Nigeria 1:0, aber das Ergebnis ist Nebensache. Maradona zeigt mit großer Gestik seine Freude, seinen Ärger, er tätschelt und knutscht seine Spieler, so als ab ob jeder von ihnen und nicht nur Sergio Aguero ein Schwiegersohn von ihm wären. Nur wenn das Spiel zwischendurch vor sich hin plätschert, betrachtet Maradona das Spielfeld wie ein Bademeister sein Schwimmbad – ein wenig gelangweilt, doch sicher, dass er alles unter Kontrolle hat. In den ersten Spielen hat Maradonas Argentinien alles unter Kontrolle, aber das ändert sich. Maradona ist trotzdem eine der herausragenden Persönlichkeiten dieser Weltmeisterschaft. Man muss ihn nicht mögen, aber in seinem grau melierten Bart und in seiner Michelin-Männchen Figur steckt viel Geschichte und noch mehr Charisma. Maradona ist ein krasser, irgendwie immer noch kranker Typ – aber ein Typ ist schon viel wert in einer Fußballwelt, in der die Fans im Stadion manchmal wie perfekt verkleidete FIFA-Hostessen aussehen. Nur – als Typ ist man nicht unbedingt ein guter Trainer. Maradona ist genau genommen gar keiner, er glaubt immer noch, dass Spiele durch einen genialen Spieler gewonnen werden können. So wie Argentinien 1986 eine ganze WM dank ihm gewann. 2010 hat Maradona Messi, aber Messi allein hat keine Chance gegen ein großartiges deutsches Team.
Drei Tage nach dem man zum ersten Mal Maradona begegnet ist, fällt bereits das schönste Tor dieser WM. Unnachahmlich wie der brasilianische Außenverteidiger Maicon gegen die Nordkoreaner den Ball fast von der Torauslinie, mit voller Absicht ins Tor schnibbelt. Danach fallen noch einige spektakuläre Weitschusstore, bei denen man aber nie genau weiß ob tatsächlich der Spieler oder nicht doch der WM-Ball Jabulani für die Flugbahn verantwortlich ist. Die wenigen spektakulären Treffer stellen dem Turnier natürlich kein gutes Zeugnis aus. Trotzdem – nach viel Angsthasen-Taktik in der Vorrunde bekommt man bei dieser Weltmeisterschaft besseren Fußball als vor vier Jahren in Deutschland zu sehen.
So auch beim Gruppenspiel Kamerun gegen Dänemark in Pretoria. Ein Duell, über das am nächsten Tag fast nur unter ferner liefen berichtet wird. Dabei spielen insbesondere die Löwen aus Kamerun großartig. In der Schlussphase jagt eine Chance die nächste. Kamerun ist aggressiv, trickreich, leidenschaftlich und überraschend – aber eben auch verhaftet in alter afrikanischer Fußball-Naivität. Vorne nutzt man seine Chancen nicht, hinten wehrt man sich zu wenig.
Für die Dänen kommt es dagegen zum Gruppen-Endspiel gegen Japan und auch dort sind sie wieder an einem ganz speziellen WM-Moment beteiligt. Doch wieder nur als Statist und Zuschauer. Denn der Japaner Keisuke Honda zeigt in diesem Spiel kurz vor Schluss den schönsten Trick dieser WM, als er sich den Ball mitten im Strafraum und in Bedrängnis irgendwie hinten rum links vorlegt um ihn dann perfekt zum Mitspieler zu passen. Japan steht im Achtelfinale und Honda auf der Einkaufsliste der ganz großen Clubs.
Großes Kino also schon in der Vorrunde, aber große Drama kommt erst noch. Es ist Achtelfinale, es ist der 2. Juli, Ghana spielt gegen Uruguay. Ghana die letzte afrikanische Hoffnung bei der ersten Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent. Das Spiel wogt hin und her, es werden Fehler gemacht, „hüben wie drüben“ hätte Heribert Fassbender gesagt. Aber es ist kein schlechtes Spiel wie uns Steffen Simon und Günter Netzer weismachen wollen. Insbesondere die Black Stars zeigen in der Verlängerung einen ungezügelten Offensivdrang, wie ihn wohl kaum eine andere Mannschaft zugelassen hätte. Ghana möchte kein Elfmeterschießen, wohl weil sie wissen, dass sie es verlieren würden. Sie bekommen noch eine Chance in der 120. Minute, doch der Kopfball wird auf der Linie von Luis Suarez abgewehrt – mit den Händen, Elfmeter. Suarez ist kein besonders fairer Spieler, doch es gibt schlimmere Kaliber, Mark van Bommel oder Nigel de Jong lassen im WM-Finale schön grüßen, aber das Handspiel von Suarez hätte wohl jeder Spieler gemacht. Es gibt also Elfemeter und Asamoah Gyan legt sich den Ball zurecht. Afrika drückt ihm die Daumen, und alle Fußball-Fans, die ein Herz haben, auch. Doch der Stürmer-Star, der immer eine ganz merkwürdige Mischung aus Lächeln und Leiden zur Schau trägt, verschießt. Dass er im anschließenden Elfmeterschießen sicher verwandelt, macht das Ganze nur noch eine Spur tragischer. Hätte er nicht den zweiten gegen den ersten Schuss tauschen können? Am Ende weint Asamoah Gyan, als gäbe es kein Morgen mehr. Gibt es aber und es gibt die Erinnerung an diesen gigantischen Moment, der sich stolz einreiht neben der deutschen Mannschaft und den Spaniern, dem Weltmeister.
Wenn man der neuen Kampagne von ARD und ZDF Glauben schenken darf, dann sorge ich dafür, dass ganz Deutschland die WM-Spiele live und unverschlüsselt sehen kann. Weil ich Gebühren zahle. Leider ist es mir und mit meinen Gebühren aber noch nicht gelungen, für eine gelungene WM-Berichterstattung der beiden öffentlich-rechtlichen Sender zu sorgen.
Immerhin gibt es im Ersten Mehmet Scholl. Einen Experten, der treffend beobachtet und mich mit interessanten Erkenntnissen versorgen kann. Jürgen Klopp kann das auch, aber der steht bei RTL vor dem Mikrofon. Dort hat man bei den Live-Spielen immer den Eindruck, die Reporter der Spiele würden lieber ein Formel 1-Rennen als Fußball sehen. So hanebüchen sind die Kommentare zu dem, was auf dem Rasen geschieht.
Währenddessen schickt die ARD Steffen Simon ins Rennen, der bei seinen Analysen oft die Stimme hebt aber inhaltlich meistens trotzdem daneben liegt. Schade nur, dass er nie den Mut hat, sich zu korrigieren. Diese Fähigkeit besitzt Tom Bartels, der sich aber offensichtlich als menschlicher Vuvuzela-Filter versteht. Deswegen redet er ohne Punkt und Komma, damit sich nur ja kein störendes Nebengeräusch zwischen seine Worte schleicht.
Später erscheinen bei der ARD immer Delling und Netzer und schon nach wenigen Sekunden wartet man darauf, dass im Bildschirm endlich das Datum der Wiederholung eingeblendet wird, die man gerade zu sehen kriegt. Aber immerhin bemühen sich die beiden ARD-Haudegen, lustig zu sein.
Im ZDF-Studio steht uns abends Oliver Kahn gegenüber. Er hat mit Humor nichts am Hut, aber Katrin Müller-Hohenstein stellt ihm trotzdem ewig gut gelaunt ihre Fragen. Kahn reagiert auf jede Frage mit einer gewissen Zurückhaltung, fast vorsichtig, so wie eine müde Raubkatze, die sich nicht in eine Falle locken lassen will. Nach einer kurzen Pause macht er dann in seiner Antwort deutlich, was jetzt ganz wichtig ist und was die Mannschaft jetzt braucht. Ihn zum Beispiel, aber das denkt Kahn nur, das sagt er natürlich nicht. Seine Ausführungen untermalt er immer mit weit ausholenden Bewegungen seines linken Arms – hier setzt „der Titan“ offensichtlich das Grundlagenwissen eines Rhetorik-Seminars ein. Immerhin – je länger Kahn redet, desto eher friert auch mal das Dauerlächeln von Frau Müller-Hohenstein ein. Die ZDF-Frau wirkt dann fast nachdenklich. Vielleicht überlegt sie, wie hoch die GEZ-Gebühr sein müsste, damit man nicht nur live und unverschlüsselt von einer WM berichten kann.
Die Welt zu Gast in Südafrika, aber die Südafrikaner sind nicht das einzige Land, das Gäste hat. Wir Deutschen haben auch Besuch – die WM hat sich in unseren Fernsehern breit gemacht. Deswegen fühlen wir uns auch so gestört von dem Lärm, der da von Johannesburg bis Kapstadt durch unsere Flatscreens in unsere Wohnzimmer, Kneipen und Fan-Meilen dringt. Der Vuvuzela-Terror ist das, dagegen ist Al-Qaida ein harmloser Taubenzüchterverein.
Trotz aller Euphorie über die Leistung unserer Jungs – wir sind beleidigt. Wenn die Nationalmannschaft jetzt auch noch verlieren würde, würde die WM gar keinen Spaß mehr machen. Es ist ein bisschen so wie manchmal im Urlaub. Irgendein Holländer oder Engländer nimmt uns am Pool die Liege weg, obwohl wir sie deutlich mit einem Handtuch in aller Herrgottsfrühe markiert, reserviert und in Besitz genommen haben. Es ist ein bisschen so, als würde der spanische Wirt in unserem Lieblings-Restaurant an unserem Lieblings-Urlaubsort komische Tapas und nicht mehr Schnitzel mit Pommes oder Bratwurst mit Sauerkraut servieren.
Andere Länder, unsere Sitten – bitte schön. Die Koalition wird sich also einmal friedlich zusammensetzen, um der Bundeswehr eine neue sinnvolle Aufgabe geben und sie nach Südafrika zu einer Vuvuzela-Enteignungsaktion schicken. Und Mickie Krause und Jürgen Drews fliegen wir gleich mit in Kapstadt ein. Die sorgen dann mit ihren tollen Melodien für die richtige Stimmung im Stadion. Erst danach lassen wir die südafrikanische WM auch wieder gern in unsere Fernseher rein.
Als ich klein war, hagelte es im Fußball nicht nur Tore sondern auch Spitznamen. Franz Beckenbauer war „der Kaiser“, Gerd Müller „der Bomber“, Berti Vogts „der Terrier“, Sepp Maier die „Katze von Anzing“ und ein Mann namens Schwarzenbeck hieß “Katsche” und nicht Georg, wie es seine Mutter geplant hatte. (weiterlesen …)
Wenn eine Bundesliga-Saison zu Ende geht, heißt es immer auch Abschied nehmen. Von Hoffnungen sowieso. Von Spielern, die ihre Karriere beenden, auch. Aber mein schwerster Abschied gilt diesmal einer Seite, einer Zahl.
Als kleiner Junge wollte ich immer mit den Großen Fußball spielen.
Angst kannte ich nicht, denn es gab nichts Schöneres, als einen drei
bis fünf Jahre älteren Gegner zu tunneln oder mit einer kleinen
Körpertäuschung aussteigen zu lassen. (weiterlesen …)




