„Ein gutes Ende – Wege zu einem würdevollen Sterben” titelt der Spiegel mit seiner heutigen Ausgabe – und fragt im Anreißer gleich wenig einfühlsam zum „Wie“ des Sterbens: „Qualvoll im Krankenhaus? Dement im Heim?” Da hat man doch gleich Lust, weiterzulesen. ” Wer zum Teufel kann das wollen: Siechtum, Blut spucken…” Der Weg, den das Autoren-Sextett einschlägt, lässt es vorerst an würdevollem Stil mangeln.
Doch wer dies und solche undurchdachten Krawallsätze wie z. B. „Sterben ist die größtmögliche Grausamkeit“ (Was ist mit Folter, körperlicher oder seelischer Gewalt, Krieg etc.?) überstanden hat, kann von den porträtierten Menschen eine Menge lernen. Vor allem, dass es an jedem selbst liegt, sich mit seinem eigenen Sterben, seiner Endlichkeit auseinanderzusetzen, seinen Frieden zu finden. Und dass es eine große Zahl von Menschen und Orten gibt, die Sterbende und Angehörige dabei unterstützen. Beinahe weichgezeichnet, zu leicht und harmonisch kommt das Sterben plötzlich daher und der Artikel blendet einiges aus. Den Kampf um Pflegestufen und Finanzierung, die Suche nach einem freien Platz in einem Hospiz oder Heim, die persönlichen Ängste und die der Angehörigen – und das alles, wenn die Zeit knapp wird und die Nerven blank liegen. Vorsorge hilft da nur bedingt, ein Hospiz ist kein Hotel, wo man ein Zimmer reserviert, und die Palliativmedizin kann auch keine Sofort-Wunder vollbringen. Es ist Zeit, über das Sterben zu reden, finden die Autoren. Sie hätten es uns leichter machen können – mehr Informationen, weniger wortgewaltige Schablonen - denn das Sterben selbst hält genug Emotionen für alle bereit.
Horror-Szenarien wegen steigender Staatsverschuldung sollen die Jugend nicht ängstigen, findet Wolfgang Schäuble. Die Ausgangslage für die junge Generation sei nicht schlechter als für vorhergehende Generationen. Was meint er denn damit? Staatsverschuldung kein Thema? Die Renten sind sicher, die Umwelt in Ordnung, die Wirtschaft gesund, der Euro stabil? Solche Ratschläge aus einer Generation, die ohne Sinn und Verstand auf Pump gelebt hat, als gäbe es kein Morgen, sind etwas merkwürdig. Genau diese Haltung ist doch wohl ursächlich für den Zustand unserer Gesellschaft heute und den Ballast, der auf den Schultern der kommenden Generationen liegt. Horror-Szenarien helfen niemandem, aber die Augen vor realen Problemen zu verschließen auch nicht.
Jährlich erhalten in Deutschland über 200.000 Menschen eine künstliche Hüfte. Die Routine-OP von 1,5 Stunden nimmt auch bei älteren Menschen weiter zu. Knapp 8.000 Euro kostet die Behandlung, getragen werden die Kosten von der Krankenkasse. Mehr als 80 Prozent der Patienten von Knie- und Hüftprothesen sind laut “Bild” über 60. Über Sinn und Unsinn einer solchen Behandlung wird gern gestritten. Und im Falle von Hochbetagten wie z.B. Alexander B. zu Recht. Er erhielt seine neue Hüfte mit 106 Jahren. Vom Rollstuhl schafft er es in kurze Zeit zurück an den Rollator. Durchschnittlich hält eine künstliche Hüfte gute 10 Jahre, nicht selten auch 20. Ist das noch ein sinnvoller Umgang mit Geldern der Solidargemeinschaft? Die Mehrheit der Deutschen sagt Ja: 88% finden laut einer repräsentativen forsa-Umfrage, die künstliche Hüfte solle unabhängig vom Lebensalter des Patienten von der Krankenkasse bezahlt werden.
Der Debatte mangelt es nicht an Emotionalität, dafür an Problembewusstsein. Wirtschaftliche Rationalität ist nicht immer gleich menschenverachtend. Es sollte schon erlaubt sein, operationswütigen Ärzten und Krankenhäusern auf die Finger zu schauen, ob eine OP medizinisch sinnvoll ist oder der Selbstfinanzierung dient.
91% aller Bundesbürger lehnen nach einer repräsentativen Umfrage jede Verpflichtung zu sozialem Engagement im Rentenalter ab. Sie sind der Meinung, sie haben dann genug geleistet. Bilder vom verantwortungslosen Senioren drängen sich auf, der hedonistisch in den Tag lebt und jede gesellschaftliche Verantwortung weit von sich weist. Dabei hat er einfach nur genug von Verpflichtungen nach 45 Jahren beruflicher Fremdbestimmung und Selbstausbeutung. Precht hat zwar Recht: ein Busfahrer, der sein Leben lang andere Menschen chauffiert hat, ist lediglich seinem Beruf nachgegangen und nicht täglich morgens aufgestanden, um seine gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Doch der Bus ist pünktlich, täglich, (fast) auf die Minute. Unsere sprichwörtlichen preußischen Tugenden sind öffentlich längst durch den Latte Macchiato gezogen worden, aber sie wirken weiter: in Leistungsbereitschaft, Disziplin, Anpassung. Die sozialpolitischen Fragen unserer Zeit verstärken das. Kein Wunder, dass den Deutschen ebenso sprichwörtlich mit 65 der Hemdkragen platzt. Wir verwechseln Verpflichtung mit Verantwortung, im Berufsleben und hinterher. Schade ist das. Für den Einzelnen, für die Gemeinschaft.
Wer bislang nicht an den demografischen Wandel und seine Konsequenzen geglaubt hat, wird nun endgültig eines Besseren belehrt. Das japanische Unternehmen Unicharm ließ heute verlauten, man habe im vergangenen Jahr mehr Erwachsenen- als Babywindeln verkauft. Und zwar erstmals seit Produktionsbeginn von Seniorenwindeln im Jahre 1987.
2011 lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Japan bereits bei 82,25 Jahren, Tendenz steigend. Das gilt wohl auch für die Umsatzprognosen im Inkontinenzbereich.
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Nur jedes 12. Unternehmen setzt laut einer Studie von Mercer und Bertelsmann-Stiftung bei der Deckung ihres Fachkräftebedarfs gezielt auf Arbeitnehmer über 50. Die Jugend steht weiter im Focus: 27,2% der Unternehmen kooperieren zwecks Rekrutierung mit Universitäten, 20,2% mit Schulen. Die Ansprache von Arbeitnehmern über 50 Jahren liegt mit 8% auf dem letzten Platz.
40% der Unternehmen sehen den demografischen Wandel und die entstehenden Probleme noch nicht als dringlich an. Und nur jedes zweite Unternehmen glaubt, die Rente mit 67 wird mehr Arbeitsplätze für Menschen ab 60 bringen – dabei sind wir überhaupt erst bei 28,3% Beschäftigungsquote zwischen 60 und 65 Jahren. Machen die Unternehmen so weiter, werden wir also doch bei einer faktischen Rentenkürzung landen. Diese Abstellgleispolitik hilft niemandem. Es wird Zeit, dass auch die Wirtschaft das begreift.
Die SenNova auf dem 10. Deutschen Seniorentag bietet einfach alles rund ums Thema Alter und Gesundheit. Man kann vom Hörtest zum Blutzuckertest schlendern, Entspannungssessel testen, aus 100 und einem Rollatorenmodell und genauso vielen Hausnotrufen auswählen oder sein Testament zu Gunsten gemeinnütziger Vereine aufsetzen. Alter ist facettenreich…
Am Stand für Outdoor Fitnessgeräte steht Birgit Singh. Irgendwo jenseits der 50, betrachtet sie etwas skeptisch die Schultertrainer. Ob sie sich davon angesprochen fühle? Ein gedehntes “naja”. Schon ganz interessant, ein Spielplatz für Senioren eben. Aber benutzen? „Nicht in der Öffentlichkeit“, sag sie lachend. Und dann lässt sie sich in 2 Sekunden zu einem Foto überreden. Spontan, neugierig, kontaktfreudig, selbstbewusst.
Am nächsten Stand wippen zwei ältere Damen bei einem Live-Fitnessworkout zu lärmender orientalischer Popmusik mit. „Na klar ist das was für mich“, sagt die jüngere, 67-jährige Christine Borrmann, „hab mir grade letzte Woche 4 Workout-CD’s gekauft. Jeden Morgen eine Viertelstunde.“ Weil sie sich alt vorkomme? „Nein, ich wäre ja nie hier auf den Seniorentag gekommen! Meine 87-jährige Nachbarin hat mich mitgeschleift. Aber ich finds toll!“ Die 20 Jahre ältere Nachbarin ist schon weiter und verwickelt den nächsten Standbetreuer in eine Diskussion.
Alt scheint hier niemand zu sein. Oder doch? Denn Angebote, die sich klar an Senioren richten, wie z.B. ein Seniorenumzugsservice werden mit Skepsis betrachtet. Die Angst, als alt und damit hilfbedürftig gesehen zu werden, führt zu aufmüpfigen Fragen und herausfordernden Blicken an den Chef Ralf Schmidt. Dabei ist seine Idee wirklich toll. Ein Umzugsservice mit speziell ausgebildeten MitarbeiterInnen, die z.B. im Umgang mit Demenzkranken geschult werden und auch beim Einpackservice respektvoll die Privatsphäre achten. Zeit für den Abschied von der alten Wohnung wird genauso geboten wie die Möglichkeit der Einlagerung von Hab und Gut bis zu einem halben Jahr, falls die Umzugsentscheidung doch nicht die richtige war. Ich würde so ein Angebot dankbar annehmen. Die Skepsis kann ich trotzdem gut verstehen.
Beim Rausgehen spricht eine ältere Dame links vor mir einen entgegenkommenden Senioren an: „Brauchen Sie noch ein Ticket?“ „Ja, wieviel soll es denn kosten?“ „Ich hab 7,50 bezahlt, machen wir halbe halbe?“ „Klar.“ Selbst den Ticketschwarzmarkt haben sie im Griff.
Um die Zukunft des Alters hautnah zu erleben, ist der 10. Seniorentag in Hamburg der ideale Ort. Gleich auf dem Vorplatz bin ich auf die wohl größte Attraktion gestoßen, einen ca. 15 Meter langen begehbaren Darm. Hübsch rosa und glatt, wo gesund, hässlich fleckig und mit Ausstülpungen, wo krank. Das Licht verändert sich je nach Sonneneinstrahlung, so stell ich mir eine heitere Koloskopie vor. Eine Horde Viertklässler auf dem Heimweg reisst mich mit und plötzlich stehe ich wieder draußen. Wie bei einer Feueralarm-Übung. Oder einer Darmspülung.
Morgen berichte ich aus dem Inneren des Congress Centrums Hamburg CCH – und das ist wirklich sehenswert. Kein Scherz.
Wer nicht weiss, was er mit seinem Leben nach der Rente anfangen soll: Die Zweitkarriere an den Plattentellern. Glitzerkopfhörer, Sonnenbrille, Trainingsjacke und das passende Lebensmotto sind ein Muss, sonst geht alles: „I’d rather sign a contract with a record company than to sign up for the nursing home!” Die 72-Jährige Electro-Gran Ruth Flowers aus Bristol lässt es krachen. Das nächste Mal in Brüssel beim Europafest im Zeichen des »Europäischen Jahrs des aktiven Alterns“: 12. Mai ab 17.30 Uhr auf dem Place du Luxembourg beim Europaparlament. www.mamyrock.com
Mit Einführung der »Rente ab 67« verlängert sich für jeden von uns die Lebensarbeitszeit ab sofort bis 2024 pro Jahr um einen Monat. Bis 2029 sind es dann 2 Monate pro Jahr. Wer heute 55 ist, muss also nicht bis 65 arbeiten, sondern bis 65 und 10 Monate. Ist es an der Zeit, alte Traditionen wieder aufleben zu lassen? 1. Mai, Kampftag der Arbeiterklasse? Nieder mit der Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung, den versteckten Rentenkürzungen? Wohl kaum, denn gleichzeitig steigt die Lebenserwartung im selben Zeitraum jedes Jahr um ca. 3 Monate. Und damit fehlt unserer Empörung das überzeugende Argument. Eigentlich eher ein fairer Deal und gesellschaftlich sowieso unabwendbar. Von mir aus könnten wir allerdings ab sofort ein Jahr länger arbeiten. Dann würden die Generationen, die jetzt in Rente gehen und ordentlich abgeräumt haben, auch schon ihren Beitrag leisten. Und von mir aus kann der Haymarket Riot, Mutter aller Klassenkampftage, dann auch gleich ausfallen. Blödes Gejammer






