Eine quantitative, völlig unrepräsentative Eigenumfrage bei Google brachte folgende erstaunlichen Ergebnisse ans Licht:
23.800.000 Ergebnisse in 0,19 Sekunden für „Jugend“
487.000.000 Ergebnisse in 0,18 Sekunden für „Alter“
Die Alten sind nicht nur in der Überzahl, sie sind auch noch schneller. Ganz deutlich wird es beim Vergleich mit der Kontrollgruppe:
1.620.000.000 Ergebnisse in 0,14 Sekunden für „Senior“
Dieses Ergebnis ist nicht zu toppen, nicht von „Teenager“ (26.800.000 Ergebnisse in 0,18 Sekunden) noch von „Kind“ (332.000.000 Ergebnisse in 0,19 Sekunden). Nur der „Säugling“ schafft es wenigstens bei der Geschwindigkeit gleichzuziehen: 2.440.000 Ergebnisse in 0,14 Sekunden.
Was das bedeutet? Die Älteren werden nicht diskriminiert und müssen ganz im Gegenteil Rücksicht auf die unterrepräsentierte und dösige Jugend nehmen. Oder es bedeutet gar nichts.
Alt sein ist sexy. Das sollen wir zumindest glauben. Die Älteren sind die Zielgruppe der Werbung geworden und damit sind sie vor allem eins: Konsumenten. Die Lüge der Branche: Sie sind alt, cool und sexy! Es ist super, älteren Menschen die Augen zu öffnen, für das, was sie alles noch lieben, sein, tun, denken, anziehen, leisten oder unternehmen können. Aber so? Für die Werbung bedeutet das: Jugendlichkeit bei gleichzeitiger Reife, Aktivität bei innerer Ruhe, entspannte Abenteuerlust, Parteiergreifen trotz Gelassenheit, reifes, prickelndes Flirten liebevoller ästhetischer Großmütter und -väter, die unerschütterlich wissen, um was es im Leben geht und ihren Enkeln als Kuschelomas und Opas (oder als Bonbonautomaten) jederzeit Wärme und Geborgenheit schenken. Was eigentlich noch?
Als gute Konsumenten müssen wir möglichst alles sein und alles kaufen. Wir sind auf dem besten Weg dazu. Und als Mensch? Vielleicht lieber nicht, vielleicht sich stattdessen nicht für blöd verkaufen lassen, mehr Autonomie wagen, eigene Bilder erschaffen. Bilder, die zum eigenen Gefühl und zur eigenen Lebenswirklichkeit passen. Bilder, die nicht übergestülpt sind, die nicht überfordern sondern Kraft geben, weil sie echt sind.
Um nach einem langen und bereits sehr engagierten Leben noch einmal das Gefühl zu haben, von der Gesellschaft gebraucht zu werden, gab der 82-jähriger Engländer Nicholas Crace seine linke Niere her. Laut der letzten Ausgabe des SPIEGEL hatte der Senior nach dem Tod seiner Frau nach Möglichkeiten gesucht, sich weiter aktiv in die Gemeinschaft einzubringen. Blut- und Knochenmarkspende scheiterten an einer Altersbeschränkung – die Organspende nicht.
Ein radikaler Schritt, der in Anbetracht des Alters eventuell leichter fällt – doch in jedem Fall bemerkenswert. Etwas verrückt zugegebenermaßen auch. Crace würde gern weiterspenden, doch mehr ist wortwörtlich nicht drin – zumindest nicht in diesem Leben.
Überall ist zu lesen, dass Seniorenstudenten nicht aus Spaß oder zwecks Freizeitgestaltung studieren, sondern dies wichtig für die Gesellschaft sei. Aber nirgends steht, was denn nun diese wichtigen Gründe sind, wo oder wie die Älteren sich übers Studium einbringen. Es gibt keine Arbeitsplätze für ausstudierte 75 Jährige und ob ihre Abschlüsse in Kunstgeschichte und Philosophie sie besser für ihr Ehrenamt qualifizieren, darf auch bezweifelt werden. Natürlich sind sie zufriedener und ausgefüllter. Aber worum geht es hier eigentlich? Ein verstecktes Programm zur Volksgesundheit? Eine Schonung der Krankenkassen? Die Angst vor einer Revolution der Alten, wenn der Unruhestand zum Aufstand wird? Wer Antworten hat: bitte, gerne.
Im Dialog mit den Alten verwundert besonders eins: Sehr oft (eigentlich immer) wollen sie im Beisammensein mit Jüngeren Verständnis für ihr Leben und ihre Situation. Woran liegt das? Ist das nicht genau verkehrt herum? Nach einem langen Leben haben doch die Älteren den (Wissens-) Vorsprung. Sie haben Fehler bereits gemacht (und würden sie eventuell wieder tun), sie haben manche Frage beantwortet und viele auch nicht, sie wissen was Leben ist und was es einem abfordert. Genau da heraus sollte doch Verständnis für die Jüngeren möglich sein, für ihre Wege, sich am Leben zu versuchen. Wo ist die Toleranz und das Verständnis aus einem langen gelebten Leben, aus eigener Erfahrung, Reife, Wissen?
Über 80-Jährige haben im Schnitt 15 zu behandelnde Krankheiten, meldet die dpa. Aber das ist nicht das eigentlich Schlimme. All diese Krankheiten werden oft einzeln behandelt und ohne, dass die Ärzte die Behandlungen aufeinander abstimmen. Wäre ich Arzt oder Krankenkasse, würde ich mich als erstes mal fragen, ob ich meinen Beruf verfehlt habe. Gut, den Krankenkassen glaubt niemand mehr, dass es um etwas anderes als Wirtschaftlichkeit geht. Doch selbst sie könnten hier noch ein paar Euros sparen. Bei den Ärzten setzt dagegen die Halbgötterdämmerung ein – der Kitteleinsatz ist zum misserablen Kundengespräch verkommen. Ein lustloser Berater, der dem Patienten innerhalb von drei Minuten das Gefühl gibt, an der momentanen Situation selbst schuld zu sein und jetzt auch noch die kostbare Zeit des Mediziners zu verplempern. Also wird einfach drauflos verordnet. Reden würde helfen. Aber das ist wohl teurer, als Senioren einfach irgendwas zu verschreiben und dann hinterher ihren Substanzmissbrauch zu problematisieren. Und damit gauckelt die Gesundheitsbranche der Öffentlichkeit zum guten Schluss auch noch Verantwortungsbewusstsein für die Patienten vor.
Matthias Onken, Jg. 72, wirft heute im Hamburger Abendblatt die Frage auf, ob wir eine Generationen-Quote brauchen, “um zu alte, aber auch zu junge Chefetagen zu verhindern”. Nachdem er sich in 3 Spalten über „junge Vorturner“, „demonstrierte Ahnungslosigkeit“ und „kasperhaftes Auftreten“ der Jung-Minister Rösler, Schröder, Bahr ausgelassen hat – übrigens alle nur 1 bis 4 Jahre jünger als er selbst – kommt er zu dem vehementen Schluss: „Und allein Erfahrung setzt sich durch.“ Eine trockene Erkenntnis des ehemaligen Chefredakteurs der Hamburger Morgenpost (mit 36 Jahren), ehemaligen Regionalchefs von Bild Hamburg (mit 38 Jahren) und heutigen Agenturinhabers?
Vielleicht blitzt Altersweisheit und selbstgewonnene Lebenserfahrung in seinen Sätzen auf: „Wer führt, will keine Fehler machen. Wer jung ist, macht aber mehr Fehler als erfahrenere Kollegen. Sich und den anderen das einzugestehen, fällt den meisten schwer.“ Nun hat er sich aber eine zweite Chance verdient, Erfahrungen im Eingestehen von Fehlern sammeln zu dürfen.
Nichts zu kritisieren gibt es dagegen bei der angerissenen Grundsatzfrage: Wegen des demografischen Wandels muss die Entwicklung der Machtverhältnisse zwischen den Generationen stärker im Blick gehalten werden. Soziale Gerechtigkeit genauso wie Umwelt- und Ressourcenschutz darf keine Mehrheitsentscheidung von Interessen- oder Altersgruppen sein. Dann fehlt den zahlenmäßig kleineren, jüngeren Generationen die Möglichkeit der Einflussnahme und der Demokratie das Prinzip der gemeinsamen Verantwortung.

