Lahme Ente, flotter Feger, Pistensau oder Statiker – noch nie konnten wir so schön mit unseren Rentner-Klischees spielen. Aber Vorsicht: Der Verlierer zahlt in die Rentenkasse.
Der demografische Wandel hält alle auf Trapp und auch die Spieleszene passt sich an. Früher hatten Quartette meist alles irgendwie Motorisierte zum Thema: Motorboote, Traktoren, Raketen, Autos… Und obwohl die Fahrtüchtigkeitsprüfung für Rentner keine Mehrheit findet, wendet sich die alternde Gesellschaft vom Statussymbol Auto ab und schon mal ihrer eigenen Spezies zu: beim Rentner-Quartett. Gleich geblieben ist das Ziel des Kartenspiels: Vier passende Rentner aus einer Rentner-Gang zusammensuchen oder die Mitspieler ausstechen: Die Rentner messen sich in den Wettbewerben Geschwindigkeit, Lautstärke, Humor, Auftreten und Unterhaltungswert. Ob als lahme Ente, flotter Feger, Pistensau oder auch als Statiker, ob als Museumsrentner, Schnäppchen-, Reisebus- oder Lila-Haare-Rentner – jeder Rentner macht hier seinen Stich.
Finden Sie heraus, welcher Rentnertyp Sie sind – oder werden möchten!
In einem Pflegeheim bei Bamberg hat ein 17-jähriger Praktikant eine 100-Jährige getötet. Ob dies auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin geschah, wie der 17-Jährige aussagte, wird noch geprüft. Unabhängig vom Ausgang dieser Befragung bzw. des dann folgenden Verfahrens und unabhängig auch von der gleichermaßen für den 17-Jährigen wie die Angehörigen traumatischen Ausnahmesituation, verwundert mich in der Berichterstattung vor allem eins: Der angebliche Todeswunsch der hochbetagten Frau wird aus folgendem Grund sehr skeptisch beurteilt: Die 100-Jährige befand sich laut Focus bettlägrig im Pflegeheim und war fast blind, hatte aber keine akuten Krankheiten. Also kein Grund, die Lebenslust zu verlieren? Bei einer solchen Reduzierung des Lebens auf körperliche Gesundheit kommt einiges zu kurz. Wer kann schon beurteilen, wie sich 100 gelebte Jahre anfühlen? Wie es ist, 36.500 mal aufgewacht zu sein und seinen Tag zu beginnen? Sicherlich ist es schwierig sich vorzustellen und noch schwerer zu akeptieren, dass ein Mensch nicht mehr möchte – nicht weiter jeden morgen aufwachen in weissen Laken, Zähneputzen, Krankenhausfrüstück, Langeweile, Mittagessen, Langeweile, Abendessen, Langeweile, Schlafen – und von vorn, ohne Aussicht auf irgendeine Besserung. “Leben” in der Abstraktheit medizinisch gesunder Existenz wird mit einer Bedeutung aufgeladen, die es subjektiv nicht hat. Selbstbestimmtheit, Aktivität, freie Entscheidungen, die Verfolgung eines Lebensweges, eines Ziels – diese Dinge machen Leben in meinen Augen ganz wesentlich aus.
Da heute Gesundheit und Jugendlichkeit das Mass aller Dinge sind, ist der Tod längst auf der Strecke geblieben. Mit der Botschaft “solange jemand gesund ist, steht einem erfüllten Leben nichts im Wege” setzt sich unsere Gesellschaft selbst unter Druck. Und zusätzlich entzieht sie sich der Verantwortung für eine vielschichtige Gemeinschaft aus Alten und Jungen, Starken und Schwachen, Gesunden und Kranken. Für Menschen, die leben möchten, und Menschen, die sterben möchten.
Der Bundesfreiwilligendienst BFD, von seinen Freunden liebevoll Bufdi genannt, ersetzt seit dem Juli 2011 den Zivildienst und ergänzt das FSJ, das Freiwillige Soziale Jahr, und das FÖJ, das Freiwillige Ökologische Jahr. Doch er will mehr:
“Der neue Freiwilligendienst ist eine Einladung an Menschen jeden Alters, sich für die Allgemeinheit zu engagieren”- wird Kristina Schröder, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, zitiert.
35.000 Stellen werden von der Bundesregierung finanziell gefördert, wobei die Vergütung interessanterweise auch vom Alter abhängig ist. Bis 25 Jahre gibt’s maximal 250, darüber maximal 350 Euro. Soviel zum Thema “gleiche Arbeit bei gleichem Lohn”. Im Bufdi sind nach Zahlen der Bundesregierung etwa gleich viele Männer und Frauen aktiv. Bis hierhin also ausgewogen. 70 Prozent von ihnen sind unter 27 Jahre alt. Oder: Von den ersten 35.000 Bufdis sind 26.450 jünger als 27 Jahre, nur 1895 über 60 Jahre alt. “In Anspruch genommen wird der BFD vor allem von Menschen, die sich in einer Umbruchphase befinden, etwa nach Abschluss der Schule, nach einer Familienphase oder als Qualifizierungsmöglichkeit bei Arbeitslosigkeit. Viele nutzen ihn auch zur Aufbesserung der Bezüge bei geringer Rente oder Hartz-IV-Bezug”, meldet der Verein “Für soziales Leben e.V.” und weiter: “Blickt man auf das erste Jahr Bundesfreiwilligendienst zurück, so kann man sicherlich gratulieren…” Sicherlich.
Während die späten 70er und frühen 80er Jahre die Hoch-Zeit der Teenmovies waren, in denen die geburtenstarken Jahrgänge der Mittsechziger pubertierten, wird das Kino in den 2010er Jahren vom demografischen Wandel heimgesucht. 2012 zum Beispiel: Im März “Best Exotic Marigold Hotel”, im April “Und wenn wir alle zusammen ziehen?”. Im Juli folgt der deutsche Film “Bis zum Horizont – dann links!”, im Oktober “Robot and Frank”, im November mit “Omamamia” ein weiterer deutscher Senioren-Film mit Marianne Sägebrecht. Während die Teenmovies gezielt die Jüngeren ins Kino holen wollten, weil die Erwachsenen im durchbrechenden Fernsehzeitalter lieber zu Hause blieben, setzt das Kino heute auf die rüstigen und konsumfreudigen Senioren. Und bereits jetzt ist oft nicht mehr nur Mittags das Kino fest in Silberlockenhand. Die Ausgangssituation im “Seniormovies” ist immer ähnlich: Abstellgleis, Nutzlosigkeit, weggesperrt im Altersheim, gelangweilt. Die Filme spielen mit den realen Ängsten der Älterwerdenden vor Abhängigkeit, Fremdbestimmtheit und Einsamkeit, und versuchen trotzdem das Älterwerden mit einem Augenzwinkern zu nehmen. Sie konstruieren neue soziale Beziehungen, mehr oder weniger radikale Ausbruchsversuche und neue, exotisch überzogene Lebensentwürfe. In Berlin toppt das reale Leben gerade alle erdachten Drehbücher: Die Occupy-Rentner aus Pankow, ausgerüstet mit Schlafsack und Thermoskanne, kämpfen für ihren Seniorentreff.
Immerhin 68 Prozent der 65- bis 75-Jährigen stimmen laut einer forsa-Umfrage der Position zu, dass die »junge Generation derzeit die Rente der Älteren bezahlt und später kaum von der eigenen Rente leben kann«. Und obwohl insgesamt 45 Prozent dieser Alten die jüngere und nur 9 Prozent die eigene Generation für benachteiligt halten, möchten die Alten beispielsweise nicht zu Gunsten höherer Studien- und Ausbildungsförderungen auf Rentenerhöhungen verzichten. Deutlich lieber würden sie die Kinderlosen über 30 Jahren mit einer Sonderabgabe belastet sehen.
Frag ich mich: Wer hat denn damit angefangen, zu wenig Kinder in die Welt zu setzen?


