Endloser Sommer

Veröffentlicht in Mirko Zapp - der Blog zur Großen Freiheit von Mirko Zapp am 01.08.2012 um 21:15 Uhr

In Arizonas Sunbelt lebt die weltgrößte Rentner-WG und genießt den »endless summer« – unter sich. Wer in das Senioren-Paradies Sun City einzieht, tritt aus der Gesellschaft aus. Eine zweifelhafte Erfolgsgeschichte.

 

An extraordinary past, a brilliant future – so wirbt die Rentnersiedlung Sun City in Arizona für ihr sogenanntes Paradies. Ewige Sonne, ewiger Spaß, ewiger Urlaub – das Alter wird zur zweiten Kindheit. Die Retortenstadt wurde als Experiment im Jahr 1960 „gegründet“ und setzt bis heute konsequent darauf, dass die verbreitete These von einem bereichernden Zusammenleben von Alt und Jung eine naive gesellschaftliche  Wunschvorstellung ist. Der Erfinder von Sun City, Delbert Eugene Webb, ein kalifornischer Baulöwe, glaubte nicht den Soziologen sondern der Marktforschung: Ältere wollen in einer Umgebung leben, die ihnen den Alltag so leicht und angenehm wie möglich macht. Er baute buchstäblich auf Hedonismus und Bequemlichkeit, auf (noch) unerfüllte Wünsche, Sicherheit, Unter-Sich-Gefühle, auf den Ausschluss der naturgemäßen Konflikte zwischen Alt und Jung und auf die Bedürfnisbefriedigung einer zahlungskräftigen Kundschaft im Rentenalter. Junge Menschen können nur zu Besuch nach Sun City – wohnen dürfen sie dort selbstverständlich nicht. Das „Einzugsalter“ für die größte Senioren-WG der Welt mit einem Durchschnittsalter von 73 ist auf mindestens 55 Jahre festgesetzt.

Sun City ist in seiner Erfolgsgeschichte ein ernüchterndes Experiment. Die Stadt ist eine Aussage pro Egozentrik, pro „Monokultur“ (95 Prozent sind wohlhabende weiße Senioren), contra gesellschaftliches Engagement, contra Diversität, contra Partizipation und Dialog. Spaßgesellschaft schlägt Bürgergesellschaft, Gleichgültigkeit schlägt Interesse und Anteilnahme. Die Alten verabschieden sich aus der Gesellschaft, um in Ruhe ihren Spaß zu haben. Sie sparen an Ausgaben, da die Steuern auf Grund fehlender Schulen, bzw. aller Infrastrukturen für Junge, niedrig sind. Die hohen Preise für Häuser halten gleichzeitig die Armut draußen – man ist unter sich. Doch eigentlich ist Sun City ein Friedhof, ein gut gelauntes Abstellgleis für Menschen, die meinen, ihren Beitrag für die Gesellschaft geleistet zu haben. Wir müssen uns klar werden, dass unsere Verantwortung für das Gemeinwesen nichts mit unserer Berufstätigkeit zu tun hat und folglich auch nicht mit der Rente endet. Ein demokratisches Gemeinwesen basiert auf seinen mündigen Bürgern, nicht auf seinen Arbeitnehmern – auch wenn sie als Steuerzahler den Staat ermöglichen. Also heißt es auch im Alter seine Verantwortung für ein lebendiges, demokratisches Gemeinwesen zu übernehmen. Raushalten ist keine Lösung – oder wie Franz Müntefering es formuliert hat: Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl. Das sollten sich die heute Alten genauso wie die kommenden Generationen hinter die Löffel schreiben.

 

10 Kommentare für 'Endloser Sommer'

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  1. Edith Haag meinte am 02.08.2012 um 09:47

    Was soll denn diese Moralisiererei? Warum sollen diese Alten nicht so leben wie sie wollen? Die meisten Jungen haben keinerlei politisches, gemeinnütziges Interesse und tun aber schon gar nichts für die Gesellschaft. ich weiss wovon ich rede. Ich arbeite im Zentrum der gebildeten Jungen. Um mich rum fast ausschliesslich karrerebetonte an Themen ausserhalb ihres Studiums desinteressierten Studenten. Und da werfen Sie den Alten vor, dass sie sich nicht in Generationenprojekten engagieren? Kinder hüten!? Und noch so manches mehr, was den Jungen Geld und Arbeit spart! Vielleicht haben die berechtigt die Nase voll von Kinderaufzucht, und sonstigen Verpflichtungen? Ist das nicht ihr Recht? Alt werden ist anstrengend, alles geht langsamer, alles wird mühsamer, da braucht mancher eher Entgegenkommen als noch mehr Pflichten. Die hatte man schon genug in einem langen Leben. Ich würde mir viele Seniorenparks in Deutschland wünschen!

  2. Hallofernes meinte am 02.08.2012 um 23:39

    gleich zu Beginn:
    der Stern veöffentlicht in Deutscher Sprache,…. das sollte den Usern klar sein…
    Dadurch das user groß geschrieben ist, wird es noch nicht deutsch…ch

  3. Hallofernes meinte am 02.08.2012 um 23:50

    @Edith Haag: Politiker fangen oft an zu moralisieren, weil sie damit aus einer höheren Warte ihre Ziele weiter verfolgen meinen zu können. Die Alten sollen weiter in die Pflicht genommen ? – bleiben,
    wäre ja noch schöner , alle – außer alternde Peaolitiker

  4. txuwe meinte am 05.08.2012 um 18:38

    Ich war vor 2 Jahren mal da und mir fiel auf, dass die rüstigen Rentner sehr glücklich und zufrieden wirkten. Alle Angebote sind auf das Alter und den Wirkungskreis ausgerichtet und was altersgerechtes Wohnen angeht, kann man sich dort einige gute Anregungen holen. Das selbstorganisierte Fitnessprogramm wuerde ich mir fuer so manche Seniorenresidenz wuenschen. Auch die Hilfe untereinander machte uns sprachlos. Ich wuerde sagen Sun City ist, ein Altersspiegelbild der US-Gesellschaft, wo die ‘Alten’ sich selber in die Pflicht nehmen und einen angenehmen Lebensabend verbringen.

  5. aurelie meinte am 07.08.2012 um 14:37

    Zweifelhaft? Nö, exakt richtig so!! soll doch bitteschön jeder selbst entscheiden dürfen wie er happy wird, ob jung oder alt. Zweifelhaft ist eher, dass so eine Entscheidung zweifelhaft genannt wird nur um Rentner weiter in die Pflicht zu nehmen!. Typisch Deutsch! In Deutschland sollen sich die Menschen gefälligst bis zum schluss fertig und kaputt machen. *kopfschüttel* Jeder hat das Recht darauf zu tun was er möchte um glücklich zu werden solange er niemanden dabei untergräbt und verletzt. Rentner haben in unserer Gesellschafft eh schon nicht viel zu lachen. Guckt euch mal die mini Renten an.. schaut euch die nicht vorhandenen Angebote für Rentner an.. Und dann wagt es jemand sich darüber zu beschweren, dass sich endlich auch mal welche abgrenzen wollen??? Ich denke ich werde es nicht anders handhaben.. Die Gesellschaft scheißt auf Rentner. Jedenfalls bekommt man es so übermittelt hier in Deutschland!

  6. Gisela Geiger meinte am 08.08.2012 um 15:35

    Ich möchte Edith Haag und Aurelie ganz und gar zustimmen. In Deutschland herrscht Rentnern gegenüber eine Stimmung, als müsse man sich schämen, alt zu sein. Was hinter einem langen Leben steckt, interessiert kaum einen, es sei denn, er ist selbst alt! Auf meinen zahlreichen Reisen habe ich in keinem Land eine solche Abneigung, ja oft Ablehnung und Diskriminierung alter Menschen erlebt. Meistens sind sie gefragt wegen ihrer Lebenserfahrung und Weisheit und werden mindestens respektiert, wenn nicht sogar hoch geschätzt. Es ist tatsächlich zu überlegen, im Alter von hier weg zu ziehen!!

  7. Jürgen meinte am 09.08.2012 um 21:13

    @aurelie und gisela

    Vielleicht liegt es an den Alten, dass sie nicht geschätzt werden? Ich kenne kein Land, in dem die Alten so sehr auf ihre vermeintlichen Rechte pochen und völlig wachstumsverwöhnt meinen, es müsse ihnen immer weiter immer besser gehen. Vielleicht guckt ihr euch mal ein paar Alte in anderen europäischen Ländern an, bevor ihr über Mini-Renten und Altersarmut in Deutschland schwadroniert.
    Was sollen diese maßlosen Ansprüche auf Kosten anderer und wie soll man da Respekt haben vor Alter und Lebensweisheit?

    Eine Generation, die in einem permanenten Mangel-Wahn nur für Konsum und Eigenwohl gelebt hat, hat keine Lebenserfahrung gemacht sondern eine „Ich-zuerst“-Mentalität bis zur Perfektion entwickelt. Dass wirklich niemand der Alten von dieser Anspruchshaltung Abstand nimmt, finde ich traurig (für sie selbst) und unverschämt (gegenüber allen anderen). Und es zeugt genau von keiner Lebensweisheit, denn dann wäre ihnen irgendwann klar geworden, dass Konsum nicht das Maß aller Dinge ist. Sich nach einem wohlig bequemen Leben in der Wegwerfgesellschaft, ohne Rücksicht auf Umwelt und Ressourcen, auf Schuldenberge und nachkommende Generationen aus der Verantwortung ins Seniorenressort zu stehlen – heldenhaft!

    Sollen die Alten ruhig alle auswandern, dann nerven sie hier wenigstens nicht.

  8. minus50 meinte am 10.08.2012 um 18:34

    Wow! Was ist denn hier los? Habe länger nicht vorbei geschaut, geht ja richtig ab, toll! Also mir scheint, als würde zu sehr auf den zwei Polen rumgeritten: entweder nur die armen Alten, die nach einem harten aufopferungsvollen Leben doch endlich ein Recht auf Luxus haben sollen und denen gefälligst Respekt zu zollen ist (wofür wird leider nicht gesagt). Oder die verwöhnten Alten, die jetzt auch noch Ansprüche stellen, obwohl sie nie was geleistet haben. Zugegeben: ohne zwei Extreme aufzumachen, fliegen auch nicht so schön die Fetzen. Mein Senf lautet daher: arme Alte gibt es und wird es immer geben, genauso wie es arme Junge gibt und immer gegeben hat. Aktuell schon Altersarmut in Deutschland zu sehen fällt mir angesichts der Billionen, die derzeit vererbt werden / wurden und noch anstehen vererbt zu werden, allerdings schwer. Es wäre wirklich ganz schön, wenn die heutigen Alten mal sehen könnten, dass sie im Gros in einer sehr sicheren Zeit gelebt haben. Diese Zeiten gab es davor nicht und wird es auch in näherer Zukunft so nicht mehr geben. Und das war der Lauf der Geschichte und mit Verlaub nicht die besondere Leistung der Alten. Auch die Menschen davor haben hart gearbeitet und die Menschen jetzt arbeiten auch hart. Die wirtschaftliche Lage war aber für die jetzt Alten sehr günstig. Sollen sie sich doch freuen – Glück gehört zum Leben eben dazu.

  9. Hilbert, Renate meinte am 16.08.2012 um 15:15

    ich ahnte nicht, dass Altwerden in Deutschland mit kaum vorstellbarer Heruntersetzung, Bedrohung einhergeht und u.a. sog. “Eliten” an forderster Front gegen mich auftreten:
    ich wohne einer ETW, stelle schwere Abrechnungsmängel fest, z.B., dass eine im Haus wohnende Anwältin, die gegen mich auftritt, ihre Anwaltsgebühren den Rücklagen entnimmt.
    Ich vertrete mich bei Gericht selbst, schreibe meine Schriftsätze selbst und werden von dem
    Richter schriftlich als paranoid und schizophren bezeichnet, ich sollte zwanghaft in ein Be-
    treuungsverfahren gebracht werden. Da macht auch der Amtsarzt mit, Gott sei Dank
    nicht die Oberbürgermeister und der Prof. der Univ.Klinik, denn ich war nie beim Psychiater,
    es existiert gar keine Krankenakte. Ich bin ständigen Bedrohungen, Anpöbeleien ausge-
    setzt. In einem hohen Maß wird versucht, mir “Straftaten” unterzuschieben. Der Prof.
    erklärte mir, dies sei typischer Psychoterror. Man versuche so an meine bezahlte Wohnung heranzukommen, aber auchg mich völlig zu zerstören. Leider sei das kein Einzelfall.
    Altwerden sei in Deutschland ein Freibrief für Nepper und Bauernfängerei.
    Ausgerechnet würde die Generation misshandelt, die im Krieg gebohren sei und schwere Aufbauarbeit geleistet habe.
    Wir “Alten” können ja gar nicht mehr so leistungsfähig sein, dass wir jedem Tritt standhalten können. Ich, 69 Jahre alt, mache dies nun rd. 10 Jahre mit, mir ist es jedoch zu schäbig,
    auf noch Ältere, als ich selbst bin, loszugehen. Ich betreue mein Tantchen liebevoll.
    Sie soll in kein Altersheim gehen müssen.

  10. Rentner-Ghetto? Erste deutsche &#82 meinte am 08.10.2012 um 13:53

    [...] ist ebenerdig. Dafür gibt es aber jede Menge Gleichgesinnte. Nach Vorbild der amerikanischen Sun Cities darf Eigentum im Heideweg nur erstehen, wer über 60 Jahre alt ist. Die Bewohner schätzen die [...]

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