Nein, heute geht es nicht um Sterbehilfe, weder passive noch aktive. Und auch nicht um den wohlverdienten Ruhestand oder die Zwangsverrentung. Oder doch? Der Blog zur »Großen Freiheit« geht zu Ende, dies ist der letzte Eintrag zwischen Klapp- und Lehnstuhl. Danke für’s Mitreden, Liken, Posten, Teilen – dafür, gemeinsam über das Älterwerden (und wie es sein könnte oder sollte) nachzudenken.
Wer weiterhin Lust dazu hat: Wir verlagern unsere Arbeit jetzt ein Stück weit von der virtuellen in die physische Realität. Am 20.02.2013 findet in Hamburg eine Demografie-Konferenz statt und Sie können dabei sein. Bewerben Sie sich für die Veranstaltung von Körber-Stiftung und nextpractice hier: demografischen Wandel gestalten und iPad gewinnen!
Abschließend: Renitenten Senioren und solchen, die es werden wollen, sei »Old Ass Bastards« empfohlen. Genauso wie den Jungen, die hier lernen können: »Alter, die Jugend hat voll keinen Plan!«
Und immer dran denken, Jung ist das Alt von morgen…
In einem Pflegeheim bei Bamberg hat ein 17-jähriger Praktikant eine 100-Jährige getötet. Ob dies auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin geschah, wie der 17-Jährige aussagte, wird noch geprüft. Unabhängig vom Ausgang dieser Befragung bzw. des dann folgenden Verfahrens und unabhängig auch von der gleichermaßen für den 17-Jährigen wie die Angehörigen traumatischen Ausnahmesituation, verwundert mich in der Berichterstattung vor allem eins: Der angebliche Todeswunsch der hochbetagten Frau wird aus folgendem Grund sehr skeptisch beurteilt: Die 100-Jährige befand sich laut Focus bettlägrig im Pflegeheim und war fast blind, hatte aber keine akuten Krankheiten. Also kein Grund, die Lebenslust zu verlieren? Bei einer solchen Reduzierung des Lebens auf körperliche Gesundheit kommt einiges zu kurz. Wer kann schon beurteilen, wie sich 100 gelebte Jahre anfühlen? Wie es ist, 36.500 mal aufgewacht zu sein und seinen Tag zu beginnen? Sicherlich ist es schwierig sich vorzustellen und noch schwerer zu akeptieren, dass ein Mensch nicht mehr möchte – nicht weiter jeden morgen aufwachen in weissen Laken, Zähneputzen, Krankenhausfrüstück, Langeweile, Mittagessen, Langeweile, Abendessen, Langeweile, Schlafen – und von vorn, ohne Aussicht auf irgendeine Besserung. “Leben” in der Abstraktheit medizinisch gesunder Existenz wird mit einer Bedeutung aufgeladen, die es subjektiv nicht hat. Selbstbestimmtheit, Aktivität, freie Entscheidungen, die Verfolgung eines Lebensweges, eines Ziels – diese Dinge machen Leben in meinen Augen ganz wesentlich aus.
Da heute Gesundheit und Jugendlichkeit das Mass aller Dinge sind, ist der Tod längst auf der Strecke geblieben. Mit der Botschaft “solange jemand gesund ist, steht einem erfüllten Leben nichts im Wege” setzt sich unsere Gesellschaft selbst unter Druck. Und zusätzlich entzieht sie sich der Verantwortung für eine vielschichtige Gemeinschaft aus Alten und Jungen, Starken und Schwachen, Gesunden und Kranken. Für Menschen, die leben möchten, und Menschen, die sterben möchten.

