Ich habe wirklich keine Ahnung, wie viel Vorarbeit die Kollegen in Deutschland geleistet haben, um diesen Besuch zu verwirklichen, aber was ich sagen kann: Für unsere Arbeit in Haiti war er enorm hilfreich!
Entwicklungsminister Dirk Niebel war da, er hat sich das SOS-Kinderdorf Santo angeschaut und über die Hilfsprojekte informiert, die die SOS-Kinderdörfer nach dem schlimmen Erdbeben gestartet haben. Dann hat er seine Unterstützung zugesagt und zwar sehr konkret: Mit 1,3 Millionen wird die Bundesregierung den Bau einer öffentlichen Schule und einer Krankenstation unterstützen! Für uns eine wirklich tolle Nachricht!
Hier finden Sie mehr Info über den Besuch des Ministers:
http://www.sos-kinderdoerfer.de/Informationen/Aktuelles/News/Pages/Niebel-SOS-Kinderdorf-Haiti.aspx
Unglaublich, wie unterschiedlich Haiti und die Dominikanische Republik sind, obwohl sie beide nebeneinander auf der Insel Hispaniola liegen. Auch vor dem Erdbeben hatten sie so gar nichts gemein: In Haiti sprechen die Menschen Französisch und Kreolisch, in der Dominikanischen Republik Spanisch. In Haiti sind die afrikanischen Wurzeln aus der Zeit der Sklaverei allgegenwärtig – zum Beispiel in der Voodoo-Tradition und in den Gesichtszügen der Menschen, während die Dominikanische Republik deutlich von der spanischen Kolonialzeit geprägt ist. Die Schwesterstaaten unterscheiden sich auch in Bezug auf politische Stabilität, Erziehung und Lebensstandard.
So war die Beziehung der beiden Staaten traditionell durch Abneigung geprägt – bis zum Erdbeben im Januar, als alles, was bis dahin galt, seine Bedeutung verlor. Augenblicklich öffnete die Dominikanische Republik ihre Flughäfen und Grenzübergänge für humanitäre Hilfe. Gleich am Tag nach der Katastrophe schickte die Regierung Transporter mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten sowie mobile Kliniken auf den Weg. In der Grenzstadt Jimaní wurden Erste-Hilfe-Stationen aufgebaut und die dortigen Krankenhäuser trafen alle Vorbereitungen, um möglichst viele Patienten aus Haiti aufnehmen zu können.
Auch die SOS-Kinderdörfer in der Dominikanischen Republik waren vom ersten Tag an im Einsatz, um Autos, Lebensmittel und, wenn nötig, Flüge, zu organisieren. Und um unbegleitete Kinder aus Haiti vorübergehend aufzunehmen! Bei einem Besuch der Dominikanischen Republik habe ich 16 Kinder getroffen, die nach dem Erdbeben vorübergehend ins SOS-Kinderdorf Los Jardines gekommen waren. Alle 16 saßen zusammen auf einem überdachten Platz und lernten Spanisch. Es schien ihnen gut zu gehen, ganz offenbar fühlten sie sich wohl. „Es gibt hier viele Schulen und Spielzeug für alle“, erzählte mir eines der Mädchen. Wir unterhielten uns eine Weile, bis eine Freundin kam und die beiden zusammen zum Spielplatz liefen. Dabei unterhielten sie sich auf Spanisch – ganz offensichtlich ging die Integration schnell!
Dennoch werden die Kinder möglichst bald wieder nach Haiti kommen, wo ihre Familiensituation genau geprüft wird. Im Idealfall leben noch Verwandte, bei denen die Kinder aufwachsen können. Wenn nicht, dann werden sie dauerhaft ein neues Zuhause in einem SOS-Kinderdorf in Haiti bekommen – in dem Land, in dem sie groß geworden sind, in dem sie ihre Wurzeln haben. Ich finde das ganz wichtig, und es ist einer der Grundsätze der SOS-Kinderdörfer, die Herkunft und die Kultur der Jungen und Mädchen zu respektieren.
Die Dominikanische Republik werden die Kinder später sicher in Erinnerung behalten – als den Nachbarn, der in der schlimmsten Zeit geholfen hat!
Ich konnte mich einige Tage in Cap Haitien aufhalten, das mehrere hundert Kilometer von Port au Prince entfernt liegt. Dort bemerkte ich etwas, das ich „zu Hause“ in Port au Prince gar nicht mehr sehe. Diese Entdeckung fühlte sich ein bisschen ähnlich an, wie das, was man erlebt, wenn man in den Urlaub fährt: Man betrachtet die Dinge mit etwas mehr Abstand.
Oben im Norden von Haiti, wo Cap Haitien liegt, müssen die Menschen seit dem 12. Januar nicht ständig mit den direkten Auswirkungen des Erdbebens kämpfen. Hier sieht man keine zerstörten Häuser und unzählige Zelte auf jedem noch so kleinen Stück Land. Und man lebt nicht mit dem ständigen Gefühl, viel zu dicht gedrängt auf einer zu kleinen Fläche zu sein. Vor allem aber sind hier viel weniger Kinder und Familien traumatisiert und zerstört.
Das Kinderdorf Cap Haitien hat zwar auch 40 Kinder aufgenommen, aber im Gegensatz zu den knapp 500 Kindern in Santo ist das wenig. Die SOS-Familien im Kinderdorf Cap Haitien konnten die Kinder relativ leicht integrieren, während wir hier in Santo inzwischen viele Kinder in Zelten unterbringen mussten. Es gibt ja in Santo nach wie vor keine stabile Wasser- und Stromversorgung und überall zwischen den Zelten liegen leere Wasserflaschen, über die schon des Gras wächst. Die Anforderungen an die SOS-Mitarbeiter sind einfach seit Monaten enorm und es gibt niemanden, der davon nicht inzwischen dicke Augenränder hätte. Ruhe und Entspannung liegen immer noch in weiter Ferne.
Trotzdem war es auch tröstlich, die Situation mit etwas Abstand zu betrachten. In Cap Haitien, wo die Menschen nicht ständig mit der Beschaffung des Allernötigsten beschäftigt sind, gibt es Raum für Zukunftspläne und Hoffnung. Die SOS-Mitarbeiter dort sind extrem motiviert und engagiert und die Jugendlichen planen ihre eigenen Geschäftsideen für den Start ins Berufsleben. Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass der tägliche Wahnsinn in Santo immer noch die Auswirkung der Katastrophe ist – und nicht die Normalität. Und es ist motivierend, zu wissen, dass nicht alle Kräfte in Haiti mit der Bewältigung des Erdbebens kämpfen. Im fernen Cap Haitien, das eigentlich gar nicht so weit weg ist, arbeiten Menschen an längerfristigen Träumen und Zielen für Haitis Zukunft.
Es sind nun schon zwei Monate vergangen, seit die kleine Marevie von Louis gefunden worden ist. Die regelmäßigen Leser dieses blogs werden sich gut an die Geschichte erinnern: Louis Klamroth, mein Vorgänger, war in einem Sozialzentrum auf das kleine Mädchen aufmerksam geworden. Marevie lebte bei der Freundin ihres Vaters, die das Kind, nachdem der Mann die Familie verlassen hatte, fast verhungern ließ. Die Kleine war völlig unterernährt und apathisch. Louis hatte sie damals kurzerhand ins Krankenhaus gefahren und alles getan, damit es Marevie, die in der Sekunde sein Herz erobert hatte, besser geht.
Zwei Wochen, nachdem das Mädchen ins Krankenhaus gekommen war, sah ich es zum ersten Mal: Dünn und schwach lag Marevie da, aber als sie die SOS-Mitarbeiterin neben mir erkannte, streckte sie sofort ihre Ärmchen aus, ließ sich vertrauensvoll hochnehmen und schmiegte sich an.
Marevie musste noch einige Wochen im Krankenhaus bleiben, sie bekam eine Spezialernährung und wurde wegen ihrer Atemprobleme behandelt. In dieser Zeit besuchten
verschiedene Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfs Santo sie regelmäßig, schauten nach ihr, nahmen sie in den Arm und kümmerten sich um ihr Wohlergehen. Sie alle fühlten mit dem Mädchen, so dass, als nun die Nachricht herumging, dass Marevie im SOS-Kinderdorf angekommen war, die Rührung und Freude groß war. Jeder hatte darauf gewartet, und nun war die Kleine tatsächlich da und wurde vom ganzen Dorf begrüßt.
Marevie wird weiterhin Medikamente nehmen müssen und es steht ihr auch noch ein weiterer Aufenthalt im Krankenhaus bevor. In der Hafenstadt Les Cayes werden Spezialisten ihre Lungen testen. Wir alle denken nicht gerne daran, denn der Weg wird für Marevie sicher lang und beschwerlich werden. Aber es ist gut, dass sie von unserer SOS-Krankenschwester begleitet wird, die im Laufe der Wochen einen besonders engen Kontakt zu Marevie aufgebaut hat. Und dann wird Marevie hoffentlich bald ganz im Kinderdorf bleiben können.
Ich bin wieder da! Der Strommangel in Haiti hat in den letzten Tagen auch mein Laptop lahmgelegt, aber nun habe ich zumindest diesen Text hier fertig gekriegt. Mal schauen, wann das Netz wieder zusammenbricht! Auch Wasser und Benzin sind knapp geworden.
Angesichts der dramatischen Armut in Haiti sollte unser aktueller Versorgungsengpass im SOS-Kinderdorf Santo wahrlich kein Grund zur Beschwerde sein. Aber wir müssen sicherstellen, dass mindestens ein Auto genügend Sprit hat, um zum Krankenhaus fahren oder in anderen Notsituationen reagieren zu können. Außerdem haben wir unsere Versprechen zu halten: 90 Sozialstationen müssen täglich mit Lebensmitteln beliefert werden für insgesamt 12000 Kinder. Dazu kommen die Fahrten zum Flughafen und andere Besorgungsfahrten und die regelmäßigen „Cluster meetings“ der Vereinten Nationen, bei denen die Hilfsorganisationen ihre Maßnahmen abstimmen.
Überflüssig zu sagen, dass wir immer wieder Ausschau nach Tankstellen halten, die noch Benzin gelagert haben, und dass wir notwendige Fahrten, so weit wie möglich, bündeln. Am Montag hat es ein Kollege tatsächlich geschafft, Benzin aufzutreiben, allerdings nur, weil er stundenlang in einer Schlange vor der Zapfsäule gewartet hat. Hätte er das Benzin später von den Straßenverkäufern erstanden, hätte es sein können, dass es mit Wasser gemischt gewesen wäre. Wir haben schon schlechte Erfahrungen gemacht: Ein wichtiger Generator, der mit verdünntem Wasser befüllt worden war, wurde auf diese Weise komplett zerstört – und das, obwohl wir das Benzin in der Dominikanischen Republik gekauft hatten, bei einem Anbieter, der uns empfohlen worden war!
Unglücklicherweise bedeutet ein Mangel an Treibstoff in Haiti aber nicht nur, dass die Autos nicht fahren können. Er bedeutet auch, dass in den Häusern, Kliniken, Schulen, Fabriken und Geschäften die Generatoren nicht laufen und somit kein Licht da ist und die erforderlichen Geräte nicht betrieben werden können. Nach dem Erdbeben haben viele Krankenhäuser in Port-au-Prince mobile Stationen in Zelten aufgebaut. Hier kann der Treibstoffmangel, der die Generatoren lahm legt, verheerende Folgen haben. Absurderweise ist auch ein Großteil des nationalen Stromnetzes von Benzin und Gas abhängig, was den Engpass weiter erhöht.
Im SOS-Kinderdorf ist es nach Sonnenuntergang um halb sieben so dunkel, dass keine Hausarbeiten mehr erledigt oder Bücher gelesen werden können. Rund um die Uhr ist die Büroarbeit eingeschränkt, die Kühlschränke funktionieren nicht und verderbliche Lebensmittel werden schlecht. Die Wasseraufbereitungsanlage fällt die meiste Zeit aus.
Angesichts all dieser Schwierigkeiten ist hier jeder froh über die kleinsten heiteren Momente. Wie gestern Mittag, als die Wasserpumpe eine ganze Weile reibungslos funktionierte und einer nach dem anderen sein Wasser holen konnte. Selbst die kleinen Mädchen schafften es mit Leichtigkeit, schwer beladene Eimer und Kannen graziös auf dem Kopf zu balancieren, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten!
Moment mal, ist das wirklich Sonson? Die SOS-Mutter nickt und ich schaue und schaue nochmal und vergesse fast die amerikanischen Journalisten, die ich hierher gebracht habe, weil sie ein Interview mit der Kinderdorf-Mutter führen wollen! (weiterlesen …)
Das Erdbeben hat einen Namen: Goudougoudou sagen die Haitianer, und das klingt wie der höllische Lärm zusammenstürzender Häuser. Goudougoudou, das könnte aber auch jemand sein, der hinter dir her ist, ein Yeti, ein trampelndes wildes Biest. Definitiv nimmt das neue Wort dem Erdbeben die klinische Kälte, die brutale Sachlichkeit, die mit den üblichen Erklärungen verbunden sind, in denen eher Begriffe wie “seismisch” oder “tektonische Platten” vorkommen. (weiterlesen …)
Dieser Text ist von Line Wolf Nielsen, die ab sofort das blog übernimmt. Die Autoreninformation folgt in Kürze.
Eigentlich bin ich schon viele Male in diesem Klassenzimmer gewesen,
aber erst Ende Februar fiel mir etwas Besonderes darin auf: Der Tag des
Erdbebens stand noch immer unverändert an der Tafel – halb verdeckt von
einem hohen Stapel Kidneybohnen in Kartons, die inzwischen dort
lagerten. (weiterlesen …)
Dieser Text ist von Line Wolf Nielsen, die ab sofort das blog übernimmt. Die Autoreninformation folgt in Kürze.
Was würde ich tun, wenn ich diese Mutter wäre? Diese Frage stelle ich mir oft, wenn Journalisten von mir wissen wollen, wie eine Mutter darauf kommt, ihr Kind abzugeben. Immer wieder passiert das hier in Haiti!
Philippe Onecio zum Beispiel, alleinerziehende Mutter von sechs Kindern, kam eine Woche nach dem Erdbeben ins SOS-Kinderdorf Santo, um uns ihr jüngstes Kind zu bringen.

Meine letzte Amtshandlung vor der Abreise: Ich fordere bei den Vereinten
Nationen Begleitschutz für unsere Essensverteilungen an. Letzte Woche
ist ein Mob unkontrolliert in unsere Laster gestürmt und hat die Nahrung
geklaut. Lange konnten wir auf Begleitschutz verzichten und auch, wenn
sich alles in mir dagegen sträubt, werden wir wohl demnächst begleitet
vom Militär Nahrung austeilen müssen – oder besser: meine Kollegen
werden dies tun, denn für mich ist die Zeit in Haiti vorbei. (weiterlesen …)









