Ein Junge namens “C’est la vie”
Moment mal, ist das wirklich Sonson? Die SOS-Mutter nickt und ich schaue und schaue nochmal und vergesse fast die amerikanischen Journalisten, die ich hierher gebracht habe, weil sie ein Interview mit der Kinderdorf-Mutter führen wollen!
Als ich den kleinen Jungen das letzte Mal gesehen habe, saß er unbeweglich da, mit stumpfem Blick und wenig Interesse an seiner Umwelt, dünn und kraftlos. Jetzt scheint da ein ganz anderer zu sitzen: Sonson, eineinhalb Jahre alt, hat zugenommen, sein Gesicht ist runder. Der Junge schaut spitzbübig zu einem seiner älteren Brüder. Der große Bruder macht Geräusche: „Bbbrrrrr“ und schüttelt dazu den Kopf. Samson macht das gleiche Geräusch und schüttelt nun ebenfalls sein kleines Köpfchen. Die Nasen der Beiden berühren sich fast und ihre vertraute wortlose Kommunikation lässt mich alles andere vergessen.
Sonson wurde in einem der Camps im Zentrum von Port-au-Prince gefunden, nackt und völlig allein. Zehntausende von Menschen leben hier in provisorischen Unterkünften, zu Sonson gehörte keiner von ihnen, niemand wusste seinen Namen und so tauften sie ihn „C’est la vie“ – „So ist das Leben!“
Zwei Schwedische Journalisten wurden auf ihn aufmerksam und informierten die Behörden. Es kam heraus, dass sich eine alte Frau angeblich um den Jungen kümmert. Bei genauerem Hinsehen allerdings war schnell klar, dass es die Frau vor allem auf die zusätzlichen Essensrationen abgesehen hatte. Hin und wieder ging sie mit dem Kleinen zum Krankenhaus. Die Medikamente, die sie bekam, verkaufte sie. Auf Nachfragen eines haitianischen Kinderschutz-Beauftragten erzählte sie, dass sie eine Verwandte des Jungen sei, aber von Mal zu Mal variierte ihre Geschichte. In der Gewissheit, dass der Junge unterernährt und krank ist, dass er sterben würde, wenn er noch lange bei der Frau bleiben würde, brachte der Beamte ihn ins SOS-Kinderdorf Port-au-Prince. Die schwedischen Journalisten waren erleichtert, als sie ihn dort besuchten: sauber gekleidet auf dem Arm einer freundlichen Frau, seiner SOS-Kinderdorf-Mutter.
Ich schaute immer mal wieder bei Sonson vorbei. Er aß seine Spezialnahrung, schlief gut, aber seine Ärmchen waren immer noch furchtbar dünn. Er war zu schwach zum Krabbeln. Oft sah ich ihn auf dem Arm seiner Mutter oder seiner Kinderdorf-Geschwister, mit großen Augen, still und ernst. Es stellte sich heraus, dass Sonson auch noch Malaria gehabt hatte – eine Menge also, von dem er sich erholen musste.
Aber was für einen Unterschied kann ein einziger Monat im Leben eines kleinen Jungen machen! Da war er nun, Sonson, lebendig, Anteil nehmend und glücklich über die Aufmerksamkeit seines älteren Bruders. Mir fielen die schwedischen Journalisten wieder ein – wenn sie den Kleinen jetzt sehen könnten! Ich bin sicher, auch sie wären froh, ihn
nicht wiederzuerkennen.
