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Barroso und andere Euro-Feinde

Veröffentlicht in Politik & Panorama von Hans-Martin Tillack am 25.05.2010 um 17:15 Uhr

Es war vor genau fünf Jahren, am 25. Mai 2005, beim Mittagessen in einem Restaurant in London, als mir ein Kollege die Euro-Krise voraussagte, von der wir heute alle reden.

Der Kollege heißt Ambrose Evans-Pritchard. Er schreibt für den euroskeptischen “Daily Telegraph” über die globalen Finanzmärkte. Wir kannten uns aus gemeinsamen Korrespondententagen in Brüssel. An diesem Tag in London wies mich Ambrose daraufhin, dass in der Londoner City seit geraumer Zeit ein Trend aufmerksam verfolgt werde, der für den Euro gefährlich zu werden drohe. Die Risikoaufschläge auf Staatsanleihen der Südländer Portugal, Spanien, Italien und Griechenland seien am steigen, gemessen an den Zinsen für deutsche Bonds. Eigentlich hätte es das nach den Prognosen gar nicht geben dürfen – waren doch alle unter dem selben Währungsdach vereint. Dass es anders kam, unterminierte die Glaubwürdigkeit des angeblich unverbrüchlichen Bündnisses schon vor fünf Jahren. Gegen Länder wie Griechenland zu wetten, das gelte in der City geradezu als „no brainer“, also als ein risikoloses Investment, verriet mir der englische Kollege.

Denn schon vor fünf Jahren war zu sehen, wie im „olive oil belt“ im Süden der EU die Wettbewerbsfähigkeit schrumpfte und die Defizite wuchsen. Das war auch eine Folge des Euro, der die Zinsen für die Mittelmeeranrainer auf für sie unbekannte Tiefen gesenkt hatte und damit das Schuldenmachen erleichterte – und natürlich auch die Einfuhr deutscher Produkte.

Damals, im Frühjahr 2005 in London, hörte ich auch erstmals von den Thesen eines Bankers namens Joachim Fels, der bis heute bei Morgan Stanley arbeitet. Fels hatte in kleiner Runde sogar den damaligen Finanzminister Hans Eichel (SPD) vor einem möglichen „Super-GAU“ gewarnt: einem Auseinanderbrechen des Euro in Folge der auseinanderdriftenden Volkswirtschaften in Nord- und Südeuropa.

Die Warnung des Finanzexperten Fels griffen wir kurz darauf in einem größeren Stück über den Euro auf. Der Artikel blieb nicht unbeachtet: Alle zitierten ihn – und viele erklärten uns für verrückt.

Die EU-Kommission nannte ihn lächerlich, das deutsche Finanzministerium sprach von einer „absurden Diskussion“ und auf den Wirtschaftsseiten wohlmeinender deutschen Zeitungen war von einer „Geisterdebatte“ die Rede. Die „Frankfurter Rundschau“ geißelte unsere „abstruse Story“ und auch die „Zeit“ nannte sie ein „absurdes Beispiel“ für unnötiges Euro-Bashing. Ich selbst war ein paar Tage darauf im ARD-Presseclub zu Gast und wurde dort von Bernd Ziesemer, dem damaligen Chefredakteur des „Handelsblatt“, schwer gerügt. Dem Euro drohe keine Gefahr, das sei alles lächerlich!

Dabei stand damals Fels mit seiner Warnung nicht allein. Ähnliche Prognosen kamen im Frühsommer 2005 auch von der HSBC, einer weiteren großen Bank, oder dem Brüsseler Thinktank CEPS, der der EU-Kommission durchaus nicht fern steht.

Auch in der EU-Kommission wusste man es schon damals besser als der Kollege Ziesemer. Die Wirtschaftsdaten der Mitgliedsländer lagen ihr vor. Und hinter vorgehaltener Hand gaben einige der ebenso hoch bezahlten wie qualifizierten EU-Ökonomen von Anfang an dem Euro eine nur begrenzte Lebensdauer. In Brüssel war die Sorge längst angekommen, dass die Währungszone zu viele Länder zusammen spannte, die zu wenig miteinander gemeinsam hatten. Es gab allerdings nur einen einzigen EU-Beamte, der solche Thesen auch öffentlich vertrat. Er hieß Bernard Connolly und wurde von der Kommission dafür disziplinarisch verfolgt. Weil nicht sein durfte, was nicht sein konnte. Sein Buch über „The Rotten Heart of Europe“ wurde übrigens ins Französische, aber nie ins Deutsche übersetzt.

Gewiss, der Euro ist auch heute noch nicht tot. Natürlich, man muss versuchen, ihn zu retten. Aber die Rettungsübungen werden nicht funktionieren, wenn einige weiter so tun, als sei ausgerechnet mangelndes Europäertum schuld an der Krise – auch wenn Kommissionspräsident José Manuel Barroso heute in der FAZ erneut suggerierte, man müsse nur „für Europa“ sein, dann löse sich die Krise irgendwie viel leichter.

Das Gegenteil ist wahr. Was Europa am meisten geschadet hat, ist die ideologisierte Kultur der Denkverbote, die allzu lange bei allzu vielen EU-Themen herrschte – eine Kultur, die Häresie bestraft und in der alles immer gleich eine Frage von Krieg und Frieden ist. Was die EU tut, ist eben oft zwar gut gemeint. Aber nicht gut gemacht. Über Ersterem wurde Letzteres allzu oft ignoriert. Dafür zahlen wir jetzt alle den Preis. Naivität kann ziemlich teuer sein.

Falls irgend jemand sich für die Ursachen der Griechenlandkrise interessiert, muss er darum nicht nur nach Griechenland gucken, nicht nur auf die Regierungen in Berlin oder Paris, die den Stabilitätspakt schon vor sieben Jahren aufgeweicht haben – sondern auch nach Brüssel und Straßburg. In den europäischen Institutionen arbeiten die Leute, die längst viel lautstarker hätten warnen können. Es wäre ihr Job gewesen. Aber sie haben diesen Job nicht gemacht.

Immerhin, der ehemalige Bundesbank-Chef Karl Otto Pöhl stellt heute ebenfalls öffentlich die Frage, weshalb EU-Kommission und EZB im Fall Griechenland nicht viel früher eingriffen. Aber warum steht Pöhl mit dieser Frage fast allein? Schlimmer: Warum scheint es kaum einen zu kümmern, dass es die schludrige Arbeit von Eurostat und Kommission Griechenland erst möglich machte, sich in die Eurozone zu mogeln – so wie wir das vergangene Woche berichteten? Schon im Mai 2005 hatten die Mitgliedsstaaten die Kommission aufgerufen, die wachsenden wirtschaftlichen Divergenzen im Euroland zu untersuchen. Was wurde daraus eigentlich? Und schon Ende Juli 2005 wunderte sich die FAZ, warum die vom Portugiesen Barroso geführte Kommission dem Heimatland des Behördenchefs damals geschlagene drei Jahre Zeit gab, sein Defizit wieder auf ein akzeptables Maß zurück zu führen – ein Defizit, das auch deshalb so beständig schien, weil Portugal unter seinem vorherigen Premier (ja genau: Barroso) lange vor allem dank so genannter Einmalmaßnahmen die Kriterien eingehalten hatte.

Geradezu tragisch, dass es eigentlich genau die EU-Institutionen sind, die einzig in der Lage sein müssten, europäische Antworten auf europäische Krisen zu finden. Doch so wie die EU-Kommission heute verfasst ist, hinterlässt sie ein Vakuum. Schon deshalb war es reine Traumtänzerei, dass im deutschen Finanzministerium bis vor kurzem der Glaube herrschte, man könne der Kommission alleine die Überwachung des griechischen Sparprogramm überlassen – und man komme ohne den Internationalen Währungsfonds (IWF) aus.

Aber den Hurra-Europäern darf man Europa nicht überlassen. Manchmal ist es besser, auf die Euroskeptiker zu hören. Und wenn sie auch in London sitzen.

P.S.: Wie sehr die Kommission kritische Nachfragen schätzt, durfte ich gerade dieser Tage wieder erleben. Auf eine Interviewanfrage bei Euro-Kommissar Olli Rehn erhielt ich erst tagelang keine Antwort, dann schickte mir dessen Pressesprecher versehentlich seine interne Anweisung, wie mit meiner Bitte umzugehen sei:

„sensitive one, pls add and reply not possible in short term but we are trying…“

Zu Deutsch: Sensitive Anfrage, den Journalisten bitte hinhalten!

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10 Kommentare für 'Barroso und andere Euro-Feinde'

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  1. Ben meinte am 25.05.2010 um 18:40

    Sie haetten damals auf ( gegen) den Euro setzen sollen. Das waere eine rendite….

    Im Ernst:

    An die EU – Herr Barroso.

    Wer das Geld gibt hat auch das sagen!!! In keiner Firma und auch nicht in der EU sollte ein Angesteller( Barroso) ueber die Firma ( EU) entscheiden. Issofern ist Barroso eine totale Fehlbesetzung! Es ist richtig das Deutschland sich viel mehr als bisher fuer eine Vertragsaenderung einsetzen muss um die EU langfristig zu retten. Herr Barroso, es kann doch nicht sein das ein dtscher AN fuer einen Griechischen AN seine Rente bezahlt damit dieser mit 60 in Rente geht und der deutsche bis 67 arbeiten muss. Es kann auch nicht sein das die EU als letzte instanz sich durch gefaelsche zahlen der Griechen hat beeinflussen lassen und das der Deutsche Steuerzahler nun fuer die INCOMPETENCE der EU verantwortlichen – wie ein Herr Barrose – aufkommen muss. Es kann auch nicht sein das ein Land ohne Quittungen und Schmiergelder seine Raeder bewegt und Deutschland fuer solchen Schund aufkommen muss. Herr Barroso, wenn sie der Meinung sind alles ist in Ordnung und Deutschland soll nur zahlen kann es sein das Sie besonders inkompetent sind oder das Deutschland als groesseter EU Einzahler sie einfach absetzen sollte!! Denn sie haben vergessen das hinter jeder zahlung an die EU Menschen stehen und diese wollen nicht bis 67 Jahre arbeiten damit ein korrupter staat seine leute mit 55 ( jetzt mit 60 ) in rente schickt. Es kann sein das gerade Deutschland die EU auf ein kleiners und gesuenderes, finanziell ueberschaubareres Niveau begrenzt und das kuenftige EU Preasidenten erkennen das es nicht gut ist in die Hand zu beissen die einen fuettert. Ich wuerde sie entlassen Herr Barroso! Und ich wette Frau Merkel wird ihnen noch einige Schwierigkeiten machen – wenn nicht sie – dann der Deutsche Waehler! Die Geldmenge in der EU ist nicht UNBEGRENZT ansonsten setzen sie auf Inflation und Abwertung des Euro. Und das Herr Barroso machen sie gerade!

    ________________

    PS: Die richtige Uebersetzung ware: Sensitives Thema – Bitte anfuegen ( ? ) und antworte das ein kurzfristiger Termin nicht moeglich sei – aber wir versuchen ( es)

    Na klar kann man daraus lesen – abwimmeln.

  2. tamtam meinte am 27.05.2010 um 09:22

    “sensitiv” ist eine beliebte Fehlübersetzung von “sensitive”, meines Wissens nach gibt es das Wort nicht mal im Deutschen. In diesem Fall ist wohl “heikel” die deutlich bessere:
    http://dict.leo.org/ende?lp=ende&p=HpZR0yYAA&search=sensitive

  3. äh? meinte am 27.05.2010 um 10:27

    was ist das denn für ein artikel?
    “wir hatten schon immer recht, nur wollte auf uns keiner hören”?
    “heute, wo wir noch viel rechter haben, sind immer noch zu wenige unserer meinung”?

    was die behauptung betrifft, unterschiedliche risikoaufschläge für euroländer dürfe es nicht geben, so ist das vollständiger und unumwundener humbug — ich erinnere mich, das seinerzeit gerade gesagt wurde, dass eine wirtschaftsregierung nicht nötig sei, wiel ja die mitgliedssataaten sich am markt mit krediten versorgen müssten, und der würde schon für individuelle kostensorgen …

    eher stellt sich doch wohl die frage, warum die märkte nicht schon viel früher die risikoaufschläge derart angehoben haben, wie es in der jüngsten vergangenheit geschehen ist (wenn sie doch angeblich in london so genau wussten, dass griechenland so riskant ist) — ein derartiges versagen der märkte gehört vielmehr nicht zur reinen lehre.

    und was das ps betrifft: da ist wohl der wunsch der vater der interpretation. man muss sich schon für sehr wichtig halten, um eine unmittelbare reaktion (vom kommissar höchtselbst noch dazu, wie lange “tagelang” war, wird wohlweislich nicht verraten) zu erwarten und die fehlgleitete antwort dann als “hinhalten” zu interpretieren.

  4. Hans-Martin Tillack meinte am 27.05.2010 um 12:48

    @äh?

    Um Sie zu beruhigen: Es passiert mir ziemlich oft, dass ich nicht recht behalte. Zusammen mit dem Kollegen Andreas Oldag hatte ich 2003 in einem Buch über die EU eine nur halbsatirische Science-Fiction-Schilderung einer Euro-Krise im Juni 2010 veröffentlicht, in der der Krisenstaat Nummer eins nicht Griechenland war, sondern Deutschland. Und der Bundeskanzler des Jahres 2010 war nach unserer damaligen Prognose ein gewisser Roland Koch…

  5. Wir müssen raus meinte am 27.05.2010 um 13:09

    aus dieser EU und dem Euro.
    Es hat sich herausgestellt, dass die Prof. Hankel und Co Recht behalten haben. Die Währungsunion ist wie eine Zwangsheirat. Das kann nicht gut gehen – und das geht nicht gut. Das Ergebnis kann man jetzt, nach wenigen Jahren, schon ablesen.
    Deutschland gehört zu den 3 Geberländern und 13 andere EU-Länder sind faktisch bereits pleite. Auch deshalb schreit Barroso – denn er sieht seine Felle wegschwimmen.
    Beim Geld hört die Freundschaft auf! Der 750 Mrd Rettungsschirm wird nicht reichen – man spricht schon von 2000 Mrd. Wer will wirklich dafür bürgen???? Der deutsche Steuerzahler bestimmt nicht! Wenn wir letztendlich nicht auch zahlungsunfähig werden wollen, müssen wir ganz schnell aus der EU und dem Euro austreten! Wer noch im Euro bleibt, begeht doch finanziellen Selbstmord!

  6. Renditekuenstler meinte am 27.05.2010 um 16:21

    @Polemik-Ben.

    “Sie haetten damals auf ( gegen) den Euro setzen sollen. Das waere eine rendite….”

    Schauen wir uns “die Rendite” doch mal an: Der momentane Wechselkurs des Euros zu den groesseren Waehrungen liegt in etwa gleich oder gar besser verglichen mit den Kursen am Erscheinungsdatum des ersten Artikels (gilt fuer US-Dollar, norwegische Krone, englisches Pfund, Kiwi Dollar). Ja – mit Investments in Schweizer Franken, Japanischen Yen, Aussie Dollar, Canadian Dollar laege man jetzt um max 15% besser da – allerdings betrachtet ueber fuenf Jahre. Das haette man mit einem langweiligen Tagesgeldkonto in Euro auch geschafft weil die Zinsen ueber den Zeitraum betrachtet durchschnittlich deutlich hoeher lagen als jetzt. Ohne Waehrungsrisiko. Bei den Waehrungen haette man allerdings zwischenzeitlich (besonders 2009) mit bis zu 25% hinten gelegen (siehe z.B. Aussie Dollar). Wer da seine Position stramm haelt der ist auch Telekom-Aktionaer der ersten Stunde.

  7. Johannes meinte am 28.05.2010 um 01:50

    Ich hab mich über den Artikel gefreut weil er ein Thema anschneidet das zu oft unter den Tisch fällt: Die Kommission ist die Schwachstelle der EU. Nicht weil sie zu viel Macht hat, sondern weil es ihr in Schlüssel-/Führungspositionen einfach darum geht Macht zu erhalten und noch mehr Macht zu bekommen.
    Die Kommission versucht sich so sehr zu verkaufen, dass sie die Brüssler Politik zu einem sterilen PR Zirkus macht. So ist zumindest mein Eindruck. (andere?)

    Euroskeptiker wie Hankel et al. haben die Politik/Geschichte nicht verstanden. Die Einführung des Euro an wirtschaftlichen Kriterien zu messen ist ein kategorischer Fehler, dazu: http://europeandme.eu/8brain/452-solidarity-in-europe-with-greece-iceland-euro-deficit?start=3

    Viele Grüße.

  8. Julien Frisch meinte am 29.05.2010 um 12:31

    Das Tolle ist, das hinterher immer alle alles schon vorher gewusst haben.

    Warum ist der Stern dann nicht so am Thema dran geblieben, dass allen klar geworden wäre, dass ihr nicht “verrückt” seid sondern es tatsächlich ein Problem gibt?

  9. Schulenglisch meinte am 04.06.2010 um 16:13

    engl. sensitive = dt. sensibel
    engl. sensible = dt. bewusst empfindsam

  10. donner0_9 meinte am 09.06.2010 um 22:59

    Es ist immer wieder das gleich wir wählen cdu oder spd warum ?

    Harz4 sollte ganz abgeschaft werden .

    Für die Faulenzer soll gekürzt werden nicht für die aleinerziehnde mütter.

    Ein Kind kostet viel Gled auto und soweiter .

    Wie wäre es mit kürzungen bei der Bundeskanzlerrin die Fahren doch die dicksten autos und geben auch noch unser Geld ins ausland aus . Gibts doch garnicht.

    Gez sollte ganz abgeschaft werden weil die zeigen doch auch viel werbung geld gibts von GEZ doch auch nicht zurück.

    Ihr hatte doch mal im letzten Tehma das Harz 4 zu viel bekommen dank euch bekommen wir bald gar kein Geld mehr . Das stimmt auch nicht das wir harz4 empänger bekommen bald gar kein geld mehr . wir auf dem lande bekommen 755 € und davon geht miete , strom , essen , trinken ,auto weg da bleibt gar nicht viel übrig .

    184 € Kindergeld ist nur für das Kind und niemand anders .

    LG

    donner0_9

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