Der FDP-Staatssekretär und die FAZ
Das von FDP-Mann Dirk Niebel geführte Entwicklungshilfeministerium suchte Anzeigenkunden – für die FAZ.
Auf den Brief stieß ich dieser Tage eher zufällig, im Rahmen einer ganz anderen Recherche. Geschrieben hatte ihn Hans-Jürgen Beerfeltz, der Staatssekretär des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz BMZ. In dem Schreiben vom 14. Dezember 2010 warb der Staatssekretär und frühere FDP-Bundesgeschäftsführer bei Firmen darum, Anzeigen in einer geplanten Verlagsbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu schalten.
Die Beilage werde sich mit Entwicklungspolitik befassen, aus Anlass des fünfzigsten Gründungsjubiläums des Ministerium – und das BMZ sei „davon überzeugt“, dass diese Publikation „einen erheblichen Beitrag dazu leisten wird, die interessierte Öffentlichkeit über die Inhalte und die Bedeutung deutscher Entwicklungspolitik zu informieren“.
Darum, so Beerfeltz, bitte er die Adressaten, „ihr Gelingen nach besten Kräften zu unterstützen“. Er würde sich jedenfalls „sehr freuen“, so der Staatssekretär weiter, „wenn Sie bis möglichst Ende Dezember eine Beteiligung in Form einer Anzeigenschaltung prüfen könnten“. Eine Anzeigenpreisliste (60 400 Euro für eine ganze Seite, 39 490 für eine halbe) legte der Politiker gleich bei.
Dass Ministerien Zeitungen helfen, Anzeigenkunden zu finden, darf als eher ungewöhnlich gelten. Wie soll eine Redaktion unabhängig arbeiten, wenn sie auf die Hilfe der Regierung setzt? Und warum war sich der Staatssekretär aus dem FDP-geführten Ministerium überhaupt so sicher, dass die Arbeit der Behörde in der Zeitungsbeilage in freundlichem Ton besprochen werden würde?
Nun, Beerfeltz dürfte am Ende mit dem Ergebnis, das dann am 18. März 2011 als zehnseitige Beilage der FAZ erschien, nicht unzufrieden gewesen sein. Gleich auf der ersten Seite prangte ein Interview mit seinem Minister Niebel, bei dem die Interviewerin kritische Fragen offenkundig sorgfältig vermied. Stattdessen lautete eine ihrer Fragen an Niebel so: „Der Entwicklungsminister des Jahres 2011 bringt sich mit großem persönlichen Einsatz ein. Wie halten Sie das zeitintensive Programm durch, das dieses Ressort mit sich bringt? Und wer packt Ihren Koffer?“
Natürlich war die Fragenstellerin keine veritable FAZ-Redakteurin. Denn tatsächlich handelte es sich bei der Beilage um ein Produkt aus der Welt der so genannten Advertorials – auch wenn man den Ausdruck bei der FAZ zurückweist. Auftraggeber war der Anzeigenbereich der FAZ. Verantwortlich für den Inhalt zeichnete die FAZ Institut für Management- Markt- und Medieninformationen GmbH.
Anders gesagt: Die Beilage wurde nach außen als Produkt der FAZ – und unter ihrem Namen – verkauft. Das wirkt glaubwürdig und ist deshalb für Anzeigenkunden interessant.
Nur im Kleingedruckten erfuhren extrem genau hinschauende Leser, dass es sich eventuell nicht wirklich um klassischen unabhängigen Journalismus handelte.
Und wie begründet man im BMZ die Werbeaktion für dieses Beispiel um Subtilität bemühter Regierungspropaganda? Es sei darum gegangen, „das Thema Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit stärker in die Mitte der Gesellschaft zu tragen“. Zugleich habe man „die Kosten für den Steuerzahler möglichst niedrig“ halten wollen: „Hierfür erschien die auf Initiative des Verlags entstandene Beilage der FAZ ein geeignetes Forum.“
FAZ und BMZ beharren übrigens darauf, dass die Inhalte der Beilage nicht von der Regierung vorgegeben wurden. Sie seien „nicht vom BMZ festgelegt“ worden, sondern „von einem unabhängigen Redaktionsteam“ beim FAZ Institut. Nur: Laut dem Beerfeltz-Brief sollte die Beilage sehr wohl „in Zusammenarbeit“ mit dem BMZ entstehen – das sie dann auch bei Veranstaltungen auslegen wollte.
Nicht zufällig waren jedenfalls unter den Anzeigenkunden, die sich am Ende beteiligten, vor allem staatliche Stellen oder Firmen – etwa die vom Bundesfinanzministerium beaufsichtigte Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die dem BMZ unterstehende Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) oder die teils vom Bund kontrollierte Deutsche Post. Plus die Privatunternehmen Metro und Evonik.
Die FAZ legt übrigens Wert darauf, dass man das Ministerium nicht gebeten habe, um Anzeigenkunden zu werben. Aber warum verfügte das Niebel-Ressort dann über die Anzeigenpreislisten? Okay, man habe von der Werbeaktion des Ministeriums durchaus gewusst, räumt der FAZ-Sprecher auf Nachfrage ein.
Und noch was: Laut dem Bittbrief von Beerfeltz „interessieren sich 92 Prozent aller FAZ/FAS-Leser für Politik“. Die werden mit Interesse die Antwort des Ministers Niebel auf die investigative Frage nach seinem Einpackverhalten gelesen haben: „Den Koffer packe ich – zusammen mit meiner Frau.“
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Ui, wie böse! – dass die FAZ profitiert – und nicht der Stern!
Langsam macht man sich echt Sorgen über die Seriösität des Stern!
Was ich noch fragen wollte: Wann kommen denn endlich die zu Ende recherchierten Fakten zu den FDP-Beteiligungen und der vom Stern behaupteten angeblichen unerlaubten Parteienfinanzierung durch die FNF?
Wie – da war nichts dran? Wie sonst auch seit 2009 an den angeblichen Skandalen der FDP das skandalöseste die skandalisierende Presseberichterstattung war? #dislike#
ah! ein weiteres großwerk des investigativen journalismus, welches uns die entdeckung einer bisher unbekannten und äußerst seltenen spezies beschert: der extrem genau hinschauende leser! mal ehrlich, herr tillack, ein bißchen mehr vertrauen in die fähigkeiten der leserschaft dürfen sie schon haben. jedenfalls in die der faz. man mag über die qualität der kritisierten beilage durchaus streiten und davon ausgehend auch über deren finanzierung. immerhin, es war eine beilage, deren eventuelle qualität an der grenze zwischen redaktionellem und werbendem erkennbar war. dazu brauchte es möglicherweise nicht mal das kleingedruckte. mangelnde abgrenzung redaktioneller von werbenden teilen fiele jedoch verlag/herausgeber auf die füsse, nicht der fdp. schließlich, ein staatssekretär im bmz und das bmz sind nicht die fdp. das ganze wirkt sehr darum bemüht, ein spiel am laufen zu halten, das gespielt ist. sofern es das spiel je gegeben hat.
Ich muss sagen das die Seriösität immer mehr nachlässt, ich habe mich immer auf den Stern verlassen und ihn gern gelesen aber so langsam wird das immer schlechter, ich hoffe das Ihr euch mal wieder steigert.
MfG
Conner
Vielen Dank an Herrn Tillack und Stern.de für den aufschlussreichen Beitrag!
Lasst euch von den FAZ-Praktikanten und verblendeten FDP-Fanboys nicht einschüchtern, die mit ihren Kommentaren nur Propaganda in eigener Sache machen. Den Überbringer einer Nachricht, statt deren Verursacher anzugreifen, ist bei diesen PR-Fuzzis offenbar ein beliebtes Mittel.
Es ist schlicht und einfach inakzeptabel, wenn sich von unseren Steuergeldern bezahlte Ministeriumsmitarbeiter bei Firmen anbiedern, Politiker mit Medienleuten kungeln und bezahlte Werbeanzeigen nicht klar und deutlich als solche gekennzeichnet sind. Wenn die FAZ mit Unterstützung von FDP-Leuten (die in Sonntagsreden immer gerne über Freiheit und Unabhängigkeit der Presse schwadronieren) presserechtliche Vorgaben wie die klare Trennung von Werbung und Redaktion mit Füssen treten, müssen sich auch alle Beteiligten Kritik gefallen lassen!
Also irgendwie erinnert mich das an Einen, der vor kurzem gefeuert wurde und dann ne tolle Rente bekam, wie hieß er doch …. Wulff war das. Dieser Dirk Niebel (sollte eigentlich Nebel heißen, so wie er arbeitet) ist auch einer, der alles ausnutzt und mitnimmt. Ich mag echt bald nichts mehr lesen, was mit Politikern zu tun hat. Man könnte dauernd ko….!
Es freut mich, dass sich Leute um Niebel und das Entwicklungsministerium sorgen. Jeder Minister darf in Deutschland einige Milliarden Spielgeld verpulvern.
Ich war schon vor 40 Jahren Entwicklungshelfer des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED). Niebel hat vor kurzem den DED aufgelöst und als Verbleibsmasse der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) zugeordnet, dann wiederum die Deutsche Internationale Zusammenarbeit (GIZ) daraus gemacht. Der DED war und ist noch innerhalb der GIZ ein Freiwilligendienst, die DEDler bekommen für ihre Arbeit eine Aufwandsentschädigung. Freie Unterkunft und Taschengeld, wohl um die 2000 Euro monatliche Kosten für das Entwicklungsministerium (BMZ). Ich war auch als GTZ Experte einige Jahre im Ausland. Ich habe schon vor zehn Jahren monatlich netto 6000 Euro erhalten. Dazu kamen noch erhebliche Vergünstigungen.
DED-Leute unterscheiden sich im Alter und in der Qualifikation von GTZ-Experten selten. DEDler sind Idealisten und GTZler haben das Glück, bei der GTZ angenommen zu werden. Meist ist ein Netzwerk notwendig.
Experten gehen davon aus, dass Niebels GIZ nicht mehr lange überlebt. Es rumort enorm wegen der Ungleichbehandlung. Der DED Freundeskreis strebt einen neuen DED an: http://www.ded-freundeskreis.de