Auszeit
Veröffentlicht in Allgemein von Karsten Lemm am 27.01.2011 um 01:22 Uhr

Das größte Problem im digitalen Alltag? 24 Stunden sind nie genug.

Die kostbarsten Güter in der schönen neuen Welt, die wir uns mit Facebook, Google, Twitter, Xing, Amazon, Angry Birds, dem iPhone und dem iPad geschaffen haben, heißen Zeit und Aufmerksamkeit. Wenn es an allen Ecken nur so wimmelt von Informationen und Ablenkungen, dann ist der Tag nie lang genug, um all das zu erledigen, was man sich vorgenommen hat.

Auch bei diesem Problem kommt uns – zum Glück – die Technik ein bisschen zur Hilfe: Wer in E-Mail ertrinkt, kann sich mit Outlook-Erweiterungen wie Xobni und Lookeen etwas Erleichterung verschaffen. Für die Kleinigkeiten des Alltags, die viel Zeit fressen, gibt es inzwischen diverse Mobil-Apps – ob es um die Einkaufsliste für den Supermarkt geht,  Quittungen für die nächste Steuererklärung oder auch die Suche nach Kinozeiten für die Verabredung am Abend.

Der beste Allround-Assistent fürs Mobiltelefon, der mir bisher begegnet ist, heißt Siri: Die iPhone-App, die es leider bisher nur in den USA gibt, kennt sich aus mit Restaurants, Veranstaltungen und Geschäften in der Nähe, weiß Bescheid, wie das Wetter wird, ob der Flug Verspätung hat und was als Nächstes auf dem Aufgabenzettel steht. Das Beste daran: Siri lässt mit sich reden. Die App nutzt Spracherkennung und ist dabei so intelligent, dass man nicht mehr das Gefühl hat, sich auf eine beschränkte Maschine einstellen zu müssen. Ursprünglich entwickelt vom Forschungslabor SRI im Silicon Valley, war Siri kaum in die Freiheit entlassen, als Apple bereits zuschlug und die Firma kaufte. Gut möglich also, dass Siri-Technik in eine künftige iPhone-Version gleich mit eingebaut wird.

Wer Geld hat, aber wenig Zeit, kann in der globalen, vernetzten Welt auch problemlos Menschen finden, die bestimmte Aufgaben übernehmen. Einige Dienstleister, wie etwa Strandschicht und Getfriday (nur Englisch), vermitteln ihren Kunden eine Art virtuellen Butler: Was ist das beste Hotel in Paris für mich? Wieviel kostet ein Kita-Platz in Berlin? Bitte einen Strauß Blumen als Dankeschön versenden… E-Mail oder Anruf genügen, schon kümmert sich ein Ausleih-Assistent darum. Der kleine Luxus für Vielbeschäftigte kostet bei Strandschicht 10 Euro pro Stunde, bei GetFriday 15 Dollar, für Dauernutzer wird’s mit Discount-Paketen billiger.

Ein anderes Modell verfolgen Plattformen wie Klickwork und Jomondo: Sie bringen Menschen, die Aufgaben zu vergeben haben, mit Jobsuchern zusammen. Die Preise variieren je nach Aufgabe, zum Teil ergeben sie sich dynamisch, indem diejenigen, die einen Job übernehmen wollen, mit einer eigenen Lohnvorstellung darum bieten. Im Grund also ein digitales Arbeitsamt für Teilzeitjobs, nur ohne Schlangen und brüokratischen Wasserkopf. (Eine gute Übersicht zu diversen Internet-Angeboten für digitale Assistenten steht hier.)

Für Nachrichtensammler wie mich kenne ich derzeit keine größere Erleichterung als Instapaper, eine kostenlose Erweiterung für den Browser, die es erlaubt, mit einem schnellen Mausklick Artikel für später zu aufzuheben. Der Vorteil ist klar: Egal, wann und wo man etwas Spannendes sieht, auf dem PC, dem Laptop oder dem Smartphone, am Ende findet sich alles an derselben Stelle wieder: bei Instapaper. Der Internetdienst bereitet die Artikel sogar lesefreundlich auf, indem Werbung und alles andere, was ablenkt, ausgeblendet werden kann. Obendrein gibt es Apps fürs iPhone und das iPad, die das Lesen unterwegs und zu Hause zum Vergnügen machen (Light-Version kostenlos, Vollversion gegen Bezahlung).

Trotz allem sind meine Tage leider weiterhin viel zu kurz, um mich regelmäßig um die „Schöne neue Welt“ zu kümmern. Für ein Blog tut sich hier viel zu selten etwas; das habe ich immer bedauert und mir vielfach Besserung vorgenommen – und es doch nie in den Griff bekommen, weil ständig Deadlines drängeln und anderes dazwischenkommt. Siehe oben. Da stern.de nun dabei ist, die Zahl der Blogs zu reduzieren, ist dies (mit Bedauern) mein letzter Eintrag.

Bisherige Beiträge bleiben aber im Archiv bestehen, und die Themen leben ohnehin weiter: im Digital-Ressort bei stern.de. Herzlichen Dank für Ihre und Eure Aufmerksamkeit bis hierhin – was sich bei mir tut, steht immer aktuell bei Twitter, teils auf Deutsch, teils auf Englisch: @lemmk

Löcher im System
Veröffentlicht in Allgemein von Karsten Lemm am 06.12.2010 um 08:44 Uhr

WikiLeaks möchte die Welt offener und ehrlicher machen – doch passieren könnte genau das Gegenteil.

Es ist verlockend, in WikiLeaks-Gründer Julian Assange einen Robin Hood des Digitalzeitalters zu sehen: einen Kämpfer für das Gute, der Schandtaten der Mächtigen aufdeckt, sich stellvertretend für uns alle in die Schlacht mit den Allgewaltigen wirft und keine Scheu hat, für seine hehren Ziele viele Jahre im Gefängnis zu riskieren.

Wer – außer den Verantwortlichen – könnte auch etwas dagegen haben, wenn WikiLeaks etwa aufdeckt, dass das US-Militär in Bagdad ganz bewusst auf Zivilisten schoss, nur um anschließend zu beteuern, es habe sich um eine bedrohliche Kriegssituation gehandelt, der unglücklicherweise zwölf Menschen zum Opfer gefallen seien? Natürlich ist es gut und wichtig, dass solche Dinge ans Licht kommen – je früher desto besser.

Problematischer wird es für mich bei anderen Beispielen: Die jüngsten Enthüllungen, die aus gut 250.000 diplomatischen Dokumenten stammen, enthalten reichlich Material, bei dem man sich fragen muss, ob es nicht verantwortlicher gewesen wäre, es unter Verschluss zu halten. Kann es wirklich gut sein, dass der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il, der mit Atomwaffen hantiert, dank Wikileaks erfährt, wie wenig er in Wahrheit auf die Unterstützung seiner vermeintlichen Freunde in Peking zählen kann? Wenn Kim nun zu dem Schluss käme, ihm bleibe nur die Flucht nach vorn – weitere Militäraktionen, die womöglich in einem Krieg enden: Was dann? Ist das ein „Kollateralschaden“, wie Militärs sagen würden; bedauerlich, aber etwas, das man hinnehmen muss, um sein Ziel zu erreichen?

Die WikiLeaks-Enthüllungen könnten den Lauf der Geschichte verändern“, schreibt das Magazin TIME in einer lesenswerten Analyse. Beispiele wie Nordkorea zeigen, welch enorme Verantwortung Assange und seinen WikiLeaks-Mitstreitern zukommt. Bisher vermisse ich Zeichen, dass der von vielen verehrte Online-Freiheitskämpfer sich dessen tatsächlich bewusst ist. Assange gefällt sich darin, Politiker und Wirtschaftsbosse herauszufordern und pauschal zu verurteilen. Das ist ja auch leichter, als in der Grauzone zwischen Gut und Böse einen verschlungenen Weg zu finden, der sicherstellt, dass die wohlmeinenden Absichten keine ungewollten Konsequenzen haben.

Doch selbst wenn WikiLeaks klare Richtilinien definieren würde, was veröffentlicht wird und was nicht – es wird Nachahmer geben, die auf solche Grundsätze pfeifen. Wahrscheinlich wird es sogar Nachahmer geben, die das Konzept auf andere Dinge anwenden, womöglich mit einem Geschäftsmodell dahinter: Geheimes gegen Bares.

Jedes Unternehmen bemüht sich, interne Informationen vor der Öffentlichkeit und dem Blick der Konkurrenz zu schützen. Das ist auch völlig legitim, solange alles mit rechten Dingen zugeht. Und doch will natürlich jeder wissen, was der andere treibt. Das WikiLeaks-Prinzip ließe sich leicht darauf anwenden: ein geheimer Briefkasten, der sammelt, was vergrätzte Mitarbeiter loswerden möchten, um anonym ihrem Boss oder Arbeitgeber eins auszuwischen. Schon sitzt der Sammler auf einem Schatz an Informationen, die ein Vermögen wert sind. (Vielleicht passiert das längst, und ich Naivling habe es bloß nicht mitbekommen.)

Natürlich gibt es auch in der Wirtschaft reichlich Fälle, in denen Indiskretion ausdrücklich erwünscht ist: Wenn ein Unternehmen wie Enron systematisch Anleger betrügt, kann eine anonyme Anlaufstelle für Informanten, die Alarm schlagen wollen, nur gut sein. Diese Funktion erfüllt zwar auch die Presse. Doch vielen dürfte es leichter fallen, mit ein paar Mausklicks Dokumente an eine Website zu schicken, als persönlich mit Reportern Kontakt aufzunehmen – was in der Regel bedeutet, dass man sich zu erkennen geben muss. Tatsächlich hat Assange bereits verkündet, dass WikiLeaks einen Haufen brisanter Dokumente über US-Banken und ihr Verhalten in der Wirtschaftskrise hortet. Anfang 2011 soll es die nächsten explosiven Enthüllungen geben.

Schön wär’s, wenn die Beteiligten am Ende ihr Verhalten zum Besseren ändern würden – bloßgestellt, geläutert, innerlich gereinigt und reformiert. Doch in Wahrheit, fürchte ich, wird etwas anderes passieren: Organisationen, die sich angegriffen fühlen, neigen eher dazu, sich einzuigeln und abzuschotten, statt sich grundlegend zu ändern. Das gilt für Unternehmen genau wie für Regierungsstellen. Sie werden noch stärker als bisher versuchen, Geheimes geheim zu halten, mit allen Mitteln.

In etlichen Firmen werden die Bosse nun auf WikiLeaks schauen und sich fragen: Was können wir tun, damit uns so etwas nicht auch passiert? Das Resultat könnte sein, dass künftig jeder Mausklick im Büro, jeder Mausklick auf dem Firmenlaptop registriert und ausgewertet wird. Möglich ist das schon jetzt, aber in den meisten Fällen stehen Aufwand und gefühlte Gefahr in keinem Verhältnis zueinander. Das muss nicht so bleiben.

Vielleicht täusche ich mich, vielleicht ebbt die Aufregung um WikiLeaks schnell wieder ab, und es finden sich weniger radikale Wege, Vertrauliches von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Klar ist für mich, dass die Mächtigen in Politik und Wirtschaft sich nicht so leicht geschlagen geben werden. Sie werden sich wehren, um ihre Interessen zu wahren. Hier in den USA vergleichen viele Konservative Julian Assange und WikiLeaks mit Al Kaida und Terroristen ganz allgemein. Eigentlich ein absurder Gedanke, denn es geht WikiLeaks ja nicht darum, blindwütig Angst und Schrecken zu verbreiten oder gar Menschenleben zu fordern. Und doch besteht die Gefahr, dass die Reaktion auf die Enthüllungen ähnlich ausfallen wird wie bei der Terror-Bekämpfung: neue Eingriffe in unsere Privatsphäre, vorgeblich zum Schutz der Allgemeinheit. Oder auch nur von Geschäftsgeheimnissen.

Mir zumindest reicht es, am Flughafen durchleuchtet zu werden; ich mag mir nicht vorstellen, in einer Welt zu leben, in der es plötzlich ganz normal ist, auf Schritt und Tritt, auf Klick und Klick durchleuchtet zu werden. Immerzu und überall. Weil angeblich nur so die „nationale Sicherheit“ und die Interessen der Arbeitgeber gewährleistet werden können.

Nachtrag:

Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare. Kurz noch mal zur Klarstellung: Es geht mir nicht darum, absolute Geheimhaltung zu predigen oder WikiLeaks generell zu verteufeln. Der entscheidende Punkt ist der verantwortungsvolle Umgang mit den Informationen – und da verhalten sich Julian Assange und seine Mitstreiter aus meiner Sicht bisher nicht übermäßig vertrauenerweckend.

Wenn WikiLeaks etwa die Sozialversicherungsnummern von US-Soldaten veröffentlicht, wem ist damit gedient? In den USA ist diese Zahlenfolge oft der Zugangsschlüssel zu hoch sensiblen privaten Informationen, inklusive Bankkonten (nicht allein, aber in Kombination mit relativ leicht zugänglichen weiteren Daten). Ähnlich muss WikiLeaks sich fragen lassen, welchen Sinn es hat, die Bauanleitungen von Geräten ins Netz zu stellen, mit denen US-Soldaten in Afghanistan Bomben entschärfen. Wahrscheinlich dient es vor allem jenen, die diese Sprengsätze bauen: So wissen sie, was sie ändern müssen, damit die Bomben tödlich bleiben – nicht nur für Soldaten, sondern auch für Zivilisten, die das Pech haben, zwischen die Fronten zu geraten.

Ja, wahrscheinlich ist es eh möglich, sich solche Informationen zu beschaffen. Aber WikiLeaks macht es plötzlich kinderleicht. Offenbar, ohne sich groß um die Folgen zu sorgen. Assange selbst hat gegenüber dem New Yorker-Magazin erklärt, es könne passieren, dass WikiLeaks-Mitarbeiter bei Gelegenheit “Blut an den Händen” hätten. Das ist für mich die Sprache von Aktivisten, nicht von Journalisten. Es zeugt eben nicht von Besonnenheit und ruhigem Abwägen.

Mir geht es auch nicht darum, Wirtschaftsbosse und Politiker zu verteidigen, die Informationen mit allen Mitteln der Öffentlichkeit vorenthalten wollen. Meine Sorge ist: Die Bemühungen, Geheimnisse zu wahren, werden weit drastischer ausfallen als bisher, und am Ende leiden wir alle darunter.

Für  eine andere Perspektive zum Thema WikiLeaks empfehle ich den Blogeintrag meines Kollegen Hans-Joachim Tillack, der lesenswert eine Gegenposition zu meinen Argumenten bezieht.

Retter der Inbox
Veröffentlicht in Allgemein von Karsten Lemm am 01.09.2010 um 04:41 Uhr

Zuviel E-Mail, Tag für Tag? Schlaue Software kann helfen, die Nachrichtenflut zu bewältigen.

Früher hatte elektronische Post etwas Aufregendes: Computer anmachen, das E-Mail-Programm starten und gespannt darauf warten, ob im Eingangskörbchen neue Nachrichten lagen. „You Have Mail!“, hieß es dann triumphierend bei AOL. Heute wäre wohl mancher froh, keine neuen Nachrichten in der Inbox zu finden. Allein im Büro sind täglich mehr als 100 E-Mails zu bewältigen, hat der Marktforscher Radicati Group ermittelt, und für viele dürfte das nach Untertreibung klingen. (Wie das so ist bei Durschnittswerten: Andere haben es immer besser.) Outlook-Nutzer, immerhin, bekommen seit einer Weile Hilfe von einem schlauen Software-Assistenten: Xobni, eine Outlook-Erweiterung, über die ich schon für stern.de geschrieben habe, klinkt sich in das E-Mail-Programm ein, beobachtet und lernt mit. Die kostenlose Version zeigt Facebook-, Xing- und andere Kontakt-Informationen von allen, mit denen man elektronische Post austauscht; und wer bereit ist, 30 Dollar (derzeit knapp 25 Euro) für die Vollversion zu zahlen, bekommt noch einiges mehr geboten – darunter viele Wege, E-Mail-Nachrichten und angehängte Dateien detailliert zu filtern und zu durchsuchen.

Outlook selbst bietet in der neuesten Version ansatzweise Ähnliches, und nun kommt auch Hilfe für alle, die lieber im Browser ihre E-Mail erledigen. Googles „Gmail“-Dienst (der in Deutschland aus Copyright-Gründen „Googlemail“ heißt), zeigt sich neuerdings ebenfalls lernfähig. Mit der „Priority Inbox“ sollen wichtige Nachrichten nie mehr in den Fluten untergehen, sondern bekommen einen Platz an der Sonne garantiert: Sie stehen immer ganz oben. Was wichtig ist, versucht Google zu raten, indem die Kalifornier unterschiedliche Kriterien analysieren und gewichten – etwa, wem man oft schreibt und wie viele E-Mails von dieser Adresse zurückkommen. Reger E-Mail-Austausch signalisiert Googlemail engen Kontakt, und entsprechend hoch wird auch künftige Post eingestuft. Mit kleinen Symbolen zum Anklicken kann jeder Nutzer der Software beim Lernen helfen und Google sagen, welche Nachrichten und Absender wirklich wichtig sind, welche eher nicht so. Wer dann noch die Browser-Erweiterung „Rapportive“ installiert, die Facebook- und andere Nutzer-Profile aus sozialen Netzwerken direkt in Gmail anzeigt, hat schon beinahe so etwas wie Xobni im Browser.

Schön und gut, aber was ist mit all den anderen Nachrichten, die vielen inzwischen mindestens ebenso viel bedeuten wie E-Mail? Twitter, Facebook, Myspace, Xing… Überall wird gezwitschert und auf Wände gemalt, ständig kommt Neues dazu, und für aktive Netzwerker kann es in Arbeit ausarten, bei alledem noch den Überblick zu behalten. Immerhin gibt es „Flock“, den Browser, der ein großes Herz hat fürs soziale Netz: Wer mit Flock surft (einem engen Verwandten von Firefox), sieht in einer Seitenleiste alle Dienste, bei denen man angemeldet ist, kann schnell hin und her wechseln und nach den wichtigsten Neuigkeiten schauen. Selbst dann kann es freilich schwer sein, bestimmte Dinge wiederzufinden – man weiß genau, man hat’s in einer persönlichen Nachricht gelesen, aber wo…? Das ist dann künftig wohl ein Fall für „Greplin“, einen brandneuen Internetservice, der zur zentralen Anlaufstelle für alle Informationen werden will, die per E-Mail, Facebook und auf vielen anderen Wegen zusammenkommen. „Die Suchleiste für Ihr Leben“ lautet das Motto der Jungfirma, die noch so neu ist, dass sie Nutzer vorerst nur handverlesen aufnimmt, einen nach dem anderen. Die Anmeldung läuft – wie sonst? – per E-Mail. Die Greplin-Mitarbeiter am anderen Ende werden Hilfe brauchen können.

Freunde und Spione
Veröffentlicht in Allgemein von Karsten Lemm am 23.08.2010 um 06:15 Uhr

Die Aufregung um Google Street View geht am Thema vorbei: Nicht die Suchmaschine ist der neue Big Brother – sondern jeder von uns.

Der Papst mag nicht, wenn man unangemeldet zu Besuch kommt. Als Google durch Rom kurvte, um die ewige Stadt für Street View zu erfassen, waren die Kamerawagen im Vatikanstaat offenbar nicht erwünscht. Ganz Rom kann man aus der Fußgängerperspektive bewundern, bis auf die 44 Hektar rund um den Petersdom. Das ist aber nicht schlimm. Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie schön bei Benedict XVI die Gärten blühen oder wie die Sixtinische Kapelle aussieht, sogar von innen, kommt trotzdem mit Google Maps zum Ziel. Man zieht einfach das kleine Street View-Männchen auf einen der blauen Punkte auf der Karte, und schon gibt es viele, viele Bilder zu sehen, die eifrige Vatikanstadt-Besucher aufgenommen und selbst ins Netz gestellt haben. Das funktioniert auch zwischen Kiel und Koblenz, Bochum und Berlin. Schon vor dem Deutschland-Start von Street View kann ich zum Beispiel die Reihenhaus-Idylle in der Kolmarerstraße in Bochum bewundern – dank Nutzer „alex5609“, der den Blick auf die dreistöckigen Gebäude gern der ganzen Welt zeigen möchte. Also hat er den Schnappschuss bei Panoramio ins Netz gestellt, einem Foto-Service à la Flickr, der seine Nutzer immer schon gefragt hat: „Wo habt ihr das denn aufgenommen?“ Über die Jahre ist durch das Verknüpfen mit Längengrad und Breitengrad (so genanntes „Geotagging“) ein detailliertes Bild der Welt entstanden, die perfekte Ergänzung zu Googles Kartendiensten. Zunächst tauchten Panoramio-Fotos nur bei Panoramio selbst auf, dann bei Google Earth und seit kurzem auch in Google Maps.

Da sind sie nun endgültig nicht mehr zu übersehen – und manch einer mag erstaunt entdecken,sehr prominent im Netz plaziert zu sein, wenn jemand nach dem Brandenburger Tor sucht, dem Louvre oder einem Platz an der Sonne auf Ibiza. Wo auch immer man mal war. Irgendwer drückt ab, klick!, stellt das Bild ins Netz, und schon kann es jeder bewundern. Verpixelt ist gar nichts, anders als bei Street View, und oft genug geben die Nutzerfotos weit tiefere Einblicke in unseren Alltag als Googles Kamerawagen, die einmal alle paar Jahre durch die Straße vor der eigenen Haustür fahren.

Gewiss, Google hat nicht gefragt, und das mag man frech finden. Aber viele, die ihre Schnappschüsse aus den Ferien oder von der letzten Party an Flickr, Facebook oder Panoramio weiterreichen, fragen genausowenig – und oft sind andere Leute mit im Bild, die nicht unbedingt glücklich darüber sein müssen, gleich mit im Netz zu landen.

Doch Fotos sind ja nur ein kleiner Teil des Puzzles: Wie viele von denen, die sich über Street View als vermeintlichen Street Voyeur empören, sind zugleich eifrige Facebook-, StudiVZ- oder Xing-Nutzer? Mit erstaunlicher Unbekümmertheit vertrauen mittlerweile viele Millionen Menschen ihr halbes Leben sozialen Netzwerken an – plaudern über Lieder und Filme, die sie mögen, Autos, Bücher und andere Dinge, die sie nicht mögen; den Chef, der ihnen auf die Nerven geht; die neue Kollegin, die so süß aussieht, wenn sie lacht; die große Liebe und kleine Geheimnisse, etliche zum Teil sehr intime Details aus ihrem Alltag. Ganz so, als säße man im kleinen Kreis beisammen, wirklich nur unter Freunden, und niemand würde mithören.

Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wohl nirgendwo im Internet geben wir uns so sehr die Blöße wie in sozialen Netzwerken und bei vielen anderen Diensten, die uns immerzu ermuntern, etwas aus unserem Leben preiszugeben. Im Gegenzug lockt das Versprechen, Aufmerksamkeit zu gewinnen, neue Freunde zu finden oder maßgeschneiderte Digital-Dienste zu bekommen, die unseren Alltag schöner und bequemer machen sollen – man muss nur Einblick geben in seine Vorlieben und Gewohnheiten. Das geht alles so einfach und scheint so verheißungsvoll, dass viele das Motiv der Firmen vergessen: Natürlich wollen sie Geld verdienen, und die meisten Angebote finanzieren sich über Werbung. Also sammeln Facebook & Co. fleißig jedes Info-Schnipselchen über ihre Nutzer, das sie finden können, um zielgenaue Anzeigen zu verkaufen. Je geringer die Streuverluste, um so höher der Werbepreis. (Mehr dazu im aktuellen Stern sowie diesem lesenswerten Kommentar meines FAZ-Kollegen Carsten Knop: „Street View ist nicht das Problem.“)

„Wenn jemand vor Ihrer Haustür entlang fährt, der Sie fotografiert, fühlt es sich sehr direkt wie eine Verletzung der Privatsphäre an“, sagt Alessandro Acquisti, ein Internet-Sicherheitsexperte an der Carnegie Mellon-Universität in Pittsburgh, mit dem ich mich ausführlich für den Stern-Titel unterhalten habe. Doch im Gegensatz zu Street View passiert das Datensammeln in der Online-Welt unauffällig im Hintergrund. „Es bleibt unsichtbar“, sagt Acquisti, „deshalb reagieren die meisten Menschen weit weniger aufgebracht.“

Während die Firmen uns über die Schulter schauen, weil sie sich ein Milliardengeschäft davon erhoffen, sehen wir Nutzer darin ein Gesellschaftsspiel. Im Grunde machen soziale Netzwerke die ganze Welt zum Dorf: Jeder kennt jeden, und alle wissen immer über die anderen Bescheid. Man kann sich heraushalten, klar, aber wer das tut, stellt sich ins Abseits. Also teilen wir fleißig mit, was uns beschäftigt, wohin die nächste Reise geht, was wir von der Schwiegermutter halten, vom Vermieter, von den Nachbarn – und begeben uns freiwillig unter ständige Beobachtung. „Früher dachten wir bei Big Brother an die Regierung – heute sind wir selbst zu Big Brother geworden“, sagt Acquisti. Das heißt nicht, dass dahinter böse Absichten stecken, im Gegenteil. Wir beobachten und verfolgen einander „auf eine sehr nette, freundlich gemeinte Art“, wie Acquisti betont. Aber es bleibt eben doch Beobachtung.

Technikpropheten versuchen, uns einzureden, dass Datenschutz und Privatsphäre im Internetzeitalter eh passé sind. Ich halte das für gefährlichen Unsinn. Zum einen drohen jedem, der zu viel von sich öffentlich macht, sehr konkrete Nachteile: Das reicht vom Job, den man nicht bekommt, weil die Personalstelle bei Facebook zuviel Unbequemes entdeckt, bis zum schlechteren Kreditzins, weil die Bank im Netz stöbert und zu dem Schluss kommt, dass der Kunde ein Wackelkandidat ist. Das muss nicht mal stimmen, der Eindruck genügt. Die andere Gefahr ist schleichend – ein Verlust der Freiheit im Kopf: massenkonformes Verhalten und Selbstzensur aus Furcht davor, negativ aufzufallen. „Die Freiheit des Einzelnen hängt direkt davon ab, dass wir nicht bei Schritt und Tritt überwacht werden“, sagt der Autor und Internetexperte Nicholas Carr. „Es geht um mehr als die Unterwanderung des Datenschutzes – es geht um unseren freien Willen.“

Vorige Woche hat Facebook den nächsten Schritt getan: Mit „Places“ können wir unseren Freunden nicht nur durch den Tag folgen, sondern auch von einem Ort zum anderen. Mit Places sagen Nutzer, wo sie gerade sind – und mehr noch, sie können auch sagen, welche Facebook-Freunde sonst noch da sind. Ohne, dass die anderen es unbedingt mitbekommen. Die möglichen Folgen hat das Online-Magazin „Slate“ sehr gut beschrieben: Die vielen kleinen, meist harmlosen Lügen, die wir uns gegenseitig täglich erzählen, fliegen plötzlich ganz leicht auf. „Wie wär’s mit Kino?“ – „Ach nee, ich kann heute nicht, muss noch arbeiten…“ Dumm, wenn man dann bei einer Party erwischt wird, weil jemand mit Places gespielt hat. Es gibt etliche solche Situationen, die unangenehm werden können, wenn plötzlich alle Online-Freunde jederzeit wissen, wo man wann gewesen ist. „Mit diesem System wird Facebook zur Aufrichtigkeits-Polizei“, schreibt Slate.

Places lässt sich abstellen, zum Glück. Dann erfasst Facebook nur diejenigen, die aus eigenem Antrieb der Welt mitteilen, wo sie gerade herumschwirren. Eine Garantie, nicht trotzdem online bloßgestellt zu werden, ist das freilich nicht – es reicht ja schon, wenn irgendwo in der Nähe jemand auf den Auslöser drückt und das Bild publik macht. Im Augenblick mag das noch in der Masse untergehen, doch im Internet verkommt nichts, und Bilderkennungssysteme werden ständig besser. Irgendwann, in wahrscheinlich gar nicht ferner Zukunft, werden Google und andere so weit sein, dass sie ein „Face View“ einführen können: die Suche mit Gesichtserkennung. Das ist dann ein bisschen unheimlicher als Street View – und  die Datenschützer haben wirklich Grund zum Protestieren.

Nachrichten aus der Zukunft
Veröffentlicht in Allgemein von Karsten Lemm am 06.08.2010 um 07:38 Uhr

Lesen als Erlebnis: Mit dem iPad und seinen Geschwistern kann die Presse sich neu erfinden. Merken das auch die Verlage?


Seit ich das iPad habe, liegt die Morgenzeitung wieder neben mir auf dem Frühstückstisch. Um das Neueste vom Tage zu erfahren, muss ich nicht am Schreibtisch hocken und auf den Bildschirm starren, vornübergebeugt wie bei der Arbeit, sondern kann mich gemütlich zurücklehnen, mit einem Fingertippen von einer Schlagzeile zur nächsten springen und zwischendurch gelegentlich nach der Tasse Kaffee greifen. (Mehr dazu in meinem stern.de-Artikel über das Leben mit dem iPad.)

Doch im Browser zu lesen ist nur das halbe Vergnügen. Der Browser ist ein Allzweckprogramm, das im einen Moment den Börsenkurs anzeigen soll und im nächsten den günstigsten Flug von München nach Rio. Weil das immer Kompromisse bedeutet, floriert die Entwicklung von „Apps“, speziellen Anwendungen für iPad und iPod, aber auch Smartphones mit dem rivalisierenden „Android“-Betriebssystem. Apps sind optimiert darauf, eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen – Internetradio abzuspielen, die Nachrichten der 50.000 engsten Facebook-Freunde anzuzeigen oder eben den billigsten Flug in die Ferien zu finden.

Hastig stürzen sich auch immer mehr Verlage ins Digital-Abenteuer, und so gibt es inzwischen eigene Apps für Zeitungen wie die Welt, Le Monde oder das Wall Street Journal, aber auch eine Vielzahl von Magazinen, darunter deutsche wie Brand Eins und Spiegel ebenso wie internationale. (Der Stern arbeitet ebenfalls an einem „eMagazine“.) Man kann mit solchen Programmen prima die Presse aus aller Welt genießen, und oft macht das Lesen auf diese Weise mehr Spaß als im Browser, weil die Artikel wieder präsentiert werden können wie auf Papier: in einem Layout, das die Gestalter kontrollieren, statt mehr oder weniger beliebig wie im Browser.

Aber es gibt enorme Unterschiede bei der Qualität der Apps und auch bei der Höhe der Preise. Die Verlage, das ist kein Geheimnis, leiden unter dem Umstieg von Papier auf Digitalwelt. Im Browser sind Informationen meistens kostenlos zu haben – aus gutem Grund, denn es wimmelt nur so von Nachrichten im Internet, an allen Ecken lässt sich problemlos finden, was man wissen möchte. Wer trotzdem die Hand aufhalten will, muss etwas Besonderes bieten. Meine Überzeugung ist: Da die Inhalte durch Inflation an Wert verlieren, muss die Verpackung das Besondere sein. Es muss angenehmer und bequemer, spannender und mitreißender sein, die Informationen in einer App zu betrachten als im Browser – und zusätzlich muss der Preis stimmen. Leider scheinen viele Verlage bisher darauf aus zu sein, für ein Minimum an Aufwand das Maximum an Geld zu verlangen. Verständlich vielleicht, aber nicht besonders klug. Statt Kunden zu locken, die man erst noch überzeugen muss, für etwas Kostenloses überhaupt wieder zu zahlen, verprellt man sie.

Die besten Beispiele, die mir einfallen, sind das US-Magazin Time und der „iKiosk“ des Axel Springer Verlags. Time kostet im Apple-Store 4,99 Dollar (derzeit knapp 4 Euro) pro Ausgabe – während das gedruckte Heft als Abo für das gesamte Jahr schon für 20 Dollar zu haben ist. So ist das in Amerika üblich. Ähnlich gierig zeigt sich der Springer-Verlag, der in seinem „iKiosk“ eine Reihe von Tageszeitungen als iPad-Version anbietet. Für einen Monat digitale „Welt“ verlangen die Berliner 29,99 Euro, das „Hamburger Abendblatt“ gibt’s für 19,99, und BILD kostet 12,99 im Monat. All das ist mir zu teuer – nicht nur, weil der Verlag Druck- und Vertriebskosten spart, sondern auch, weil der iKiosk nichts anderes bietet, als dass man die Zeitungen lesen kann wie auf Papier. Es gibt keine zusätzlichen Fotostrecken, keine interaktiven Grafiken, keine Videos, ja nicht mal die Möglichkeit, einzelne Artikel auszuwählen, um sie leichter zu lesen und vielleicht an Freunde weiterzuschicken.

Das ist ohnehin etwas, mit dem viele Verlage kämpfen: Offenbar aus Angst, die teuer eingekauften Nachrichten könnten übereifrig weitergereicht werden, sperren sie ihre Leser ein. Wenn überhaupt, erlauben die meisten nur, Links zu verschicken – sei es per E-Mail, Twitter oder Facebook. Die Empfänger werden auf Webseiten geleitet, wo sie die Artikel wieder im Browser sehen. Nicht gerade die beste Art, Menschen an eine neue Form des Lesens heranzuführen. Obendrein bekomme ich als zahlender Kunde meist keine Möglichkeit, Artikel, die ich spannend finde, aufzuheben, zu drucken oder auf den PC zu übertragen.

Am besten gefallen mir im Augenblick die Apps des Spiegel und von Zinio. Der Spiegel geht einen Mittelweg zwischen textlastig (wie in seiner iPhone-App) und einer Präsentation ähnlich wie auf Papier. Das Layout ist nicht identisch mit dem gedruckten Heft, aber was soll’s? Wer den Spiegel digital abonniert, bekommt auch am PC Zugang zu den Heftinhalten und kann einzelne Artikel oder die gesamte Ausgabe als PDF-Datei laden – ideal zum Drucken oder Archivieren. Die iPad-App konzentriert sich darauf, Artikel aus dem Heft optimal für das iPad aufzubereiten. Dazu gehört auch, dass viele Artikel mit Video-Material ergänzt werden, meist von Spiegel TV. Weiterführende Informationen von Spiegel.de sowie Diskussionsforen sind per Browser in die App integriert. Was fehlt, ist die Möglichkeit, Artikel an Freunde zu schicken (siehe oben). Dennoch finde ich 16 Euro im Monat (189,90 Euro im Jahr) für all das einen fairen Preis.

Zinio wiederum gefällt mir, weil ich damit Zeitschriften aus aller Welt lesen kann, ohne für jede von ihnen eine eigene App zu installieren. Zinio ist ein digitaler Kiosk mit mehr als 2000 Titeln im Angebot, darunter der Economist, Le Point, Business Week, GEO International, Muy Interesante, Focus Italien, Harvard Business Review und viele mehr. Manche Verlage belassen es dabei, ihre Heftinhalte als PDF an Zinio weiterzureichen – das ist einfallslos, aber immerhin: Wenn der Preis stimmt, bin ich bereit, selbst dafür zu zahlen, um ein Magazin vom anderen Ende der Welt zu lesen, so wie es gedruckt wird.

Spannend wird es, wenn die Verlage ihre Ideen spielen lassen und die Möglichkeiten nutzen, die die Software bietet: National Geographic etwa reichert jede Ausgabe mit Filmen und interaktiven Grafiken an, und oft bekomme ich als Leser einen Blick hinter die Kulissen geboten, wenn Fotografen im „Making of“-Video berichten, welche Abenteuer sie bei der Recherche erlebt haben. Das Musikmagazin Rolling Stone wiederum hat sich gerade mit Zinio zusammengetan, um in einer Sonderausgabe seine Liste der „500 besten Songs aller Zeiten“ zum Leben zu erwecken: Jedes Lied lässt sich direkt in der App anhören, während man den Text dazu liest, und bei Gefallen kann man es gleich kaufen – ein Fingertippen genügt, schon landet man im iTunes-Musikladen auf dem iPad.

Leider finden sich bisher keine deutschen Inhalte bei Zinio, weil Verlage zwischen Berlin und München noch zögern mitzumachen. Doch für alle, die eine Fremdsprache sprechen und sich gern in der Welt umschauen, kann ich Zinio nur empfehlen. (Mehr zu der App demnächst an dieser Stelle – ich hatte vor kurzem Gelegenheit, mich mit dem Chef der Firma, die hier in San Francisco beheimatet ist, ausführlich zu unterhalten.) Die Preise sind meist recht günstig – der Rolling Stone etwa kostet im Jahres-Abo 20 Dollar, also gerade mal 15 Euro. Wer kein iPad besitzt, kann Zinio auch auf Mac- und Windows-Rechnern nutzen; dann allerdings wieder vornübergebeugt mit starrem Blick auf den Bildschirm.

Die Zukunft schaut bei alledem freilich nur ansatzweise um die Ecke. Das iPad und seine Geschwister, die noch folgen werden, erlauben es uns Journalisten, Themen auf ganz neue Weise aufzubereiten. Bisher stehen Videos und interaktive Grafiken häufig noch etwas unbeholfen neben dem Text; künftig, wenn alles gemeinsam produziert wird, können daraus ganz neue Erzählformen entstehen. Der Springer-Verlag, der sich bei seinem iKiosk so einfallslos zeigt, probiert das bereits mit dem digitalen Lifestyle-Magazin „Iconist“, einer App, die eigens für das iPad entwickelt wurde. Man kann dort fleißig durch Fotoseiten blättern, Videos anschauen und Texte über teure Weine lesen.

Alles fein. Freut mich, dass überhaupt jemand bereit ist, etwas auszuprobieren. Noch besser fände ich es aber, die „test“ oder „c’t“ auf meinem iPad zu lesen, und bei jeder Produktbesprechung könnte ich selber sagen, welche Eigenschaften mir wichtig sind – mir, nicht der Redaktion, die vielleicht glaubt, dass zu viel Zucker in der Erdbeermarmelade zur Abwertung führen muss oder die Größe der Festplatte wichtiger ist als die Frage, ob der Laptop-Bildschirm spiegelt. Plötzlich wären die Tabellen nicht mehr statisch, die Bewertungen nicht mehr vorgegeben, sondern ich als Leser könnte mitbestimmen und die Testresultate an meine Bedürfnisse anpassen.

Ähnlich hätten Zeitschriften wie „Spotlight“ und „Écoute“ die Chance, das Sprachenlernen neu zu erfinden – mit Videos und interaktiven Übungen, Aussprachetraining und Artikeln, bei denen das Wörterbuch in den Text gleich mit eingebaut ist. Hmm, „gâterie“ – nie gehört. Ein Fingertippen – ach, da steht’s: „Süßigkeiten“. Sweet, so einfach könnte es gehen. Selbst Video-Chat mit anderen, die dieselbe Sprache lernen wollen, wäre technisch kein Problem. Und wo ist das „Merian“ oder „GEO Saison“, bei dem ich mit dem Finger auf der Weltkugel herumfahren kann? Überall gibt es etwas zu entdecken: Reisereportagen, Videos, Fotos und Erlebnisberichte anderer Nutzer, Tipps von Leuten, die schon mal dort waren, wohin ich im nächsten Urlaub selbst gern reisen möchte. Als Fan von Knobeleien hätte ich auch nichts gegen einen interaktiven „P.M. Logik-Trainer“, bei dem die Rätsel auf dem iPad eine ganz neue Dimension erlangen.

Wahrscheinlich fällt Ihnen zu Ihrem Lieblingsmagazin auch sofort etwas Spannendes ein. Die Möglichkeiten, die sich durch Tablet-Rechner wie Apples Wunderflunder autun, sind schier unerschöpflich – hoffen wir, dass die Verlage schnell aufwachen, um sie zu ergreifen. Unterdessen freue ich mich – man will ja nicht undankbar sein –, dass ich beim Frühstück zumindest wieder so Zeitung lesen kann, wie es sein sollte: zurückgelehnt und ganz entspannt. Schließlich sollte die morgendliche Nachrichtenschau nicht in Arbeit ausarten; nicht mal, wenn man Reporter ist.

Die Masse macht’s
Veröffentlicht in Allgemein von Karsten Lemm am 01.07.2010 um 03:39 Uhr

Im Vielfach-Dutzend billiger: Neue Digitaldienste verkuppeln Käufer direkt mit Fabriken und nutzen das Internet, um Mengenrabatte auszuhandeln.

Wenn ich ausgehe, zahle ich immer seltener den vollen Preis. Neulich zum Beispiel war ich hervorragend Italienisch essen und musste für ein Dinner, das eigentlich mehr als 50 Dollar kosten sollte, gerade mal die Hälfte auf den Tisch legen. So bleibt Essengehen in San Francisco (keine billige Stadt) auch beim schwindsüchtigen Euro gerade noch erschwinglich. Das verdanke ich „Groupon“, einem Internetservice, der die Macht der Masse dazu einsetzt, bei örtlichen Geschäften Mengenrabatte auszuhandeln. (Der Name setzt sich zusammen aus „group“ für Gruppe und „Coupon“.)

Tag für Tag macht Groupon seinen Nutzern ein Sonderangebot: Das kann ein Segelkurs zum halben Preis sein; ein Haarschnitt beim Frisör mit 30 Prozent Nachlass; ein Besuch im Museum für die ganze Familie zum Preis von einem; oder auch ein Essen im Restaurant im Wert von 50 Dollar, das aber nur 25 Dollar kostet. Finden sich genügend Interessenten – was praktisch immer der Fall ist -, kommt der Deal zustande. Die Groupon-Nutzer zahlen, die Händler bekommen ihr Geld, und der Coupon, den man auf diese Weise erstanden hat, kann jederzeit genutzt werden; meist gilt er zwölf Monate lang.

Groupon kassiert natürlich mit, und das Geschäft läuft so gut, dass sich in Windeseile reichlich Nachahmer gefunden haben – auch in Deutschland. Da hieß Groupon bis vor kurzem „Citydeal“, ehe die Amerikaner das Imitat einfach kauften, um schneller nach Europa zu expandieren.

Groupon ist ein Musterbeispiel für eine neue Form von E-Commerce, bei der das Internet dazu dient, bessere Preise auszuhandeln, indem sich viele Gleichgesinnte via WWW zusammenfinden. Wenn ich als Einzelner zum Restaurant ginge, um vorzuschlagen, dass ich mir zum halben Preis den Bauch vollschlagen darf, würde der Besitzer kräftig lachen – aber die Aussicht, mit 50 Prozent Rabatt nicht nur einen einzigen neuen Kunden zu gewinnen, sondern womöglich gleich Hunderte, ändert alles. Und für mich als Kunden macht es der hohe Nachlass leicht, zum Angebot „ja“ zu sagen – die Hemmschwelle sinkt, die Breitschaft, Neues auszuprobieren, steigt, und wenn ich zufrieden bin, komme ich gern wieder und zahle beim nächsten Mal den vollen Preis.

Einen anderen Weg, die Macht der Masse zu nutzen, geht „MyFab“: Die Firma aus Paris, die seit ein paar Monaten auch eine deutsche Niederlassung hat, sammelt Bestellungen für Designermöbel, und erst wenn sich genügend Interessenten gefunden haben, werden die Möbel beim Hersteller in Auftrag gegeben und anschließend direkt an die Besteller ausgeliefert. Da MyFab weder Kosten für die Lagerhaltung hat, noch Ladenmieten zahlen muss, kann die Firma deutlich billiger sein als die Konkurrenz.

„MyFab steht für Transparenz bei den Preisen“, erklärt Firmengründer Stéphane Setbon. „Ein Stuhl besteht aus ein paar Stücken Holz, das uns die Natur zur Verfügung stellt, plus Herstellungskosten. Es gibt keinen Grund, dass der Preis am Ende 50 Mal so hoch sein sollte wie die Materialkosten.“

Setbon ist ein 35-jähriger ehemaliger Investmentbanker, der zum Unternehmer wurde, weil er selbst nicht einsehen mochte, dass er für eine Couch, die ihm gefiel, 500 Euro zahlen sollte. Er telefonierte herum, suchte im Internet und stellte fest, dass er dieselbe Couch, die er im Möbelladen sah, direkt beim Hersteller in China für nur 50 Euro bekommen konnte – wenn er gleich 500 Stück abnahm. „Ich musste mich als Großhändler ausgeben“, um auch nur die Informationen zu bekommen, berichtet Setbon. Doch statt entnervt aufzugeben, fragte er sich, wie er er tatsächlich zum Großhändler werden könnte. „Mir war klar, dass der Schlüssel dazu beim Internet lag“, erklärt er, „weil das Internet sehr gut darin ist, in kurzer Zeit Nachfrage zu erzeugen.“

Heute, nur zwei Jahre später, ist MyFab ein Unternehmen mit über hundert Mitarbeitern und mehr als 120.000 Kunden. Auch 20.000 Deutsche, erzählt Setbon, waren schon bereit, sich auf sein ungewöhnliches Angebot einzulassen: Im Gegenzug für einen guten Preis kauften sie Tische, die sie nie angefasst hatten, Betten, in denen sie nie Probe gelegen hatten, und warteten nach der Bestellung zwei bis drei Monate, bis ihre Möbel hergestellt und geliefert wurden. Praktisch alles, was MyFab anbietet, stammt aus China, wie in der Branche überwiegend üblich. Seine Zulieferer seien die gleichen, die auch für Markenhersteller arbeiten, versichert Setbon, der sogar von Paris nach Shanghai übergesiedelt ist, um näher bei seinen Partnern zu sein (womit zumindest er einen hohen Preis zahlt).

Für alles, was MyFab anbietet, gibt es immer nur ein kurzes Bestellfenster – ähnlich wie bei Auktionen auf eBay. Entwickelt sich ein Produkt zum Bestseller, wie etwa der Sitzsack, der inzwischen eine ganze Produktfamilie um sich geschart hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es das entsprechende Möbelstück regelmäßig gibt. Anderes, das sich eher schleppend verkauft, wird womöglich nur so lange angeboten, bis sich genügend Käufer finden, um es ein einziges Mal herzustellen und dann nie wieder.

Auf jeden Fall ist alles vergleichsweise billig. „Man muss 50 bis 80 Prozent Ersparnis bieten können, das ist die Schwelle, damit Leute bereit sind, so lange auf ihre Möbel zu warten“, erklärte Setbon – von Termin zu Termin hetzend – mir kürzlich bei einem Morgenkaffee hier in San Francisco, wo er gerade dabei ist, die US-Filiale von MyFab aufzubauen. Und als hätte er mit dem Aufbruch nach Amerika noch nicht genug zu tun, will der Jungunternehmer gleich noch in andere Produktkategorien expandieren. „Mode, Sonnenbrillen, Reisetaschen, Schmuck“, zählt er auf – überall wird nach Setbons Ansicht über Gebühr hingelangt, und das will er ändern.

„Die Menschen durchschauen die Heuchelei bei Markenrodukten“, sagt der Franzose. „Sie wissen ja, dass das meiste aus China und anderen Ländern kommt, in denen man billig produzieren kann.“ Testweise hat MyFab im vorigen Jahr Herren-Anzüge angeboten und auf Anhieb Tausende Käufer gefunden, erzählt Setbon. „Anzüge, die in Paris 2000 Euro kosten, können Sie in China für 100 Euro einkaufen.“ Rechnet man Mehrwertsteuer und andere Kosten ein, kann MyFab sie für 150 oder 200 Euro ins Sortiment nehmen – weit unter dem, was Boutiquen verlangen. Was nicht gefällt, kann innerhalb von 14 Tagen zurückgegeben werden, genau wie bei jedem anderen Versandhändler.

Und doch gibt es Grenzen für das Geschäftsmodell – auch wenn es den MyFab-Gründer schmerzt: „Kosmetik wird niemand von uns kaufen, und das ist eine Schande“, seufzt Setbon. Nur zu gern würde er Millionen von Lippenstiften und Puderdöschen unters Volk bringen, die in der Herstellung so gut wie nichts kosten und doch für ein Vielfaches ihres Materialwerts verkauft werden. „Die Gewinnspanne liegt bei 95 Prozent und mehr“, rechnet Setbon vor, aber er weiß natürlich, dass der wahre Wert solcher Produkte im Auge der Betrachterin liegt, nicht darin, wieviel Chanel & Co. für die Herstellung zahlen. „Wenn es um Status geht, um Produkte, an denen man seine Identität festmacht“, sei MyFab chancenlos, räumt Setbon ein, denn die Identität hängt am Markennamen, „und niemand will eine Identität ohne Namen.“

Aber wenn es um T-Shirts geht, Socken oder Oberhemden? Warum nicht? Ich zumindest hätte nichts dagegen, auch solche Kleidungsstücke im Dutzend billiger zu bekommen – selbst wenn ich ein paar Wochen warten müsste, weil ja alles erst nach der Bestellung aus der Fabrik kommt. In der Zwischenzeit kann ich mit dem Geld, das ich spare, ein paarmal Essen gehen. Zum halben Preis, versteht sich.

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