Lesen als Erlebnis: Mit dem iPad und seinen Geschwistern kann die Presse sich neu erfinden. Merken das auch die Verlage?
Seit ich das iPad habe, liegt die Morgenzeitung wieder neben mir auf dem Frühstückstisch. Um das Neueste vom Tage zu erfahren, muss ich nicht am Schreibtisch hocken und auf den Bildschirm starren, vornübergebeugt wie bei der Arbeit, sondern kann mich gemütlich zurücklehnen, mit einem Fingertippen von einer Schlagzeile zur nächsten springen und zwischendurch gelegentlich nach der Tasse Kaffee greifen. (Mehr dazu in meinem stern.de-Artikel über das Leben mit dem iPad.)
Doch im Browser zu lesen ist nur das halbe Vergnügen. Der Browser ist ein Allzweckprogramm, das im einen Moment den Börsenkurs anzeigen soll und im nächsten den günstigsten Flug von München nach Rio. Weil das immer Kompromisse bedeutet, floriert die Entwicklung von „Apps“, speziellen Anwendungen für iPad und iPod, aber auch Smartphones mit dem rivalisierenden „Android“-Betriebssystem. Apps sind optimiert darauf, eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen – Internetradio abzuspielen, die Nachrichten der 50.000 engsten Facebook-Freunde anzuzeigen oder eben den billigsten Flug in die Ferien zu finden.
Hastig stürzen sich auch immer mehr Verlage ins Digital-Abenteuer, und so gibt es inzwischen eigene Apps für Zeitungen wie die Welt, Le Monde oder das Wall Street Journal, aber auch eine Vielzahl von Magazinen, darunter deutsche wie Brand Eins und Spiegel ebenso wie internationale. (Der Stern arbeitet ebenfalls an einem „eMagazine“.) Man kann mit solchen Programmen prima die Presse aus aller Welt genießen, und oft macht das Lesen auf diese Weise mehr Spaß als im Browser, weil die Artikel wieder präsentiert werden können wie auf Papier: in einem Layout, das die Gestalter kontrollieren, statt mehr oder weniger beliebig wie im Browser.
Aber es gibt enorme Unterschiede bei der Qualität der Apps und auch bei der Höhe der Preise. Die Verlage, das ist kein Geheimnis, leiden unter dem Umstieg von Papier auf Digitalwelt. Im Browser sind Informationen meistens kostenlos zu haben – aus gutem Grund, denn es wimmelt nur so von Nachrichten im Internet, an allen Ecken lässt sich problemlos finden, was man wissen möchte. Wer trotzdem die Hand aufhalten will, muss etwas Besonderes bieten. Meine Überzeugung ist: Da die Inhalte durch Inflation an Wert verlieren, muss die Verpackung das Besondere sein. Es muss angenehmer und bequemer, spannender und mitreißender sein, die Informationen in einer App zu betrachten als im Browser – und zusätzlich muss der Preis stimmen. Leider scheinen viele Verlage bisher darauf aus zu sein, für ein Minimum an Aufwand das Maximum an Geld zu verlangen. Verständlich vielleicht, aber nicht besonders klug. Statt Kunden zu locken, die man erst noch überzeugen muss, für etwas Kostenloses überhaupt wieder zu zahlen, verprellt man sie.
Die besten Beispiele, die mir einfallen, sind das US-Magazin Time und der „iKiosk“ des Axel Springer Verlags. Time kostet im Apple-Store 4,99 Dollar (derzeit knapp 4 Euro) pro Ausgabe – während das gedruckte Heft als Abo für das gesamte Jahr schon für 20 Dollar zu haben ist. So ist das in Amerika üblich. Ähnlich gierig zeigt sich der Springer-Verlag, der in seinem „iKiosk“ eine Reihe von Tageszeitungen als iPad-Version anbietet. Für einen Monat digitale „Welt“ verlangen die Berliner 29,99 Euro, das „Hamburger Abendblatt“ gibt’s für 19,99, und BILD kostet 12,99 im Monat. All das ist mir zu teuer – nicht nur, weil der Verlag Druck- und Vertriebskosten spart, sondern auch, weil der iKiosk nichts anderes bietet, als dass man die Zeitungen lesen kann wie auf Papier. Es gibt keine zusätzlichen Fotostrecken, keine interaktiven Grafiken, keine Videos, ja nicht mal die Möglichkeit, einzelne Artikel auszuwählen, um sie leichter zu lesen und vielleicht an Freunde weiterzuschicken.
Das ist ohnehin etwas, mit dem viele Verlage kämpfen: Offenbar aus Angst, die teuer eingekauften Nachrichten könnten übereifrig weitergereicht werden, sperren sie ihre Leser ein. Wenn überhaupt, erlauben die meisten nur, Links zu verschicken – sei es per E-Mail, Twitter oder Facebook. Die Empfänger werden auf Webseiten geleitet, wo sie die Artikel wieder im Browser sehen. Nicht gerade die beste Art, Menschen an eine neue Form des Lesens heranzuführen. Obendrein bekomme ich als zahlender Kunde meist keine Möglichkeit, Artikel, die ich spannend finde, aufzuheben, zu drucken oder auf den PC zu übertragen.
Am besten gefallen mir im Augenblick die Apps des Spiegel und von Zinio. Der Spiegel geht einen Mittelweg zwischen textlastig (wie in seiner iPhone-App) und einer Präsentation ähnlich wie auf Papier. Das Layout ist nicht identisch mit dem gedruckten Heft, aber was soll’s? Wer den Spiegel digital abonniert, bekommt auch am PC Zugang zu den Heftinhalten und kann einzelne Artikel oder die gesamte Ausgabe als PDF-Datei laden – ideal zum Drucken oder Archivieren. Die iPad-App konzentriert sich darauf, Artikel aus dem Heft optimal für das iPad aufzubereiten. Dazu gehört auch, dass viele Artikel mit Video-Material ergänzt werden, meist von Spiegel TV. Weiterführende Informationen von Spiegel.de sowie Diskussionsforen sind per Browser in die App integriert. Was fehlt, ist die Möglichkeit, Artikel an Freunde zu schicken (siehe oben). Dennoch finde ich 16 Euro im Monat (189,90 Euro im Jahr) für all das einen fairen Preis.
Zinio wiederum gefällt mir, weil ich damit Zeitschriften aus aller Welt lesen kann, ohne für jede von ihnen eine eigene App zu installieren. Zinio ist ein digitaler Kiosk mit mehr als 2000 Titeln im Angebot, darunter der Economist, Le Point, Business Week, GEO International, Muy Interesante, Focus Italien, Harvard Business Review und viele mehr. Manche Verlage belassen es dabei, ihre Heftinhalte als PDF an Zinio weiterzureichen – das ist einfallslos, aber immerhin: Wenn der Preis stimmt, bin ich bereit, selbst dafür zu zahlen, um ein Magazin vom anderen Ende der Welt zu lesen, so wie es gedruckt wird.
Spannend wird es, wenn die Verlage ihre Ideen spielen lassen und die Möglichkeiten nutzen, die die Software bietet: National Geographic etwa reichert jede Ausgabe mit Filmen und interaktiven Grafiken an, und oft bekomme ich als Leser einen Blick hinter die Kulissen geboten, wenn Fotografen im „Making of“-Video berichten, welche Abenteuer sie bei der Recherche erlebt haben. Das Musikmagazin Rolling Stone wiederum hat sich gerade mit Zinio zusammengetan, um in einer Sonderausgabe seine Liste der „500 besten Songs aller Zeiten“ zum Leben zu erwecken: Jedes Lied lässt sich direkt in der App anhören, während man den Text dazu liest, und bei Gefallen kann man es gleich kaufen – ein Fingertippen genügt, schon landet man im iTunes-Musikladen auf dem iPad.
Leider finden sich bisher keine deutschen Inhalte bei Zinio, weil Verlage zwischen Berlin und München noch zögern mitzumachen. Doch für alle, die eine Fremdsprache sprechen und sich gern in der Welt umschauen, kann ich Zinio nur empfehlen. (Mehr zu der App demnächst an dieser Stelle – ich hatte vor kurzem Gelegenheit, mich mit dem Chef der Firma, die hier in San Francisco beheimatet ist, ausführlich zu unterhalten.) Die Preise sind meist recht günstig – der Rolling Stone etwa kostet im Jahres-Abo 20 Dollar, also gerade mal 15 Euro. Wer kein iPad besitzt, kann Zinio auch auf Mac- und Windows-Rechnern nutzen; dann allerdings wieder vornübergebeugt mit starrem Blick auf den Bildschirm.
Die Zukunft schaut bei alledem freilich nur ansatzweise um die Ecke. Das iPad und seine Geschwister, die noch folgen werden, erlauben es uns Journalisten, Themen auf ganz neue Weise aufzubereiten. Bisher stehen Videos und interaktive Grafiken häufig noch etwas unbeholfen neben dem Text; künftig, wenn alles gemeinsam produziert wird, können daraus ganz neue Erzählformen entstehen. Der Springer-Verlag, der sich bei seinem iKiosk so einfallslos zeigt, probiert das bereits mit dem digitalen Lifestyle-Magazin „Iconist“, einer App, die eigens für das iPad entwickelt wurde. Man kann dort fleißig durch Fotoseiten blättern, Videos anschauen und Texte über teure Weine lesen.
Alles fein. Freut mich, dass überhaupt jemand bereit ist, etwas auszuprobieren. Noch besser fände ich es aber, die „test“ oder „c’t“ auf meinem iPad zu lesen, und bei jeder Produktbesprechung könnte ich selber sagen, welche Eigenschaften mir wichtig sind – mir, nicht der Redaktion, die vielleicht glaubt, dass zu viel Zucker in der Erdbeermarmelade zur Abwertung führen muss oder die Größe der Festplatte wichtiger ist als die Frage, ob der Laptop-Bildschirm spiegelt. Plötzlich wären die Tabellen nicht mehr statisch, die Bewertungen nicht mehr vorgegeben, sondern ich als Leser könnte mitbestimmen und die Testresultate an meine Bedürfnisse anpassen.
Ähnlich hätten Zeitschriften wie „Spotlight“ und „Écoute“ die Chance, das Sprachenlernen neu zu erfinden – mit Videos und interaktiven Übungen, Aussprachetraining und Artikeln, bei denen das Wörterbuch in den Text gleich mit eingebaut ist. Hmm, „gâterie“ – nie gehört. Ein Fingertippen – ach, da steht’s: „Süßigkeiten“.
Sweet, so einfach könnte es gehen. Selbst Video-Chat mit anderen, die dieselbe Sprache lernen wollen, wäre technisch kein Problem. Und wo ist das „Merian“ oder „GEO Saison“, bei dem ich mit dem Finger auf der Weltkugel herumfahren kann? Überall gibt es etwas zu entdecken: Reisereportagen, Videos, Fotos und Erlebnisberichte anderer Nutzer, Tipps von Leuten, die schon mal dort waren, wohin ich im nächsten Urlaub selbst gern reisen möchte. Als Fan von Knobeleien hätte ich auch nichts gegen einen interaktiven „P.M. Logik-Trainer“, bei dem die Rätsel auf dem iPad eine ganz neue Dimension erlangen.
Wahrscheinlich fällt Ihnen zu Ihrem Lieblingsmagazin auch sofort etwas Spannendes ein. Die Möglichkeiten, die sich durch Tablet-Rechner wie Apples Wunderflunder autun, sind schier unerschöpflich – hoffen wir, dass die Verlage schnell aufwachen, um sie zu ergreifen. Unterdessen freue ich mich – man will ja nicht undankbar sein –, dass ich beim Frühstück zumindest wieder so Zeitung lesen kann, wie es sein sollte: zurückgelehnt und ganz entspannt. Schließlich sollte die morgendliche Nachrichtenschau nicht in Arbeit ausarten; nicht mal, wenn man Reporter ist.
