Zukunft ohne Presse?
Das Internet treibt Zeitungen und Zeitschriften in den Ruin – sofern sie sich nichts Neues einfallen lassen.
Der junge Mann trat ans Mikrofon und erklärte fröhlich, beinahe stolz: "Ich bin 23 und habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Zeitung gekauft." Keine einzige? "Keine einzige!" Staunen, vermischt mit Entsetzen, schlug ihm entgegen, denn die Szene spielte sich ausgerechnet bei einer Tagung über die Zukunft des Journalismus ab, der "Innovation Journalism"-Konferenz an der Stanford-Universität. Kann es wirklich so schlimm sein?
Viele, die mit dem Sammeln und Weiterreichen von Nachrichten ihr Geld verdienen, mögen es immer noch nicht wahrhaben, aber unter den Jüngeren sind Nicht-Käufer längst die Regel. Das heißt nicht, dass die Facebook-Generation nicht mehr liest – im Gegenteil: Wahrscheinlich lesen die Älteren viel weniger, weil sie immer noch mit Fernsehen beschäftigt sind. Aber kaum jemand, der sich seine Informationen aus dem Internet besorgt, zahlt noch dafür. Warum auch? Es gibt ja alles umsonst, im Überfluss. Und genau deshalb wird es womöglich bald keine Zeitungen mehr geben. Zumindest nicht auf Papier.
In den USA sind schon eine Reihe von Traditionsblättern vom Kiosk verschwunden, viele weitere stehen auf der Kippe. Auslöser ist die Wirtschaftskrise – Anzeigenverluste rauben den Zeitungen die Geschäftsgrundlage. Doch die Todes-Ursache ist eine andere: Zahlende Leser werden immer seltener, und die Printmedien haben bisher keinen Weg gefunden, mit ihren Online-Angeboten Geld zu verdienen. Das Internetmodell basiert fast ausschließlich auf Werbe-Einnahmen, und die reichen bei weitem nicht aus, um die Kosten zu decken – trotz aller nervenden Pop-up-Fenster und Flicker-Flacker-Flash-Animationen.
Die Einzigen, die in der digitalen Medienwelt bisher Kasse machen, sind Google und einige Blogger. Google dank seiner Textanzeigen, die den Werbekunden messbare Ergebnisse versprechen, und Blogger, weil sie praktisch keine Kosten haben. Die traditionellen Medienhäuser schauen derweil in die Röhre und suchen ratlos nach einem Weg, weiter für ihre Angebote Geld zu verlangen.
Jahrzehntelang konnten Tageszeitungen, aber auch Zeitschriften wie der Stern, gut davon leben, dass Informationen eine relativ knappe Ware waren: Wenn irgendwo in der Welt etwas passierte, vom Unfall auf der Kreisstraße bis zum Rücktritt des Präsidenten, erfuhren es Journalisten in der Regel als Erste. Sie verpackten, was sie erfuhren, auf ihre Weise, und immer fanden sich Menschen, die bereit waren, dafür zu zahlen – ob in Form greller BILD-Schlagzeilen oder als Analyse in der ZEIT, nie gab es Zweifel, dass die Informationen einen Wert haben und ihre Konsumenten dafür zum Portemonnaie greifen.
Das funktioniert nicht mehr. Informationen sind praktisch wertlos geworden – eine Folge des Überangebots aus Daten, Fakten, Gerüchten, Nachrichten, Meldungen und Meinungen, die überall im Netz herumschwirren. Simple Marktwirtschaft. Und dass Journalisten etwas als Erste oder Einzige erfahren, kommt kaum noch vor; heute verbreiten sich Neuigkeiten in Sekundenschnelle via E-Mail, Facebook, Twitter, Skype und SMS, ehe irgendein Reporter die Chance hat, auch nur zum Telefonhörer zu greifen.
"Journalisten stehen jetzt im Wettberwerb mit vielen anderen, die Informationen verbreiten", resümierte Vint Cerf, einer der "Väter des Internets", auf der Stanford-Konferenz. "Die Frage ist nur: Wie können wir diesen Informationen trauen?" Medien-Unternehmen könnten Kapital aus dieser Unsicherheit schlagen, glaubt er: "Das Branding, die Marke, wird im Journalismus eine immer größere Rolle spielen." Mit anderen Worten: Wenn es bei der New York Times oder der Süddeutschen Zeitung steht, wird es schon stimmen, diesen Marken kann ich trauen; bei Schnatterblog.com dagegen – wer weiß…?
Der Chefredakteur der MIT-"Technology Review", Jason Pontin, sieht die Rettung der siechen Medien eher darin, auch online die Hand aufzuhalten: "Menschen müssen für das, was sie lesen, wieder mehr zahlen", forderte er in seiner Stanford-Rede. "Inhalte aus dem gedruckten Heft sollten nicht kostenlos ins Netz gestellt werden." Sein eigenes Magazin, mittlerweile 110 Jahre alt, betrachtet er in gedruckter Form als "ein Luxusgut" für diejenigen, "die es wirklich haben wollen": Leser, die Dollarscheine dafür hinblättern.
Ich bin skeptisch, dass es gelingen kann, für reine Internet-Angebote Geld zu verlangen. Viele Versuche sind aus gutem Grund gescheitert: Wer einmal etwas umsonst bekommen hat, langt dafür nicht gern in die Tasche – nicht, solange das Gleiche (oder auch nur etwas Ähnliches) um die Ecke weiterhin kostenlos zu haben ist.
Für traditionelle Medienhäuser muss deshalb noch längst nicht alles verloren sein. Den Einfallsreichen und Experimentierfreudigen bieten sich durchaus Wege zum Geldverdienen – und womöglich mehr Chancen, das Geschäft auszubauen, denn je. Anbieter von Mobildiensten etwa könnten bereit sein, für Inhalte zu zahlen, die ihnen helfen, sich von der Konkurrenz abzuheben. Geräte wie der Amazon-"Kindle" erlauben es, digitale Abonnements zu verkaufen. Auch das interaktive Fernsehen von morgen wird Zusatzinformationen brauchen.
Ganz allgemein liegt die Vermutung nah, dass viele Menschen noch am ehesten bereit wären, für Nachrichten wieder zu zahlen, wenn sie einen Mehrwert erhalten. Als Vorbild bietet sich iTunes an: Apples Musikladen lockt Millionen Kunden, weil es bequemer ist, ein Lied für 99 Cent zu kaufen, als es anderswo raubkopiert aus dem Netz zu fischen – womöglich nach langem Suchen und mit der Gefahr, den PC mit einem Virus zu infizieren. Auf ähnliche Weise könnten Verlage digitale Dienste aufbauen, die ihre Inhalte attraktiver machen, als sie bisher im Netz zu finden sind.
Wie wäre es zum Beispiel mit einer Software, die es mir erlaubt, Stern, Spiegel, GEO, Capital und alles, was mich sonst noch interessiert, elektronisch zu lesen, ohne dass ich mich von einer Webseite zur nächsten klicken muss? Stattdessen passiert alles automatisch: Die Nachrichten kommen zu mir, und ich sehe die Artikel genau wie auf Papier, im selben Layout, mit denselben Bildern. All das wird angereichert durch weiterführende und tagesaktuelle Informationen, und nichts ist statisch. Grafiken sind interaktiv, ich bekomme Fotos zu sehen, für die im gedruckten Heft kein Platz mehr war, vielleicht noch hier und da ein Video, und außerdem erfahre ich, wie bestimmte Artikel zustande gekommen sind – so ähnlich wie bei den "Making of"-Dokumentationen einer DVD.
Bei alledem muss der Preis stimmen, ganz klar. Die Verlage müssen bereit sein, sich mit deutlich weniger Geld zufrieden zu geben als bei dem, was sie auf Papier verkaufen – ähnlich, wie die Musikindustrie es zähneknirschend hinnimmt, lieber tausend Lieder für 99 Cent zu verkaufen als null CDs für 15 Euro.
Aber mal angenommen, es würde 5 Euro im Monat kosten, den Stern digital zu abonnieren, und obendrein hätten Abonnenten Zugriff aufs Archiv und könnten für 2 Euro extra ein weiteres G+J-Magazin lesen – die Brigitte, GEO, die Financial Times Deutschland oder einen der vielen anderen, auch ausländischen Titel, die der Traditionsverlag herausgibt. Die Auswahl ist groß und attraktiv. Wie wär’s? Interesse…?
Ich hoffe auf jeden Fall, dass Journalismus – Qualitätsjournalismus, bezahlter Journalismus – weiterhin eine Zukunft hat. Nicht nur aus Eigennutz, sondern weil Informationen keine Ware sind wie jede andere. Der Großteil dessen, was wir Journalisten produzieren, mag alles andere als staatstragend sein, aber ist es wirklich vorstellbar, dass Blogger den Watergate-Skandal aufgedeckt hätten? Oder auch nur die Affären bei Bahn, Telekom und Lidl?
"Bürger-Journalismus ist schön und gut", erklärte Jason Pontin bei der Stanford-Konferenz, aber eben kein Ersatz für die Arbeit von Vollzeit-Reportern. Und die kostet Geld, egal ob die Nachrichten künftig noch auf Papier gedruckt werden oder ob sie aus dem digitalen Äther kommen.




