Frühjahrs-Blues auf dem Fahrrad
In einem Anfall, übermannt von Frühlingsgefühlen, habe ich
mir ein Fahrrad gekauft. Im Supermarkt, wie eine Milch. Karte durch und das
Ding war meins. Und seither blicke ich dreigang-radelnd in Abgründe – auf der Strecke und in mir selbst.
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Bisher zog ich es vor, zu eiligen Terminen in der Stadt entweder
mit der Bahn – oder wenn der Interview-Ort ein wenig abgelegener war – mit dem
Auto zu fahren. Seit ein paar Tagen nehme ich das Rad (Drei Gänge, Nabendynamo (der nicht abzuschalten ist), gefederte Vorderachse, breitärschiger Sattel, analoge Klingel). Und stelle mir Fragen: darf ich mit Kopfhörer fahren? Wo darf ich fahren?
Und ich glaube seit den ersten Pedaltritten seit langem die
Abneigung der Radfahrer gegenüber Autofahrern zu verstehen.
Diese Ignoranten
(zu denen ich wohl auch gehöre, wenn ich im Auto sitze) nehmen einem die Vorfahrt, biegen einen fast über den Haufen ab, parken zu oft
auch noch so schmale Fahrradwege zu, reißen achtlos Beifahrertüren auf und
stehen an Ampeln meist so bescheuert, dass man bestimmt nicht rechts an ihnen
vorbei bis zum Haltestreifen vorziehen kann.
Noch dazu ist das Radwegenetz in Hamburg eine echte Zumutung
und eine Herausforderung. Schlaglöcher, Baumwurzeln, minotaurische
Verkehrsführung, oft nur lenkerbreite Streifchen. Andere können da im Wörtlichen Sinne Lieder davon singen.
Und das unter einer
schwarz-grünen Regierung. Gut, die ist erst seit einem Jahr im Amt und vorher
war die Autofahrerpartei alleine dran, aber trotzdem. Im aktuellen Koalitionsvertrag finden sich grade mal vier mickrige Absätzchen zum Thema Fahrradverkehr (hier oder hier Seite 37).Inklusive Fahrradforum, was es nicht alles gibt.
Im letzten Jahr sind 2498 Radfahrer in Hamburg verunglückt,
fast 10 % mehr als noch in 2007. Vermutlich auch, weil – wie der ADFC bemerkt – die eben beschriebenen Radwege oft gefährlicher sind als die Straße. Trotzdem radeln in Hamburg etwa eine Million Leute, zumindest wird die Zahl der Fahrräder hier auf diese Summe geschätzt.
Gut, mein Freund hat mir neulich gesagt, ich würde auf dem
Fahrrad genauso aggressiv fahren wie mit dem Auto, und so langsam muss ich ihm recht geben. Nicht, was meinen Fahrstil im Auto betrifft, da irrt er völlig.
Aber meinen Zorn als Radfahrer beschreibt das tatsächlich annähernd.
Irgendwann in den nächsten Wochen wird meine Klingel
abfallen, wenn ich sie nicht gleich vor Empörung abreiße. Ständig ist da irgendwer.
Fußgänger, Kinder, Autos, Entgegenkommer, Hunde. Einzig Baumwurzeln lassen sich schwerlich wegklingeln.
Nun möchte ich nicht ungerecht werden. Es gibt auch schöne
Fahrstrecken, zum Beispiel drüben im Hafen am Wochenende. Oder in Neuengamme,
bei dem man ob des gewaltig vielen Grüns nicht vermuten würde, dass das noch Hamburger Stadtgebiet ist.
Nun denn, so langsam lerne ich die Details der Stadt ganz
anders kennen. Kann anhalten, staunen, riechen. Alles das, was im Auto nur
schwerlich geht.
Ich entdecke plötzlich neue Läden (Klamotten! Rundfunkkram! Juchu!), coole Leute, neue
Themen (zum Beispiel einen Wasserturm, der einer Kirchengemeinde gehört) und mich selbst.
Erfahre von mir im Wortsinne, dass Fitness steigerbar ist und die
Welt eigentlich ganz schön.
Wenn nicht der ganze störende Kleinkram wäre. Vielleicht sollte ich doch mehr über die guten Dinge schreiben. Anyway, die restlichen Bilder meiner ersten Fahrversuche finden sich hier: Fahrradweg
Ihnen allzeit gute Fahrt und achten Sie beizeiten
doch mal auf Radfahrer in und (falls schon zu spät) an Ihrem Rückspiegel.
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Nachtrag 14.08.09
Nun ist mein Fahrrad geklaut. Aber ich werde mir wieder eines anschaffen. Trotz dieser Situation in Hamburg.




