Obamas Wahl-Slogan “Yes, we can!” dürfte einer der am häufigsten zitierten Sätze rund um den Globus sein.
Die arabische Welt aber hat das Zitat abgewandelt und zeigt seit Wochen ihre eigene Version. “Obama sagte, Yes, we can, erzählte mir in Sousse ein junger Blogger. “Aber wir zeigen ihm und der Welt: Yes, we do!” (weiterlesen …)
Wir erleben schnelle Zeiten: Revolution in Tunesien, Ägypten, nun Libyen, Yemen, Bahrain, das Feuer brennt und brennt.
Doch wie sieht die Wirklichkeit aus, wenn die ungeliebten Herrscher geschasst sind? Eine Woche lang bin ich durch den postrevolutionären Alltag in Tunesien gereist, habe mit Menschen auf der Straße, mit Journalisten, Politikern, Anwälten, Menschenrechts-Aktivisten gesprochen und einige Eindrücke in kurzen Szenen notiert.
+ + + tunis + + + 21.2.2011 + + + nachmittags + + +
Revolution ist toll. Macht aber viel Arbeit. Was es alles zu tun gibt: Präsidentschaftswahlen. Parlamentswahlen. Die Verfassung. Die Medien. Und vor allem die Wirtschaft: Schließlich waren die jungen verzweifelten Arbeitslosen der Motor der Revolution, die gut ausgebildeten Akademiker, von denen mehr als ein Drittel niemals einen Job in ihrem Gebiet finden. Wer keinen Job hat, verdient kein Geld und kann nicht heiraten, kann keine Familie gründen. Für Frauen besonders tragisch, da sie als soziale Akteure praktisch nicht existieren, wenn sie nicht verheiratet sind und Kinder haben.
Überall und jeden Tag immer noch Demonstrationen. Vor dem libyschen Konsulat. Vor dem Regierungssitz. Vor dem Finanzministerium. Dort haben sich die Protester gleich in Zelten niedergelassen, die Wand ist mit Graffitis übersäht. “Yes, we can” Immer wieder wirft die Menge rhythmisch die Hände in die Luft und ruft das berühmte “Degage, degage”, mit dem sie den Interims-Ministerpräsidenten zum Rücktritt auffordern.
In allen Restaurants und Cafés läuft Al-Dschasira oder Al-Arabiya. Alle wollen bei der nächsten Revolution live dabei sein.
Die Fortsetzung lesen Sie bei Magda
Seit zwei Tagen häufen sich die Berichte über Angriffe auf Journalisten in Ägypten. Offenbar sind es keine zufälligen Zusammenstöße im Gefecht der Demonstrationen, sondern gezielte Attacken.
Kollegen erzählen, dass ihre Kameras konfisziert, Hotelzimmer durchsucht, Reservierungen nicht verlängert wurden. Vvon seinen Erfahrungen aus Kairo erzählt Kollege Jürgen Stryjak von den Welteportern: Um Menschen gegen die Journalisten aufzustacheln, wird ihm zufolge unter Mubarak-Unterstützern das Gerücht verbreitet, Journalisten hätten den Umsturz Mubaraks geplant und angezettelt.
“Es wird immer schlimmer”, mailt ein libanesischer Kollege aus Kairo, “ein Reporter von Al-Arabiya wurde schlimm verprügelt, die Polizei stürmte das Hotelzimmer eines Reporters vom brasilianischen Fernsehen. Gebt Euch am besten nicht als Presse zu erkennen.”
Das Committee for Protection of Journalists sammelt alle Angriffe aus Journalisten und macht sie publik. Auf Twitter werden Suchmeldungen nach Kollegen verbreitet, die von Polizisten verschleppt oder festgesetzt wurden.
Nützen wird den Journalistenhaschern ihr Vorgehen nichts. Selbst die Totalabschaltung des Internets und der Mobiltelefondienste hat nicht verhindert, dass die Nachrichten aus Ägypten um die Welt gehen.
Statt dessen wurden im Eiltempo Ideen entwickelt, den Blackout zu umgehen – zum Beispiel von Google. Der Internet-Riese hat speziell für die Krise in Ägypten mit einem Team von Ingenieuren von Google, Twitter und SayNow, dem neuen Telefon-Dienst von Google, den Service “Speak to Tweet” geschaffen: Unter den Telefonnummern +16504194196, +390662207294 und +97316199855 können Nachrichten auf einem Anrufbeantworter hinterlassen werden, die dann unter dem Hashtag #egypt auf Twitter verbreitet werden.
Und so schallt jede Stimme, die die Sicherheitskräfte verstummen lassen wollen, tausendfach aus den sozialen Medien zurück.
Stell dir vor, es ist Revolution, und alle gehen hin! Die arabische Straße stellt das Demokratieversprechen des Westens auf die Probe
Wer hätte gedacht, dass ein verzweifelter Gemüsehändler aus dem tunesischen Hinterland Weltpolitik machen und im Nahen Osten mehr in Bewegung bringen kann als Clinton, Bush und Obama in 20 Jahren. Mohammed Bouazizi, 26, aus der zentraltunesischen Stadt Sidi Bouzid verkaufte illegal Obst, weil er nach dem Studium keinen Job fand. Als Polizisten seine Ware beschlagnahmten, protestierte er, indem er sich am 18. Dezember selbst anzündete. Kurz darauf starb er an seinen schweren Verletzungen.
Sidi Bouzid wurde zum Schlachtruf eines ganzen Landes. Vier Wochen später verließ Diktator Ben Ali, seit 23 Jahren an der Macht, fluchtartig das Land.
Seither steht die arabische Welt Kopf. Bouazizi hat mit seiner Selbstverbrennung ein revolutionäres Feuer entzündet, dessen Reichweite nicht absehbar ist. Der Nahe Osten, wie wir ihn kennen, soviel steht fest, existiert nicht mehr.
Mehr meiner Analyse der aktuellen Geschehnisse in der arabischen Welt lesen Sie hier
Ich sitze in Beirut – und war doch den ganzen Tag in Kairo. Via Twitter, Facebook und Al Dschasira.
Noch vor einem Monat hätte ich gesagt: Wann kann man schon mal eine Revolution live verfolgen? Doch die Bilder aus Ägypten und die Nachrichten aus anderen arabischen Ländern – Proteste In Jemen! – lassen mich vermuten: Dies könnte demnächst noch häufiger passieren.
Es ist nicht weniger als ein politisches Erdbeben, das die Region erschüttert – und womöglich neu sortieren wird. #Jan25 (Twitter Hashtag), der Tag, an dem das Volk in Ägypten, inspiriert von den Tunesien, aufstand und sich gegen den seit 1981 Jahren herrschenden Hosi Mubarak erhob, wird den Nahen Osten nachhaltig verändern.
Ägypten ist der bevölkerungsreichste arabische Staat, mit 87 Millionen Einwohnern. Ein strategischer Verbündeter Amerikas, von dem es jährlich 1, 3 Milliarden Dollar Militärhilfe bekommt. Ägypten ist neben Jordanien das einzige arabische Land, das einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen hat.
Die Kommentare der amerikanischen Regierung zu den Vorgängen in Ägypten waren entsprechend vorsichtig - mit fortschreitenden Ereignissen werden die Ermahnungen an Mubarak allerdings deutlicher. Ein “business as usual” mit den alten Partnern aber (und noch nennt Hillary Clinton Präsident Mubarak so) wird es nach diesen Januar-Tagen nicht mehr geben.
Wie schrieb ein aktiver Twitter-Aktivist: “Der arabische Frühling hat begonnen – und das Sterben der herkömmlichen amerikanischen Nahost-Politik”.
Es gibt sie also doch noch – jene historischen Momente, in denen plötzlich alles möglich scheint und Dinge passieren, die noch einen Tag, ach, eine Stunde zuvor utopisch erschienen.
Vergangenen Freitag beim Neujahrsempfang in der Residenz der deutschen Botschafterin im Libanon: Die Gäste stehen in kleinen Gruppen beieinander, unterhalten sich angeregt, Themen gibt es reichlich, schließlich war zwei Tage zuvor gerade die libanesische Regierung kollabiert, nachdem elf Minister der Opposition ihren Rücktritt erklärt haben (ich weiß, das klingt absurd: Minister der Opposition…ist aber so…Libanon ist vermutlich das einzige Land der Welt, wo man Opposition und Mitglied der Regierung zugleich sein kann. Zur Krise im Libanon an anderer Stelle mehr).
Ich unterhielt mich gerade mit einem Kollegen von der Friedrich-Ebert-Siftung, da unterbrach uns ein anderer Kollege von derselben Stiftung : “Ben Ali hat das Land verlassen und Ghannouchi hat die Regierungsgeschäfte übernommen!”
Ein wahrhaft historischer Moment, dessen Folgen heute noch überhaupt nicht absehbar sind.
Ein Blick in die arabischen Blogs und Twitter-Kommentare zeigt: Ein Beben geht durch die Region. Glückwünsche und Jubel für die Tunesier kommen aus Ägypten, Jordanien, Syrien, Saudi-Arabien, Yemen, praktisch aus der gesamten arabischen Welt.
Bei Facebook haben viele junge Araber ihr Profilbild gegen die tunesische Fahne getauscht, manche haben Elemente der tunesischen und ihrer eigenen Fahne vermischt, um ihre Hoffnung zu zeigen: Unser Dikator ist der nächste, der fällt. Tunesien inspiriert: In Fotomontagen, Graphiken und Bildern drücken die Menschen ihre Freude und die neu geschöpfte Hoffnung aus.
“Die gesamte arabische Welt liegt in den Wehen”, schreibt der syrische Blogger Al-Ghath und hofft wohl innig auf die Geburt neuer Demokratien. Tunesien habe der Welt eine Lektion erteilt, und die Menschen sollten “ihre Kräfte neu bewerten und Vertrauen haben, dass sie Diktatoren stürzen können.”
Die Bloggerin Reem, ebenfalls aus Syrien, gibt zu, dass sie von den Ereignissen völlig überrascht war und nie im Leben mit einer erfolgreichen Revolution gerechnet habe. “Tunesien hat uns gelehrt, dass wir keine Parteien und Organisationen brauchen. keine Artikel und Talkshows. Tunesien hat uns gelehrt, dass Revolution eine Entscheidung ist, und dass wir Demütigung und Unterdrückung nicht als Schicksal akzeptieren müssen.”
Natürlich ist noch längst nicht entschieden, wie das neue Tunesien aussehen wird. Aber für viele junge Menschen in der arabischen Welt wird Freitag, der 14. Januar für immer ein Symbol der Hoffnung bleiben. Die arabische Variante von “Yes, we can!!”
Es gibt Sätze, die sind wunderschön, weil sie eigentlich unglaublich sind. Jedenfalls wenn man sie tatsächlich ausgesprochen hört, im wahren Leben, nicht im Film, nicht in einem Roman, nicht in einer Satiresendung.
Kürzlich beobachtete eine Freundin von mir in einer libanesischen Versicherungsbehörde folgende Szene: Eine Frau kam herein, ignorierte alle bereits Wartenden und wollte ihr Anliegen sofort behandelt wissen. Sie legte dem Angestellten die Unterlagen auf den Tisch, der stellte aber mit einem raschen Blick fest, dass eine wichtige Frist abgelaufen war. “Tut mir leid, da kann ich nichts machen, die Frist ist verstrichen.”
Frist verstrichen. Kann passieren, ist ärgerlich, vor allem wenn es um die Erstattung von Arztrechnungen geht, aber so ist nun mal das Gesetz. Jedenfalls für die Allgemeinheit.
Zu der aber zählte sich diese Dame nicht. Denn nun kam er, der wunderbare Satz, der zu schön ist, um tatsächlich in aller Öffentlichkeit ausgesprochen zu werden: “Ich bin die Frau des Ministers” (da uns die Szene nur mündlich überliefert ist, unterschlagen wir hier vorsichtshalber, um welchen Minister es sich bei dem Gatten handelt).
Der Angestellte blieb erfreulich cool. “Herzlich willkommen, liebe Gattin des Ministers. Wenn Ihr Mann mich anruft und mir persönlich sagt, ich soll das Gesetz brechen, können wir sehen, was wir machen. Ansonsten kann ich leider nichts machen.”
Ob es zu dem Anruf tatsächlich kam, ist uns leider nicht bekannt. Jener Minister, der unlängst größere Summen für eine Image-Kampagne ausgegeben hat, sollte sich aber vielleicht überlegen, seine Frau in diese Kampagne miteinzubeziehen.
Ich weiß, eigentlich darf ich nicht klagen. Will ich auch nicht ernthaft. Wer will schon über schönes Wetter klagen?
Und dennoch: 30 Grad im November fühlen sich einfach merkwürdig an. Selbst im Libanon, wo mediterranes Klima herrscht, die Winter kurz und mild sind und es verlässlich mindestens 300 Sonnentage im Jahr gibt.
Doch dieses Jahr ist anders. Schon der Sommer war ungewöhnlich heiß, viele Wochen blieb das Thermometer konstant über 40 Grad.
Schon jetzt sind Wasser und Strom rationiert. Wasser aus den öffentlichen Leitungen kommt alle zwei Tage abends für ein paar Stunden.Mit der Zeit habe ich gelernt, auf das gluckernde Geräusch zu hören, wenn sich der Tank füllt – dann heisst es schnell die Waschmaschine anwerfen, leere Flaschen füllen, die Blumen gießen, während das Wasser in der Leitung fließt, damit ich den Tank nicht sofort wieder leere. Wie luxuriös das in Deutschland so selbstverständliche “fließend Wasser” überall ist, wird mir dabei jeden Tag aufs Neue bewußt.
So jedenfalls ist es im Zentrum Beiruts. In manchen Außenbezirken und kleineren Städten gibt es bisweilen noch weniger Wasser.
In Sachen Strom habe ich Glück. Ich wohne in einer Straße, in der es fast 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche Strom gibt Selbst im Hochsommer blieb der Strom allenfalls mal eine Stunde weg, und das höchstens zwei, drei Mal die Woche. Warum das so ist, weiß ich nicht genau, vielleicht wegen der vielen öffentlichen Gebäude oder wegen des Militärkrankenhauses in der Nähe.
Andernorts fällt der Strom mindestens für drei Stunden täglich, in manchen Vierteln bis zu acht Stunden täglich aus. Wobei “ausfallen” nicht der richtige Ausdruck ist: Er wird vom staatlichen Elektrizitätswerk reihum abgestellt, weil die Produktion nicht ausreicht, den Bedarf des Landes zu decken.
Der Winter ist eigentlich Regenzeit im Libanon. Die Reservoire und die Stauseen in den Bergen füllen sich und versorgen das Land von April bis September, wenn es so gut wie nicht regnet, mit Wasser. Inzwischen ist es schon November, geregnet aber hat es erst zwei, dreimal. Ansonsten: Blauer Himmel, 30 Grad.
Es darf also ruhig ein bisschen übers Wetter geklagt werden.
Wenn Bilder Kriegsziele liefern

- Der Blick in Nachbars Garten – mit Google Street View möglich?
Die Aufregung über Google Street View ist derzeit groß in Deutschland. Bürger fürchten um ihre Privatsphäre, Reiche um ihre Schätze, Nudisten um das uneinsehbare Fleckchen auf dem Balkon.
Wer Google Street View einmal benutzt hat – für viele amerikanische Städte ist das längst möglich – weiß, dass viele dieser Sorgen unbegründet sind, denn die Bilder im Netz werden, wie schon bei Google Map, keine Live-Bilder sein.
Niemand kann also via Google View sehen, ob ich zu Hause bin, ob sich die Nachbarin im Garten räkelt oder ob alle Fenster geschlossen sind.
Die Debatte über Google Street View macht eines sehr deutlich: wie schizophren die meisten von uns sich verhalten, wenn es um Datenschutz, Privatsphäre und die Überwachung des öffentlichen Raums geht. (weiterlesen …)
Dass es bei Fußball um viel Geld geht und die WM vor allem ein riesiges Geschäft ist, war mir schon klar. Das am eigenen Fernsehgerät zu erleben fühlt sich trotzdem noch einmal anders an.
Naiverweise hatte ich geglaubt, die für mich interessanten Spiele im deutschen Fernsehen via Satelit verfolgen zu können. Im Geiste plante ich den einen oder anderen Bierabend mit Freunden, auf dem Balkon sitzen, Fernsehen gucken, Spaß haben.
Dann kam mir die ARD abhanden, durch den Wechsel vom Sateliten Hotbird auf Astra. Jetzt extra wieder einen Techniker kommen lassen, die Schüssel neu orientieren lassen? Bleibt ja noch das ZDF, dachte ich, das die Spiele immerhin an jedem zweiten Tag überträgt.
Vor zwei Tagen dann tauchte auf einmal das Wörtchen “neo” neben der ZDF-Kennung auf. Ich dachte mir zunächst nichts, bis mir ein Verdacht kam: Die werden doch nicht während der WM….
Werden sie. Aus lizenzrechtlichen Gründen “kann das ZDF während der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft das ZDF-Hauptprogramm leider nicht über den Satelliten Eutelsat ausstrahlen. Als Ersatzprogramm für die betroffenen Haushalte ist ZDFneo vorgesehen.”
Ist schon logisch: Wenn ein einziger frei zu empfangender Satelitensender die WM ausstrahlt, ist das ganze sorgfältig ausgeklügelte und hart verhandelte Lizenzgebäude der FIFA hinfällig. Also dürfen die Deutschen im Ausland bei ARD und ZDF während der WM nicht in der ersten Reihe sitzen. Trotzdem. Mir hat das den Spaß am Fußball erst einmal verdorben.
Die libanesische Regierung – notorisch bankrott – hat übrigens 800.000 Dollar an Al-Jazeera bezahlt, damit die Libanesen die WM kostenlos sehen können. Al-Jazeera Sports hat die exklusiven Rechte für die arabische Welt und verlangt normalerweise von jedem Zuschauer Gebühren für die Entschlüsselung.
In der staatlichen Finanzspritze nicht enthalten: Gebühren für Restaurants und andere öffentliche Übertragungen. Das Restaurant, in dem wir gestern abend waren, verlangte fünf Dollar pro Nase für einen Platz im Sichtbereich des Großbildschirms, trotz üppiger Speise- und Getränkebestellungen.
Falls wir nun überhaupt noch WM gucken wollen, werden wir das wohl bei meinen libanesischen Schwiegereltern tun, auf Al-Jazeera Sports. Denn dafür hat ja die libanesische Regierung schon bezahlt.








