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Zwischen Hedonisten und Hisbollah

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Libanon schwarz-rot-gold
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 11.06.2010 um 19:34 Uhr

Nun also hängt sie da, meine erste deutsche Fahne. Vor ein paar Tagen brachte mein Mann sie mit nach Hause. Erst sah ich nur die Fahne fröhlich wedelnd um die Ecke biegen, dann ihn, mit einem breiten Grinsen. “Damit du deinen Deutschlandkomplex mal los wirst!”

Für ihn als Libanesen ist es schwer zu verstehen, warum wir Deutschen uns so schwer damit tun, das eigene Land zu feiern, unsere Fahne zu schwenken, das Wort “stolz” zu verwenden. Wir kamen vor kurzem wieder auf das Thema zu sprechen, als wir an einer großen Werbetafel für Mercedes vorbeifuhren, auf der mir in riesigen Buchstaben über der Stadtautobahn entgegenleuchtete: “Stolz deutsch zu sein”. Daneben prangte das Bild eines fetten neuen Mercedes-Modells. Unten am Plakat stand, klein, die englische Übersetzung des Werbespruchs: “Proud to be German.” Ich jaulte auf, und mein Mann fragte, was los sei. Als ich auf das Plakat zeigte, schüttelte er den Kopf. “Ihr Deutschen mit Eurem Vergangenheitskomplex. Warum solltest du denn nicht stolz sein, Deutsche zu sein?”

Die Libanesen jedenfalls feiern Deutschland gern. Und sie lieben Fußball. Und da es das eigene Team mal wieder nicht in die Endauswahl der WM geschafft hat, muß die große Liebe für den Sport halt auf eine andere Nation übertragen werden. Und so wimmelt es in Beirut derzeit nur so von deutschen Fahnen, dicht gefolgt von brasilianischen (wer sich nicht entscheiden kann, hängt auch gern beide Fahnen ans Auto, aus dem Fenster, quer über die Straße). Dann folgen, mit einigem Abstand, Italien, Argentinien Spanien und Frankreich.

Die Schirme fürs “Public Viewing” stehen bereit, nur Al Jazeera Sports bereitet den Wirten noch Kopfzerbrechen: Sie wollen angeblich von jedem Restaurant, das seine Gäste mit Fußball verwöhnt, 8000 Dollar kassieren. Bislang soll aber noch keiner bezahlt haben.

Wo ich gucken werde, weiß ich noch nicht. Die ARD hat  klugerweise zwei Tage vor dem Anpfiff den Sateliten gewechselt und ist nun nicht mehr auf Hotbird, sondern auf Astra zu finden. Soweit reicht meine Schüssel leider nicht. Also werden wir uns wohl auch hin und wieder in Getümmel stürzen. Vielleicht nehme ich meine Fahne sogar mal mit.

Eine Dorftragödie
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 09.05.2010 um 08:24 Uhr

Über einen Vorfall, der seit etwas mehr als einer Woche die Menschen und die Medien im Libanon beschäftigt, empört, entsetzt, habe ich bislang nichts geschrieben. Auch jetzt fällt es mir schwer, die richtigen Worte zu finden.

Ich möchte erzählen, ohne ein falsches Bild zu erzeugen. Ich möchte die Geschichte erzählen und gleichzeitig deutlich machen, dass solche Vorfälle nicht die Regel hier sind; dass die meisten Libanesen mindestens so entsetzt sind wie ich, wenn nicht noch mehr, weil sie das, was geschehen ist, als Angriff empfinden auf ihr Selbstverständnis, auf das Ideal eines zivilisierten Landes. Weil sich die Älteren unter ihnen an die dunkelsten Seiten des Bürgerkriegs erinnert fühlen, an die oft unvorstellbare Rohheit, mit der die Menschen einander behandelten. Weil sie entsetzt sind über die Brutalität, die offenbar an manchen Orten unter der Oberfläche schlummert und die sich so abrupt mit voller Wucht manifestieren kann.

Was also ist geschehen?

Am Donnerstag vor einer Woche kam es im Dorf Ketermaya im Schuf-Gebirge zu einem Lynchmord. Beteiligt waren: etwa zehn Männer führend, viele mehr durch indirekte Unterstützung, das halbe Dorf durch Dabeistehen, tatenloses Zuschauen, Anfeuern und johlendes Applaudieren. Das Opfer: ein Ägypter, der einen Tag zuvor ein älteres Ehepaar und deren Enkelkinder, sieben und neun Jahre alt, brutal ermordet haben soll. Der Mann war noch am Tag der Tat von der Polizei festgenommen worden und soll am gleichen Abend gestanden haben.

Wie offenbar üblich, kehrte die Polizei am nächsten Tag mit ihm an den Tatort zurück, um die Geschehnisse zu Ermittlungszwecken nachzustellen. Als sie Ketermaya erreichten, überwältigten wütende Dorfbewohner die sieben Polizisten, die den Tatverdächtigen begleiteten und entrissen ihn ihrer Gewalt. Sie schlugen ihn krankenhausreif, bevor es der Polizei gelang, den Häftling wieder an sich und auf die Intensivstation eines Krankenhauses zu bringen.

Doch der Mob folgte der Polizei auch dorthin, drang ins Krankenhaus ein und entführten den Tatverdächtigen aus der Intensivstation. Presseberichten und einer Erklärung der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge töteten sie den Mann, zogen ihn bis auf die Unterwäsche aus und banden ihn auf die Motorhaube eines Autos, um ihn im Dorf zur Schau zu stellen. Schließlich knüpften sie seinen geschundenen Körper an einem Strommast auf, wo er zehn Minuten baumelte, umringt von fotografierenden und filmenden Dorfbewohnern, bevor das libanesische Militär eingriff und die Leiche barg.

Am Freitag nach diesem furchtbaren Geschehen hatte ich zufällig eine Verabredung mit Nadim Khoury, dem libanesischen Chef-Researcher von Human Rights Watch. Als ich in sein Büro kam, hatte er gerade einem libanesischen Fernsehsender ein Interview zum Thema gegeben.

Wir waren beide fassungslos. Ein Dorf wird zum Mob, im Libanon, im Jahr 2010? „Mich erinnert das an Irak“, sagte ich, „im Jahr 2004, als die Bilder aus Falludscha um die Welt gingen von den getöteten und verstümmelten Blackwater-Mitarbeitern, deren Leichen am Brückenmast aufgehängt wurden. Ich war gerade in Basra im Südirak auf Recherche, und ich erinnere noch genau, wie ich angesichts der Fernsehbilder dachte, wie dünn ist doch die Schicht dessen, was wir allgemein als Zivilisation betrachten.“

„Das Wichtigste“, sagte Nadim, „ist, dass die Justiz jetzt hart durchgreift. Es ist ein Test für die libanesischen Behörden: Wenn sie jetzt nicht das Rechtstaatsprinzip verteidigen, indem sie jene zur Rechenschaft ziehen, die den Tatverdächtigen, der bis zur rechtskräftigen Verurteilung das Recht auf die Unschuldsvermutung hatte, ermordet haben, siegt das Gesetz des Dschungels. Nichts rechtfertigt, dass der Mob das Gesetz in die eigene Hand nimmt, selbst ein schrecklicher Mord nicht.“

Im Moment sieht es aus, als wollten die Justizbehörden und das Innenministerium genau das tun: hart durchgreifen. Zehn Namen seien identifiziert, die unter starkem Verdacht stehen, an dem Lynchmord beteiligt gewesen zu sein. Weitere 16 Personen sollen anhand eines Videos identifiziert worden seien und sind zur Befragung vorgeladen. Es hat erste Festnahmen gegeben.

Eine Nachricht, die in Ketermaya allerdings für mehr Aufruhr sorgte. Als Reaktion auf die Festnahmen blockierten aufgebrachte Dorfbewohner mit Reifen die Hauptzufahrtstraße. Dem Daily Star sagte eine zornige ältere Frau, die Bewohner von Ketermaya würden jederzeit wieder so handeln. „Er hat eine ganze Familie abgeschlachtet, darunter zwei kleine Mädchen. Was war ihr Verbrechen?“

Doch es gibt auch andere Stimmen aus dem Dorf. Wenn der Mob tobt, geraten jene, die anders denken, leicht aus dem Blick.

Der Gemeindepräsident von Ketermaya versicherte, sein Dorf sei kein Ort, wo sich jemand der gerechten Verfolgung durch die Justiz entziehen könne und sagte den Behörden volle Kooperation zu. Allerdings kritisierte er, so die arabische Zeitung al-Balad, die Sicherheitskräfte dafür, mit dem Tatverdächtigen nach Ketermaya zurückgekehrt zu sein, „noch bevor seine Opfer begraben waren.“

Den treffendsten Kommentar fand ich in der arabischen Zeitung „Al-Akhbar“ (Die Nachrichten): „”Die Menge, die Mohammed Msallem tötete, glaubte, so der Gerechtigkeit zu dienen. Tatsächlich aber haben sie die Gerechtigkeit getötet.”

Ziegen hinter blauen Linien
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 08.05.2010 um 16:00 Uhr

Ich weiß, die Hirten in Al-Shahel finden an dem Vorfall sicher überhaupt nichts Komisches. Trotzdem mußte ich schmunzeln, als ich die Überschrift im Daily Star las: “Libanon beschwert sich bei UN, nachdem Israel 200 Ziegen entführt“.

Leider ist ja immer alles gleich todernst, was sich dies- und jenseits der sogenannten Blauen Linie abspielt, der Demarkationslinie zwischen Libanon und Israel. Ziegen, die sich einfach mal auf die falsche Seite des Zauns verlaufen, gibt es in diesem hochsensiblen Umfeld nicht, jeder Bock wird immer gleich politisch.

Wobei von Verlaufen nach Auskunft der örtlichen Schäfer keine Rede sein kann: Ihren Angaben nach habe israelisches Militär die Blaue Linie überschritten, Zäune eingerissen und genau 185 Tiere auf die israelische Seite getrieben. Darüber hat sich Libanon, das derzeit den Vorsitz im Weltsicherheitsrat führt, nun offiziell bei der UN beschwert.

Al-Shahel im Südlibanon liegt in der Nähe der Stadt Shebaa. Ein Stückchen weiter südlich liegen die Shebaa-Farmen, das letzte Stück Libanon, das noch unter israelischer Besetzung ist. Nach israelischer Lesart aber gehören die Shebaa-Farmen zu Syrien und wurden gemeinsam mit den Golanhöhen 1967 im Sechs-Tage-Krieg besetzt.

Als Israel im Mai 2000 aus dem Südlibanon abzog, blieben die Shebaa-Farmen – insgesamt 14 Farmen auf 25 Quadratkilometern Land – unter israelischer Besetzung. Unter anderem damit begründet Hisbollah ihren Widerstand gegen Israel und die Notwendigkeit, im Besitz von Waffen zu bleiben, solange Israel sich nicht vom letzten Fleck libanesischen Bodens zurückgezogen habe.

Die Ziegen entlang der Blauen Linie grasen also auf schwierigem Terrain. Ein kurzer Griff in die Traumdeutung: Dort gelten Ziegen  als Symbol der Genügsamkeit und Ausdauer, die bei der Bewältigung schwieriger Situationen helfen können. Allerdings steht der Ziegenbock auch für Halsstarrigkeit, Uneinsichtigkeit und Aggressivität. Und davon gibt es wohl auf beiden Seiten der Blauen Linie zu viel.

Familiensache
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 07.05.2010 um 22:47 Uhr

Politik ist im Libanon immer noch Familiensache – vor allem in den Gemeinden.

Nun finden sie also tatsächlich statt, die lang diskutierten Kommunalwahlen. Die erste Runde lief vergangenen Sonntag in der Provinz Mount Libanon, der bevölkerungsreichsten Region des Landes. Laut Innenministerium waren dort 795372 registrierte Wähler stimmberechtigt, 313 Gemeinderäte aus 9559 Kandidaten sowie 921 Ortsvorsteher aus 1377 Kandidaten zu wählen.

Diesen Sonntag wird in Bekaa und Beirut abgestimmt. Insgesamt zieht sich der Wahlmarathon über vier Sonntag hin.

Kurios finde ich, dass jeder dort wählen muss, wo er geboren wurde. Mein Mann zum Beispiel lebt seit 1976 nicht mehr in seinem Heimatdorf Damour, nicht mehr seit jenem Tag in den Anfängen des Bürgerkriegs, als die ganze Familie Hals über Kopf um ihr Leben rennen musste. Seit über 20 Jahren wohnt der Großteil der Familie in Zalqa, einem der nördlichen Ausleger Beiruts. Darauf aber, wer dort über Schulen, Straßen und andere Gemeindefragen entscheidet, haben sie keinen Einfluss, sie dürfen dort nicht wählen.

Stattdessen sollen sie bestimmen, wer in der alten Heimat im Gemeinderat sitzt. Und so brachen wir am Sonntagvormittag mit der ganzen Familie nach Damour auf, etwa eine halbe Stunde Autofahrt südlich von Beirut gelegen.

Ich mag Damour. Obwohl es noch heute deutliche Spuren des Krieges trägt, zum Beispiel die vielen hässlichen, mehrstöckigen Neubauten, die die traditionellen Einfamilienhäuser mit ihren verwunschenen alten Gärten ersetzt haben. Viele Häuser sind über den Rohbaustatus nicht hinausgekommen, da die Schadensersatzzahlungen nach dem Krieg nur für das Grobgerüst des Wiederaufbaus gewährt wurden. Das Geld musste innerhalb einer bestimmten Zeit verbraucht werden, also fingen viele an zu bauen, beließen es dann aber bei dem  Betongerippe, weil sie kein Geld für mehr hatten oder weil man längst woanders lebte und nicht sicher war, ob man wirklich nach Damour zurückkehren wollte.

Trotzdem. Der Blick nach vorn auf die Bananenplantagen und das sich anschließende Mittelmeer tröstet das Auge. Auch das im Rücken von Damour ansteigende Shouf-Gebirge ist wunderschön.

Zurück zum Wahlsonntag. Gleich am Ortseingang, als wir von der Autobahn auf die Zufahrtsstraße nach Damour bogen, fingen uns die ersten Jugendlichen in roten Wahlkampf-T-Shirts ab und drückten uns Wahllisten in die Hand. Ein paar Meter weiter die nächste Truppe, diesmal in Grün und Weiß mit der Konkurrenzliste.

Die Kommunalwahl im Libanon bestimmt über zwei Dinge: den Gemeinderat und den „muchtar“, wörtlich „der Ausgewählte“. Das ist eine Art Ortsvorsteher, der sich um Behördendinge und Verwaltungsangelegenheiten kümmert.

Jeder hat also zwei Stimmen – wobei man auf die Listen für den Gemeinderat beliebig viele Namen schreiben darf. Den konkurrierenden Listen wäre es natürlich am liebsten, die Wähler nähmen einfach die vorgedruckte Liste mit all ihren Kandidaten und werfen sie in die Urne.

Mit vier Listen ausgestattet, von jeder der beiden Gruppierung eine für den Gemeinderat und eine für den Ortsvorsteher, saß also die Familie im Wohnzimmer  meines Schwagers, der inzwischen wieder in Damour lebt, und ging die Namen durch. „Wer ist denn das?“, fragte mein Mann seinen Vater, der sich noch besser an die Familien aus Damour erinnern kann. „Und zu welcher Familie gehört der?“ „Das ist der Sohn von x, und das ist der Onkel von y.“

Politik im Libanon ist generell, vor allem aber auf Kommunalebene, Familiensache. In 18 Prozent der Gemeinden in Mount Libanon haben gar keine Wahlen stattgefunden, weil sich die in der Politik aktiven Familien der Gemeinde vorab auf eine Liste von Kandidaten geeinigt haben, die exakt so viele Namen enthält wie es Sitze im Gemeinderat gibt. Gegenkandidaten: keine. Wozu also den Wähler fragen, wenn es auch ohne ihn, geht, scheint dort die Devise.

In Damour immerhin gab es Auswahl, rund 40 Kandidaten für 18 Sitze im Gemeinderat. In der Familie meines Mannes blieben die vorgedruckten Listen auf dem Wohnzimmertisch liegen. Jeder schrieb seine eigene Liste mit den Namen seiner Wahl, gab also genau nur den Kandidaten eine Stimme, die er oder sie auch im Gemeinderat vertreten wissen wollte, ohne sich um die Vorauswahl der Parteien zu scheren. Das wiederum ist doch ein sehr basisdemokratisches Verfahren.

Der Sonntag der Säkularisten
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 26.04.2010 um 09:43 Uhr

Angefangen haben sie auf Facebook: Der Libanese Said Chaitou und vier Freunde gründeten auf der Internet-Netzwerkseite die Gruppe “Laique Pride”, annähernd zu übersetzen mit “Laizist und stolz darauf”. Weil sie es leid sind, wie Religion ihren Alltag, ihr Leben, die Politik in ihrem Land bestimmt. Qua Gesetz muß der Präsident im Libanon ein Christ sein, der Ministerpräsident ein Sunnit und der Sprecher des Parlaments ein Shiit. Auch die Abgeordnetenmandate werden nach einem genau festgelegten konfessionellen Schlüssel vergeben. Bis weit ins Privatleben hinein reicht der Konfessionalismus. So gibt es bis heute keine Zivilehe im Libanon, geheiratet werden kann nur in der Kirche oder vor dem Imam (bzw. den jeweiligen religiösen Instanzen der insgesamt 18 im Libanon offiziell anerkannten Konfessionen). Paare, die verschiedenen Religionen angehören, müssen, wenn keiner der beiden konvertieren möchte, im Ausland heiraten, meist reisen sie nach Zypern.

Dies, so die Köpfe hinter “Laique Pride”, widerspreche der Charta der allgemeinen Menschenrechte und auch der libanesischen Verfassung. Für einen säkularen Libanon wollen sie Verbündete sammeln, rund 3500 Mitglieder hat die Facebookgruppe bisher.

Für den friedlichen Marsch am Sonntag hatten sich sogar 7689 “bestätigte Gäste” angemeldet. Ganz so viele waren es dann nicht, doch immerhin rund 2000 bis 3000 Menschen sammelten sich an der Corniche, der Uferstraße von Beirut, und marschierten gemeinsam in Richtung Parlament, mit Bannern, Musik und guter Laune. Ganz ans Ziel kamen sie nicht – auf den letzten hundert Metern hatte die Polizei die Straße abgesperrt, die Kundgebung mußte ein Stück vom Parlament entfernt enden.

Trotzdem blieb die Menge ruhig und entspannt, wirkte der Aufmarsch mehr wie ein Straßenfest als eine Demonstration. Passend zum Flower-power-Motto “Make love, not war”,  auf Libanon übertragen: “Civil marriage, not civil war!”

Als nächstes  wollen die fünf Gründer von “Laique Pride” eine Webseite gründen, als Forum für Debatten und Bürgeraustausch zum Thema Trennung von Religion und Staat.

“Veränderungen im Libanon wird es nur geben, wenn jeder Bürger sich seiner Verantworung bewußt ist. Wir sollten nicht warten, dass andere Menschen oder jemand von oben unser Leben ändert.”

Von Männern und Frauen
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 22.04.2010 um 08:45 Uhr

Erste Bürgerinnenpflicht: gut auszusehen

Zum Glück bin ich eine Frau und mein Mann ist ein Mann.

Wie bitte?, mögen Sie sich nun fragen.

Es ist ganz einfach: Weil ich (die Frau) die Ausländerin bin und mein Mann der Libanese, kann ich relativ einfach eine Aufenthaltsgenehmigung im Libanon bekommen und, wenn ich das will, nach circa einem Jahr sogar die libanesische Staatsangehörigkeit. Gemeinsame Kinder hätten automatisch die libanesische Nationalität.

Im umgekehrten Fall wäre unser Leben sehr viel komplizierter. Wäre ich, die nicht-libanesische Hälfte der Ehe, der Mann und mein Mann die Frau, hätten die Kinder kein Recht auf die libanesische Staatsangehörigkeit. Denn Libanesinnen, die mit einem Ausländer verheiratet sind, können ihre Nationalität nicht an ihre Kinder weitergeben. Im Nachbarland Syrien ist das genauso.

Bislang garantierte die Ehe einer Libanesin mit einem Nicht-Libanesen nicht einmal ein Aufenthaltsrecht für den angeheirateten Ausländer. Das hat ein Kabinettsbeschluss gerade geändert: Künftig sollen Libanesinnen, die einen Ausländer heiraten, das Recht haben, für ihn und ihre gemeinsamen Kinder nach einem Jahr im Libanon ein dreijähriges Aufenthaltsrecht zu bekommen.

Ein erster Schritt in die richtige Richung.  Von rechtlicher Gleichstellung mit den Männern aber sind die Libanesinnen im Personenstandsgesetz noch weit entfernt.

Wie gesagt: Zum Glück bin ich eine Frau und mein Mann ist ein Mann.

Ladies first? Beim Einkaufen vielleicht, aber nicht vor dem Gesetz. (Fotos: Susanne Fischer)

Häuser mit Gedächtnis
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 20.04.2010 um 11:28 Uhr

Wer in Beirut eine Immobilie kaufen will, stößt schnell auf die Topographie der Vergangenheit

Copyright:  Susanne Fischer
In der Architektur Beiruts ist der Bürgerkrieg noch gegenwärtig.

Ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen ist in keiner Stadt der Erde leicht. Größe, Preis, Garten oder Balkon, Alt- oder Neubau, Stadtzentrum oder Speckgürtel, die Auswahl ist unendlich, und die Möglichkeiten zum Fehlkauf sind es auch. Daran erinnert bedrohlich die Rubrik mit den Zwangsversteigerungen.

Lage! Lage! Lage! rufen die Experten. Das gilt natürlich auch in Beirut. Wenn auch in leicht abgewandelter Form.

„Zu blöd, dahinten liegt gleich die Verteilerzentrale für Elektritzität“, seufzte mein Mann, als wir unlängst eine Wohnung am Stadtrand von Beirut besichtigen wollten. Der Makler hatte die Lage ungefähr beschrieben, aber nicht so detailliert, dass wir diesen Nachteil hätten erahnen können. Das heißt, ich wußte ja nicht einmal, warum die Nähe zur Verteilerzentrale gegen die Wohnung sprach. Wegen der Hochspannungsmasten? „Ganz einfach: Im Julikrieg 2006 haben die Israelis diese Verteilerzentrale bombardiert, und sie würden es im Fall eines neuen Kriegs sicher wieder tun.“

Copyright:  Susanne Fischer
Für alte Villen bleibt in Boomzeiten wenig Platz. (Foto: Fischer)

Die Folgen zu großer Nähe zu strategischen Zielen oder solchen, die vom Militär so definiert werden, konnte ich im Elternhaus meines Mannes in Damour besichtigen. Die Risse im Dach sind eine Nebenwirkung der Bomben, die israelische Flugzeuge ebenfalls 2006 auf eine nahegelegene Autobahnbrücke abwarfen. Kollateralschaden heißt das wohl im Militärjargon.

Wer kauft überhaupt in Beirut? könnte man jetzt fragen, in einer Stadt, in der die Linie zwischen Krieg und Frieden immer wieder Unschärfen zeigt. Die Antwort lautet: viele. Der Immobilienmarkt boomt. Seit der letzten heftigen aber kurzen Krise im Mai 2008 ist es ruhig in Beirut, und die Hoffnung auf einen stabilen Frieden hat in manchen Vierteln die Preise verdoppelt. In der Innenstadt liegen die Preise zwischen 5000 und 12000 Dollar pro Quadratmeter, und das bei Wohnungsgrößen von mindestens 300 Quadratmetern.

Copyright:  Susanne Fischer
Nach oben keine Grenzen (Foto: Fischer)

Bei allem Enthusiasmus folgt der Boom einem strengen Muster: Christen kaufen in Ostbeirut und in den nördlichen Vororten, Muslime bevorzugen Westbeirut und die südlichen Vororte. Eine Ausnahme bilden die Golfaraber, die die modernen Glastürme an der Uferstraße in Westbeirut lieben, aber ebenso gern alte Villen und Luxus-Chalets in den Bergfrischen im Norden kaufen, die fast ausschließlich christliche Enklaven sind. Wenn ich die Immobilienanzeigen lese, habe auch ich längst den Scannerblick: Ostbeirut oder Nord-Metn (die Bergregion nördlich von Beirut), was anderes kommt nicht in Frage. Manchmal lese ich scherzhaft Angebote aus Dahiyeh vor, jenen südlichen Vororten Beiruts, in denen die Hisbollah seit den achtzger Jahren ihre Hochburg hat. Früher wäre eine Wohnung dort gar nicht so abwegig gewesen, bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1975 war in der Dahiyeh vor allem die christliche Mittelschicht zu Hause.

Copyright:  Susanne Fischer

Doch in fast 20 Jahren Bürgerkrieg sortierte sich das Land neu, und auch wenn es die Grüne Linie, die im Krieg das christliche vom muslimischen Beirut trennte, offiziell nicht mehr gibt, lebt sie in den Köpfen fort. Als ich 2008 nach Beirut zog, damals in die Rue Monot im Christenviertel Achrafieh, eine Straße gleich neben der ehemaligen Front, meinte ein muslimischer Freund halb im Scherz: „Da kann ich dich gar nicht besuchen, auf die Straße habe ich früher geschossen.“

Momentan wohnen wir zur Miete in Badaro, einem überwiegend christlichen, aber gemischtem Viertel. Es ist ruhig und zentral, in der Nähe gibt es einen großen Park (eine Seltenheit in Beirut), wir fühlen uns wohl und haben schon überlegt, ob wir nicht hier etwas kaufen sollen. Wäre da nicht das Haus gleich gegenüber, das bis heute die Spuren von Mörserbeschuß trägt. Für meinen Mann, der im Alter von sechs Jahren nur in Unterwäsche bekleidet um sein Leben fliehen mußte, ein steinernes Mahnmal: „Sollte es jemals wieder einen Bürgerkrieg geben im Libanon, wären wir hier verdammt nah an Westbeirut.“

Copyright:  Susanne Fischer
Häuser mit Gedächtnis (Foto: Fischer)
Eiertanz um die Kommunalwahlen
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 07.04.2010 um 10:13 Uhr

Ruhepol in unruhigen Gewässern: die Felsen von Beirut.

Seit  Monaten irrlichtern die Schlagzeien zum Thema Kommunalwahlen nun schon hin und her. So schnell komme ich gar nicht nach mit dem Lesen, wie sich die Meldungen überholen bzw. widersprechen: Die Kommunalwahlen finden nach einem reformierten Gesetz statt, welches das Verhältniswahlrecht einführt. Die Reform wird nicht rechtzeitig / überhaupt nicht / nur in Teilen verabschiedet. Es bleibt bei dem alten Wahlgesetz. Politiker x spricht sich für die Reform aus. Politiker x lehnt die Reform ab. Die Wahlen finden statt. Die Wahlen werden verschoben. Politiker y beschuldigt Politik x, nur seinen eigenen Vorteil im Sinn zu haben. Politiker x beschuldigt Politiker y, die Reformen zu blockieren / zu forcieren / in seinem Sinne zu verzerren.

Manchmal schaffen es die Politiker sogar, im selben Satz zu behaupten, die Kommunalwahlen fänden natürlich pünktlich statt – wenn sie nicht verschoben werden. Oder sie heißen die Reform willkommen und lehnen sie im nächsten Halbsatz ab.

Was die Wähler davon halten? Die hören gar nicht mehr hin. Als ich die Mitarbeiterin einer politischen Forschungsgruppe nach ihrer Meinung bezüglich der Wahlen frage, ob sie nun, wie vom Innnenminister Ziad Barout angekündigt (“falls es nicht zu einer technischen Verzögerung kommen sollte”), im Mai stattfinden oder doch auf den Herbst verschoben werden, wie  von mindestens einem Politiker täglich gefordert / behauptet / befürwortet, sagt sie nur: “Ich habe mir abgewöhnt,  zu so etwas eine Meinung zu haben. Das macht in diesem Land keinen Sinn.”

Beirut macht sich fein
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 17.03.2010 um 10:27 Uhr

Auch wenn die eine oder andere Ruine aus dem Bürgerkrieg noch steht: Beirut hat den Sprung zur neuen Glamour-Destination geschafft

Blick auf die große Moschee in Downtown

(weiterlesen …)

Menschliche Bedürfnisse
Veröffentlicht in Allgemein von Susanne Fischer am 16.03.2010 um 11:30 Uhr

Darf ein Politiker eine wichtige Sitzung verlassen, weil er Hunger hat? Walid Jumblat fragt nicht lange um Erlaubnis. (weiterlesen …)