Auch mit Diabetes ist ein freies und selbstbestimmtes Leben möglich. Bastian Hauck zeigt, wie es funktioniert: Seit 13 Jahren ist er Diabetiker und hat es trotzdem geschafft, sich einen Traum zu erfüllen - er umsegelte die Ostsee. Von Tanja Eisenach

Bastian Hauck umsegelte mit seinem Folkeboot allein die Ostsee© Bastian Hauck/www.tadorna.de
Unter pechschwarzem Himmel peitschen meterhohe Wellen über das 50 Jahre alte Folkeboot "Tadorna". Bastian Hauck versucht, sein kleines, unruhig schwankendes Schiff auf Kurs Richtung Hiddensee und Darßer Ort zu halten. Hilfe ist weit und breit nicht in Sicht, denn der leidenschaftliche Segler steht allein an Bord. "Einhand", so nennt man diese einsame Form des Segelns, hat er gerade vier Monate lang die Ostsee umrundet. Jetzt befindet er sich auf seinem vorletzten Abschnitt, dem Weg nach Schleimünde, wo seine Familie auf ihn wartet. Der Sturm frischt auf, dann passiert es: Eine Welle bricht sich am Heck der "kleinen Brandgans", wie Tadorna auf Deutsch übersetzt heißt.
Das Schiff sackt nach unten - und Bastian Hauck geht über Bord, während sein Boot weiterhin mit sieben Knoten (ca.12 km/h) durch das Wasser braust. Gesichert mit Lifebelt und Strecktau, einem Haltegurt, schafft er es zurück und fühlt, wie das Adrenalin ihn unter Stress gesetzt hat. Doch Zeit zum Ausruhen gibt es noch nicht. Erst muss er seinen Blutzucker messen und wenn nötig seinen Zuckerspiegel regulieren. Denn Bastian Hauck ist Diabetiker.
Mit 19 Jahren bekam er die Diagnose. Damals steckte er gerade mitten im Zivildienst und hatte bereits Pläne für die Zeit danach geschmiedet. Seine Welt geriet ins Wanken: "Ich hatte das Gefühl, dass eine schwarze Wand auf mich zukommt", erzählt er. Die Verlängerung des Zivildienstes, der anschließende Segeltörn in die Karibik, alles, was er sich vorgenommen hatte, schien auf einmal nicht mehr möglich, war er doch sein restliches Leben lang auf Medikamente und Messgeräte angewiesen.
Denn Diabetes vom Typ 1 ist eine unheilbare Autoimmunkrankheit. Die Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin mehr. Dieses Hormon brauchen die Zellen aber unbedingt, um Zucker aus dem Blut aufzunehmen und daraus Energie zu gewinnen. Fehlt es, steigt der Blutzuckerspiegel stark an. Gleichzeitig zieht der Körper die fehlende Energie aus seinen Fettreserven, es entstehen Säuren im Blut. Wird der Insulinmangel jetzt nicht ausgeglichen, wird der Betroffene bewusstlos und stirbt schlimmstenfalls.
Dass Bastian Hauck trotz der Diagnose die Oberhand über sein Leben zurückgewonnen und seinen Traum von einem mehrmonatigen Trip auf See nicht aufgegeben hat, verdankt er in erster Linie einem soliden Grundvertrauen in sich selbst. "Geht nicht, gibt's nicht", bringt er sein Lebensmotto auf den Punkt. Und so siegte seine Leidenschaft für das Segeln über alle Bedenken: "Das Schwierigste am ganzen Projekt war die Entscheidung loszufahren", sagt der 32-Jährige. Freunde und Verwandte hielten ihn für verrückt, als er ihnen von seiner Idee erzählte, allein um die Ostsee zu segeln. Trotzdem ließ er sich davon nicht abbringen, gab seine Tätigkeit als Politikberater auf und stach Mitte Mai 2008 in See.
Seine Krankheit musste er in dieser Zeit besonders im Auge behalten. Sport oder eine andere starke körperliche Belastung stellen für Diabetiker eine Herausforderung dar, weil sie starke Blutzuckerschwankungen hervorrufen. Zwar hält regelmäßige Bewegung Diabetiker genau so fit wie gesunde Menschen, allerdings müssen sie darauf achten, ihre Insulin- und Kohlenhydratzufuhr dem erhöhten Energiebedarf anzupassen. Besonders die Unterzuckerung kann allein auf See lebensgefährlich sein. Ist der Segler beispielsweise durch die Arbeit auf dem Schiff abgelenkt, erkennt er Symptome wie Schweißausbruch, Zittern oder innere Unruhe unter Umständen zu spät und wird bewusstlos, bevor er etwas dagegen tun kann.
Bastian Hauck hatte sich deshalb akribisch vorbereitet: Kurz vor dem Törn stellte er auf ein Langzeitinsulin um, was ihm weitere feste Spritztermine ersparte. Er wusste, wie er sein Insulin auf dem Schiff auch ohne Strom kühlen und lagern konnte, was "Ich bin Diabetiker" in verschiedenen Sprachen heißt oder wie sein Körper mit Schlafdefizit zu Recht kommen konnte. Sein Blutzucker war gut eingestellt, regelmäßige Mahlzeiten und Messungen, manchmal alle zwei Stunden, waren Pflicht. Überall auf dem Boot verteilte er Müsliriegel und anderes "Notfallessen".
Dank seiner Umsicht konnte Bastian Hauck auch kritischere Situationen wie plötzliche Seekrankheit, die zu Unterzuckerung führen kann, meistern und seine fünf Monate auf See genießen. Neun Länder hat er in dieser Zeit bereist und dabei 3095 Seemeilen zurückgelegt. Der Törn hat ihm gut getan. Sein Langzeit-Blutzuckerwert sei danach besser gewesen als je zuvor, sagt er. Mittlerweile hält er Vorträge, schreibt Reisereportagen, ein Film über seine Erlebnisse auf See ist abgeschlossen. "Als langjähriger Diabetiker möchte ich zeigen, dass es sich auch mit Diabetes frei und unabhängig leben lässt", begründet er sein öffentliches Engagement.
Nach einem weiteren Ostsee-Törn im Sommer 2009 und einer mehrmonatigen Reise rund um Kap Hoorn und Feuerland plant er für 2011 bereits die nächste Tour mit seiner "Tadorna". Seinen Traum lebt er mit, nicht trotz seiner Krankheit: "Es ist eine Frage der Planung, der Vorsicht und natürlich einer insgesamt guten Blutzuckereinstellung - vor allem aber eine Frage deiner ganz persönlichen Einstellung und deines Umgangs mit dir selbst", resümiert er in seinem Buch.
Weltdiabetestag am 14. November Bastian Hauck erzählt in seinem Buch "Raus ins Blaue!" über seine Ostseereise und wird auch beim Weltdiabetestag in Berlin zu Gast sein. Die Veranstaltung, bei der unter anderem auch Gewichtheber Matthias Steiner sowie die ehemalige Leichtathletin Heidemarie Ecker-Rosendahl auftreten, wird von DiabetesDE organisiert.