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Die Kunst der kleinen Codes

In der Demoszene wird Platz sparendes Programmieren zur Kunst erhoben. Auf der "Evoke"-Party in Köln zeigten hunderte Computerkünstler aus aller Welt digitale Bilderfluten - und bewiesen ihre Feierfähigkeiten.

Von Kathrin Warncke

"Ich erkläre es Ihnen mit einem Bild: Meine Mutter macht drei Quilts pro Woche. Diese Stoffdecken erzählen allesamt viele kleine Geschichten unserer Familie. Sie steckt etwas von sich selbst in die Quilts hinein. Das ist mit den Demos nicht anders. Jeder Programmierer verarbeitet etwas von seiner Persönlichkeit im Demo und drückt sich dadurch aus." Der stämmige Mann stellt sich als Sir Garbage Truck vor, seinen richtigen Namen will er nicht verraten. Das schwarze Cap hat er seitlich auf den Kopf gezogen, wie einst die Neffen von Donald Duck. Um den Hals baumelt ein knalliges Handtuch, die grauen Haare hängen lockig bis über die Schultern. Er erinnert an ein großes Kind. Sir Garbage Truck ist das Maskottchen der Demoszene und zeigt sich bei allen Demopartys der Welt. Auch diesmal bei der Kölner Evoke.

Demos sind computergenerierte Musikkurzfilme, die Grafik- und Klangeffekte zeigen. Die Programme erschaffen die Kunst in Echtzeit und reizen so die Hardware bis zum Letzten aus. Bei Demo-Events treffen sich Hunderte von Fans, die ein Public-Viewing der kreativen Filme veranstalten. Eine dieser Veranstaltungen ist die Evoke, die sich 2007 zum zehnten Mal jährt. Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, einem ehemaligen Industrie- und Arbeiterviertel, treffen sich die Teilnehmer in der Vulkanhalle. Einst ein Werk für Straßenlaternen, sammeln sich heute in dem Industriegebäude Programmierer und Künstler aus aller Welt. Im vorderen Teil haben die Programmierer ihre Rechner an langen Tischreihen ihre Rechner aufgebaut. Der hintere Teil ist das Demo-Kino. Vor einer großen Leinwand sitzen und liegen die Zuschauer. Sir Garbage Truck beobachtet von oben aus der VIP-Lounge das Treiben in der Halle.

Früher Trucker-Fahrer, heute demoabhängig

"Ich liebe die Demoszene, es ist einfach ein gutes Hobby. Die Leute werden geistig gefordert, sie schaffen etwas, anstatt nur zu konsumieren." Sir Garbage Truck japst immer wieder nach Luft und schubst die Brille auf der schweißbeperlten Nase hoch. Seit 20 Jahren ist der 40-Jährige aktiv in der Demoszene, früher war er Trucker und ist durch ganz Amerika gefahren. Was er beruflich macht, weiß niemand genau. Er zeigt auf diese und jene Programmierer, die eine Etage tiefer zentimeternah vor dem Bildschirm sitzen. Fast alle kennt er persönlich. Sie heißen Bünzli, Sire - oder auch Duracell. Für ihre richtigen Namen interessiert sich hier kaum einer.

In der Menge sitzt auch Frauke. Sie und ihre Schwester haben sich hier mit einigen anderen Demo-Besucherinnen getroffen. Gemeinsam arbeiten sie am Bildschirm und fertigen Zeichnungen für den nächsten Wettbewerb an. "Es ist faszinierend, wie so trockene, öde Sachen wie Computer so etwas Reizüberflutendes und Schönes schaffen können." Sie lächelt, wenn sie von den Graphic-Compos - so werden die Wettbewerbe genannt- und ihrer ersten Demoparty spricht. Da war sie 14. "Damals waren noch keine Frauen dabei, das hat sich längst geändert." Heute studiert die 23-Jährige Kommunikationsdesign, mischt sich aber auch gern ein mal unter die Computerfreaks. "Es ist unglaublich, was einige stille und hochkonzentrierte Menschen schaffen können." Sie setzt sich auf, holt Luft: "Es ist ein gemeinsames Erlebnis, ein Kribbeln, wenn die Demos zum ersten Mal gezeigt werden." Demos - das ist mehr als nur ein Hobby für sie. Jährlich organisiert sie die größte deutsche Demoparty mit, die Breakpoint. Ihren Freund hat sie auch über die Demoszene kennengelernt. "Es ist wichtig zu sehen, dass die Programmierer wirklich produktiv sind. Es ist mehr, als nur das eigene Myspace-Profil zu aktualisieren. Wir schaffen etwas und konsumieren nicht nur."

"Ich liebe Menschen, die denken"

Nur wenige Meter über ihr im ersten Stock predigt Evoke-Maskottchen Sir Garbage Truck im gleichen Ton. "Ich liebe Menschen, die denken. Ich liebe es zuzusehen, wie die Programmierer sich mit ihren Werken entwickeln." Er liebt vieles an der Demoszene. Wie auch die Teilnehmer: "Sie machen es nicht, weil jemand sie dafür bezahlt. Sie machen es, weil es ihnen Spaß macht." Der Mann, der sich Sir Müllwagen nennt, wird nie müde, über Demos zu reden. Wie zum Beweis redet er über einen Freund, der nie geredet hat und auch sonst Kontakt zu seinen Mitmenschen scheute. Nach einer Demoparty soll er mit tausend Freunden zurückgekommen sein. Demopartys als Lebenshilfe - beim Evoke-Maskottchen scheint es so: "It keeps me aliiiiive - Es hält mich am Leben, " tönt er im amerikanischen Akzent. Für ihn sind die Programmierer Freunde, auch über den Tod hinaus. Einer von ihnen starb vor einigen Jahren. "Wenn in der Szene jemand gestorben ist, bekommt er sein Andenken." Natürlich in Demos, versteht sich.

In der Halle unten wird es unruhig. Eine neue Compo, ein Wettbewerb, hat angefangen. Vor der Großleinwand versammeln sich hunderte Zuschauer, einige liegen auf Sofas, andere rutschen ungeduldig auf ihren Stühlen umher. So genannte Intros folgen, Videos in winzige vier Kilobyte Speicherplatz gepackt. Das erste Intro beginnt mit dieser Anmerkung: "Nie hättest du gedacht, dass dies mit vier Kilobyte möglich ist - bitte entschuldige die lange Ladezeit." Für das Publikum vergeht sie wie im Flug. Ein Sprachmix aus Französisch, Deutsch, Englisch und Niederländisch dringt durch den Industriebau. Sobald sich der metergroße Ladebalken seiner Vollendung nähert, wird es still unter den rund 350 Besuchern. Der Ladebalken bricht plötzlich aus seiner Spur, wandert kreuz und quer über die Leinwand. Gelächter in der Halle. In den folgenden Demos nehmen die Programmierer die Zuschauer auf Reisen in fantasievolle Wasserwelten und unternehmen spannende Fahrten in die digitale Kunst.

Monster bauen und Frisbee spielen

Nicht alle sind ganz bei der Sache. Einer schläft vor seinem PC mit hängenden Kopf ein, andere spielen vor der Halle Frisbee, und eines der Mädchen im Publikum widmet sich ihren Handarbeiten. Programmierer wie Jeroen Derks nutzen die Gelegenheit, um weiter an Demos zu basteln. Der Niederländer zeichnet an seinem Bildschirm ein Monster, schattiert Kinnpartien und wechselt die Ansichten. Für das nächste Demo ist das Monster aber nicht gedacht, sondern: "Nur mal so zum Spaß." Er sitzt inmitten von leeren Flaschen und Chipstüten. Der Tisch ist übersät mit Kabeln, Steckdosen und anderen Rechnern. Viele haben ihren Laptop mitgebracht - aber auch ihren alten C64-"Brotkasten". In der Ecke liegen ein paar Schlafsäcke, aufgerollt, aber nicht genutzt. Wer kann schon schlafen, wenn Rock-Versionen vom Lied der Gummibärenbände gespielt werden? Ekki Brüggemann jedenfalls nicht.

Er lässt den Blick über die volle Halle schweifen und erzählt von alten Zeiten der Demoszene. Als noch 50 Leute vor einem Monitor standen und Demos anschauten. Und die Evoke noch in einem alten Wehrmachtsbunker in Köln stattfand. Heute hat die Demoszene weltweit geschätzte 50.000 Anhänger, erzählt der Mitarbeiter vom Verein Digitale Kultur e.V. " Jede Lan-Party wäre ohne die Demopartys undenkbar. Unsere Szene ist die Keimgruppe." Beim Thema Nachwuchs richtet er sich auf und setzt sich zurecht: "Nein, wir haben eigentlich kein Problem mit Nachwuchs."

Sean scheint das Gegenteil zu zeigen. Der 27-Jährige ist Soldat der US-Army und extra für die Demoparty angereist. "Ich bin mit Demos aufgewachsen. Es gehört für mich einfach dazu." Aufgewachsen sind die meisten hier mit Demos. Wie Sean sind hier viele andere Szene-Mitglieder fast dreißig und älter. Sir Garbage Truck gibt dem Problem einen Namen: "The scene is dead - Die Szene ist tot, sagen einige hier. Doch wir müssen dagegen ankämpfen. Das können wir nur tun, indem wir junge und talentierte Programmierer finden. Die Szene ist sehr offen für Nachwuchs."

Was kann man dem Nachwuchs mitgeben über Demopartys? "It's a big nerd party," sagt Sean. "It's just fun," ruft Sir Garbage Truck. Eine Nerd-Party kann es nicht mehr sein. Dafür sitzen zu viele Freundinnen und Bekannte der Nerds vor der Großleinwand. Dann doch der Spaß.

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