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Ein Teutonen-iPad soll Apple ärgern

Ein unbekannter Hersteller aus Deutschland nimmt den Kampf mit Apple auf. Die Berliner Firma Neofonie will mit dem "WePad" einen Tablet-PC auf den Markt bringen, der günstiger sein und mehr können soll als das iPad. Und das ohne Zwänge.

Von Ralf Sander

Ende April kommt Apples iPad auch in Deutschland in den Handel. Endlich, werden viele Jünger von Steve Jobs sagen. Und auch die Verlagsbranche hofft, mit dem Tablet-PC aus Cupertino einen neuen, digitalen Weg gefunden zu haben, ihre Produkte und Inhalte unter ein Volk zu bringen, das sich zunehmend vom bedruckten Papier verabschiedet. Mitten hinein in die angespannte Erwartung verspricht plötzlich das Berliner Unternehmen Neofonie ein deutsches iPad. "WePad" soll der Tablet-PC aus der Hauptstadt heißen. Ein Zwerg aus Deutschland gegen einen Riesen aus Amerika. Die Branche horcht auf - besonders, weil dem WePad jene Einschränkungen fehlen sollen, die die Zusammenarbeit mit den Amerikanern so schwierig machen

Denn Apple ist eine zickige Geliebte: Einerseits sind Produkte wie iPhone und iPhone Touch erfolgreich, haben eine loyale Gefolgschaft, und mit dem Onlineshop iTunes hat Apple den digitalen Kiosk der Zukunft erschaffen. Wer digital Medien verkaufen will, kommt kaum um ihn herum. Andererseits bereitet die harte Kontrolle, die Steve Jobs' Firma auf seinen Geräten ausübt, vielen Produzenten von Inhalten Kopfschmerzen. Bekanntes Beispiel: Apple hatte wegen angeblicher oder tatsächlicher erotischer Inhalte verschiedene Angebote aus dem App-Store für das iPhone und iPod Touch kommentarlos entfernt, darunter war vorübergehend auch die App von stern.de. Kontrolle über die eigenen publizistischen Inhalte sieht anders aus.

Geschickter Zeitpunkt

Da kommt Neofonie mit seinem WePad gerade recht, um maximale Aufmerksamkeit zu bekommen: Günstigerer Kaufpreis und mehr Erweiterungsmöglichkeiten für den Nutzer, mehr Kontrolle und Gestaltungsmöglichkeiten für Verlage und Programmierer - so lauten die Heilsversprechen. Neofonie-Chef Helmut Hoffer von Ankershoffen, dessen Firma auch Apps für das iPhone entwickelt, verzichtet allerdings auf verbale Attacken auf den großen Konkurrenten: "Apple baut tolle Produkte. Wir wollen aber eine Alternative anbieten. Wir verfolgen einen offenen Ansatz und verzichten darauf, Inhalteanbieter, Entwickler und Nutzer einzuschränken."

Bisher ist das 170 Mann starke Unternehmen vor allem als Anbieter von Softwarelösungen in Erscheinung getreten. Neofonie hat beispielsweise die Artikel-Suchmaschine WeFind entwickelt, die auch bei stern.de zum Einsatz kommt. "Die Silbe 'we' steckt in vielen unserer Produktnamen", erklärt Hoffer von Ankershoffen die Bezeichnung des Geräts, "und 'Pad' allein kann man nicht schützen lassen."

Günstig durch bewährte Technik

Technisch steckt in dem WePad laut Neofonie vor allem bewährte Netbook-Technik, was die Kosten senkt. Der Hauptprozessor ist ein Atom N450 von Intel mit 1,66 Gigahertz. 16 oder 32 Gigabyte Flashspeicher sind eingebaut, das Gerät ist anders als das iPad außerdem mit einer SD-Karte um weitere 32 Gigabyte erweiterbar. Wie das iPad wird sich das WePad - je nach Version - per Wlan oder auch über UMTS-Mobilfunknetze mit dem Internet verbinden können. Das berührungsempfindliche 11,6-Zoll-Display mit einer Auflösung von 1366 mal 768 Pixeln ist etwas größer als Apples Tablett (9,6 Zoll, 1024 x 768). Eine 1,3-Megapixel-Webcam ist eingebaut, ebenso verschiedene Anschlüsse wie zwei USB-Slots und ein Cardreader. All dies sucht man beim iPad vergeblich.

Beim Design scheint allerdings Apple erwartungsgemäß die Nase vorn zu haben, das WePad wirkt auf den bisher veröffentlichten Bildern klobiger. Mit 800 Gramm (850 g in der UMTS-Version für Mobilfunk-Datentransfer) wird es rund mehr als 100 Gramm schwerer sein als das iPad. Auch bei der Akkulaufzeit muss sich das WePad mit sechs Stunden gegenüber zehn Stunden beim iPad geschlagen geben. Beides sind allerdings Herstellerangaben. Im Alltag kann es ganz anders aussehen. Keine Informationen gibt es zum Preis des WePad. Neofonie kündigt bisher lediglich an, dass er unter dem von Apples Gerät liegen werde. Auch der Verkaufsstart ist noch offen.

Bei der Software setzt Neofonie ebenfalls auf bewährte Zutaten: Das WePad-Betriebssystem ist eine angepasste Version von Linux, auf der auch Software für Googles Smartphone-Betriebssystem Android läuft. Damit könnten für das WePad Apps aus dem Android-Marketplace, der zurzeit mehr als 30.000 Programme umfasst, genutzt werden. Außerdem kann jeder Applikationen direkt für das WePad entwickeln und über einen eigenen Onlineshop vertreiben. "Meta-App-Store" nennt Neofonie-Boss Hoffer von Ankershoffen dieses Konzept: "Wir integrieren mehrere App-Stores, um dem Nutzer ein möglichst breites Angebot von Apps zu bieten und Entwickler möglichst wenig bei der Wahl der Programmiersprachen einzuschränken."

Die Bedienung über den berührungsempfindlichen Monitor sei mit mehreren Fingern gleichzeitig möglich (Multitouch). Vergrößern, verkleinern, blättern, scrollen per Fingerzeig - das funktioniere ebenso flüssig wie beim US-Konkurrenten, sagt Neofonie.

Adobe ist mit an Bord

Einen entscheidenden Unterschied zwischen dem WePad und dem iPad gibt es: Der deutsche Mini-PC beherrscht die auf Webseiten weit verbreitete Multimedia-Technologie Flash sowie die Softwareplattform Air. Mit diesen vom US-Unternehmen Adobe entwickelten Produkten kann praktisch jeder Computer - ob unter Windows, Linux oder Mac OS X - Multimedia-Inhalte abspielen. Laut Adobe laufen 75 Prozent aller Videos im Web mit Flash. Nur Apple weigert sich, auf dem iPhone und dem iPad diese Techniken zu integrieren, sodass dort viele Webangebote nicht komplett angezeigt werden. Für seine Ablehnung eines Standards wie Flash ist Steve Jobs immer wieder hart kritisiert worden. Der Apple-Boss beruft sich auf technische Gründe.

Auf dem WePad werden Flash und Air funktionieren, und das macht das Gerät nicht nur für Vielsurfer interessant. Viele Verlage entwickeln gerade elektronische Versionen ihrer Print-Magazine, um neue Einnahmequellen zu erschließen, und setzen dabei auf die beiden Techniken. Dabei mischt auch Neofonie mit: Die Berliner haben eine Software namens WeMagazine ePublisher entwickelt, die es Verlagen schnell und einfach ermöglichen soll, ihre Produkte auf verschiedene digitale Lesegeräte zu bringen. Auch der stern arbeitet derzeit mit Neofonie an einer elektronischen Ausgabe.

Die Berliner versprechen den Verlagen jede Freiheit, über die Inhalte ebenso selbst zu bestimmen wie über das Preismodell. Das ist der direkte Angriff auf Apple, mehr noch als das WePad selbst. Das Gerät wird sich - ebenso wie das iPad und die ganzen anderen angekündigten Tablet-PCs - sowieso erst im Alltag beweisen müssen. Und ob die Menschen bereit sind, auf diesen Geräten Magazine und Zeitungen zu lesen, das ist noch eine ganz andere Frage.

Mitarbeit: Karsten Lemm
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