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9. November 2007, 17:49 Uhr
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Laptop für die Welt sucht Spielkameraden

Das "XO" wurde für Kinder in armen Ländern entwickelt - doch ab nächster Woche ist es kurzzeitig für jeden zu kaufen. stern.de hat exklusiv vorab einen Blick auf das Gerät geworfen, das als "100-Dollar-Laptop" die Welt erobern soll. Von Karsten Lemm, San Francisco

Klein, grün, niedlich: der Laptop "XO" wurde für Kinder in Entwicklungsländern gebaut© Matthias Rietsche/AP

Es kommt öfter vor, dass Yves Béhar sein ausgewachsenes Notebook zu Hause lässt, wenn er auf Reisen geht, und lieber einen Rechner einpackt, der eigentlich für Kinderhände gedacht ist: den kleinen, grün-weißen "XO", besser bekannt als "100-Dollar-Laptop". Offiziell ist das Gerät noch gar nicht erhältlich, doch Béhar, ein Schweizer, der in San Francisco lebt, hat einen Vorsprung vor dem Rest der Welt: Er ist der Designer des innovativen Klapprechners, der für Schüler in Entwicklungsländern entwickelt wurde, und kann ihn seit Monaten ausprobieren. "Gerade war ich in Los Angeles", erzählt der 40-jährige Gründer der Agentur Fuseproject, die sich mit Projekten für BMW, Herman Miller und Nike einen Namen gemacht hat. "Ich habe den XO für E-Mail mitgenommen."

Gewiss, die Tastatur und der Bildschirm sind kleiner, als man es sonst kennt. Doch anders als bei Handys und Blackberrys drohen beim Tippen keine Fingerkrämpfe, und jede Website ist auf dem 7,5-Zoll-Display problemlos zu lesen und wird in voller Größe angezeigt. Wer auf den "Wow"-Faktor Wert legt, kommt um das XO ohnehin nicht herum: Allenfalls das iPhone zieht ähnlich Blicke auf sich wie der kunterbunte Kinderrechner, der in diesen Tagen in die Massenproduktion geht.

Verkauft werden sollte das Gerät ursprünglich nur an Regierungen, möglichst gleich millionenfach. So hatte sich das der US-Informatikprofessor Nicholas Negroponte vorgestellt, als er Anfang 2005 den Anstoß zur "One Laptop Per Child"-Initiative (OLPC) gab: Wenn jedes Kind auf der Welt einen eigenen Rechner hätte, so argumentierte der Gründer des renommierten MIT Media Lab, dann bekämen Entwicklungsländer die Chance, via Internet Anschluss ans Informationszeitalter zu finden.

Negroponte gründete die gemeinnützige OLPC-Stiftung, entwickelte mit Hilfe eines weltweiten Teams von Freiwilligen das XO, und reiste nonstop um die Welt, um Unterstützung für seine Idee zu gewinnen. Tatsächlich standen Politiker wie Brasiliens Präsident Lula da Silva und Libyens Muammar al-Gaddafi Schlange, um Negroponte vor laufender Kamera die Hand zu schütteln und blumige Versprechungen abzugeben. 50 Millionen Laptops sollten bis Ende 2008 verkauft werden. Doch die Absichtserklärungen der Politiker erwiesen sich überwiegend als heiße Luft. Die einzige feste Bestellung, die bisher eingegangen ist, stammt aus Uruguay: Das südamerikanische Land wird die ersten 100.000 Maschinen bekommen, die beim chinesischen Hersteller Quanta vom Band laufen.

Um das Projekt in Schwung zu bringen, startet Negroponte nun eine Sonderaktion. Zwei Wochen lang, vom 12. November an, können ausnahmsweise auch Privatkunden das XO kaufen - allerdings müssen sie bei www.xogiving.org immer gleich zwei Laptops bestellen: Eines geht als Spende an ein Kind in einem Entwicklungsland, das andere bekommt der Käufer selbst. Offiziell wendet sich die Seite an Amerikaner, doch Europäer sollten sich laut Yves Béhar davon nicht irritieren lassen. "Ich bin sicher, dass die Geräte überall hingeliefert werden können", sagt der Designer des Laptops. Der Preis liegt mit 399 Dollar (derzeit etwa 275 Euro) etwa doppelt so hoch, wie man es bei zwei "100-Dollar-Laptops" erwarten sollte, denn den Entwicklern ist es bisher nicht gelungen, das XO so billig zu machen wie geplant. Tatsächlich kostet das Maschinchen derzeit noch etwa 190 Dollar in der Herstellung. Ende nächsten Jahres, so hoffen Negroponte und sein Team, könnte dann tatsächlich das Ziel von 100 Dollar erreicht sein.

Kritiker allerdings verweisen darauf, dass zur Hardware noch weitere Kosten kommen. "Der Computer allein hilft wenig", argumentiert etwa Stephen Dukker, Chef der Firma NComputing. Dem OLPC-Modell fehlten PC-Experten vor Ort, und Regierungen seien als Vertriebspartner denkbar ungeeignet. "Wenn etwas kaputtgeht, wen rufen Sie an?", fragt Dukker, dessen Firma eine Technik entwickelt hat, mit der sich die Rechenkraft eines einzelnen PCs auf mehrere Nutzer verteilen lässt. Mazedonien will auf diesem Weg 180.000 Schulkinder mit Computern versorgen, statt XO-Laptops zu kaufen.

Hart im Nehmen und ohne Festplatte

Privatleuten, die sich für das Gerät interessieren, können solche politischen Fragen egal sein. Sie bekommen für relativ wenig Geld ein Laptop, das in mancher Hinsicht fortschrittlicher ist als alles, was beim Elektronikmarkt um die Ecke im Regal steht: So ist das XO dank seiner robusten Bauweise hart im Nehmen - es soll Stürze aus über einem Meter Höhe ohne Blessuren überstehen und lässt sich weder von Staub noch Regen viel anhaben. Dafür sorgen dicke Plastikwände, die Folientastatur, die lückenlos mit dem Gehäuse abschließt, und eine clevere Konstruktion, die auf eine Festplatte verzichtet. Stattdessen setzt das XO komplett auf Flash-Speicher. Ein Gigabyte Speicherplatz ist eingebaut, zusätzlich gibt es einen Steckplatz für eine Erweiterungskarte.

Der Arbeitsspeicher ist für heutige Verhältnisse winzig, er beträgt nur 256 Megabyte, und der Prozessor geht mit einer Taktrate von 433 Megahertz eher gemächlich zu Werke. Das hat den Vorteil, dass er nicht heiß läuft und deshalb ohne Lüfter auskommt - wichtig, weil ein Lüfter das XO anfälliger für Störungen machen würde. Doch solche Einschränkungen fallen kaum ins Gewicht. Eine speziell angepasste Version des kostenlosen Betriebssystems Linux kommt mit den Arbeitsbedingungen gut zurecht - und es geht ja auch nicht darum, gigantische Bilder in Photoshop zu bearbeiten, was viel Speicher und Rechentempo verlangen würde, sondern ums Lernen und Zusammenarbeiten. Deshalb besitzt das XO eine eingebaute Kamera für Video-Chat und zwei große Antennen, die sich aufstellen wie Hasenohren, damit der Rechner auch unter schwierigen Bedingungen drahtlose Internetsignale auffangen kann, wo immer sie sich finden.

Automatisch sucht das Laptop nach WLan-Netzen und Artverwandten in seiner Umgebung. Findet das Gerät andere XOs, mit denen es sich verständigen kann, baut es eine Verbindung auf. So entsteht ein so genanntes "Mesh-Netzwerk" unter den XO-Laptops, und es genügt, wenn ein einziges Gerät eine direkte Internetverbindung besitzt, damit auch alle anderen im WWW surfen können. Obendrein können die Kinder auf diese Weise gemeinsam an Projekten arbeiten - etwa an Bildern im Malprogramm oder Liedern in der Musiksoftware.

Das Gerät, das stern.de sich exklusiv für kurze Zeit anschauen konnte, war noch mit einer unfertigen Version des Betriebssystems ausgestattet: Das XO ließ sich nicht dazu bewegen, mit einem verschlüsselten WLan-Netz Kontakt aufzunehmen, arbeitete allerdings klaglos mit dem offenen T-Mobile-Hotspot im Starbucks-Café zusammen - und war die Verbindung einmal hergestellt, ließ sich flott damit surfen. Wer, wie der Designer des XO, sein Laptop auf Reisen hauptsächlich für E-Mail und Internet braucht, kann mit dem Kinder-Klapprechner gut über die Runden kommen. Nur Power-Point-Präsentationen und ähnlich aufregenden Aufgaben verweigert sich der Kleine. Aber das muss ja kein Nachteil sein. Zum Erwachsenwerden ist später immer noch Zeit.

Von Karsten Lemm, San Francisco
KOMMENTARE (10 von 12)
 
Efendi (11.11.2007, 21:21 Uhr)
Macedonien hat sich für den 70$ PC entschieden...
Wenn mann die Homepage von Ncomputing genauer studiert, dann stellt man fest, dass die Ncomputing Technologie eine "deutsche Erfindung" ist und heute bereits weltweit mit bis zu 500.000 Mal glänzt. Übrigens letzte Woche wurde die Firma vom bekannten "Wall-Street-Journal" im Bereich Computing Systems mit dem ersten Preis in dieser Kategorie ausgezeichnet.
Nihat.Savmaz (11.11.2007, 13:34 Uhr)
für 100 $ ???
ich will 10 davon haben...
wo gibts denn diese Rechner zu kaufen.
salz63 (11.11.2007, 13:21 Uhr)
@bernie-abg
Diese Gefahr besteht nicht. Zum einen fürchten Diktaturen jede Art von Netzwerkbildung unter den Untertanen und das Internet ist für Diktaturen ein Riesenproblem; und das sogar in High-Tec Diktaturen wie den Golfstaaten, wo die staatlichen Organe (Religions- und Sittenpolizei etc.) über unvorstellbare technische und finanzielle Mittel verfügen.
Zum anderen braucht man zum Aufbau einer Diktatur und zur Indoktrination der Bevölkerung ganz sicher kein Internet und keine Laptops, das funktioniert seit ewigen Zeiten mit ganz anderen Medien und Mechanismen, die viel effektiver und obendrein billiger sind.
Obendrein ist nun gerade dieser Computer hier für eine Diktatur, aus Sicht des Diktators, ziemlich ungeeignet, dann lieber eine Windowskiste von der Stange, für die der eigene Geheimdienst schon die fertigen Trojaner etc. im Regal liegen hat...
FlyingDutchman (11.11.2007, 13:19 Uhr)
@Yslsl
Mattes Display:
Nach einigen Suchen bin ich auch bei HP fündig geworden. Ich habe zwei nc6320 (vor rund 6 Monaten und ein 6710b (vor ein paar Tagen) gekauft. Beide haben ein mattes Display mit klarem Bild.
salz63 (11.11.2007, 13:08 Uhr)
@Bauzeichner und Ernst1
Wir brauchen solche Computer in Deutschland ganz sicher nicht. In Deutschland haben genug Kinder (über alle sozialen Schichten hinweg) Zugriff auf Computer, Internet etc.
Aber es ist leider, wie so oft in unserem Land, so, daß das ganze fast bizarr schwachsinnige Züge annimmt. Und so haben wir in diesem Land massig Eltern, die stolz sind, daß ihre Kinder so toll mit Computern können und Kinder die ebenso begeistert von sich selbst sind. Auf der anderen Seite gibt es dann "Spielverderber" die der Meinung sind, daß es beruflich nicht viel bringt, wenn man Chatten, Musik und Pornos runterladen oder DVDs kopieren aber weder ein Word-Dokument formatieren, noch eine Exceltabelle anlegen, geschweige denn ein Bild zu runterrechnen kann, daß man es einem Kunden schickt, ohne dessen Postfach zu sprengen.
.
Die Armut in unserem Land ist eine geistige Armut. Da bezahlen Lehrer aus eigener Tasche Frühstück für Ihre Schüler, weil die zuhause keins bekommen und sie mit knurrendem Magen nicht lernen können. Aber für ein cooles Handy mit den neuesten Klingeltönen reicht es.
Schon irgendwie komisch...
salz63 (11.11.2007, 12:46 Uhr)
@Yslsl
Zu 1:
Es ist überhaupt kein Problem einen Rechner mit mattem Display zu kaufen, Apple MacBoo Pro z.B.
Zu 2:
An einen Prozessor mehrerer Sätze Monitor/Eingabegeräte zu hängen ist weiß Gott keine neue Idee. Vor dem Personal Computer war das der Normalfall: Großrechner (was man damals eben dafür hielt) und mehrere Arbeitsplätze.
Von der Rechenleistung her ist das kein wirkliches Problem, wenn man sich mal überlegt was in Deutschland an Rechenleistung und Rechnerkapazität verschwendet wird. Wer braucht schon einen Mehrkernprozessor und mehr als 2GB um im Internet zu surfen und zu chatten.
bernie-abg (11.11.2007, 11:59 Uhr)
Inwieweit besteht denn...
...das Problem, daß sich Diktaturen einen Schwung dieser Geräte besorgen, sie an ihre junge Bevölkerung verteilen, und dann die Netze für alles andere außer der eigenen Propaganda zu sperren?
Einfacher können diese Leute nicht an die Gehirne ihrer "Untertanen" kommen.
@Bauzeichner:
Mein Gott, sind Sie hasserfüllt!
Ihre klischeehafte Generalisierung des rauchenden, saufenden, ein Luxusleben lebenden Hartz-4 Empfängers spricht Bände.
Yslsl (11.11.2007, 11:18 Uhr)
wie bitte?
Ich wüsste gerne mal, wieso ich so ein dämlich bescheuertes, ober-dämliches Glare-Type-Brilliant-View-Display kaufen musste - es gab nirgendwo eine Alternative. Überall bekommt man erzählt, das sei auch noch "sooo toll". Anständige Displays, mit denen man auch bei Licht wirklich noch etwas sieht - außer dem eigenen Spiegelbild - bekommen anscheinend nur noch Kinder in der 3. Welt.
Ich will auch so einen Laptop! Kann man die nur in den USA kaufen oder auch bei uns?
Ach ja:
Zitat: "Dukker, dessen Firma eine Technik entwickelt hat, mit der sich die Rechenkraft eines einzelnen PCs auf mehrere Nutzer verteilen lässt"
Hä?
Hä?
Wie bitte?
Bauzeichner (11.11.2007, 09:31 Uhr)
@Ernst1
Solange Hartz4- und Sozialhilfeempfänger sich Zigaretten, Alkohol, Haustiere und Handys leisten können kann Deutschland ohne Sorge Geld für die wirklich Bedürftigen Menschen dieser Welt ausgeben.
Ernst1 (11.11.2007, 09:01 Uhr)
Super Idee
Es wäre sinnvoller, wenn Deutschland hier investieren würde anstatt das Geld in Afghanistan zu verbraten.
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