Für Google ist das ein Zeichen, dass viele Menschen von ihrem Rechner gar nicht mehr wollen, als ins Internet zu gehen. "Es gibt echten Bedarf für Computer, die sich kinderleicht bedienen lassen", sagt Google-Mitgründer Sergey Brin, "und wir glauben, dass ein Internet-Betriebssystem die Arbeit mit dem Rechner wesentlich leichter macht." Schließlich könne sich jeder, der schon einmal vor einem Browser-Fenster gesessen hat, bei Chrome sofort zu Hause fühlen, argumentiert Google. Alles sieht aus wie gewohnt, es gibt nichts zu installieren, keine neuen Handgriffe zu lernen. Nicht mal Daten müssen vom alten Rechner übertragen werden, weil alles, was die Nutzer tun, im Netz gespeichert wird, nicht auf dem Laptop selbst. Bei den Diensten hat jeder freie Wahl: Wer etwa Googles Gmail nicht mag, kann seine E-Mail genausogut mit Yahoo, GMX oder Microsofts Hotmail erledigen.
"Für bestimmte Anwendungen macht die Idee Sinn", lobt Jeff Orr vom Marktforscher ABI Research das Konzept eines reinen Netzrechners. Die größte Hürde allerdings sieht der Analyst in der Voraussetzung, immer und überall eine funktionierende (und möglichst schnelle) Internet-Verbindung zu finden: "Zu Hause oder im Büro mag das der Fall sein, aber unterwegs kann es zum Problem werden", sagt Orr. "Womöglich fallen auch noch extra Kosten an." Google verweist darauf, dass Internetprogramme ihre Daten unter bestimmten Umständen auch auf dem Rechner selbst speichern können, um das Arbeiten ohne aktive Verbindung zu ermöglichen - zumindest vorübergehend. Skeptisch beurteilt Jeff Orr auch das Argument, ein Internet-Betriebssystem mache die Arbeit mit dem Rechner automatisch leichter: "Die Bedienung des Browsers selbst mag zwar ganz einfach sein", sagt der ABI-Analyst, aber wer viele unterschiedliche Online-Dienste nutze, müsse sich auch an entsprechend viele unterschiedliche Bedienkonzepte gewöhnen. "Insgesamt bleibt womöglich alles so komplex, wie es ist."
Wie die Arbeit mit einem Chrome-Rechner aussehen wird, können Windows-Nutzer schon jetzt erahnen: Seit einer Weile bietet Google den gleichnamigen Chrome-Browser, auf dem das Betriebssystem basiert, kostenlos zum Herunterladen an. 40 Millionen Neugierige haben das schon getan, sagt die Firma. Eine Macintosh-Version soll demnächst folgen. Die Unterschiede zu anderen Browsern sind auf den ersten Blick gering. Allerdings besitzt Chrome ein Menü, das per Mausklick ausgewählte Internet-Anwendungen anzeigt, und bietet Fenster (so genannte "Paletten"), die über anderen Fenstern schweben. Vorteile wie das schnelle Hochfahren des Rechners nach dem Start bietet Chrome jedoch nur als Betriebssystem, nicht als Browser, und es setzt auch voraus, dass die Hersteller mit Google zusammenarbeiten, um Hardware und Software aufeinander abzustimmen. Zu Preisen und Partnerfirmen machte Google am Donnerstag keine Angaben.
Kosten wird Chrome die Geräte-Hersteller nichts - anders als Windows. Eine Kampfansage an Microsoft? "So konkurrenzbetont denken wir darüber gar nicht", wehrt Sergey Brin ab. Es gehe lediglich darum, Computer einfacher, schneller, besser zu machen. Allerdings: "Wir hoffen natürlich, dass Chrome viele Freunde findet." Schließlich leben die Kalifornier davon, dass immer mehr Menschen ins Internet gehen und ihre Dienste nutzen - sei es Gmail, Youtube, die Microsoft-Office-Alternative Google Docs, die Fotoseite Picasa, Google Maps oder natürlich die Suchmaschine Google selbst. Fast 22 Milliarden Dollar Jahresumsatz, knapp 15 Milliarden Euro, macht das Unternehmen inzwischen, fast ausschließlich mit Werbung rund um solche Online-Angebote. "Wir sind in der angenehmen Lage, dass wir feststellen konnten: Je mehr Menschen auf einfache Weise das Internet nutzen können, um so besser ist es für unser Geschäft", sagt Brin.
Direkt kassieren muss seine Firma deshalb gar nicht mehr für das Betriebssystem. Es reicht, wenn immer mehr Menschen ihr Leben ins Netz verlagern und auf die eine oder andere Weise bei Google vorbeischauen.