. .
Computer - Neuigkeiten und Trends
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
24. November 2006, 11:20 Uhr

"Angst, zu sein wie Sebastian B."

Die Forschung spricht von vier Faktoren, die einen Amoklauf auslösen können: Die mehr oder weniger fortgeschrittene psychosoziale Entwurzelung des potenziellen Täters, der Verlust beruflicher Integration, sei es durch Arbeitslosigkeit oder Sitzenbleiben, zunehmende Kränkungen unterschiedlicher Art durch unterschiedliche Personen und Konflikte mit Liebespartnern. Sebastian scheint alle vier Voraussetzungen erfüllt zu haben, und das, was Du gerade sagtest, klingt ein bisschen nach psychosozialer Entwurzelung.

Naja, ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Sebastian hat seinen Horizont wohl sehr eng gehalten, hat sich vollständig abgekapselt. Er hat seine Feindbilder einfach akzeptiert und das Nachdenken eingestellt. Das ist eine einfache Lösung für ein komplexes Problem und sicher nicht die richtige. Man muss nicht jeden mögen, aber ich für meinen Teil bin mittlerweile sehr erfolgreich mit der Taktik, mich in unangenehmen Situationen einfach anzupassen und mal die Leute zu akzeptieren, wie sie sind. Außerdem kenne ich Orte und Leute, bei denen ich mich unter Gleichgesinnten fühle. Und damit meine ich nicht Azeroth (Anmerk. d. Red: Azeroth ist die Welt des Online-Rollenspiels "World of Warcraft").

Sebastian war auch im selben Modding-Forum wie Du unterwegs. Es hieß zunächst, er habe seine Schule für Counterstrike nachgebaut. Mittlerweile hat sich rausgestellt, dass die Karte weder von ihm ist noch seine Schule darstellt. Trotzdem bauen viele Modder Maps ihrer Schulen. Warum?

Als Mapping-Anfänger nimmt man als Vorlage natürlich etwas Einfaches. Und die eigene Schule ist halt ein Ort, den man kennt, weil man da viel Zeit verbringt, wo man problemlos nachschauen kann, wie die Räume aussehen und wo man vielleicht sogar Vergleichsfotos machen kann. Schulen sind außerdem simpel aufgebaut: Da gibt's zwei oder drei Stockwerke, einige Gänge und viele sich wiederholende Texturen, denn der Boden, die Türen, die Wände und die Einrichtung ist in einer Schule meist in jedem Raum gleich. Bei Schul-Maps geht's den Erstellern also in erster Linie um das Erlernen der Grundlagen.

...und nicht um einen virtuellen Trainingsplatz für Amokläufe, wie die Boulevardpresse gerne behauptet.

Was sollte man da auch trainieren? Jeder, der einen halbwegs funktionierenden Orientierungssinn hat, kennt seine eigene Schule sowieso in und auswendig, weil er dort Jahre seines Lebens verbringt. Abgesehen davon, dass es in dieser Map dann keine Lehrer und keine Schüler sondern höchstens Terroristen, Geiseln, Polizisten und eventuell Hühner gibt, macht es also keinen Sinn, dort mit Maus und Tastatur das Schießen zu üben. Nein, es geht wirklich nur ums Mappen und um das vertraute Szenario. Es geht dementsprechend in einem Mapping-Forum auch nur um Fragen wie "Wie erstelle ich eine Buyzone für Counterstrike?" und nicht um "Hey, ich würde mal gern meine Lehrer abschießen, wie geht das?". Man diskutiert über Polygoncounts, über Texturen und so weiter, denn am Ende will man ja eine Art Kunstwerk abliefern, und das sollte so echt und realistisch aussehen wie möglich.

Apropos realistisch aussehen: Wie Sebastian hast auch Du mit Freunden hobbymäßig einen Actionfilm gedreht.

Das war peinlicher als die erste Folge "Raumschiff GameStar".

Das geht?

Allerdings. Während meines Praktikums haben wir die Aufgabe gehabt, einen Film zu drehen. Also habe ich mit 20 anderen Jugendlichen einen zehnminütigen Drogen-Ballerei-Ketchup-Videoclip gemacht. Wir haben einfach alle Softair-Waffen genommen, die wir zusammenkratzen konnten, die schlechtstmögliche schauspielerische Leistung abgeliefert und uns gegenseitig über den Haufen geschossen. Am Ende waren alle außer einem tot und wir haben versucht, daraus eine Moral für den Abspann zu basteln. Wir fanden es dann aber doch lustiger, den letzten Überlebenden von einem Auto überfahren zu lassen. Wir haben sogar irgendeinen Schülerpreis dafür gewonnen, obwohl wir die Teilnehmer anderer Einsendungen bei der Präsentation ziemlich geschockt haben. Der Film war mehr als lächerlich, genauso lächerlich, wie Sebastians Videos heute auch wirken würden, hätte er nicht diese Tat begangen. Im Nachhinein wirkt das natürlich wie eine Ankündigung, aber es erwartet ja auch keiner, dass die Filmtruppe und ich nun Amoklaufen werden, nur weil wir so ein Video gedreht haben. Man muss ja nur mal schauen, wie viele solcher Clips es bei YouTube gibt - und deren Darsteller sind auch nicht alles Amok-Kandidaten, sondern eher auffällig schlechte Regisseure mit meistens genauso wenig Talent und Ahnung wie wir damals.

Also alles halb so schlimm mit der Gewalt in Spielen, Filmen, selbstgemachten Videos?

Nicht ganz. Ich schätze, dass ich mir durch Ego-Shooter die Tötungshemmschwelle tatsächlich ein Stück weit abtrainiert habe. Es ist einfach so, dass ich aus der Egoperspektive das Gefühl habe, selbst zu handeln. So tauche ich intensiver ein, als ich das in anderen Spielen tun würde. Und wenn man in "Half-Life 2" eine Brechstange nimmt und Alyx (Anm. d. Red: ein verbündeter Charakter) damit ins Gesicht haut, nur um zu sehen, was passiert, hat man eine persönliche Grenze überschritten.

Auf die Idee bin ich nicht gekommen, dafür sieht mir Alyx wohl in der Tat zu echt aus.

Es ist zwar alles virtuell und nicht ganz glaubwürdig, aber Alyx ist Teil dieser Welt und man selbst in diesem Moment halt auch. Und wer hat es sich schon verkneifen können, dem Sergeant in "America's Army" in den Fuß zu schießen, nur um den Gefängnislevel zu sehen?

Okay, das habe ich in der Tat ausprobiert.

Ob man sowas jetzt aus Spaß macht oder aus Neugier ist nicht einmal so wichtig, aber der Einfluss, den so eine Handlung auf Kinder hat, ist meiner Meinung nach möglicherweise gefährlich. Ich bin mir sicher, ich hätte mir niemals vorgestellt, meinen Peiniger von damals zu erschießen, wenn ich nicht Ego-Shooter gespielt hätte. Und jetzt nimm einen wie mich damals, lass ihn ein paar echte Waffen daheim haben und mach ihn systematisch fertig. Seelisch, körperlich oder beides, und das lang genug. Das muss doch früher oder später schief gehen. Bei Volljährigen mag das anders sein - wenn die Kindheit in Ordnung war, kann danach sicherlich viel kommen. Deshalb bin ich dagegen, wenn Minderjährige Shooter spielen. Davon mal abgesehen nerven die in Spielen wie CS (Anm. d. Red: Counterstrike) auch, weil sie ständig Unsinn schreiben.

Du sprichst von "Dir damals". Was ist im Vergleich dazu bei "Dir heute" anders?

Ich bin auf jeden Fall ruhiger geworden, habe viel nachgedacht, einen Job, der mir Spaß macht, ein funktionierendes soziales Umfeld und nicht zuletzt eine Freundin. Freundinnen sind ein guter Rückhalt für das wahre Leben, so dass Du dort nicht verarmst, während Dein Computerspiel-Alter-Ego in virtuellem Gold schwimmt. Frauen haben häufiger Recht, als wir Männer manchmal wahr haben wollen. Den letzten Drink, der aus einer Partykanone eine peinliche Erinnerung macht, den erkennt nur eine Frau. Deine zulässige Höchstgeschwindigkeit beim Autofahren wird Dir Deine Beifahrerin mitteilen. Und die Softair, die Deine soziale Akzeptanz ins Bodenlose fallen lässt, die wird sie Dir zu Deinem eigenen Glück verbieten, genauso wie eben zuviel vor dem PC zu sitzen. Vielleicht ist es das, was Männer ausmacht: Etwas zu Ende bringen zu wollen, was man nie hätte anfangen müssen.

Von Fabian Siegismund, München
Seite 1: "Angst, zu sein wie Sebastian B."
Seite 2: Die Forschung spricht von vier Faktoren, die einen Amoklauf auslösen können: Die mehr oder weniger fortgeschrittene psychosoziale Entwurzelung des potenziellen Täters, der Verlust beruflicher Integration, sei es durch Arbeitslosigkeit oder Sitzenbleiben, zunehmende Kränkungen unterschiedlicher Art durch unterschiedliche Personen und Konflikte mit Liebespartnern. Sebastian scheint alle vier Voraussetzungen erfüllt zu haben, und das, was Du gerade sagtest, klingt ein bisschen nach psychosozialer Entwurzelung.
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Amokauf vom Emsdetten "Am Ende hatte Bastian B. Gewissensbisse"

Frank Josef Robertz hat das Tagebuch des Amokläufers von Emsdetten analysiert. Sebastians Gewaltvideos seien ein Hilferuf gewesen, sagt der Kriminologe im Interview mit stern TV. mehr...

Mitschüler des Amokläufers "Bastian war kein Außenseiter"

Sechs Jahre lang ging Marco Sch. mit dem Amokläufer von Emsdetten auf die Geschwister-Scholl-Schule, im Abschlussjahr saßen sie im Unterricht nebeneinander. "Das letzte Jahr wurde er immer komischer", sagt Marco im Interview mit stern TV über Sebastian B. mehr...

Amoklauf von Emsdetten Das Tagebuch von Sebastian B.

Es ist ein erschütterndes Dokument - das Tagebuch des Amokläufers Sebastian B., das sternTV und stern.de vorliegt. Es zeigt einen Jugendlichen, der von seiner Wut, seinem Frust, seinem Weltschmerz, seiner Egozentrik und seinem Selbstmitleid zerrissen wurde. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Partnerangebot Der stern.de-DSL-Vergleich Der stern.de-DSL-Vergleich Sparen bei DSL-Flatrates

Mit einem DSL-Tarif-Vergleich finden Sie einfach und schnell den zu Ihnen passenden Anbieter. Kostenlos, schnell und sicher! mehr

 
 
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft