Wie sieht eine solche automatische Diskriminierung aus?
Das kann im Einzelfall bedeuten, dass man höhere Kreditzinsen zahlt, kein Flugzeug in die USA mehr betreten darf oder einen Job oder eine Wohnung nicht bekommt. Bei der Vorratsdatenspeicherung geht es aber auch um etwas Grundsätzliches: Hier sollen die Provider gezwungen werden, sämtliche Kundendaten zu speichern, nur weil einzelne Datensätze vielleicht mal für die Aufklärung von Kriminalfällen nützlich sein könnten. Da wird ein gesellschaftlicher Bereich nach polizeilicher Logik strukturiert. Juristen sehen hier bereits den Beginn des Polizeistaates.
Im jüngsten Bankdaten-Skandal scheint die Menschen weniger der Umstand zu stören, dass ihre Daten im Umlauf sind, als vielmehr, dass man damit Geld von ihren Konten einziehen kann.
Das kann man so nicht trennen. Hier wird den Leuten endlich klar, dass mangelnder Datenschutz auch mal ganz konkret Geld kosten kann. Insofern freut mich der Bankdatenskandal auch irgendwie.
Einem Datenschutz-Experten bereitet ein solch immenses Datenleck Freude?
Ja, denn hierbei ist das Risiko von Datensammlungen für alle deutlich geworden. Andere, eher repressive und oft viel schlimmere Folgen staatlicher Datensammelei und digitaler Diskriminierung treffen meist nur Randgruppen: Asylbewerber, Ausländer, Arbeitslose. Da denkt der Normalbürger gern, ihn beträfe so etwas ja nicht. Aber jetzt verlangen sogar die Innenpolitiker einen besseren Datenschutz und schärfere Strafen bei Nichteinhaltung. Die hatten bisher immer behauptet: Datenschutz ist Täterschutz.
Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten?
Eine Reihe von Datenschutz-Skandalen und die Schwemme immer neuer Überwachungsgesetze seit 2001 haben immerhin dazu geführt, dass man mittlerweile eine neue Datenschutz-Bewegung im Entstehen sieht. Vor einem Jahr fand in Berlin die größte Demonstration gegen Überwachung seit 20 Jahren statt. Und an der Verfassungsklage gegen die Vorratsdatenspeicherung hat sich eine Rekordzahl von mehr als 34.000 Mitklägern beteiligt.
In Ihrem Essay "Zur Zukunft des Datenschutzes" behaupten Sie, wir würden künftig ein Borg-Leben führen. Was meinen Sie damit?
Die Borg sind eine Spezies aus der Fernsehserie "Star Trek", deren Körper teils menschlich sind, teils aus Maschinen bestehen - ein extremer Fall von Mensch-Maschine-Koppelung. Das sehen wir auch immer mehr an uns selbst. Wir tragen ein Handy mit uns herum als Verlängerung von Mund und Ohr. Wir lagern unser Gedächtnis an unsere Festplatte aus. Und bald wird sich niemand mehr ohne GPS-Empfänger orientieren können.
Neben der Verschmelzung von Mensch und Maschine diagnostizieren Sie auch eine immer stärkere Verschmelzung der Menschen untereinander.
Auch hier funktioniert der "Star Trek"-Vergleich: Jede Borg-Drohne ist jederzeit mit den anderen Borg verbunden und hört deren Gedanken. Etwas ganz ähnliches finden wir inzwischen auch bei uns, besonders stark in der jüngeren Generation: die ständige virtuelle Anwesenheit der Clique per SMS, Chat oder neuerdings Twitter. Dieses stete Im-Kontakt-Sein wird durch die enge Mensch-Maschine-Koppelung möglich.
Sie selbst netzwerkeln im Internet auf "Xing", "Facebook" und Co. fröhlich mit. Dem Borg-Leben stehen Sie also durchaus positiv gegenüber?
Ich achte recht genau darauf, was ich auf diesen Vernetzungs-Plattformen veröffentliche oder anderswo über mich preisgebe. Über viele Aspekte meines Lebens wird man im Netz nie etwas finden. Wer bewusst mit den Möglichkeiten, aber auch Risiken der neuen Medien umgeht, kann unglaublich viel bekommen - Kontakte, Feedback, Ideen, Zusammenarbeit. Man muss sich aber immer wieder fragen: Wie will ich mich darstellen und wer soll was über mich wissen? Im Zweifelsfall gilt: Weniger ist mehr. Das entlastet übrigens auch mein Gegenüber. Der andere muss dann nicht mehr überlegen, was er nun weitererzählen kann und was er für sich behalten soll.