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24. August 2008, 15:34 Uhr

"Datenverarbeitung ist Risikotechnologie"

Wie sieht eine solche automatische Diskriminierung aus?
Das kann im Einzelfall bedeuten, dass man höhere Kreditzinsen zahlt, kein Flugzeug in die USA mehr betreten darf oder einen Job oder eine Wohnung nicht bekommt. Bei der Vorratsdatenspeicherung geht es aber auch um etwas Grundsätzliches: Hier sollen die Provider gezwungen werden, sämtliche Kundendaten zu speichern, nur weil einzelne Datensätze vielleicht mal für die Aufklärung von Kriminalfällen nützlich sein könnten. Da wird ein gesellschaftlicher Bereich nach polizeilicher Logik strukturiert. Juristen sehen hier bereits den Beginn des Polizeistaates.

Im jüngsten Bankdaten-Skandal scheint die Menschen weniger der Umstand zu stören, dass ihre Daten im Umlauf sind, als vielmehr, dass man damit Geld von ihren Konten einziehen kann.
Das kann man so nicht trennen. Hier wird den Leuten endlich klar, dass mangelnder Datenschutz auch mal ganz konkret Geld kosten kann. Insofern freut mich der Bankdatenskandal auch irgendwie.

Einem Datenschutz-Experten bereitet ein solch immenses Datenleck Freude?
Ja, denn hierbei ist das Risiko von Datensammlungen für alle deutlich geworden. Andere, eher repressive und oft viel schlimmere Folgen staatlicher Datensammelei und digitaler Diskriminierung treffen meist nur Randgruppen: Asylbewerber, Ausländer, Arbeitslose. Da denkt der Normalbürger gern, ihn beträfe so etwas ja nicht. Aber jetzt verlangen sogar die Innenpolitiker einen besseren Datenschutz und schärfere Strafen bei Nichteinhaltung. Die hatten bisher immer behauptet: Datenschutz ist Täterschutz.

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten?
Eine Reihe von Datenschutz-Skandalen und die Schwemme immer neuer Überwachungsgesetze seit 2001 haben immerhin dazu geführt, dass man mittlerweile eine neue Datenschutz-Bewegung im Entstehen sieht. Vor einem Jahr fand in Berlin die größte Demonstration gegen Überwachung seit 20 Jahren statt. Und an der Verfassungsklage gegen die Vorratsdatenspeicherung hat sich eine Rekordzahl von mehr als 34.000 Mitklägern beteiligt.

In Ihrem Essay "Zur Zukunft des Datenschutzes" behaupten Sie, wir würden künftig ein Borg-Leben führen. Was meinen Sie damit?
Die Borg sind eine Spezies aus der Fernsehserie "Star Trek", deren Körper teils menschlich sind, teils aus Maschinen bestehen - ein extremer Fall von Mensch-Maschine-Koppelung. Das sehen wir auch immer mehr an uns selbst. Wir tragen ein Handy mit uns herum als Verlängerung von Mund und Ohr. Wir lagern unser Gedächtnis an unsere Festplatte aus. Und bald wird sich niemand mehr ohne GPS-Empfänger orientieren können.

Neben der Verschmelzung von Mensch und Maschine diagnostizieren Sie auch eine immer stärkere Verschmelzung der Menschen untereinander.
Auch hier funktioniert der "Star Trek"-Vergleich: Jede Borg-Drohne ist jederzeit mit den anderen Borg verbunden und hört deren Gedanken. Etwas ganz ähnliches finden wir inzwischen auch bei uns, besonders stark in der jüngeren Generation: die ständige virtuelle Anwesenheit der Clique per SMS, Chat oder neuerdings Twitter. Dieses stete Im-Kontakt-Sein wird durch die enge Mensch-Maschine-Koppelung möglich.

Sie selbst netzwerkeln im Internet auf "Xing", "Facebook" und Co. fröhlich mit. Dem Borg-Leben stehen Sie also durchaus positiv gegenüber?
Ich achte recht genau darauf, was ich auf diesen Vernetzungs-Plattformen veröffentliche oder anderswo über mich preisgebe. Über viele Aspekte meines Lebens wird man im Netz nie etwas finden. Wer bewusst mit den Möglichkeiten, aber auch Risiken der neuen Medien umgeht, kann unglaublich viel bekommen - Kontakte, Feedback, Ideen, Zusammenarbeit. Man muss sich aber immer wieder fragen: Wie will ich mich darstellen und wer soll was über mich wissen? Im Zweifelsfall gilt: Weniger ist mehr. Das entlastet übrigens auch mein Gegenüber. Der andere muss dann nicht mehr überlegen, was er nun weitererzählen kann und was er für sich behalten soll.

Interview: Markus Wanzeck
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KOMMENTARE (5 von 5)
 
bR4iNST0RM (27.08.2008, 17:54 Uhr)
Jupp!
Wo sind denn nun die „ich-hab-nichts-zu-verbergen-Schlafmützen“?! Geht deren Gesäß mittlerweile auch auf Grundeis? Schön! (oder besser: Endlich!)
Diese „Sammelwut“ unter dem Deckmäntelchen „Kampf gegen den Terror“ ist reine Volksverarsche! Es gibt immer Mittel und Wege für Schwachmaten Namens „Gotteskrieger“, ihre verpeilten Pläne um zu setzen! Da wird auch die StaSi 2.0 kein Gegenspieler werden.
Und vor allem: Es wird noch nicht einmal hinterfragt, warum solche Vollpfosten sich im Namen ihres Gottes mit größtmöglichen „Kollateralschaden“ von der Erdscheibe zu katapultieren! Satt dessen wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen und schon sind wir alle Verdächtig! (Ausgenommen natürlich die, die das Gesetz gemacht haben oder im gleichen Boot sitzen!) Selbst der Schäuble ist da nur Statist… auch wenn er das gerne anders sieht.
Einzige Hilfe im Kampf gegen den Datenterror: Keine Daten herausgeben! Sicher: bei vielen Dingen ist es leider ein nötiges Übel, aber da weiß man in der Regel, wem man seine Daten gibt, das vereinfacht die Suche nach dem Schuldigen! Abgesehen davon gibt es immer noch den Widerspruch zur „innerbetrieblichen“ Nutzung der Daten.
faustjucken_de (25.08.2008, 13:45 Uhr)
Lösung: weißes Rauschen
In ein paar Jahren (Monaten?) werden alle Unternehmen und alle Staaten dieser Erde soviele private Daten gespeichert und gesichtet haben, dass niemand mehr unter vertretbaren Bedingungen und zu finanzierbaren Kosten tatsächlich etwas mit diesem Datenwust anfangen kann.
Schaut euch google an, vor ca. 5 Jahren noch waren die Suchergebnisse zu 90% passend, heute allenfalls zu 10%. Das wird noch schlimmer werden.
Schieres Datensammeln ersetzt eben nicht das eigenständige Denken.
Was man auch an den Anschlägen vom 11.09. sehen kann. Wären die Behörden in der Lage gewesen 1+1 zu addieren, wären die Anschläge zu verhindern gewesen, die Informationen lagen schon vor.
Vielleicht kommt auch bei mir wieder der große Backslash und ich schalte alles Digitale aus, kein Handy, kein TV, kein Internet, statt dessen gedruckte Bücher, Kochen, Vinyl, und Urlaub analog, nicht bei World-of-warcraft
--
www.faustjucken.de
norberto (25.08.2008, 11:28 Uhr)
der Hintergrund
Der 11.September und der damit begründete "Krieg gegen den Terror" sind nur als Vorwand etabliert worden
um Repressalien, Überwachung und schleichende Enteignung gesellschaftsfähig durchzusetzen.
Selbst der, durchaus demokratiefeindliche, Verfolgungswahn des Bundesinnenministers ist da nur Mittel zum Zweck.
...
zum sogenanten Datenskandal: vorne in der Verwertungskette stehen die Callcenter (und die Arbeitsagentur)
dann kommen Adresshändler die von großen Verlagen alimentiert werden,
am Ende steht ein staatlicher Lotterieeinehmer !! mit Sitz in Hamburg und damit der Fiskus.
Angerufen werden bevorzugt Leute mit niedrigem Bildungsniveau und Einkommen.
Von der Polizei geschnappt wurden nur einige lästige Trittbrettfahrer.
Haerpfer (25.08.2008, 08:05 Uhr)
Erinnerung an den März:

Als ich im März dieses Jahres das Bundesverfassungsgerichtsurteil analysierte, habe ich auf die Missbrauchsmöglichkeiten von Telefondaten hingewiesen und das Gefahrenpotential privater Dienstleister.
Die Reaktion lasse ich (besonders) an dieser Stelle aus.
Noch trauriger aber ist, dass meine Analyse vom März sich dann Woche für Woche mehr bestätigte. Daher zur Erinnerung, hier der Artikelausschnitt:
„Wenn die Telefon- und Internetprovider verpflichtet sind, bestimmte Verkehrs- und Standortdaten, die bei der Nutzung von Telefon, Handy, E-Mail und Internet anfallen, für einen Zeitraum von sechs Monaten zu speichern, so werden alle diese Daten Objekt der Begehrlichkeit bleiben. Sind solche Daten erst einmal erfasst, dann werden sie auch früher oder später genutzt werden.
Bislang haben wir immer nur über staatliche Ermittler uns Sorgen gemacht. Aber: All diese sensiblen Daten befinden sich zunächst in den Händen von Privatfirmen. Jeder von uns hat bestimmt schon so seine Erfahrungen mit deren call center gemacht. Wer dort arbeitet, verdient oft nicht mehr als fünf Euro. Und soviel Lebenserfahrung sollte jeder haben, um sich vorzustellen, was es heißt, ausgerechnet die sensibelsten Daten in die Hände von Menschen zu geben, die nur das Existenzminimum verdienen.“
Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27574/1.html
Sternchen2020 (24.08.2008, 17:32 Uhr)
Fehlgeleitete Nutzung
Im Prinzip liegt das Problem in einer fehlgeleiteten Nutzung des Internets, der wohl größten Erfindung aller Zeiten. Von den Machern war dies ganz anders gedacht. Genutzt wurde es dann leider aber auch von jenen, die sich Vorteile versprechen, durchaus auch krimineller Natur. Denn Missbrauch von Daten, ganz gleich wer das macht, ist kriminell. Selbst dann, wenn beispielsweise Behörden es über jedes Maß nutzen, auch wenn der Mantel irgendwelcher angeblicher Zwänge darüber gehängt wird.
Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als beispielsweise Behören glaubten, ich käme von einem anderen Stern, nur weil ich nach einer Mail- oder Webadresse gefragt habe. Die gleichen Leute stürzten sich später ins neue Medium, ohne jeglichen Sachverstand und nur darauf aus, persönliche Vorteile zu generieren. Abgesehen davon, dass diese "Experten" ohne jegliche Kenntnisse anfingen, das Internet fehlgesteuert zu nutzen. Sie haben haben bis heute nicht daran gedacht, einmal zu hinterfragen, ob sie überhaupt das Recht dazu haben. Sie nutzen, missbrauchen und reizen eine Erfindung aus, für deren Entwicklung sie nie etwas bezahlt haben. Da beginnt schon die Fehlleitung und sie endet vorerst an der Stelle, dass Leute mit Halbwissen mit Datenschutz im Internet betraut werden oder Trojaner auf die Reise schicken, um versteckte Auspähungsaufgaben wahrzunehmen. So wird die - in meiner Sicht - tatsächlich weitreichendste Entwicklung zu etwas ummodifiziert, was die Erfinder so nie wollten. Es sollte ein zukunftsweisender Fortschritt werden, angesichts des Missbrauchs entwickelt sich das Ganze langsam jedoch zum Gegenteil.
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