
Baer spielt an seiner "Brown Box", dem Prototyp der "Odyssee"-Konsole, Pingpong© Neumann-Rodtmann
Und Ralph Baer wird immer kleiner.
Auf den ersten Blick sieht es sogar aus, als hätte Bushnell Recht. Denn er ist kein Hochstapler. Er ist der Chef der Firma Atari - und er hat in diesem Sommer 1972 unglaublichen Erfolg mit einem Münzautomaten-Spiel, dessen Name heute noch jeder kennt: Pong. Jeder will zu dieser Zeit Pong spielen in den Bars und Spielhallen. Sein Pong ist der Urknall der Spieleindustrie. "Bushnell ist klug, und er ist ein hervorragender Verkäufer", sagt Ralph Baer heute über ihn. Damals hat er ihn verklagt. Und er hat gewonnen: Atari muss an Magnavox Lizenzgebühren zahlen - weil Bushnell am 24. Mai 1972 einen Fehler gemacht hat: An diesem Tag fand eine Vorführung von Baers "Odyssey" statt - und Bushnell war dabei. Das beweist seine Unterschrift auf einem Besucherzettel. Im Mai hat er Baers Pingpong-Spiel gespielt - und es dann zu Pong weiterentwickelt.
"Atari hatte gezahlt. Unsere Anwälte haben mir geraten, Ruhe zu geben", sagt Baer heute, "und das war ein Fehler." Es schwingt immer noch viel Ärger mit, wenn er das sagt. Und wenn er Bushnells Stimme nachmacht, die klingt wie die eines Cowboys, der Kaugummi kaut. Denn auch in den kommenden Jahrzehnten bleibt Bushnell präsent auf allen Kanälen: Den charmanten "Pong"-Erfinder kennt jeder, den knorrigen Baer kaum jemand. Er fühlt sich um den verdienten Ruhm gebracht und zurückgewiesen - von der Öffentlichkeit und von Bushnell selbst: "Ich habe ihm Mails geschrieben", sagt Ralph Baer - "er hat nicht geantwortet." Bald verlässt er die Rüstungsfirma, sitzt in seinem Labor im Keller und erfindet rastlos Neues. Mehr als 150 Patente meldet er an: Spielzeuge und Videospiele, ein interaktives Buch, die sprechende Türmatte - und "Senso", ein Musikspielzeug, bei dem man sich Tonfolgen merken muss, um zu gewinnen. Ein Welthit. Sein Erfolg.
"Ich habe schon als Kind mit Baukästen gespielt", sagt er jetzt auf Deutsch - und es ist kaum ein amerikanischer Akzent zu hören: "Etwas zu konstruieren, das ist mein Glück und meine Kunst." Seine Augen strahlen. Reich ist er nicht geworden: "Ich habe nie die Hand aufgehalten, das war dumm. Ich habe jedoch etwas Wichtigeres bekommen: die Freiheit, das zu tun, das ich liebe." Er hat nie aufgehört, um Respekt zu kämpfen - in Vorträgen, auf seiner Website ralphbaer.com, ein Buch hat er geschrieben. Im Februar 2006 hat ihn George Bush mit der "National Medal of Technology" geehrt, dem US-Nobelpreis für Technik. Endlich haben sie ihn anerkannt. Ist die letzte Schlacht geschlagen? "Ja", sagt Ralph Baer, und reibt die müden Augen.
Nun ist es an der Zeit, alles zu ordnen für die Zeit nach ihm: "Geschichte darf nie verloren gehen", sagt er. Seine Notizen, Skizzen und Schaltpläne hat das Smithsonian Museum in Washington gerade digitalisiert, es sind über 500 Seiten. Auch eine "Brown Box" steht im Museum. "Es ist alles gerettet", sagt Ralph Baer, "nun kann mein Haus abbrennen, ohne dass alles vernichtet würde."
Das war für ihn auch der Zeitpunkt, Deutschland noch einmal zu besuchen. "Wenn ich jetzt nicht komme, dann nie", sagt er: "Früher konnte ich nicht. Ich hatte Angst, Menschen meiner Generation zu begegnen." Dann bricht er ab. Vor drei Tagen hat Ralph Baer erfahren, dass auch seine Tanten im KZ ermordet wurden - wie fast alle aus der Familie. "Deutschland ist heute ein schönes Land mit netten jungen Leuten", sagt er kurz darauf. Er hat Pirmasens besucht, wo er geboren wurde. Der Oberbürgermeister hat ihn dort empfangen. Und in Köln war er, wo er aufwuchs neben der 4711-Fabrik. Es ist kaum noch etwas da, an das er sich erinnert. Aber es war ein guter Besuch und ein wichtiger. "Ich weiß, dass jeder Tag mein letzter sein kann", sagt er - "aber ein paar Erfindungen noch... das wäre schön." Die letzten drei Worte sagt er auf Deutsch.