
Contra Verbot: "Schon lange bevor es Spiele gab, schossen gewaltbereite Menschen um sich. Ein Verbot wäre also purer Aktionismus"© DDP
Ein 18-jähriger hatte gestern Morgen mit Rohrbomben und vier Gewehren die Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten überfallen und wahllos um sich geschossen. Ein schreckliches Ereignis, welches betroffen macht.
Erschreckend war aber auch, wie Teile der Medien, Politiker und Experten direkt nach der Tat reagierten:
"Durch Computerspiel zum Amokläufer?"
Was die ARD noch in Frageform titelte, war für andere längst Fakt - ohne auch nur ansatzweise die Hintergründe der Tat zu beleuchten, hatten viele Politer und Journalisten den Schuldigen bereits gefunden. Computerspiele. Ein immer wiederkehrender Mechanismus setzte ein. Genau wie vor vier Jahren, als Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen tötete.
Und wie im Fall Steinhäuser war zunächst kaum etwas davon zu hören, dass der Amokläufer ein Einzelgänger war, der offenbar von seiner Umwelt nicht ernst genommen wurde. Der scharfe Schusswaffen besaß, mit Sprengfallen und Sprengstoff spielte. Der die Tat offensichtlich bereits vor Jahren in einschlägigen Internetforen angekündigt hatte. Und nur wenige sprachen von der Verantwortung der Schule oder der Eltern.
Die Experten machten sich die Ursachenforschung einfach. Gewohnt populistisch und undifferenziert wird die schreckliche Tat durch das Freizeitverhalten des Jungen erklärt. Gewalt in Medien wirke sich negativ auf deren Konsumenten aus, ist überall zu hören und zu lesen. Sie soll Sebastian B. zu einem eiskalten Killer gemacht haben. Zu einem Menschen, der sich und eine gesamte Schule in die Luft sprengen wollte.
Dabei ist eine direkte Wechselwirkung rein wissenschaftlich nur bedingt erwiesen. "In den ersten 20 Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels wird die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten abgebaut", sagte Dr. Tilo Hartmann, Medienforscher an der University of Southern California, jüngst auf einer internationalen Fachtagung für Computerspiele. Über die langfristigen Auswirkungen könne derzeit dagegen keine verlässliche Aussage getroffen werden.
Doch warum geraten Videospiele dann immer wieder ins Visier von Politikern und Experten? Im Grundsatz ist die Diskussion ein alter Hut. Egal ob Rock 'n' Roll, Fernsehen oder Comics - junge Medien oder Unterhaltungsformen hatten schon immer einen schweren Stand in der Geschichte der Menschheit. Sogar die Schrift wurde 400 vor Christus vom griechischen Philosophen Platon scharf kritisiert. Sie schädige seiner Ansicht nach das Gedächtnis und reduziere zudem die Fähigkeit der Kommunikation auf ein Minimum. Zum Glück setzte er sich mit seiner Meinung nicht durch...
Jetzt wird also erneut ein Verbot gewaltverherrlichender Spiele gefordert. Sicher, über die Sinnhaftigkeit solcher Games kann im Grundsatz diskutiert werden. Doch es ist mehr als fraglich, ob eine solche Maßnahme das schreckliche Handeln eines verzweifelten jungen Mannes verhindert hätte. In seinem Abschiedsbrief macht Sebastian B. deutlich, dass es der gesellschaftliche Druck war, der ihn in die Tat getrieben hat: Ängste vor der Zukunft, Leistungsdruck, Geldnot, Einsamkeit. Es sind also wesentlich komplexere Zusammenhänge, die hier zu Gewalt und Aggression geführt haben. Ein Verbot von "Killerspielen" wäre also purer Aktionismus.
Der Fall macht einmal mehr erschreckend deutlich, woran es jungen Menschen häufig fehlt: ein Umfeld, welches sich für ihren Alltag interessiert. Sie auffängt, aufbaut, erzieht und sie umsorgt. Würden Pädagogen und Eltern dazu noch über die entsprechende Medienkompetenz verfügen und diese an die Kids weitergeben, hätten gewaltverherrlichende Games auf dem Markt vermutlich schon bald von alleine ausgespielt.
Ein Kommentar von Udo Lewalter