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9. Februar 2005, 11:04 Uhr

"Oh mein Gott"

1984 präsentiert Jobs (links) den Apple IIc. Zusammen mit Steve Wozniak (rechts) hatte er Apple gegründet. John Sculley (Mitte) drängte Jobs im Jahr darauf aus der Firma© Sal Veder/ AP

Widerspruch duldet Jobs ohnehin nicht; Mitarbeiter, die anderer Meinung sind, putzt er gern als "Volltrottel" und "Idioten" herunter. "Das ist schade", sagt Hawkins, "ich bewundere Steve, aber er muss anderen immer zeigen, dass er überlegen ist. Manchmal denke ich, er versucht, ständig die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken, um seinen leiblichen Eltern zu zeigen, welch einen Fehler sie gemacht haben, als sie ihn weggaben." Als der verstoßene Sohn 1978 selbst Vater wird - ungeplant, ungewollt - weigert er sich jahrelang, seine Tochter Lisa anzuerkennen.

Wer sagt auch, dass brillante Menschen angenehme Menschen sein müssen? "Die Leute denken, dass ich ein Arschloch bin, nicht wahr?", fragte Jobs - mehr amüsiert als alarmiert - einen Gesprächspartner schon Anfang der 80er Jahre. Es war die Arroganz des Erfolgreichen: Mit 25 wurde Jobs der jüngste Multimillionär aller Zeiten auf der "Forbes"-Liste der Superreichen, und als IBM 1981 in den PC-Markt einstieg, tönte Apple in ganzseitigen Anzeigen: "Willkommen, IBM! Ganz im Ernst!" Jobs sah die Gefahr nicht kommen; er stemmte sich dagegen, Apple-Software an andere Hersteller zu lizenzieren - und so begann der Abstieg der Firma in ihre Nische: Computer nach IBM-Vorbild, mit Software von Microsoft, eroberten die Welt; Macs gab es höchstens bei Journalisten, Grafikern und Werbern. 1985 wurde Steve Jobs, gerade 30 Jahre alt, vom Aufsichtsrat aus der eigenen Firma gedrängt.

Apple ohne Jobs, das ging erst besser und dann stetig schlechter, bis die Firma 1997 kurz vor der Pleite stand. Jobs ohne Apple dagegen - das ging erst mäßig und dann immer besser: Der "Next"-Rechner, den Jobs entwickeln ließ, floppte zwar, doch dafür entwickelte sich eine Grafikfirma namens Pixar prächtig, die Jobs dem "Star Wars"-Vater George Lucas abgekauft hatte. "Toy Story" hieß der erste Pixar-Film und spielte gleich 362 Millionen Dollar ein. Seitdem folgte von "Monster AG" bis "Findet Nemo" Hit auf Hit.

Dann kehrte Jobs zu Apple zurück. "Der Gedanke, dass Apple-Rechner etwas Besonderes sein müssen, war verloren gegangen", klagt Jobs' ehemaliger Partner Steve Wozniak. "Unser Ziel war es immer, die fortschrittlichsten und menschlichsten Computer zu bauen. Und das merkt man den Geräten jetzt wieder an." Doch viele halten es für riskant, dass Jobs heute allein das Sagen hat. "Steve hat nie einen Nachfolger herangezogen, weil er neben sich niemanden ertragen könnte, der gleichwertig ist", sagt Roger Kay, PC-Experte beim Marktforscher IDC. "Stattdessen hat er sich mit Jasagern umgeben."

Entsprechend groß war der Schock in der Apple-Gemeinde, als bei Jobs im Sommer ein Krebsgeschwür entdeckt wurde - und noch größer die Erleichterung, als er einige Wochen später wieder auf der Bühne stand, um den Foto-iPod zu enthüllen, offenbar ganz der Alte. Oder vielleicht doch nicht ganz? Die Krankheit, glaubt Andy Hertzfeld, einer der Entwickler des ersten Macintosh-Rechners, habe Jobs ins Grübeln gebracht. "Steve hat sich immer für etwas Besonderes gehalten", sagt der 51-Jährige, der Jobs kurz nach dessen Operation besucht hat. "Er hat immer geglaubt, dass die Regeln, die für alle gelten, für ihn nicht gelten." Aber der Krebs habe ihm gezeigt, dass auch er sterblich sei. Weniger getrieben sei Jobs ihm jetzt vorgekommen, erzählt Hertzfeld, und nicht so manipulativ wie früher. Möglicherweise habe auch die Familie Jobs gezähmt: seine Frau Laurene sowie die drei gemeinsamen Kinder. "Er vergöttert sie, sie machen ihn zu einem besseren Menschen."

Man würde Jobs ja gern selbst fragen, aber der Apple-Boss spricht schon lange nur noch mit wenigen, handverlesenen Reportern. Er spielt den unnahbaren Rockstar - und kann es sich leisten: Das "Ah" und "Oh" der Presse ist ihm auch so gewiss. Neulich, als Apple den iPod Shuffle vorstellte, wagte kaum einer anzumerken, dass dieser neue Taschenspieler für 100 Euro entscheidend weniger bietet als die Konkurrenz: Er hat kein Display, man kann also nicht sehen, welches Lied gerade spielt. Die Songs werden deshalb in willkürlicher Folge wiedergegeben. Jobs schaltete sein "Realitäts-Verzerrungsfeld" auf volle Kraft und pries das Manko als Design-Innovation: "Das Leben ist Zufall", heißt sein Werbespruch dazu.

Karsten Lemm
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