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Der unterschätzte Kampfzwerg

Der Webbrowser Opera ist seit 15 Jahren technisch spitze und wird kaum benutzt. Der Zwerg aus Norwegen hat mit seiner EU-Beschwerde gegen den Riesen Microsoft die Browserwahl für Windows-Nutzer herbeigeführt - und hofft auf den Durchbruch.

Von Ralf Sander

Microsoft stellt seit dem 17. März die europäischen Windows-Nutzer vor die Wahl, welchen Internetbrowser sie benutzen wollen. So will es eine Regelung mit der EU-Kommission. Wer Microsofts Internet Explorer (IE) als Standard-Surfbrett eingestellt hat, der bekommt ein Auswahlfenster mit elf IE-Alternativen angeboten. Programme wie der beliebte Firefox, Googles Chrome und Safari von Apple stehen neben einigen Exoten zur Wahl. Und dann ist da noch das Programm mit dem roten O als Logo: Opera. Dessen norwegischer Entwickler Opera Software ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass es die Browserwahl heute überhaupt gibt.

Im Dezember 2007 hatte die Firma mit Sitz in Oslo bei der EU-Kommission Beschwerde gegen Microsoft eingereicht. Zwei Gründe nannten die Norweger für diesen Schritt: Erstens missbrauche der US-Konzern seine marktbeherrschende Stellung, indem er den Internet Explorer als Standardbrowser mit seinem weit verbreiteten Betriebssystem Windows ausliefere. Der IE ist nicht nur vorinstalliert, er ist als Bestandteil von Windows kaum zu entfernen. Zweitens umgehe Microsoft "gängige Internet-Standards" bei der Gestaltung von Webseiten, an die sich andere Browserhersteller halten. Durch den Marktanteil von zeitweise mehr als 90 Prozent waren fast alle Webangebote für die Darstellung auf die Marotten des Internet Explorer optimiert worden, was in alternativen Browsern häufig zu Darstellungsproblemen geführt hatte. Beides erschwere Opera den Wettbewerb, argumentierten die Norweger. Die Kartellbeschwerde wurde unterstützt von anderen Firmen aus der Webbranche und dem IT-Verband ECIS.

Zwei Jahre später einigten sich die EU und Microsoft darauf, dass die europäischen Windows-Nutzer die Wahl zwischen verschiedenen Browsern haben soll. Im neuen Auswahlfenster immer unter den ersten fünf angezeigten Alternativen-Browsern: Opera. "Natürlich geht es auch darum, unser Programm unters Volk zu bringen", sagt Opera-Manager Patrick H. Lauke im Gespräch mit stern.de. "Doch diese Browserwahl ist grundsätzlich gut für den Verbraucher. Viele wissen gar nicht, dass es Alternativen zum Internet Explorer gibt."

Unter dem Radar

Wie es ist, trotz eines guten Produktes fast völlig unbekannt zu sein, wissen die Norweger seit 15 Jahren. Opera Software ist einer der ältesten noch aktiven Entwickler von Webbrowsern. Was als Forschungsprojekt beim norwegischen Telekommunikationsunternehmen Telenor entstanden war, wurde 1995 als eigene Firma Opera Software ausgegründet, um sich ganz der Browserentwicklung zu widmen. Die Ergebnisse waren immer besonders innovativ und nahmen vieles vorweg, was inzwischen Standard ist. Einige Beispiele: Das heute übliche Tabbed Browsing - die Anzeige mehrerer Webseiten in einem Browserfenster - beherrschte Opera von der ersten Version an, lange vor den Mitbewerbern. Werbe- und Pop-up-Blocker, Download- und Passwortmanager, vollwertige E-Mail- und Chat-Clients, Funktionen für das Lesen von Newsgroups und RSS-Feeds, Bedienung durch Mausgesten - alles ist seit Jahren in Opera standardmäßig vorhanden. Optische Veränderungen und individuelle Anpassungen der Benutzeroberfläche? Kein Problem. Zu den jüngeren Innovationen gehören: Opera Link, ein Dienst, der die Lesezeichen zwischen mehreren Browsern abgleicht, unabhängig vom Gerät. Und mit Opera Unite wird der Browser zum Webserver: Der Nutzer kann Dateien auf dem eigenen Rechner einfach anderen zum Download zur Verfügung stellen. Kurzum: die Norweger stecken immer das maximal Mögliche in ihre Software. Und das ist häufig zu viel für den Normalverbraucher. Opera erarbeitete sich eine loyale, aber kleine Fangemeinde unter Webdesignern und Hardcore-Surfern. Der weltweite Marktanteil schwankte über viele Jahre zwischen "nicht messbar" und einstelligen Prozentwerten. Lediglich in einzelnen Ländern wie Russland und der Ukraine ist der Browser erfolgreich. "Dort dominieren wir", so Lauke. Doch wie lässt sich darauf ein Business aufbauen?

Wer bezahlt schon für Browser?

Heute erscheint es unvorstellbar, aber bis einschließlich der Version 4 im Jahr 2000 verkaufte Opera seinen Browser - wie es andere Softwarefirmen mit Office-Programmen oder Virenscannern immer noch tun. Das Geschäftsmodell ließ sich nicht aufrecht erhalten. Microsofts Internet Explorer, ebenfalls 1995 gestartet, war inzwischen kostenlos auf jedem Windows-PC bereits vorhanden. Der IE hatte den Browserkrieg mit dem damals führenden Netscape Navigator gewonnen und jegliche Konkurrenz zerstört. Keine gute Zeit, um Geld für Browser zu verlangen. Danach setzten die Norweger auf Werbeeinblendungen, die gegen die Zahlung einer Gebühr abgeschaltet werden konnten. 2004 trat mit dem kostenlosen und unkommerziellen Firefox ein Browser auf den Plan, der sich zum echten Gegner für den IE entwickeln sollte. Opera reagierte, seit Ende 2005 ist die Software komplett kostenfrei. "Wir verdienen Geld über Verträge mit Suchmaschinenbetreibern", erklärt Opera-Manager Lauke. Das heißt: Google & Co. zahlen dafür, im Browser in einem Suchfeld voreingestellt zu sein. Für jede durchgeführte Anfrage bekommt Opera einen kleinen Betrag. Lauke: "Bei vielen Millionen Suchvorgängen läppert sich das schon." Doch diese Geldquelle macht nur rund ein Drittel der Einnahmen aus. Denn die Opera-Entwickler haben früh erkannt, dass der PC nicht das einzige Gerät bleiben wird, um auf das Internet zuzugreifen.

"Für uns galt immer: Wir wollen unseren Browser auf jedes Gerät bringen, das sich mit dem Internet verbinden kann", sagt Lauke. Die Norweger sorgten immer dafür, dass ihr Programm auch auf schwacher Hardware gut läuft. Und sie haben eine Technik entwickelt, die aus schlechten Verbindungen noch gute Datenübertragungsraten herausschindet. So gibt es inzwischen Opera-Versionen für Smartphones, aber auch für ältere Handys. Das Nordlicht zeigt außerdem auf Nintendos Wii den Weg in Web und auf der tragbaren Spielkonsole Nintendo DSi. Dazu kommen Varianten für Set-Top-Boxen und Web-fähige TV-Geräte. Die Hersteller der Hardware lizenzieren den Browser, der für das Gerät entsprechend angepasst wird. So erwirtschaftet die Firma einen großen Teil ihres Gesamtumsatzes. Im Jahr 2009 waren das 76 Millionen Euro, allerdings bei einem krisenbedingten Gewinneinbruch von 68 Prozent. Rund 800 Menschen arbeiten derzeit für Opera Software, die seit 2004 eine Aktiongesellschaft ist.

Ob die brandneue Version Opera 10.50 (siehe Kasten) auf dem Markt der Desktop-Computer durch die erzwungene Browserwahl gegenüber den Platzhirschen Internet Explorer und Firefox Boden gut machen kann, wird sich zeigen. Opera Software hat gerade mitgeteilt, dass die Zahl der Downloads seit dem Start der Browserwahl um 130 Prozent gestiegen sei. Wie viele der neuen Nutzer den Alleskönner schätzen lernen werden, ist eine andere Frage.

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