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Die Laserkanone der Demokratie

Vorratsdatenspeicherung, biometrische Pässe, Schäubles Schnüffeltrojaner - der "Chaos Computer Club" ist 2007 ins Zentrum der politischen Bühne gerückt. Der jüngste Coup: die Verhinderung des Hamburger Wahlstifts. Wer sind diese selbsternannten Bürgerrechtsretter? Ein Hacker-Hausbesuch.

Von Markus Wanzeck

Berlin-Mitte. Marienstraße. Ein klarer, kalter Dezember-Samstagnachmittag. Irgendetwas stimmt hier nicht. Nirgends Graffiti, nirgends Transparente. Auch sonst keine untrüglichen Zeichen gern gelebter Gegenkultur. Nichts als renovierte, in weichen Pastelltönen gestrichene Altbauten. Davor Mittelklasse-Wagen. Keiner brennt. Das hauptstädtische Hauptquartier des "Chaos Computer Club" (CCC), jener mythenumrankten Hacker-Guerilla, die sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit Geheimdiensten, Banken und der Telekom anlegt - inmitten dieser gediegenen, gesetzten Wohnidylle? Hier kann es nicht sein, nein.

"Wir sind die Guten!"

Doch. Hier ist es. Hausnummer 11. 14 Klingelschilder, die meisten unscheinbar, aber einige irgendwie anders. "Ehrenwerte Gesellschaft" steht auf einem der Schildchen, auf einem anderen "Datenreisebüro", und da, ganz unten: "Chaos Computer Club". Von hier aus also führt der CCC seinen Kampf gegen allzu blinden Computerglauben und die Geißeln des Überwachungsstaates. Drinnen, hinter der schweren Holztür: Kahle, unverputzte Wände aus grauen, weißen und roten Backsteinen, viele Stühle, zwei Sofas, eine Stereoanlage, ein Getränkeautomat - ein Cyber-Clubheim, so gemütlich, wie es sich Leute einrichten, die sowieso die meiste Zeit im Netz sind. An einem Tisch in der Mitte des Zimmers, der fast vollständig mit Verteilersteckern, Netzwerkkabeln und Essensresten bedeckt ist, sitzen Constanze Kurz und Frank Rosengart. Die beiden haben einiges über jenen Kampf gegen den Überwachungsstaat zu erzählen. Sie sind zwei der prominentesten deutschen Hacker. Und sie sind Pressesprecher des CCC - amtliche Kommunikationskanäle des Computeruntergrunds gewissermaßen.

Zunächst allerdings widmen sich die beiden dem Kampf gegen Klischees. Das ist ihnen wichtig. So viel Zeit muss sein. "Bloß, weil die meisten Hacker ein wenig öffentlichkeitsscheu sind, denken die Leute, wir wären Kriminelle", beschwert sich Frank Rosengart. Er schlägt ein Bein über das andere und lehnt sich mit dem Stuhl weit zurück. Dabei, sagt er, gehe es beim Hacken doch gar nicht darum, aus Sicherheitslücken und Programmierfehlern anderer Profit zu schlagen. Ums Entdecken gehe es. Nicht ums Benutzen. Darum, die entdeckten Lecks und Gefahren öffentlich zu machen. Darum, den arglosen Nutzer und Bürger zu warnen. Das ist das eherne Hacker-Ethos. "Wir machen das alle ehrenamtlich, in unserer Freizeit", ergänzt Constanze Kurz. Außerhalb ihrer Freizeit ist die 33-Jährige Informatikdozentin an der Berliner Humboldt-Universität. "Wir sind die Guten!", fasst Frank Rosengart das Gesagte zusammen. Verbindlich lächelnd. Auf seinem T-Shirt prangt ein Schäuble-Konterfei. Grimmig grinsend. Darunter, in großen Lettern: "Stasi 2.0". Die Fronten wären also geklärt.

Bürgerrechtsorganisation 2.0

Seit seiner Gründung in den Redaktionsräumen der "taz" im Jahr 1981 galt der Chaos Computer Club als kuriose, etwas anrüchige Untergrundorganisation. Der "KGB-Hack" von 1987 und andere medienträchtige Ausflüge in die Illegalität verstärkten dieses Bild. Dabei ging oft unter, das CCC-Gründer Wau Holland und seine Mitstreiter von Anfang an - ja, doch - Gutes im Sinn hatten: "Der Chaos Computer Club ist eine galaktische Vereinigung ohne feste Strukturen", heißt es in der ersten Ausgabe der CCC-Vereinszeitschrift "datenschleuder". "Wir verwirklichen soweit wie möglich das 'neue' Menschenrecht auf zumindest weltweiten freien, unbehinderten und nicht kontrollierten Informationsaustausch (Freiheit für die Daten) unter ausnahmslos allen Menschen und anderen intelligenten Lebewesen."

In den letzten Jahren jedoch hat sich das öffentliche Bild des CCC radikal gewandelt. Die Computerisierung des Alltags und die Worthülse vom "Krieg gegen den Terror" haben jene "galaktische Vereinigung" aus den schummrigen Tiefen virtueller Welten an die Ufer des realpolitischen Mainstreams gespült. Wann immer die Innenminister Schily und Schäuble dem Land ihre Innovationen der Verbrechensbekämpfung präsentierten, waren die Experten des CCC gefragt: Biometrischer Reisepass? Bundestrojaner? Vorratsdatenspeicherung? Frank Rosengart, Constanze Kurz und Co. gaben Interviews, schrieben Pressemitteilungen, organisierten Vorträge zu diesen Themen oder hielten sie gleich selbst. "Dabei", sagt Frank Rosengart, "würden wir auch ganz gern mal wieder was von uns aus machen - anstatt ständig nur auf irgendwelche dämliche Gesetzesvorstöße reagieren müssen." Doch daran dürfte sich so schnell nichts ändern. Der CCC ist mittlerweile zu einer Bürgerrechtsorganisation 2.0 geworden. Zu einer Laserkanone der Demokratie.

Die leidet bisweilen unter mangelnder Durchschlagskraft. Constanze Kurz klingt etwas ratlos: "Ich find das schon krass. Die Medien berichten ja durchaus über bedenkliche Dinge wie den biometrischen Pass, wenn wir sie darauf hinweisen. Man kann gar nicht sagen, dass sie diese Themen ignorieren. Aber trotzdem passiert nichts!" Dann macht sie eine längere Sprechpause - was sie sonst nur macht, wenn sie in ihren Ausführungen von Frank Rosengart unterbrochen wird. Aber der sagt jetzt auch nichts. "Wo bleibt die Revolution?", steht in grellem Rot auf Constanze Kurz’ T-Shirt, das sie über dem Longsleeve trägt.

Bröckelnde Bürgerrechte, massiver Mitgliederzuwachs

Bei einem Thema immerhin konnten die Chaoscomputerclubber dieses Jahr einen furiosen Erfolg verbuchen: Dem "Digitalen Wahlstift", der bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen im Februar 2008 zum Einsatz kommen sollte, wurde im November das Vertrauen entzogen. Der Stift hätte mithilfe einer eingebauten Infrarotkamera die Kreuzchen auf den Stimmzetteln registrieren und so die Stimmenauszählung vereinfachen sollen. Der CCC dokumentierte jedoch in einem Video, wie manipulationsanfällig das elektronische Zählsystem ist. "Gegenüber Wahlcomputern gibt es viel zu wenig Misstrauen, weil sich die meisten Leute mit Computern einfach zu wenig auskennen", sagt Constanze Kurz. Frank Rosengart gefällt die Paradoxie, dass gerade bekennende Computerfreaks wie er und seine Kollegen vor der Computerhörigkeit warnen. "Im Grunde ganz lustig" sei das, sagt er. Aber nicht alles technisch Machbare sei eben auch wünschenswert. "Das Wählen auf Papier hat den bestechenden Vorteil, dass jedes Kind sehen kann, was passiert."

Seit seiner Schulzeit ist Frank Rosengart Mitglied im Chaos Computer Club. Heute ist er 35. Das Jahr 2007 war für ihn aus CCC-Sicht in zweierlei Hinsicht eines der bemerkenswertesten. Zum einen war es - Vorratsdatenspeicherung, E-Pass, Online-Durchsuchungen - das Jahr der bröckelnden Bürgerrechte. Zum anderen bescherte ebendies dem Club einen massiven Mitgliederzuwachs: "Wir haben jetzt über 2000 Mitglieder - das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von fünfzig Prozent." Jeder, so scheint es, will nun zu den Guten gehören.

"Den Grünen muss man sagen: Ihr habt Schily machen lassen!"

Es verwundert nicht, dass auch politische Parteien die Nähe zu den neuen Bürgerrechtsanwälten suchen. "Wir merken schon, wie die Grünen, die FDP oder auch die Jusos in letzter Zeit versuchen, sich mit uns einen bürgerrechtlichen Anstrich zu geben", so Frank Rosengart. Aber gerade von den Grünen, von deren Regierungsbeteiligung sie so viel erwartet hatten, sind sie beim CCC enttäuscht. "Wir sind ja nicht vergesslich", sagt Constanze Kurz trotzig. "Denen muss man sagen: Ihr habt die Vorratsdatenspeicherung zugelassen! Ihr habt Schily machen lassen!" Politiker veränderten sich eben, sobald sie an der Macht sind. Auch die Grünen. Das haben sie beim CCC lernen müssen. Und deshalb ist ihre Politik gegenüber der Politik heute: Kooperation und Beratung - ja. Aber auf keinen Fall von irgendwem einspannen lassen. "Ein paar Koordinationsregeln gibt es eben auch bei uns", sagt Frank Rosengart, "ein Mindestmaß an Disziplin." Nach einem kurzem Moment fügt er entschuldigend hinzu: "Auch wenn das fürchterlich klingt." Das muss man wohl sagen, als Pressesprecher eines Clubs, der das Chaos schon in seinem Namen trägt.

Eigentlich, sagt er, sei der CCC dezidiert dezentral und unhierarchisch strukturiert. So weit es geht, setzt man auf Selbstorganisation. Das gilt auch für den "Chaos Communication Congress", ein mehrtägiges Hackertreffen mit bis zu 3500 Besuchern, das der Verein seit 1984 veranstaltet. Wie jedes Jahr findet der Kongress auch 2007 wieder am traditionellen Termin zwischen Weihnachten und Neujahr statt. Zur besten Familienfeierzeit. "Die erste Hackergeneration, das waren eben Leute, die mit Weihnachten und Familie nicht so viel anfangen konnten. Die waren froh, sich vom Acker machen zu können."

Doch auch in dieser Hinsicht hat der "Chaos Computer Club" eine Wandlung durchgemacht. Manche der Hacker haben heute selbst Familie und Kinder. Der Club will dem drohenden Generationenkonflikt offensiv begegnen: Auf dem kommenden Kongress soll es erstmals eine Kita für den Hackernachwuchs geben.

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