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7. Januar 2008, 10:28 Uhr

Die letzte Vorstellung der Bill-Show

Zum letzten Mal in seiner Karriere hat Bill Gates die Heimelektronik-Messe CES eröffnet. In einem Video mit vielen Prominenten nahm er sich selbst auf die Schippe. Dann wagte der Multimilliardär einen Ausblick in die Zukunft: Was er dort sah, war nicht wirklich visionär. Von Dirk Liedtke, Las Vegas

Der Nerd und der Rocker: Bill Gates (re.) lässt sich von Slash echte Gitarrenriffs zeigen, während er mit einem "Guitar Hero"-Controller spielt© Paul Sakuma/AP

Er kam auf die Bühne in einem grob kariertem Hemd und einem formlosen, lila Pulli und rückte sich zuerst mal die Brille zurecht. Bei seinem letzten, dem elften, Auftritt zum Auftakt der weltweit wichtigsten High-Tech-Messe, der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, ist sich Bill Gates treu geblieben. Er ist zwar der reichste Mann der Welt, aber ein unverbesserlicher Nerd. Uncool, unsexy, aber schlau genug, um damit zu kokettieren. Ein Jux-Video schilderte den letzten Arbeitstag des Microsoft-Chairman auf eine sehr lustige Weise.

Zur Arbeit fährt der Multimilliardär in einem popeligen Ford Focus. Seine Aktentasche vergisst der Schussel auf dem Dach. Den langweiligen letzten Arbeitstag vertreibt er sich, indem er mit Spielzeugrittern spielt und allerlei Leute am Telefon belästigt: George Clooney hat keine Lust, Bill Gates in einem Film zu spielen, wie er Steven Spielberg am Telefon sagt. Dabei hatte Bill sich das so doll gewünscht. Bono bettelt Gates an, bei U2 einsteigen zu dürfen als Gitarrist. Hillary Clinton, Barack Obama und Al Gore drängt er sich als Vizekandidat auf. Als die ihn alle höflich, aber bestimmt abwimmeln, nimmt er sogar eine Platte mit Jay-Z auf, einem erfolgreichen HipHopper - mit katastrophalem Ergebnis. Auch Jon Stewart, Oscar-Gastgeber und in den USA erfolgreicher Moderator der polit-satirischen "Daily Show", hat keinen Job für Bill. Die Demütigungen nehmen kein Ende: Sein persönlicher Fitness-Trainer, Hollywood-Schönling Matthew McConaughey, rät Spargeltarzan Gates davon ab, sein Hemd auszuziehen.

Der Kurzfilm ist fast so deprimierend wie "About Schmidt" mit Jack Nickolson - aber natürlich eine herzerfrischende Satire, weil alle genannten Promis tatsächlich für das Video vor die Kamera traten. Am Ende Gates' letzten Arbeitstages blockiert eine Batterie ausgetrunkener Diätcola-Dosen seinen Schreibtisch, und sein persönlicher Krimskrams passt in nur eine Kiste. Aber die vergisst er natürlich wieder auf dem Autodach, und seine Siebensachen purzeln auf seinen Chefparkplatz auf dem Microsoft-Campus. Die vielen hundert Zuschauer in dem riesigen, rappelvollen Ballsaal im "Venetian"-Hotel belohnten die Rumpelkomödie mit Johlen und langem Zwischenapplaus.

Sensationsarme Visionen

So weit, so schenkelklopfend. Im ernsthaften Teil seiner sensationsarmen Präsentation hämmerte Bill Gates psychologisch wenig subtil die Bedeutung von Software ein. Software, Software, Software - immer wieder sprach er beschwörend dieses Wort aus. Damit meinte er natürlich nicht Gratis-Software, die Google bereits erfolgreich anbietet, oder Open-Source-Software wie Linux oder gar Gratis-Raubkopien aus Tauschbörsen. Software steht in der Microsoft-Welt für Windows. Und das kostet und soll alle digitalen Plattformen beherrschen - Spielkonsolen wie die Xbox 360, Autos von Ford oder Fiat, Handys mit Windows Mobile und das Web mit Windows Live. Alles ist digital - Kalender, Musik, Videos, TV-Programme - und wird mit einem Universal-Benutzernamen namens "Windows Live ID" überall zugänglich. So stellt sich Bill Gates die zweite digitale Dekade vor. Die erste, die mit dem Fehlstart von Microsoft in das Internet-Zeitalter begann, ließ Gates langatmig Revue passieren. Wenigstens stürzte dabei Powerpoint nicht ab.

Drei - sich längst abzeichnende - Trends rief Bill Gates für das zweite digitale Jahrzehnt aus: High Definition (HD), also superscharfe Bilder, werden überall auftauchen - etwa in 3D-Welten im Web. Alle Geräte werden ständig vernetzt sein. Und die Benutzung von digitalen Geräten wird sich radikal verändern. In diesem Zusammenhang erwähnte Gates sogar das iPhone als Trendsetter, obwohl er jüngst in einem Interview mit Lesern der BBC-Website sagte, in seinem Haus stünden zwar zehn PC aber kein einziger Apple-Rechner.

Per Fingerzeig lässt sich derzeit nur der Surface-Kiosk bedienen, ein berührungsempfindlicher Computer für Läden, an dem sich Bill Gates auf der Bühne ein Snowboard personalisierte und kaufte. Ein Windows-Smartphone hört aufs Wort, aber noch nicht aufs Fingerschnippen. Dafür zeigte Gates den Prototypen eines Handys, das Personen und Gebäude erkennt. So schlägt es beim Erkennen eines Kinos gleich Filme vor und zeigt Trailer. Wegbeschreibungen werden mit eindrucksvollen 3D-Darstellungen aus Microsoft Live Earth kombiniert. Aber das alles existiert nur als Prototyp im Microsoft-Labor.

Microsoft wäre gerne Werber

An dieser Stelle betonte Gates das zweite Zauberwort seines Vortrags: Werbung. Microsoft möchte bei mobilen Anzeigen das werden, was Google bei der Internetsuche ist: der King. Bei Windows-Mobile-Telefonen könnte das vielleicht noch gehen - aber nur, wenn man andere Anbieter aussperrt. Aber das ist praktisch unmöglich. Aber mit der Übernahme einer Firma für Internet-Anzeigenschaltung hat Microsoft immerhin den Anfang gemacht in Richtung des stark wachsenden Werbegeschäfts im Web und auf Handys.

Ein Verkaufshit ist die Spielkonsole XBox 360, von der laut Robbie Bach, dem Unterhaltungschef bei Microsoft, 17,7 Millionen verkauft wurden. In den USA können vernetzte Xbox-Live-Gamer bald auf Couch Potato umschulen - Filme und TV-Serien lassen sich demnächst online abrufen und in HD-Qualität anschauen.

Gates versucht sich als Rocker

Am Ende seiner letzten Show in Las Vegas ließ sich Bill Gates vom Rocker Slash (Velvet Revolver, Ex-Guns'n'Roses) laute Riffs auf einer echten Gitarre beibringen, während er mit einer "Guitar Hero"-Spielzeuggitarre daneben stand und mitwippte. Er ist der reichste Mann der Welt, ein gieriger Software-Monopolist und ein unverbesserlicher Nerd.

Jetzt nur noch Menschenfreund

In ein paar Wochen wird er wieder als Guru seines zweiten, neuen Lebens auftreten, beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Und vielleicht wird ihn seine Arbeit als spendabelster Philanthrop der Welt am Ende noch berühmter und beliebter machen als seine erste Karriere. Wenn er Malaria oder Aids ausrotten kann, wird er vielleicht einmal als Albert Schweitzer oder Alexander Fleming seiner Zeit in die Geschichte eingehen. Und dann wird sich irgendwann niemand mehr daran erinnern, dass er ein Nerd war, der sich immer wieder reflexhaft die Brille hoch schiebt.

Von Dirk Liedtke, Las Vegas
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
schreibtherapie (09.01.2008, 15:46 Uhr)
Nerd
Nerd wird umgangssprachlich auch als "Spast" übersetzt.
facilidad_de_ser (07.01.2008, 17:31 Uhr)
Nerd
Ein Nerd ist vielleicht eher ein extremer Computer-Freak mit sozialen Integrationsproblemen, also jemand der die Anwesenheit eines Computer der Anwesenheit von Menschen vorzieht.
toppas (07.01.2008, 14:25 Uhr)
@bud.alien
Nerd = Computerfreak, Streber (www.leo.org)
bud.alien (07.01.2008, 14:21 Uhr)
Hallo Leute,
kann mir hier einmal einer erklären, was ein "Nerd" ist? Habe im Langescheidt Fremdwörterbuch nachgeschlagen, weiterhin online www.fremdwort.de, aber leider nichts gefunden!
Danke!!
donkeykong (07.01.2008, 14:06 Uhr)
umsonst
wenigstens kann man die Artikel online gratis lesen, so dass es nur Zeit ist, die hier verloren geht...
Britney Spears, Marco im Elektro-Markt, Bill Gates als Rocker. Wieder ein glorreicher Tag im Leben des "Stern".
johnquinn (07.01.2008, 13:45 Uhr)
Respekt, Herr Liedke,
da ist Ihnen ja wirklich ein objektiver Artikel gelungen. Welche Qualifikationen muss man eigentlich erfüllen, um beim STERN "Journalismus" betreiben zu dürfen?
Ich selbst ziehe zwar einen Mac Windows-PCs vor, jedoch bringen mich solch neidgeprägte Texte immer auf die Palme. Was für ein Schwachsinn...
H.P. (07.01.2008, 13:26 Uhr)
einfach nur „Sein“:-)
Mit Geld kann man viel kaufen und helfen, ob das am Ende reicht in die Geschichte einzugehen? Um in die Geschichte einzugehen, muss man weder reich noch spendapel sein, einfach nur „Sein“:-)
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