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10. April 2003, 16:57 Uhr

Vorsicht, Chef liest mit!

Überwachungssoftware zur Kontrolle von Mitarbeitern am PC sind Bestseller. Die Gesetze schützen Arbeitnehmer nur begrenzt.

Yasin Qureshi von der Hamburger Firma Varengold ist sicher, seine Mitarbeiter arbeiten besser, seit er sie kontrolliert.© Olaf Ballnus

Bei der Hamburger Firma Varengold Wertpapierhandelsbank heißt der große, alles sehende Überwacher nicht "Big Brother", sondern "graue Eminenz". So nennen die Vorstandsmitglieder den unscheinbaren PC, der die Aktivitäten aller Mitarbeiter an deren Computern aufzeichnet. Varengold-Vorstand Yasin Qureshi kann beispielsweise jederzeit kontrollieren, welche Webseiten sein Mitarbeiter Sven Meyer besucht. Qureshi sieht, welche Programme Meyer ausführt, wann er morgens den Computer hochgefahren hat und wie lange er Pausen am Rechner macht.

"Spector" heißt die Überwachungssoftware, die das Ausspionieren möglich macht. Sven Meyer, Prokurist bei Varengold, einer Firma für den elektronischen Handel mit Aktien-Derivaten, hat der Installation auf seinem PC zugestimmt - wie die anderen Mitarbeiter auch. "Am Anfang fühlte ich mich auf den Schlips getreten. Ich hatte viele Überstunden und fand die Einführung dieser Stasi-Software kleinlich", sagt Meyer. Ein paar Tage nach der Installation bat ihn sein Chef Qureshi zu sich und spielte Meyers gesamten Arbeitstag wie einen Videofilm vor. Programme, Tastenanschläge, Passwörter und "Screenshots" des Bildschirms waren dokumentiert. Und auch jede Menge Privates war zu sehen: Online-Überweisungen; Web-Seiten, die nichts mit dem Geschäft von Varengold zu tun haben; E-Mails an die Freundin.

Meyer sieht auch positive Aspekte

"Ich war entsetzt, hatte Argumentationsschwierigkeiten, als ich mich rechtfertigen musste", sagt Meyer. Trotzdem ist er mittlerweile mit dem Einsatz der Spionagesoftware einverstanden. "Ich werde besser mit der Arbeit fertig und kann die Protokolle als positives Werkzeug für Gehaltsverhandlungen nutzen, weil sie zeigen, wie gut ich geackert habe."

Auf Wunsch auch heimlich

Überwachung am Arbeitsplatz ist ein gutes Geschäft: Allein von den Programmen "Spector" und "EBlaster" der Firma ProtectCom verkauften sich im Jahr 2002 mehr als 7000 Lizenzen. ProtectCom-Geschäftsführer Carsten Rau wirbt im Internet: "Finden Sie heraus, ob Ihre Angestellten privat im Internet surfen oder ihre Zeit mit Spielen vertrödeln. Lokalisieren Sie personelle Schwachstellen." Auf Wunsch kann "Spector" heimlich installiert werden; versteckt zwischen Windows-Dateien benennt es sich laufend um.

In den USA überwachen nach einer Studie der American Management Association bereits über drei Viertel der großen Unternehmen ihre Mitarbeiter. In den meisten US-Bundesstaaten müssen die Mitarbeiter nicht einmal darauf hingewiesen werden, dass sie am Arbeitsplatz kontrolliert werden.

So einfach haben es deutsche Firmen nicht, eine Totalüberwachung ohne vorherige Ankündigung und Zustimmung des Betriebsrats ist in Deutschland rechtswidrig. "Zum Glück", sagt Rena Tangens von der Datenschutzinitiative FoeBuD. "In Deutschland gibt man die Menschenwürde noch nicht an der Werkspforte ab."

Prokurist Sven Meyer wurde von Qureshi beim Privatsurfen ertappt - und ist nun mit der Kontrolle zufrieden.© Olaf Ballnus

Die ProtectCom-Kundenliste bleibt geheim

Experten wie Cornelia Brandt vom Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi sind jedoch sicher, dass viele Firmen dennoch heimlich Spionagesoftware einsetzen. Wolfgang Däubler, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Bremen, fürchtet, dass Schnüffelprogramme vor allem in Unternehmen ohne Betriebsrat verdeckt eingesetzt werden. Fragt man Carsten Rau von ProtectCom, welche Firmen seine Überwachungsprogramme gekauft haben, so hält er sich bedeckt: "Zu unseren Kunden gehören viele mittelständische Unternehmen, aber auch namhafte Großunternehmen, Banken, Versicherungen und Behörden." Yasin Qureshi von Varengold ist jedenfalls zufrieden: "Wir erreichen jetzt mit weniger Mitarbeitern die gleichen Ergebnisse wie vor der Einführung von Spector", schwärmt er. Man habe jedoch niemandem aufgrund von privatem Surfen gekündigt, stets seien andere Gründe ausschlaggebend gewesen.

"Wer auffällt, den kann man mit anderen Mitteln loswerden"

Das sei typisch, meint Arbeitsrechtler Däubler: "Einen bei der Überwachung negativ auffallenden Angestellten kann man ja mit anderen Mitteln loswerden." Dass die Gesetze die freiwillige Zustimmung der Angestellten zur Überwachung fordern, hält Däubler für unzureichen: "Eine Freiwilligkeit im Arbeitsverhältnis ist normalerweise nicht gegeben, da der Angestellte sich in struktureller Abhängigkeit zum Arbeitgeber befindet."

Konflikt der Konzernkulturen

Ohnehin sind nicht alle Chefs an der totalen Kontrolle ihrer Mitarbeiter interessiert. Alfred Büllesbach zum Beispiel, als Konzernbeauftragter weltweit für den Datenschutz bei Daimler-Chrysler zuständig, findet solche Methoden entsetzlich. Eine Internetrichtlinie des Konzerns schreibt vor, dass die Nutzung des Online-Zugangs nur für Geschäftszwecke erlaubt ist; doch kontrolliert wird das nicht. Auch bei Siemens ist eine Privatnutzung des Internets in der Arbeitsordnung verboten, zudem wird ein Filter-Programm eingesetzt, das den Zugriff auf ausgewählte Webseiten verhindert. Im Übrigen vertraut Siemens auf die Eigenverantwortlichkeit der Mitarbeiter und auf eine gute Unternehmenskultur. Yasin Qureshi sieht das anders: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist Spector."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 16/2003

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Im Web Spectorsoft: Hersteller von Überwachungssoftware
Elbtec: Kostenlose Software, mit der Mitarbeiter ihren PC auf heimlich installierte Spionagesoftware überprüfen können
Datenschutz.de Adressen der zuständigen Behörden bei Problemen mit Überwachung
"Onlinerechte für Beschäftigte" Kampagne der Gewerkschaft Verdi

Melanie Gutmann
 
 
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