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26. April 2010, 18:34 Uhr

Das WePad lebt

Die öffentliche Präsentation des deutschen iPad-Konkurrenten WePad geriet vor zwei Wochen zum PR-Desaster. Nichts funktionierte wie geplant. Spötter unkten, das WePad gebe es gar nicht. Zum Gegenbeweis hat Neofonie in kleinem Kreis ein Vorserienmodell des Tabletts vorgeführt. stern.de war dabei. Von Ralf Sander

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Bei einer ersten Präsentation lief auf dem WePad nur ein Film. Diesmal konnten Tester den Tablet-PC ausprobieren© Jens Kalaene/DPA

Seit zwei Wochen arbeitet Helmut Hoffer von Ankershoffen hauptberuflich als Retter. Eigentlich leitet er die Berliner IT-Firma Neofonie, die er vor zwölf Jahren gegründet hat. Sein Unternehmen hat gemeinsam mit der Münchner Firma 4tiitoo das WePad entwickelt, einen Tablett-Computer, der als deutsche Antwort auf Apples iPad Furore machen soll. Vor 14 Tagen wurde das Gerät auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch statt des echten, von Neofonie entwickelten Betriebssystems, lief nur ein Video der Software auf dem WePad. Als das auch noch schlapp machte und eine Windows-Fehlermeldung zeigte, war alles zu spät. Blogger und später auch Journalisten stürzten sich mit Häme auf das PR-Desaster. Zweifel wurden laut: Gibt es gar kein funktionierendes Teutonen-iPad? Ist das ganze Projekt nur ein schöner Schein? Seitdem ist der Neofonie-Chef unterwegs, seine eigene Glaubwürdigkeit, die seiner Firma und des Produkts namens WePad wiederherzustellen.

Um mit den Vorwürfen, es gebe gar kein funktionierendes Produkt, aufzuräumen, hat Neofonie eine Handvoll Journalisten sowie zwei IT-Blogger, die von der WePad-Community auf Facebook gewählt worden waren, ins Hauptquartier nach Berlin gebeten, um ein Vorserienmodell aus der Nähe zu begutachten. Bis zum Verkaufsstart sind es noch zwei Monate hin, Vorbestellungen sind von Dienstag an möglich, zurzeit werden Fehler in Hard- und Software ausgebügelt. Dementsprechend lassen sich aus dem noch etwas wackeligen Testgerät nur eingeschränkt Schlüsse über das Endprodukt ziehen. Erste Eindrücke von der Bedienung des Geräts vermittelte das Vorserienmodell allerdings, bevor es schlappmachte.

Steuerung per Wischtechnik

Wie Apples iPad lässt sich das WePad komplett über einen berührungsempfindlichen Bildschirm steuern. Das sanfte Wischen über das Display, das zur typischen Handbewegung bei iPhone und iPad geworden ist, hat Neofonie auch für das WePad versprochen. Und in der Tat: Die Bedienung per Fingerzeig und Wischgesten geht flüssig von der Hand. Das leichte Ruckeln in den Bewegungen der Bildschirminhalte soll noch ausgebügelt werden.

Während bei der Multitouch-Bedienung zwischen iPad und WePad nur geringe Unterschiede zu bestehen scheinen, sieht der Bildschirminhalt des deutschen Tabletts völlig anders aus als beim scheinbar übermächtigen Platzhirsch aus den USA. Auf dem iPad sind die Startknöpfe für die einzelnen Programme - Apps - nebeneinander auf blätterbaren Seiten angeordnet, so ähnlich wie in einem Buch. Beim WePad hingegen ist die Bildschirmoberfläche ein riesiger Schreibtisch, auf dem alles abgelegt werden kann. Das können Startknöpfe von Programmen wie Open Office sein aber auch Verlinkungen zu Webseiten, Eingabemasken von Suchmaschinen oder Auskunftsdiensten.

Am Interessantesten ist aber die Möglichkeit, aktive Inhalte auf der Schreibtischoberfläche zu platzieren, zum Beispiel aktuelle Nachrichtenticker oder den Wetterbericht. Da das WePad Multitasking-fähig ist - also mehrere Programme gleichzeitig ausführen kann - kann auf dem Desktop vieles "live" geschehen. Das Vorführgerät zeigte beispielsweise ein geöffnetes Fenster mit Google Maps, in dem man ständig auf den Kartendienst zugreifen konnte, ohne extra einen Browser starten zu müssen.

Endlose Pinnwand

Optisch ist die Lösung mit der riesigen Schreibtischoberfläche allerdings gewöhnungsbedürftig. Mit vielen installierten Apps erinnert sie an eine vollgepappte und scheinbar endlose Pinnwand. Was sich wo auf dem Desktop befindet, kann der Nutzer selbst anordnen.

Das zentrale Steuerungselement für das WePad ist eine Leiste an der rechten Seite des Bildschirms, die mit dem Daumen bedient wird. Ein roter Rahmen lässt sich auf einem Miniabbild des Desktops hin und herschieben und so den Bildschirminhalt bewegen. In der Leiste befinden sich außerdem einige wichtige Schaltflächen, zum Beispiel für den Webbrowser und die Übersicht der gerade laufenden Programme. Innerhalb einer Software kann außerdem auf der linken Seite eine weitere Leiste mit Funktionen dazukommen. Neofonie will so erreichen, dass man bei der Nutzung des WePad nicht umgreifen muss, sondern es auch steuern kann, während man das 800 Gramm schwere Gerät mit beiden Händen festhält. Dieses Bedienkonzept muss sich im Alltag erst noch bewähren.

Weil das WePad über vielfältige Anschlussmöglichkeiten verfügt - USB, HDMI, Speicherkarten - lassen sich vielfältige handelsübliche Geräte anschließen, vom USB-Stick über die externe Festplatte bis zu Maus und Tastatur. Alles Dinge, die mit dem iPad nicht möglich sein werden.

Nach dem Erstkontakt mit einer frühen Version des WePad lässt sich sagen: Es existiert und es funktioniert. Optisch fehlt ihm die Eleganz der Apple-Geräte, doch die Bedienung macht durchaus einen viel versprechenden Eindruck. Sein wahres Potenzial wird es erst durch noch zu entwickelnde Apps entfalten können. Ob sich nur Menschen mit ausgeprägter Apfel-Allergie für ein offenes, erweiterbares System, das auch Flash abspielt, erwärmen können, wird der Sommer zeigen.

Was auf der PK schief gegangen war Laut Neofonie kam das Gerät, das der Presse am 12. April gezeigt werden sollte, aufgrund von Problemen im Zoll erst kurz vor Beginn der Präsentation in Berlin an. Es sei nicht mehr genug Zeit gewesen, um das WePad-Betriebssystem zu installieren. Von der Fabrik in China sei zu Testzwecken Windows 7 vorinstalliert gewesen. Aus Zeitmangel haben man sich entschlossen, auf dem Windows Media Player ein vorproduziertes Video des Betriebssystems abzuspielen, um auf der PK nicht mit leeren Händen darzustehen. "Das war unser Fehler", sagt Neofonie-Chef Hoffer von Ankershoffen.

Von Ralf Sander
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
butz79 (27.04.2010, 16:02 Uhr)
Unprofessionell ...
... ist es, ein auf einer PK zu präsentierendes Gerät so kurzfristig aus der Fabrik liefern zu lassen, dass so etwas passieren kann. Normalerweise sollte man das 2 Wochen vorher beziehen und alle Eventualitäten damit durchspielen. Darunter leidet das Image des Herstellers und folglich auch das des Gerätes selbst ....
urTobsen (27.04.2010, 10:21 Uhr)
nix neu, aber komfortabel
klar gibt es einzelgeräte die, dieses funkionalitäten besser erfüllen als i - oder we-pad, es gab ja sogar schon tablet PC`s.
aber man sollte nicht zu vergessen, dass es diesen komfort noch nicht gibt: "klick und an", "app-vielfalt", "akkuleistung", "bedienung", ...
So werden diese Pads wohl auch ihre Käufer finden, zu recht wie ich finde.

ps:WePad vs Ipad --> BarrierreFreiheit (usb) vs Name (apple) ??
tobix (27.04.2010, 09:37 Uhr)
@JRx1
Wieso ist HDTV eine "neue" Entwicklung, der Rest aber nicht? Fernsehen in höherer Auflösung - eine typische Weiterentwicklung, oder? Genau wie schnellere Rechner, bessere Grafik oder tollere Handys.

Mir fällt allerdings auf Anhieb gerade auch nichts ein, was absolut neu ist und nicht "nur" eine Verbesserung alter Technik. MP3-Player, Smartphones, Notebooks/Netbooks/TabletPC/Pads, ... Vieles spukt auch schon länger in Forschungslabors oder frühen Versuchen herum - Gestensteuerung, Bewegungssensoren, 3D-Filme, etc.

Vielleicht ist jetzt einfach die Zeit, alte Ideen praxisgerecht umzusetzen :)
iosono (27.04.2010, 08:00 Uhr)
WePad 2
ich warte dann mal auf das WePad2.Auch auf das iPad 2 oder iPad B.testet es mal alle schön.....)
cocoa_magazin (27.04.2010, 07:26 Uhr)
WePad = ExoPC ?
Das WePad ähnelt dem ExoPC sehr: http://www.exopc.com/en/index.php Auf dem kanadischen ExoPC läuft allerdings Windows7! Anscheinend gehört es zu Asus
JRx1 (27.04.2010, 00:05 Uhr)
PS: Ich behaupte das es seit 1989
keine NEUE Entwicklung in irgendeinem Markt gegeben hat. Die letzte wirkliche Neuentwicklung war HDTV von Sony das bereits 1989 fertig war - nur ein HDTV kostete damals 6000 DM. Und es gab keine HDTV stations. Alles danach war eine Verbindung von vorhandenem in neuen Kleidern... das problem ist das FAST alles heute von China und Indien mit Arbeitern von 1 US dollar bis 10 US Dollar pro tag hergestellt ( nachgebaut) werden kann. Das ist globale wirtschaft die nur ein
zeitweises wachstum bringen wird, bis es zurueckschlaegt auf die Laender die Globale Wirtschaft erfunden haben. In wenigen Jahren wird man es einsehen das Globale Wirtschaft eine katastrophe ist!

Daher entstehen solche Martketing blasen wie: Wir haben das Wepad.
JRx1 (26.04.2010, 23:53 Uhr)
Ist das nicht herrlich ....
Lars Windhorst kommentiert aus seinem Hongkonger Buero hier im Forum.

Hey Lars altes haus - lange nichts von Dir gelesen!


PS: Hat der Hongkonger Stern blogger ihn jemals besucht?
JRx1 (26.04.2010, 23:47 Uhr)
Man wollte auf den zug springen
Und der zug war schon abgefahren!

stasicom (26.04.2010, 22:11 Uhr)
wackelt, ruckelt und hat Luft...
...als Abo-Prämie zwischen Bergmann-Uhr und Universal-Häcksler...:-)
larswunderlich (26.04.2010, 21:13 Uhr)
Deutsche kaufen WePad... oder so!?
Ja, was haben wir heute gelernt? Die, die behaupteten, das WePad sei ein April-Scherz haben sich geirrt, immerhin hat man heute gesehen, dass es ein Gerät gibt, das faktisch so funktioniert, wie der PR-Fake hätte funktionieren sollen. Was unbeantwortet bleibt, ist ob WePad bei den angehenden Konkurrenten (2010, das "Pad"-Jahr) einen ausreichenden Marktanteil abbekommen kann/wird. Sehr interessant fand ich mal wieder den Internet-"Guru" Jeff Jarvis zum Thema, wozu brauchen wir eigentlich sowas wie iPad oder WePad. (http://www.youtube.com/watch?v=E3Y_QB4IO7g) Irgendwo hat er ja recht, so ein Android-Telefon aber mit winzigem Display, für das ich zu große Pfoten habe, das Netbook, mit dem man nicht gut telefonieren oder lesen kann, der Quadcore-Rechner, der am Schreibtisch festgebunden ist und der HDTV-Fernseher, der WLAN-Internetzugang besitzt... brauchen wir nun noch ein Pad? Gibt's dort eigentlich immer noch eine "PC"-artige Ausgestaltung, die eine neue Marktnische bedient und nun "X"-Pad heißt oder sind das eigentlich nur Variationen ein und derselben Melodie eines global everytime-everywhere Internet-Socialising-Community Geschmacksflavors, den uns Firmen als notwendige Technologie verkaufen, obwohl ... und da wollen wir ja mal ganz ehrlich sein, weder iPad noch WePad irgendetwas technologisch können, was es nicht schon gegeben hätte oder wofür die meisten nicht schon ein Gerät zu Hause haben. Aber, da wir konsumgesteuert das ja Gott sei Dank schnell in unserer Oniomanie (Kaufsucht) vergessen, wo war jetzt gleich wieder die Pre-Order-Seite? Zu nem vernünftigen WM-Jahr gehört eine Deutschlandfahne und ein WePad, oder? Selbst, wenn bei beiden der Sieg noch in den Sternen steht.
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