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14. Juni 2005, 07:06 Uhr

Ab in die Tonne!

Wer seine Festplatte bei Ebay versteigert, riskiert, dass private Fotos, Mails oder heikle Daten in Umlauf kommen. Schlaues Löschen aber hilft.

© Felix Reidenbach

Die E-Mails von Frau W. waren eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. "Ein paar Gefühle" lautet eine Betreffzeile, andere hat sie "Sie sucht Ihn", "schnurrrr" und "ein Kuss ..." überschrieben. Doch jetzt besitzen Fremde Frau W.s Briefe. Sie können sie lesen, weiterleiten, sie sogar im Internet veröffentlichen. Denn sie haben den gesamten privaten Briefverkehr von Frau W. bei Ebay ersteigert. Und dazu noch Tausende Fotos, Musikstücke und andere Dokumente dazu.

Die Daten stammen von ausrangierten Computerfestplatten, die jede Woche zu Hunderten bei Ebay versteigert werden. Nach dem Zufallsprinzip hat die Berliner Software-Firma O & O Festplatten gekauft - und dabei vertrauliche Informationen gleich gigabyteweise zutage gefördert. Von den gut 200 ersteigerten Festplatten enthielten 113 noch rekonstruierbare Daten: insgesamt 40 000 WordDokumente, 15 000 Excel-Tabellen und etwa 50 E-Mail-Postfächer. Sie stammten nicht nur von Privatleuten: Eine Festplatte enthielt Daten der Bundesagentur für Arbeit, andere gehörten Banken, Reiseveranstaltern oder einem Privatdetektiv.

Nicht, dass die Vorbesitzer ihre Speicher vor dem Verkauf nicht gelöscht hätten. Sie hatten alles in den Windows-Papierkorb gezogen und "Papierkorb leeren" angeklickt. "Sollen alle Elemente im Papierkorb wirklich gelöscht werden?", hatte der PC gefragt, und sie hatten "Ja" geklickt.

Reingefallen. Denn gelöscht ist gar nichts. Selbst diejenigen, die durch Befehle wie "format c:" und "fdisk" die Inhalte ihres Rechners beseitigen wollten, haben sich getäuscht. Löschen und Formatieren heißt nur, die Daten zum Überschreiben freizugeben - nicht aber, sie wirklich zu entfernen. Das ist so, als ob man ein Buch vernichten wollte, indem man nur das Inhaltsverzeichnis herausreißt.

Wer Daten wirklich aus dem digitalen Langzeitgedächtnis entfernen will, muss spezielle Radier-Software einsetzen, die den zu löschenden Inhalt mit einer 010101-Folge oder mit einem Datensalat aus Zufallszahlen überschreibt. Und das am besten mehrmals hintereinander. Denn selbst nach häufigem Überschreiben können Fachleute anhand magnetischer Spuren Gelöschtes rekonstruieren: Sie erkennen, ob es sich bei der 0 wirklich um eine 0 handelt oder um eine 1, die nur mit einer 0 überschrieben worden ist.

Kein Wunder also, dass die O & O-Rechercheure leichtes Spiel hatten. Auch vergleichbare internationale Studien kommen immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen. Als vor zwei Jahren US-Wissenschaftler 158 gebrauchte Festplatten ersteigerten, waren von fast allen noch Daten wiederherstellbar, eine davon stammte aus einem Geldautomaten. In Großbritannien untersuchten Wissenschaftler 101 gebrauchte Computerspeicher und fanden auf mehr als der Hälfte persönliche Daten, darunter Passwörter, Pornofotos und PIN-Nummern.

Und das können längst nicht nur Wissenschaftler und Experten. Kleine und leicht zu bedienende Programme helfen auch Laien, scheinbar Gelöschtes wieder herzuzaubern. Manche Tüftler machen sich inzwischen einen Spaß daraus, auf gebraucht gekauften Festplatten, USB-Sticks, Flashkarten und MP3-Playern nach Spuren der Vorbesitzer zu suchen.

Den Hauptgewinn zog dabei kürzlich ein Student aus Potsdam. 20 Euro hatte er für eine 20-Gigabyte-Festplatte bezahlt, auf der sich geheime Daten der brandenburgischen Polizei befanden. Weil er seinen Fund ordnungsgemäß meldete, konnte er eine saftige Belohnung einstreichen: 2000 Euro. Um solche Probleme zu umgehen, ziehen Behörden ihre Speicher immer öfter mit der einzig hundertprozentig sicheren Methode aus dem Verkehr: Sie zerstören alte Festplatten.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 24/2005

Ulf Schönert
 
 
 
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