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Heimspiel ohne Stars

Ein heißer Herbst für Gamer: Sony und Nintendo veröffentlichen nahezu zeitgleich ihre neuen Spielekonsolen. Alle Welt will die Kisten jetzt schon probezocken. Allerdings ist das auf Europas größter Spielemesse in Leipzig nicht möglich.

Von Udo Lewalter

Ab kommenden Donnerstag ist Leipzig zum fünften Mal der Nabel der Spielewelt. Dann strömen wieder mehr als 100.000 Menschen in die gläsernen Messehallen und zocken, was das Zeug hält. In diesem Jahr steht die Games Convention unter einem besonderen Vorzeichen. Hierzulande könnte sogar Videospielgeschichte geschrieben werden: Auf Europas größter Computerspielmesse soll - so die Hoffnung vieler Besucher - die nächste Generation der digitalen Unterhaltung eingeläutet werden. Messegänger erwarten, dass die beiden neuen Spielkonsolen, Sonys Playstation 3 und Nintendos Wii, gezeigt werden. Und noch mehr: Antesten will der gespannte Besucher die Spielekisten natürlich auch. Schließlich sind es nur noch rund drei Monate bis zur Veröffentlichung der Playstation 3. Ein guter Zeitpunkt für eine erste persönliche Meinungsbildung an den High-Tech-Konsolen. Eigentlich.

Der Haken an der Sache: Beide Geräte werden in Leipzig nicht zu finden sein. Jedenfalls nicht für das gemeine Volk. Nintendo verkündete, dass man das neue Spiele-Flaggschiff ausschließlich der Presse und dem Handel in einem separaten Bereich der Messehallen vorführen werde. Noch drastischer Sony: Der Unterhaltungsriese präsentiert die Playstation 3 nicht einmal hinter verschlossenen Türen, wie ein Firmensprecher gegenüber stern.de bestätigte. Einzig ein Holznachbau wird in den Besprechungsräumen an die rund 600 Euro teure Spielekiste erinnern.

Trailer schauen statt zocken

Warum diese Entscheidung? Eine konkrete Antwort auf die Frage geben beide Unternehmen nicht. So begründet Dr. Bernd Fakesch, General Manager von Nintendo Deutschland, die Entscheidung: "Zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir Wii vor allem den Journalisten und Händlern zeigen, die nicht die Möglichkeit hatten, zur E3 zu reisen". Die E3 ist die weltweit größte Messe für Computer- und Videospiele. Sie fand im Mai in Los Angeles statt.

Sony Deutschland sieht die Playstation 3 gut auf der Messe vertreten. "Wir zeigen Trailer am Stand, die dem Entwicklungsstand der Spiele entsprechen. Diese sind in Echtzeit berechnet, so dass Messebesucher sich ein sehr gutes Bild von der Qualität der Spiele machen können", sagt Guido Alt, Pressesprecher bei Sony Deutschland. Aber bietet nicht erst das Probespiel das volle Next-Generation-Erlebnis? "Ein noch nicht zu 100 Prozent fertig gestelltes Spiel kann den Spieleindruck negativ beeinträchtigen. Wir werden Spielern jedoch noch vor Veröffentlichung in einem anderen Rahmen die Möglichkeit geben, die Konsole anzuspielen", sagt Alt.

Showdown in Tokio?

So kann über die wahren Gründe nur spekuliert werden. Fakt ist, dass der Zeitpunkt, gut zehn Wochen vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts, für eine Vorstellung der Geräte kaum günstiger liegen könnte. Doch die japanischen Unternehmen sehen das anders. Sie tragen traditionell ihren Kampf um Marktanteile bevorzugt im fernen Heimatland aus. Und auch ihre Neuheiten wurden bislang zumeist erstmals im Land der aufgehenden Sonne präsentiert und veröffentlicht. Für die beiden Konsolenhersteller spielt die europäische Leitmesse in Leipzig verglichen mit der heimischen Tokyo Game Show eine eher untergeordnete Rolle. Diese öffnet ihre Pforten jedoch erst am 22. September. Vorher gibt es nichts zu sehen bzw. zu spielen. Europa schaut also mal wieder in die Röhre.

Die Meute tobt

In deutschen Foren lassen Spieler derweil ihrer Enttäuschung freien Lauf. Von einer Zweiklassengesellschaft (Presse/Handel vs. Besucher) ist die Rede. Fahrgemeinschaften nach Sachsen lösen sich aufgrund von Absagen der Mitfahrer auf, sogar über die Rückgabe bereits gekaufter Eintrittskarten wird in Beiträgen offen nachgedacht.

Auch für die Hersteller der Spiele könnte die Entscheidung von Sony und Nintendo kaum ungünstiger sein. Schließlich verliert man hierdurch eine hervorragende Möglichkeit, Interesse an Neuheiten zu wecken, die drei Monate später in den Regalen der Kaufhäuser stehen. So bemerkt Odile Limpach, Deutschland-Geschäftsführerin des französischen Spieleherstellers Ubisoft: "Wir sind natürlich nicht glücklich darüber, unsere kommende Wii- und Playstation3-Software nicht am Stand zeigen zu können". An Attraktivität wird die Ausstellung dadurch ihrer Meinung nach jedoch nicht verlieren: "Auf der anderen Seite freuen wir uns darüber, aktuelle Konsolen- und PC-Titel an mehr spielbaren Stationen zu zeigen als jemals zuvor. Von einer erfolgreichen Messe sind wir voll überzeugt", so Limpach.

Auch der führende Hersteller von Computerspielen, Electronic Arts, bedauert das Fernbleiben der neuen High-Tech-Spielzeuge. Der positiven Entwicklung der Branche in Deutschland werde dies jedoch keinen Abbruch tun, glaubt Martin Lorber, Pressesprecher des Unternehmens. Er erwartet, dass durch die neuen Konsolen von Sony und Nintendo sowie die im Dezember letzten Jahres veröffentlichte Xbox-360-Konsole von Microsoft ein wahrer Videospiel-Boom ausgelöst werde.

Der lachende Dritte

Vor allem Microsoft dürfte sich über das Fernbleiben der Konsolenkonkurrenten freuen, denn die Xbox 360 hat hierdurch freies Spielfeld in Leipzig sowie einen weiteren Zeitvorteil im Kampf um Marktanteile im Weihnachtsgeschäft. Und auch der PC sowie die aktuellen Konsolensysteme werden von der Situation profitieren, so dass der Besucher letztlich auch ohne die beiden neuen Konsolen in den Genuss hunderter Spieleneuheiten kommt. Eine Reise in die sächsische Spielhölle kann also durchaus lohnenswert sein - solange man nicht einen Einblick in die Zukunft der Konsolenunterhaltung erwartet.

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