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17. Juli 2008, 07:05 Uhr

Hungrig nach Spielen

Während Nintendo sich lediglich am eigenen Erfolg ergötzt und in Los Angeles kaum Neuheiten präsentiert, nutzt Sony die wichtigste Branchenmesse um mit Zahlen zu protzen und neue Services zu präsentieren. Natürlich kommen am zweiten Tag der E3 auch neue Spiele nicht zu kurz. Von Sven Stillich

Nintendo versucht noch mehr aus der Wii-Konsole zu schütteln© Sven Stillich

Wer an der Pressekonferenz von Nintendo auf der "Entertainment Expo" (E3) in Los Angeles teilnehmen möchte, muss früh aufstehen. Um acht Uhr morgens öffnen sich die Türen des "Kodak Theatre" am Hollywood Boulevard und geben den Weg frei in den großen Saal, in dem an einem anderen Tag im Jahr die Oscars vergeben werden. Ein Frühstück gibt es nicht, nur Wasser in Plastikflaschen und Pepsi in Dosen. Ein Beamer projiziert glückliche und mutmaßlich sattere Menschen auf die Bühne, sie spielen Wii und Nintendo DS, es sind junge und alte Gesichter, sie wirken gelöst, als hätten sie gerade ein Spiel gewonnen.

Snowboarder Shawn White präsentiert das nach ihm benannte Spiel© Sven Stillich

Eine gute Viertelstunde später, nachdem Snowboarding-Star Shawn White ein Spiel präsentiert hat, das seinen Namen trägt und das ihm deswegen doppelt Spaß macht, betritt Nintendo-Präsident Satoru Iwata die Bühne und gibt zu, dass ihm seine erste E3 vor fünf Jahren keinen Spaß gemacht hat. "Jeder dachte damals, Nintendo sei am Ende", sagt er - heute ist er zufriedener: "Früher haben Erwachsene bloß Spiele für ihre Kinder gekauft, heute spielen sie selbst." Das ist eine Entwicklung, die angestoßen zu haben Nintendo für sich in Anspruch nimmt. Und der Erfolg gibt der Firma Recht: Fünf Milliarden Umsatz hat das Unternehmen mit der Wii und dem Nintendo DS gemacht - alleine in den USA. 200.000 Nintendo DS verkaufen die Japaner derzeit in Europa - pro Woche.

Psychologische Barriere

Nun geht es Nintendo - wie gestern Microsoft mit seiner "Xbox 360" - darum, den Erfolg zu festigen, die "psychologische Barriere zu durchbrechen", wie Iwata sagt, die Mauer zwischen "Veteranen" und Nichtspielern. Das wollen die Japaner unter anderem mit einem Zusatzgerät für die Wii erreichen, der "Wii Motion Plus", einem kleinen Stück Technik, dass an den bewegungssensitiven Controller der Wii gesteckt wird und weitaus genauer die Bewegungen des Spielers misst bis hin zur Drehung des Handgelenks. Ein Spiel wird es dazu geben im kommenden Frühjahr: "Wii Sports Resort" wird es heißen, eine Sammlung von Sportspielen: Frisbeewerfen, Wasserskifahren, Fechten. Das ist eher eine Evolution als eine Revolution, und der Applaus der Journalisten ist auch eher verhalten - vor allem gemessen an den Nintendo-Veranstaltungen vergangener Jahre, die eher kultischen Ritualen glichen als Pressekonferenzen.

Bei Nintendo ist nicht nur Mario der Star© Sven Stillich

Laut wird es erst, als Shigeru Miyamoto die Bühne betritt, der Star der Nintendo-Fans, Erfinder von Super Mario und Donkey Kong. Das macht er jedes Jahr, einmal ist er in Rüstung und Schwert aufgetreten, und eigentlich mag er solche Auftritte gar nicht - aber er weiß, was von ihm erwartet wird. Also kommt er langsamen Schrittes von links und wirkt, als würde er die ganze Zeit über sich selbst lachen. Grund dazu hätte er: Miyamoto hält einen Wii-Controller wie ein Saxofon an seinen Mund und tut so, als würde er es spielen - und hinter ihm, auf der Leinwand spielt eine Videospielfigur Saxofon nach seinen Bewegungen. "Wii Music" wird das Spiel heißen, 50 verschiedene Instrumente soll es zu imitieren geben - Klavier, Gitarre, ein Schlagzeug oder eine Geige zum Beispiel. Dieses Mal ist der Applaus lauter, viele im Publikum würden im Moment jedoch einen Frühstücksimulator (oder gar einen echten Snack) jedem neuen Videospiel vorziehen.

Nicht kleckern sondern klotzen: Sony hat die größten Bühne und die meisten Fernseher© Sven Stillich

Zu essen gibt es zum Glück reichlich bei Sony im "Shrine Auditorium", wo die Schar der Journalisten nun in Bussen hingefahren wird. Es warten Toast, Kaffee, Würstchen im Speckmantel, Melone und Kuchen. Im Saal, in dem in vergangener Zeit die Oscars verliehen wurden, ist alles vorbereitet, und Sony will beeindrucken: Die Bühne ist am größten von allen Pressekonferenzen, 68 handelsübliche Flachbildschirme (von Sony) umrahmen 6 große und einen riesigen Screen. Jack Tretton, der Chef von Sony America wirkt dementsprechend klein, als er durch die rund zweistündige Show führt.

Das Synonym für Videospielen

"Heute ist es genau 15 Jahre her, dass in Japan die Entscheidung gefallen ist, die Playstation zu entwickeln", sagt er, inzwischen seien es Millionen über Millionen über Millionen, und "Playstation" sei zum Synonym für "Videospielen" selbst geworden. Und so dreht sich ein großer Teil der Veranstaltung darum, dass Sony es geschafft hat, auch die alten Konsolen, die "PSOne" und die "Playstation 2" (PS2) bis heute am Leben zu erhalten, etwas, dass in der Spieleindustrie bislang niemandem gelungen ist. Alleine für die "PS2" sollen bis Ende des Jahres noch 130 Spiele erscheinen.

"Die erste Playstation hat die CD massentauglich gemacht, die PS2 die DVD", sagt der amerikanische Sony-Chef - am Ende der Entwicklung steht nun die "Playstation 3": das Mediencenter mit Musik- und Videodownload, die Online-Videothek, die Abspielstation für Blu-ray-Filme. Filme und Serien von MGM, Warner Bros., Disney, Paramount und natürlich von Sony Pictures sollen zur Verfügung stehen - und ohne Aufpreis auf Sonys portable Playstation, die "PSP" geladen werden können. Das ist ein Angebot, bei dem Microsoft, das mit der "Xbox 360" einen ähnlichen Weg geht, nicht mitgehen kann.

Spannend zu beobachten wird auch "Playstation Home" sein, eine an "Second Life" erinnernde Welt, die Playstation 3-Spieler online betreten können, in denen sie sich treffen und austauschen sollen in virtuellen Wohnungen und in eigens für sie geschaffenen Themenwelten. Viele neue Spiele für die "Playstation 3" wird es natürlich auch geben, laute und leise, manche mit Geballer und eine Menge ohne. Dann ist die Pressekonferenz vorbei. Jetzt öffnen sich die Türen des "Shrine Auditoriums", und die Shuttles fahren die müden Journalisten zum LA Convention Center, zum Veranstaltungsort der E3. Denn die Messe selbst, die fängt jetzt erst an. Game on.

Von Sven Stillich
 
 
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