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Warum Apple uns unheimlich werden sollte

Apple ist zur beherrschenden Größe im mobilen Internet aufgestiegen, kontrolliert Inhalte, schöpft Gewinne ab. Der einst so geniale Konzern droht zur Gefahr zu werden, auch für sich selbst.

Von M. Lambrecht, H. Laube, A. Rungg und N. Hammerschmidt

Steve Jobs lächelt nicht mehr. Konzentriert lauscht er den Fragen seiner Mitarbeiter. Messerscharf kommen die Antworten. "Einige Teams bei Google wollen das iPhone killen", sagt der Apple -Chef. "Einige Teams bei Google wollen uns killen."

Die Botschaft, die Jobs auf der Betriebsversammlung in der Konzernzentrale an seine Mannschaft aussendet, ist deutlich: Kommt nicht auf die Idee, euch auf den Erfolgen auszuruhen. Die Präsentation des iPad, dieses umjubelten Mitteldings zwischen Handy und Laptop, ist zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein paar Tage her.

Jobs, der seit Jahren als Messias gefeiert wird, ist noch lange nicht am Ziel. Er will jetzt ganz nach oben. Will mit Apple die sich abzeichnende, neue Ära des Informationszeitalters beherrschen. Will nicht mehr nur der Coolste sein, sondern die unumstrittene Nummer eins.

Im Silicon Valley ist ein neuer Goldrausch ausgebrochen, die besten Schürfplätze werden gerade verteilt. Mit höflichen Umgangsformen halten sich die Beteiligten längst nicht mehr auf.

Mobilfunk und Internet wachsen enger zusammen. Handys mutieren zu Computern im Taschenformat, Geräte wie die neuen tastenlosen Tablet-PCs revolutionieren die gesamte Branche. Über breitbandige Funkverbindungen kommt jedermann jederzeit an jedem Ort ins Internet.

Das Smartphone dient als Kontaktbörse, Informationsquelle, Unterhaltungszentrum, Orientierungshilfe, Spielzeug, Arbeitsgerät und Zahlungsmittel. Ein Dorado für Menschen mit neuen Geschäftsideen und der nötigen Entschlossenheit. Menschen wie Steve Jobs. "Das ist eine Riesenchance", jubelt Branchenprophetin Mary Meeker von der US-Investmentbank Morgan Stanley . "Dieser Zyklus baut sich schneller auf als alles, was ich bisher erlebt habe."

Mit Produkten wie dem iPhone und dem iPad befeuert Jobs diesen Boom und ist zugleich dessen größter Profiteur. Er treibt das bisher eher gemächliche Zusammenwachsen von Mobilfunk und Internet immer schneller voran - und die Konkurrenz immer unnachgiebiger vor sich her.

"Die Welt hat noch nie ein Stück Hardware mit so hohen Zuwachsraten gesehen wie Apples iPhone", schwärmt Meeker. Obwohl erst seit 2007 am Markt, wurde es bereits 42 Millionen Mal verkauft, zehn Millionen Kunden laden sich die Apps genannten Miniprogramme für das Wunderhandy aus dem Netz herunter - pro Tag.

40 Millarden Dollar auf der hohen Kante

Durch die Apps hat Apple seine eigene Internetwelt erschaffen, und allein der Konzern aus Kalifornien bestimmt deren Gesetze. Mehr als 70 Prozent des Online-Musikmarkts kontrolliert das Unternehmen bereits in den USA, mit dem iPad will Jobs nun auch das Zukunftsgeschäft mit Büchern und Zeitungen, Videos und Software unter seine Regie bringen - und selbstverständlich an allen Inhalten kräftig mitverdienen.

Erstaunliche 7,7 Millarden Dollar operativen Gewinn hat Apple im vergangenen Geschäftsjahr eingefahren und damit trotz weltweiter Rezession um 22 Prozent zugelegt, sagenhafte 40 Millarden Dollar hat die Firma auf der hohen Kante, genug, um nahezu jedes gewünschte Unternehmen zu kaufen.

Innerhalb von zehn Jahren hat der einstige Nischenanbieter seinen Marktwert nahezu verzehnfacht. Jobs, der freundlich-geniale Herr im schwarzen Rollkragenpullover, wird langsam übermächtig. Und unheimlich. "Apple nimmt mit dem iPad den ganzen Markt der Unterhaltung und Information ins Visier", warnt der Unternehmensgründer, Buchautor und Experte für soziale Netzwerke, Ibrahim Evsan. "Wer Apple unterschätzt, verliert schnell den Anschluss an die digitale Welt."

Für Apple ist die Wandlung vom Kultkonzern zur monopolähnlichen Machtmaschine selbst nicht ganz ungefährlich. Maßstab und Mahnung zugleich ist ausgerechnet der inzwischen geradezu verhasste Rivale Google.

Machtmaschine gegen Informationskrake

Das rasante Wachstum der vergangenen Jahre und vor allem das scheinbar unstillbare Verlangen nach persönlichen Daten aller Art machten aus der sympathischen Suchmaschine in den Augen vieler Internetnutzer eine gierige Informationskrake, die sich anschickt, unsere ganz private Welt zu beherrschen. "Don't be evil - sei nicht böse" lautet das zuletzt oft angezweifelte Credo der Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page. Mittlerweile fragen sich die Ersten: Wie böse könnte Apple werden?

Ende Januar bei der Vorstellung des iPad gab Steve Jobs persönlich schon mal einen Vorgeschmack. Wie üblich zelebrierte der Großmeister im voll besetzten Yerba Buena Center in San Francisco die Produktneuheit wie eine Messe in schwarzem Rolli, Jeans und Turnschuhen.

Früher pflegte er die mit Spannung erwartete Neuerung mit einem Augenzwinkern an den Schluss seines Auftritts zu stellen. "One more thing", da wäre noch eine Kleinigkeit. Nicht so diesmal.

Ohne Vorgeplänkel kommt der Boss zur Sache. Das iPad sei ein "wirklich magisches und revolutionäres Produkt". Und wie selbstverständlich reklamiert er den Führungsanspruch in der Branche für Apple: "Gemessen am Umsatz sind wir der größte Hersteller mobiler Geräte weltweit", verkündet er.

Hinter ihm auf der Leinwand erscheint das Apfel-Logo, die Signets von Nokia , Samsung und Sony verblassen. Unrecht hat er nicht, aber das Understatement ist weg. In den vergangenen fünf Jahren hat Apple seinen Umsatz auf rund 50 Millarden Dollar mehr als verfünffacht und den einstigen Branchenpionier Sony weit hinter sich gelassen.

Kontrolle über den globalen Musikmarkt

Der legendäre Walkman ist Geschichte. Wer heute unterwegs Musik hört, trägt weiße Kopfhörer. Mehr als 250 Millionen iPods hat Apple seit der Markteinführung 2001 verkauft und nebenbei den globalen Musikmarkt unter seine Kontrolle gebracht.

Seit 2008 ist der Onlineshop iTunes der größte Musikladen der Welt, ein milliardenschwerer Umsatzbringer mit immer noch zweistelligen Zuwachsraten. Dank seiner Marktmacht kann Apple der Musikindustrie die Bedingungen diktieren. Jahrelang legte der iPod-Hersteller den Preis pro Titel auf einheitliche 99 Cent fest. Ein attraktives Angebot, der Absatz der digitalen Musikspieler florierte.

Die Plattenfirmen dagegen klagten, der knapp kalkulierte Einheitspreis beschleunige den Verfall des CD-Geschäfts, ihrer Haupteinnahmequelle. Doch Apple ließ sich nicht erweichen.

Mobilfunkbetreiber standen fürs iPhone Schlange

Als Nächstes zeigte der Konzern aus Cupertino der Telekombranche, wie das Geschäft funktioniert. Die großen Mobilfunkbetreiber standen 2007 Schlange, um an die exklusiven Vertriebsrechte für Jobs' "Jesus-Phone" zu kommen. Das Apple-Handy versprach endlich den Durchbruch für das mobile Internet im Massenmarkt - und zusätzliche Erlöse durch wachsenden Datenverkehr. Jobs konnte sich seine Partner aussuchen und die Konditionen vorschreiben.

Die Netzbetreiber subventionierten den Verkaufspreis des iPhone und beteiligten Apple sogar noch an ihren Umsätzen. So viel Frechheit hätten sich Nokia und andere niemals leisten können.

Mächtiger Torwächter

Bis heute stehen die Telefongesellschaften in der Ecke, in die Apple sie am Nasenring geführt hat. Und dort dürften sie auf absehbare Zeit bleiben. Mit dem iPad wird Apple seinen Zugriff auf die margenträchtigen Teile des Zukunftsgeschäfts sogar noch verstärken. Dank des breiteren Bildschirms dürfte das neue Gerät im Din-A4-Format den Verkauf von Filmen und TV-Serien über iTunes ankurbeln.

Mit dem Onlinebuchladen iBooks greift Jobs in einem weiteren Geschäftsfeld an. Als erste große Zeitung ist die "New York Times" bereits auf dem iPad zu lesen, andere Zeitungs- und Zeitschriftenverlage dürften folgen. Für jede Ausgabe kassiert Apple mit. Der Computerkonzern wird so zu einem der mächtigsten Torwächter des Internets. Passieren darf nur, wer zahlt. Und was zu sehen ist, bestimmt die Zentrale in Kalifornien.

Den Telekomkonzernen bleibt nur, die Datenautobahnen hin zu Apples Mauthäuschen zu asphaltieren, die wegen des Ansturms der Massen und immer größerer Informationsmengen laufend verbreitert werden müssen. So hatten sich die Deutsche Telekom , Vodafone und all die anderen das neue mobile Zeitalter nicht vorgestellt.

Die Rolle, die Jobs und seine Mannen den Telefonriesen zugedacht haben, ist undankbar. Sie allein trifft die anschwellende Kritik der Kunden über lückenhafte und kapazitätsschwache Datennetze. Um die Nutzer nicht vollends zu verprellen, müssen die Konzerne investieren, bei gleichzeitig sinkenden Margen.

Imageproblem für AT&T

Der amerikanische Apple-Partner AT&T zahlt für den Erfolg des iPhone einen hohen Preis: Wiederholte Netzausfälle in Metropolen wie San Francisco oder New York haben den US-Konzern viel Renommee gekostet.

"Das iPhone hat die Erwartungen der Kunden an die Fähigkeiten eines mobilen Geräts geändert", konstatiert AT&T-Manager Jeff Bradley. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, diese Erwartungen zu erfüllen." Angesichts der von Apple angestrebten Monatspauschale von 30 Dollar für jeden iPad-Nutzer dürfte das so schnell nicht zu schaffen sein. Telekom-Chef René Obermann hat längst erkannt, dass Serviceangebote für sein Unternehmen eine immer größere Rolle spielen. Er hat nur ein Problem mit dem Tempo.

Während Apple davonprescht, beraten in Bonn noch die Arbeitsgruppen über den von Obermann angeordneten "kompletten Bruch mit der Vergangenheit". Erst im Frühjahr soll die "Strategie 2.0" verkündet werden.

Bei Steve Jobs können sich die Telekom-Strategen abschauen, wie sich mithilfe Zehntausender Partner binnen wenigen Monaten ein bisher nie da gewesenes Serviceangebot für Handynutzer aufbauen lässt: Mehr als 140.000 Anwendungen zum Herunterladen bietet der Mitte 2008 eröffnete App-Store. Mit den Miniprogrammen lassen sich Börsenkurse oder die Wettervorhersage abrufen, Twitter-Meldungen lesen oder Musikstücke erkennen. Sie verwandeln das iPhone in ein Gitarrenstimmgerät, eine Wasserwaage oder einen Staumelder. Viele Programme sind umsonst, einige kosten ein paar Euro, und Apple bekommt - na, klar - 30 Prozent der Verkaufserlöse.

Ständig neue Apps

Emsige Programmierer fügen immer neue Apps hinzu. Jede Sekunde wandern mehr als 100 Anwendungen auf die Handys der Apple-Kunden, mehr als drei Milliarden in den vergangenen 18 Monaten.

Sie machen das iPhone zu einem digitalen Schweizer Messer. Je mehr Apps zur Wahl stehen, desto attraktiver wird das Gerät. Und je attraktiver das Gerät, desto mehr Entwickler drängen mit ihren Programmen auf die Plattform und schaffen so eine Gravitationskraft, die Apples Marktmacht im mobilen Internet wachsen und wachsen lässt.

Inzwischen haben die anderen Handyhersteller das berührungsempfindliche iPhone-Display imitiert. Doch die grenzenlose Vielfalt der Apps hat Apple konkurrenzlos gemacht. Selbst Nokia, trotz geschrumpften Marktanteils bei Smartphones die Nummer eins, findet kein Rezept gegen Jobs' App-Offensive. Die eigene Internetplattform Ovi liegt weit hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück. "Momentan ist offensichtlich, dass Apple das beste Verständnis für das hat, was im Markt geschieht", sagt Roman Friedrich, Partner bei der Unternehmensberatung Booz & Company.

Ära des Personalcomputers geht zu Ende

Dank der umfangreichen Zusatzangebote besitzen die Kalifornier einen direkten Zugang zu ihren Kunden, kennen deren Konsumverhalten und deren Zahlungsgewohnheiten. Weltweit 125 Millionen Menschen haben dem Konzern die Daten ihrer Kreditkarten anvertraut und bereits mehr als zwölf Milliarden Produkte heruntergeladen. Wer einmal registriert ist, braucht zum Online-Shopping bei Apple nur noch ein Passwort.

Natürlich ist die Sammelwut bei Apple noch weniger ausgeprägt als bei Google. In jedem Fall aber sind die Kundendaten ein solides Fundament, um auch mit dem iPad schnell in neue Sphären aufzusteigen. "Wir haben über 75 Millionen iPhones und iPod Touch verkauft", sagt Steve Jobs. "Es gibt also mehr als 75 Milionen Leute, die bereits wissen, wie man das iPad benutzt."

Neues Computer-Zeitalter

Am Durchbruch des iPad wird nicht gezweifelt Wenn der Tablet-Computer den Durchbruch schafft, wie die meisten Experten erwarten, könnte Apple ganz nebenbei ein neues Zeitalter einläuten. Die Ära des Personalcomputers gehe dann zu Ende, sagt der amerikanische Wissenschaftspublizist Nicholas Carr. Das iPad stehe schon jetzt für "eine neue Ära in der Computertechnik, in der Medien und Programme in der Internetwolke verschmolzen sind".

"Das iPad verspricht eine echte Markterweiterung", sagt der Hamburger Medienökonom Armin Rott. Er könne dem Konzern völlig neue Zielgruppen erschließen. "Das ist ein Gerät, das ich meiner Mutter geben würde."

Viele Anwendungen sind denkbar

Digitales Buch, portables Fernsehgerät, vielleicht sogar elektronischer Notizblock für Krankenhausärzte oder Schulbuchersatz - viele Anwendungen sind denkbar. Mit iTunes U hat Apple in Kooperation mit Universitäten bereits eine Plattform etabliert, von der aus Videos von Vorlesungen und Lern-Podcasts heruntergeladen werden können.

Sollte das iPad an den Erfolg des iPhone als Spielekonsole anknüpfen, sind das düstere Aussichten für Sony, Microsoft und Nintendo. Ähnlich revolutionär wie die Maus

"Das iPad ist nicht nur ein neues Produkt, sondern ein neues Paradigma", sagt der Zukunftsforscher Paul Saffo. Der zu erwartende Umbruch sei vergleichbar mit der Einführung von Maus und grafischer Bildschirmoberfläche, die Apple vor drei Jahrzehnten ebenfalls maßgeblich vorangetrieben hat.

Mit dem iPad habe der Konzern eine völlig neue Benutzerschnittstelle geschaffen, eine ganz andere Art, mit Geräten umzugehen. "Damit eröffnen sich Möglichkeiten für Anwendungen, die es vorher nie gab", so der ehemalige Direktor des Institute for the Future im Silicon Valley.

Zeitgemäßes Angebot

Genau darauf setzen die Verleger von Zeitungen und Zeitschriften, die seit Jahren zumeist vergeblich versuchen, die Einbrüche im angestammten Printgeschäft über Einnahmen aus dem Internet zu kompensieren. Über das iPad könnten sie ihren Lesern künftig ein zeitgemäßes Angebot machen.

Und dann, so die Hoffnung, wären diese wieder bereit, für die Inhalte aus dem Netz zu bezahlen. Über den handlichen Tablet-PC lassen sich Zeitschriften im bewährten Layout präsentieren, ergänzt um weitere Informationsebenen wie vertiefende Texte, Statistiken oder Videos. Alles durch Abruf per Fingertipp.

Verlage starten gemeinsame Initiativen

Seit Monaten werkeln Verlage wie Time Inc. aus den USA oder der schwedische Bonnier-Konzern an einer iPad-Version ihrer Titel. In den USA, Japan und Deutschland haben Medienkonzerne gemeinsame Initiativen gestartet, um eigene Plattformen für den Tablet-PC zu entwickeln - hierzulande unter der Führung des Zeitschriftenverlags Gruner + Jahr, der auch Capital herausgibt.

Man sei offen für eine Kooperation mit Apple, heißt es in den meisten Verlagshäusern. Doch hinter den Kulissen sind die Verleger weit weniger gelassen, als es den Anschein hat. "Wir müssen da rein, das Ding wird fliegen", drängt ein hochrangiger deutscher Verlagsmanager. "Aber wenn wir schnell mit Apple ins Geschäft kommen wollen, ist die Gefahr groß, dass wir uns über den Tisch ziehen lassen. Wir möchten nicht das Schicksal der Musikindustrie erleiden." Die Sorge ist berechtigt. Apple werde versuchen, auch den Pressezaren die Geschäftsbedingungen vorzuschreiben, glaubt David Yoffie, ein auf Technologie spezialisierter Managementprofessor an der Harvard Business School. "Wenn das iPad erfolgreich ist, wird Apple mit diesem Modell erhebliche Kontrolle ausüben können - und das sollte alle nervös machen, weil Apple von jedem in dieser Kette erhebliche Gewinnanteile verlangen kann."

30 Prozent der Vertriebserlöse?

Noch gibt es in der Printbranche nur Vermutungen darüber, wie hoch der Preis für die Kooperation mit Apple sein könnte. Erwartet wird, dass die Konditionen denen des App-Stores ähneln.

Wenn 30 Prozent der Vertriebserlöse abgezwackt würden, wäre das immer noch besser als beim Onlineversender Amazon, der gegenwärtig mit seinem Lesegerät Kindle den Markt dominiert.

Auch die Buchverlage können bei Apple offenbar auf großzügigere Bedingungen und mehr Freiheiten bei der Preisgestaltung hoffen - zumindest solange sie als Futter für das iPad gebraucht werden und es gilt, Amazon auszustechen.

Wie Apple seine Marktmacht ausspielt

Die Erfahrung lehrt, dass Apple seine Marktmacht gnadenlos ausspielt, sobald der Konzern die Chance dazu hat. So drängt er derzeit die Anbieter von TV-Serien auf iTunes zu Preissenkungen, um seine Geräte durch günstige Inhalte attraktiver zu machen. Konkurrierenden Videoplattformen wie Hulu bleibt derweil der Zugang zu iPod, iPhone und iPad versperrt. Die weitverbreitete Flash-Software zum Abspielen von Filmen aus dem Internet funktioniert auf den Apple-Geräten nicht.

Das Programm sei zu fehlerhaft und führe immer wieder zu Systemabstürzen, so die offizielle Begründung des Konzerns. Den Protest des Flash-Herstellers Adobe wischt Jobs beiseite: "Die sind faul", watscht er die Rivalen ab. Das Programm habe ohnehin keine große Zukunft. Amen.

Ohne den Segen aus Cupertino kann kein Programm über den App-Store vertrieben werden. Bevor dieser erteilt wird, dauert es oft Monate, und die Kriterien, nach denen die Entscheidung fällt, sind nicht immer leicht zu durchschauen.

Keine Auskunft unter diesem Apfel

So wurde eine Applikation zum Lesen digitaler Bücher der Amazon-Tochter Lexycle kurzerhand beschnitten. Seither ist es nicht mehr möglich, Buchtexte per Kabel von einem PC auf das iPhone zu übertragen. Lexycle wollte sich zu den Hintergründen nicht äußern. Begründung: Apple habe dies strikt untersagt.

Die ersten Entwickler kehren Apple bereits den Rücken, weil sie sich dem Diktat aus Cupertino nicht länger unterwerfen wollen. Der bekannteste: Joe Hewitt, der die populäre Facebook-App für das iPhone entwickelt hat. "Meine Entscheidung, die iPhone-Entwicklung einzustellen", begründete er seinen Ausstieg im November, "hat einzig und allein mit Apples Genehmigungsprozess zu tun."

Verlage werden kontrolliert

Wie weit die Kontrolle reicht, durften auch deutsche Redaktionen schon erleben. So überblitzt die "Bild"-Zeitung auf ihrer iPhone-Anwendung die blanken Brüste ihrer Fotomodelle, die in der Print-Ausgabe unzensiert zu sehen sind.

Die App des Magazins "Stern" wurde sogar vorübergehend aus dem App-Store entfernt, weil eine Bilderserie den Sittenwächtern des Konzerns zu freizügig erschien. Pornografische, illegale oder die Privatsphäre verletzende Inhalte würden nicht akzeptiert, begründet Apple sein Vorgehen. "Es ist schon bemerkenswert, dass da selbst gestandene Verlage in die Knie gehen", wundert sich Medienökonom Rott.

Der Hamburger Professor fürchtet um die Pressefreiheit, sollte die Apple-Zensur auf die Medienangebote des iPad ausgeweitet werden. Denn Publikationen, die sich weigern, Apples inhaltliche Vorgaben zu füllen, droht der Ausschluss von der zukunftsträchtigen Plattform - und damit ein erheblicher Wettbewerbsnachteil. "Eine quasimonopolistische Vertriebsstruktur, die keinen Regeln unterworfen ist, eröffnet Missbrauchsmöglichkeiten", warnt Rott. Angriff auf Google

Verteilungskampf um Werbeerlöse

Völlig unklar ist derzeit, was mit den Werbeerlösen der Printmedien passiert, sobald die ihre Titel digital auf dem Tablet-PC vertreiben. Die Sorge der Verlage: Apple wird auch hier seinen Anteil einfordern, sobald die Vermarktung von Anzeigen auf iPhone und iPad richtig in Schwung gekommen ist.

Die weltweiten Ausgaben für Werbung auf mobilen Geräten werden sich in den kommenden vier Jahren auf 9,3 Millarden Euro mehr als versechsfachen, schätzt die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers. Um in diesem Geschäft mitzumischen, hat Apple zu Jahresbeginn für 275 Millionen Dollar den auf Smartphones spezialisierten Werbevermarkter Quattro Wireless gekauft.

Gerüchte über neuen Ärger für Google

Bislang dominiert Konkurrent Admob den Anzeigenverkauf auf dem iPhone, doch der gehört ausgerechnet zum Imperium des Rivalen Google. Von nun an hält Apple dagegen. "Warum sollte Apple Google dieses Feld überlassen?", fragt Michael Gartenberg, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Interpret.

Zudem halten sich seit geraumer Zeit hartnäckig Gerüchte, dass Apple seinem Widersacher bald auch in dessen Stammgeschäft in die Quere kommen könnte: bei den Suchabfragen im Internet.

Im Gespräch ist eine Allianz mit dem alten Widersacher Microsoft. Dessen Suchmaschine Bing könnte anstelle von Google als Standardprogramm auf den iPhones und iPads installiert werden, berichten US-Medien. Das wäre eine offene Kriegserklärung.

Kampf der Giganten

Googles Gegenschlag dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Mit Android hat der Konzern bereits ein Betriebssystem für Mobiltelefone nebst angeschlossener Plattform für App-Entwickler geschaffen. Ein Google-Handy namens Nexus One wurde unlängst vorgestellt. Anfang Februar kursierten Entwürfe für einen eigenen Tablet-PC.

Die beiden Giganten prallen gerade mit voller Wucht aufeinander. Kaum zu glauben, dass sie vor gar nicht allzu langer Zeit nur lobend übereinander sprachen und Googles Chef Eric Schmidt bis zum vergangenen Sommer sogar bei Apple im Verwaltungsrat saß.

Noch hat Apple im Rennen um die Vorherrschaft im mobilen Internet die besseren Karten. Ein Blick auf die Zahlen belegt, dass Apple nicht nur bei Investoren beliebter ist, sondern auch schneller wächst als Google: Seit Anfang 2009 legte Apples Aktienkurs um 130 Prozent zu, der Börsenwert liegt mit 178 Millarden Dollar rund 8 Millarden Dollar über dem des Suchmaschinenkonzerns. Und während Google die Erlöse im vergangenen Geschäftsjahr um 8,5 Prozent steigerte, entwickelte sich Apple mit mehr als 14 Prozent Zuwachs deutlich dynamischer.

Für Steve Jobs und seine Getreuen gibt es so vorerst wenig Anlass, das Geschäftsmodell zu ändern. "Solange es geht, werden sie versuchen, jeden Aspekt zu kontrollieren", prophezeit Zukunftsforscher Saffo. "Und die kurze Zeit genießen, in der sie Monopoly-Mieten einfahren können."

Genau in dieser Selbstzufriedenheit liegt Googles Chance. Der Konzern aus Mountain View, Kalifornien, hält seine Systeme offen für alle. Kostenfrei. "Wenn es zu viele geschlossene Systeme gibt, riskieren wir, dass sich das Wachstum in der Industrie verlangsamt", stänkert Google-Vertriebschef Nikesh Arora gegen den Rivalen Apple.

Avanciert also ausgerechnet die große Datenkrake Google zum Hüter der Freiheit im Netz? Steve Jobs hält das für einen schlechten Witz. Don't be evil, das Firmenmotto des Suchmaschinengiganten, sei "ein Haufen Unsinn", gibt Jobs seiner Belegschaft bei der Betriebsversammlung in Cupertino mit auf den Weg. Ob das Gleiche auch für sein eigenes Unternehmen gilt, sagt er nicht.

Von M. Lambrecht, H. Laube, A. Rungg und N. Hammerschmidt/FTD

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