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14. Februar 2011, 21:13 Uhr

Dalli, Dalli für ein Digitalhirn

Schach spielen sie längst besser als jeder Mensch. Nun schickt sich ein Supercomputer an, Sieger in dem Fernseh-Quiz "Jeopardy" zu werden. Sind Maschinen wirklich schon so schlau? Von Karsten Lemm, San Francisco

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In der erfolgreichen Quizshow "Jeopardy" lässt US-Moderator Alex Trebek (M.) erstmals einen IBM Computer gegen zwei menschliche Kandidaten antreten© AFP

Der Kandidat spricht mit monotoner Stimme, ist nicht gerade fotogen und neigt dazu, ein paar Sekunden zu zögern, ehe er eine Antwort gibt - weil er sich nie ganz sicher ist, ob er die Frage richtig verstanden hat. Das dürfte die einzige Chance sein, ihn zu schlagen, wenn er von Montag an drei Abende lang in der amerikanischen Rätselsendung "Jeopardy" antritt, um den Championtitel zu erringen. Denn wenn es um die reine Menge an Wissen geht, die er in sich hineingefressen hat, ist Watson schon jetzt der schlaueste Quizshow-Kandidat, den das Fernsehen je gesehen hat: Goethe, Schiller, Shakespeare, die Bibel, den gesamten Inhalt von Wikipedia, Hunderttausende von Büchern und Zeitungsartikeln, all das und mehr kennt Watson aus dem Effeff. Die Frage ist nur: Wird das reichen, um als Computer zwei Menschen zu besiegen, die ausgewiesene "Jeopardy"-Experten sind?

Dass digitale Rechner die besseren Schachspieler sein können, hat IBM schon vor 14 Jahren bewiesen, als das Elektronenhirn "Deep Blue" den langjährigen Weltmeister Garry Kasparow matt setzte. Nun aber geht es um eine ungleich schwierigere Aufgabe: Die Fragen in dem Fernsehquiz verlangen Allgemeinwissen aus allen Lebenslagen - und was bringen Computer an Lebenserfahrung mit? Dazu kommt das "Jeopardy"-Konzept selbst: Um in der Kultsendung, die seit 47 Jahren ausgestrahlt wird, Punkte zu sammeln, müssen die Kandidaten zunächst einmal blitzschnell den Sinn der Fragen entschlüsseln. In Kategorien wie "Notorische Spitznamen" und "Si, parlo Italiano" steht man dann - dalli, dalli! - vor Rätseln nach dem Schema: "Al Capone oder der Titel einer seiner Biographien" (Antwort: Scarface). "Blick durch eine enge Gasse oder ein Microsoft-Betriebssystem" (Antwort: Vista).

"Bei den Fragen kann es um alles mögliche gehen, deshalb mussten wir ein sehr breit angelegtes Analysesystem entwickeln", erklärt David Gondek, einer von 25 IBM-Forschern, die seit gut vier Jahren an Watson herumtüfteln, um den Rechner schlau genug für seinen Fernsehauftritt zu machen. In mehr als einhundert Kategorien, die von Geografie über Literatur bis zum Verständnis von Zeit reichen, hilft einprogrammiertes Wissen dem Computer nun dabei, den Sinn von Sätzen zu entschlüsseln, die eigentlich keine Bedeutung für ihn haben. "Die große Herausforderung ist, Sprache richtig zu verstehen und korrekt mit den gespeicherten Daten in Beziehung zu setzen", sagt Gondek.

Schwierigkeiten mit Wortspielen

Oft ist das, was wir Menschen sagen, alles andere als eindeutig. Erst aus dem Zusammenhang ergibt sich, ob etwa mit "Jaguar" ein Auto oder ein Tier gemeint ist, mit "Amazon" der Regenwald oder der Onlinehändler. Umgangssprachliche Ausdrücke - "nicht alle Tassen im Schrank", "über den grünen Klee", "den Kanal voll haben" - stellen das Rechenhirn vor zusätzliche Hürden, zumal die "Jeopardy"-Macher Wortspiele lieben (Beispiel: "Pope Purri" statt "Potpourri" für Fragen rund um den Papst). Deshalb braucht Watson vergleichsweise lange, um eine Antwort zu finden, obwohl sein Denkapparat aus mehr als 2200 Prozessoren besteht, die sich gleichzeitig ins Zeug legen. "Wir versuchen, unter drei Sekunden zu bleiben", sagt Gondek. "Die Aufgabe ist kompliziert; ein einzelner Prozessor würde Stunden brauchen."

Bei allem Aufwand kann der Supercomputer - benannt nach IBM-Gründer Thomas Watson - sich nie zu einhundert Prozent sicher sein. Schließlich ist die Menschenwelt alles andere als digital: Sie besteht nicht aus Einsen und Nullen, aus Ja und Nein, Schwarz und Weiß, sondern aus lauter Grautönen und Unsicherheiten. Deshalb ermittelt Watson lediglich eine Wahrscheinlichkeit, und wenn er sich seiner Sache einigermaßen sicher ist, drückt er mithilfe eines mechanischen Auslösers auf den Knopf, mit dem "Jeopardy"-Kandidaten signalisieren, dass sie glauben, die Antwort zu wissen. Mal liegt er genau richtig, mal so weit daneben, dass seine Erfinder ungläubig den Kopf schütteln. Bei einem Test im vorigen Herbst, so berichtet der Autor Stephen Baker in seinem neuen Buch "Final Jeopardy", antwortete Watson auf eine Frage zum Film "Die Brücke am Kwai" mit dem Satz: "Wer ist Kafka?" Ein andermal entging ihm ein Hinweis auf ein aktuelles Sportereignis, er setzte 23.000 Dollar auf die falsche Antwort - und verlor.

Bei den Trainingsdurchläufen, von denen Watson schon zahlreiche hinter sich hat, ging es immer nur um Spielgeld. Doch am Montag wird es ernst: Der Sieger bekommt eine Million Dollar (derzeit knapp 740.000 Euro), der Zweitplatzierte 300.000, der Dritte 200.000 Dollar. Egal, wieviel Watson davon gewinnt, IBM hat versprochen, das Geld für wohltätige Zwecke zu spenden. Für den IT-Giganten, der etwa 100 Milliarden Dollar im Jahr einnimmt, liegt das wahre Gewinnpotential ohnehin woanders - denn natürlich hat das Unternehmen nicht geschätzte 30 Millionen Dollar in Watson investiert, damit der Rechner bei "Jeopardy" abräumt. Vielmehr verspricht IBM sich von seinem digitalen Schlauberger nichts weniger als den Aufbruch in ein neues Zeitalter.

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