24. November 2006, 11:20 Uhr

"Angst, zu sein wie Sebastian B."

Er war ein Bekannter von Sebastian B. Im Interview spricht er über seine Chats mit dem Amokläufer, die Gefahr durch Ego-Shooter - und seine Angst, wie B. zu werden. Von Fabian Siegismund, München

"Ich habe mir durch Ego-Shooter die Tötungshemmschwelle ein Stück weit abtrainiert", sagt ein Bekannter von Sebastian B.©

Sebastian B. mag ein Einzelgänger gewesen sein, doch mit seinen Hobbys war er sicherlich nicht allein: Die Begeisterung für Actionspiele und Waffen ist unter männlichen Jugendlichen weit verbreitet. Man trifft sich in Foren, fachsimpelt über Vor- und Nachteile verschiedener Waffen- und Munitionstypen oder besorgt sich Nachbauten bekannter Sturmgewehre, um damit Krieg zu spielen oder Actionfilme zu drehen. Alexander Diehlmann (20) (Name von der Red. geändert) kannte Sebastian B. aus Waffen- und Modding-Foren und ist ihm nach eigener Aussage so ähnlich, dass es ihm selbst Angst macht.

Fabian Siegismund, Redakteur des Spielemagazins GameStar, unterhielt sich mit ihm über seine Gemeinsamkeiten mit Sebastian B. und darüber, was in jungen, computerspielenden Männern heutzutage vorgeht.

Alexander, Du bist ein alter Bekannter der GameStar-Redaktion. Die Umstände, unter denen wir uns getroffen haben, sind allerdings ein wenig... ungewöhnlich.

Könnte man so sagen. Damals, mit 16 oder 17, war ich auf der Suche nach Menschen, die so sind wie ich. In meiner Klasse waren zwar auch vier oder fünf Typen, die sich für Computerspiele interessierten, aber ich habe eigentlich eher nach Vorbildern gesucht. Und nachdem ich welche gefunden hatte, die mich jeden Monat in Form der GameStar-CD besuchten, wollte ich die unbedingt kennen lernen. Damals konnte man nicht einfach die ICQ-Nummer oder das Blog seines Lieblingsredakteurs suchen und herausfinden, was er für ein Mensch ist, ob er auch außerhalb der Redaktion immer einen flotten Spruch drauf hat. Also bin ich nach München gefahren, habe in der Jugendherberge gepennt und sieben Tage lang vor der Redaktion gelauert - Fotos gemacht, Redakteure angelabert. Bis mich eines Abends Petra (Anmerk. d. Red: GameStar-Expertin für Shooter) mal in die Redaktion eingeladen hat und mir zeigte, dass die Realität im "Raumschiff GameStar" (Anmerk. d. Red: so heißt eine Videocomedy der Redaktion) viel mit Schreibtischen und wenig mit Blastern zu tun hat.

Mit Petra hast Du seitdem auch noch öfters Kontakt, oder nicht?

Ja, und ich würde sogar behaupten, sie hat an einer Stelle in meinem Leben eine bedeutende Rolle für mich gespielt. Nach der Realschule und 40 erfolglosen Bewerbungen war mein Weltbild neu gezeichnet. Und damit meine ich kein schönes Bild. Mein Kumpel und ich lagen nachts besoffen auf Spielplätzen herum, haben den Sternen beim Drehen zugeschaut und das System verflucht. Ich habe dann erstmal ein Praktikum als Fachinformatiker angefangen und dabei gedacht, dass man es sich wohl nicht aussuchen kann, was das Leben mit einem macht. Petra, der ich regelmäßig per ICQ mein Leid klagte, hat mir gezeigt, dass es nicht so ist: Ich habe auf ihr Zusprechen den Job hingeschmissen, mich umgeschaut und plötzlich etwas entdeckt, was zu mir passt. Inzwischen bin ich selbstständiger Mediengestalter. Und wohl einer der zufriedensten obendrein.

Kanntest Du Sebastian B. persönlich?

Nein, ich kannte ihn nur aus dem Internet. Das wurde mir klar, als sein Online-Spitzname "ResistantX" bekannt wurde. Er war mit mir in Modding- und Softair-Foren unterwegs, wo sich unsere Wege öfters gekreuzt haben. Aber er war nicht auffällig oder anders als wir anderen. Und das macht mir irgendwie Angst.

Über was habt Ihr in den Foren gesprochen?

Unter anderem eben über Softair-Waffen. Das sind halbwegs realitätsgetreue Nachbildungen echter Waffen, mit denen meist 6 Millimeter große Plastikkugeln verschossen werden - auf alte CDs, Kartons oder andere Softairspieler. Und bei dem Thema waren wir einer Meinung, zum Beispiel dass Optik und Präzision sehr wichtig sind. Wir schworen auf denselben japanischen Hersteller. Die meisten dieser Waffen sind sogar zu echtem Zubehör kompatibel.

Warum faszinieren Dich Waffen?

Das habe ich mich auch lange gefragt und ein leicht mulmiges Gefühl vor dieser Faszination gehabt. Aber für mich, so weiß ich heute, geht es dabei in erster Linie um Industriedesign. Im Gegensatz zum Grafikdesign geht es bei einer Waffe um die Gebrauchsfähigkeit und nicht um das Aussehen - und trotzdem sieht sie gut aus! Waffen sind die Verbindung zwischen Mensch und Maschine, vom Griff bis zum Lauf. Deshalb redet man in Softair-Foren auch viel über den realistischen Look einer Replik. Und deshalb ist für viele Waffenfans Softair auch interessanter als Paintball - so zum Beispiel wohl auch für Sebastian.

Tatsächlich schrieb er in einem Forum, er habe sich gegen Paintball und für Softair entschieden, weil es dort viel mehr Auswahl gäbe, was die Waffen angeht. Er interessiere sich für Waffen aller Art, wolle aber unter keinen Umständen als "Hobbyrambo" gelten.

So ist es ja auch, denn es ist schwer ein Hobby zu verteidigen, bei dem man die Nachbildung eines Sturmgewehrs geil findet. Viele Softair-Fans hätten sicher gerne eine Sammlung echter Waffen, wollen aber nicht noch negativer auffallen als sie es ohnehin schon tun. Eigentlich hätte ich auch gern Outdoor im Team gespielt, aber dazu hatte ich keine Gelegenheit. Es blieb bei einem einzigen schüchternen und nervösen Versuch, allein mit meiner Softair-MP5 im Wald auf Bäume zu schießen, ohne von Spaziergängern entdeckt zu werden. Dabei kam ich mir aber schnell blöd vor, inzwischen habe ich auch meine ganze Munition weggeworfen. Denn auch Softair-Waffen sind gefährlich, man denke nur an Kinder oder besonders witzige Kumpels, die mit einer Pistole gestikulieren wie mit einer Bierdose. Weil es außerdem schwer ist, Leuten klar zu machen, dass man Waffen wegen des Designs mag und nicht, weil man damit Leute töten will, halte ich mein Hobby verdeckt.

Sebastian B. hatte nicht nur Softairs sondern auch echte Waffen. Wüsstest Du, wo Du Dir welche besorgen könntest?

Das weiß glaube ich jeder. In jedem Waffenladen bekommt man gegen einen Waffenschein Gewehre und Pistolen. Und ein Waffenschein für Kleinkaliber ist im Schützenverein schnell gemacht. Mit 15 war ich selbst kurze Zeit Mitglied in einem. Dort trifft man dann oft auf ländliche, urige Typen mit Sportpistolen und Hang zum Weißbier, die einem netten Bub auch gerne mal den Jägerzubehör-Prospekt ausleihen. Und wenn einem das alles nicht reicht: Über Foren für Waffenfetischisten, sei's in Europa oder den USA, kann man sich auch halb- oder vollautomatische Waffen importieren. So richtig düster wird's dann im tiefen Ostblock, wo man wirklich fast alles bekommt.

Hat es bei Dir denn mal Situationen gegeben, wo Du gerne eine Waffe gehabt hättest?

Ich bin vor fünf Jahren mal echt böse verprügelt worden, da war ich 15 und der Typ 19. Mitten unter Menschen in einem Zoo. Da bin ich völlig ausgerastet und als andere hinzukamen und ihn festgehalten haben, habe ich versucht, den Typen zu erwürgen. Das war ein tiefer, dunkler Hass, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ich hätte damals vielleicht Dinge getan, die ich später bereut hätte, wenn ich eine Waffe gehabt hätte.

Naja, in so einer Situation entwickelt man natürlich große Wut, aber wolltest Du den auch eine Woche später noch fertig machen?

Ich will ehrlich sein: Ich habe mir vorgestellt, wie ich mich räche. Wer einem 15-jährigen Schwächling wie mir damals, der daheim dauernd Computerspiele zockt, zeigt, wie wehrlos er in Wirklichkeit ist, der kann sich schon jede Menge Hass einfangen. Da war ich auf brachiale Gewalt aus - ich glaube, bloßes Erschießen hätte mir da fast nicht gereicht. Es ist aber zum Glück anders gekommen: Mein Vater hat den Kerl ausfindig gemacht und ihn zusammen mit seinen Eltern und allen Beteiligten zu einer Aussprache gezwungen. Seine Eltern waren überraschenderweise sehr nett, wussten gar nicht, was ihr Sohn so treibt und haben ihm gleich eine Standpauke gehalten. Er konnte einem fast Leid tun. Dann hat er sich entschuldigt und ich habe ihn nicht mehr wieder gesehen. Es stellte sich nachher raus, dass ihn ein paar Mädels aus meiner Stufe angestiftet haben, weil die mich nicht leiden konnten. Ich denke manchmal an ihn und frage mich, was er heute treibt.

Sebastian meinte, er würde Menschen hassen. Für Dich ein nachvollziehbares Gefühl?

Menschenhass ist ein hartes Wort, aber manchmal fühle ich mich in der Öffentlichkeit nicht wohl, weil ich zum Beispiel von so vielen Menschen umgeben bin, die glauben, die "Bild"-Zeitung wäre eine echte Zeitung. Da zweifelt man schon an der Menschheit. Es ist aber eher ein bisschen der Hass auf die Dummen und Ignoranten in der Welt, auf Leute, die keinen eigenen Gedanken fassen können und mit dem Strom schwimmen, so lange es geht. Wenn mein MP3-Player den letzten Saft aus seinem Akku gesaugt hat und ich plötzlich die Gespräche im Bus um mich höre, dann denke ich manchmal: "Jetzt könnte die Welt eigentlich untergehen und es würde den meisten Recht geschehen." Aber wenn es nur einen guten Menschen gibt, dann ist es das nicht wert.

Aus der GameStar

Aus der GameStar Das Spielemagazin GameStar veröffentlichte das Interview mit Alexander Diehlmann

  zurück
1 2
 
 
Jetzt bewerten
4 Bewertungen
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Foren Hobby Naja Paintball Petra Praktikum Redakteur Umstände
MEHR ZUM ARTIKEL
Amokauf vom Emsdetten "Am Ende hatte Bastian B. Gewissensbisse"

Frank Josef Robertz hat das Tagebuch des Amokläufers von Emsdetten analysiert. Sebastians Gewaltvideos seien ein Hilferuf gewesen, sagt der Kriminologe im Interview mit stern TV.

Mitschüler des Amokläufers "Bastian war kein Außenseiter"

Sechs Jahre lang ging Marco Sch. mit dem Amokläufer von Emsdetten auf die Geschwister-Scholl-Schule, im Abschlussjahr saßen sie im Unterricht nebeneinander. "Das letzte Jahr wurde er immer komischer", sagt Marco im Interview mit stern TV über Sebastian B.

Amoklauf von Emsdetten Das Tagebuch von Sebastian B.

Es ist ein erschütterndes Dokument - das Tagebuch des Amokläufers Sebastian B., das sternTV und stern.de vorliegt. Es zeigt einen Jugendlichen, der von seiner Wut, seinem Frust, seinem Weltschmerz, seiner Egozentrik und seinem Selbstmitleid zerrissen wurde.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?