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"Auch Google könnte verschwinden"

Tim O'Reilly ist der Mann, dem die Welt den Begriff "Web 2.0" verdankt. Im Gespräch mit stern.de verrät der Kalifornier, der als Internet-Orakel gilt, was als Nächstes kommt - und warum sich niemand seines Erfolgs zu sicher sein sollte.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Tim O'Reilly hat eine erstaunliche Karriere hinter sich: Mit 18 Jahren leitete er der damalige Hippie Workshops an einem Esoterik-Institut, später studierte er Altphilologie an der Harvard-Universität - und heute steht der Kalifornier an der Spitze seines eigenen Medienhauses, das mehr als 200 Mitarbeiter beschäftigt und mit Büchern, Zeitschriften und Konferenzen gut 25 Millionen Dollar im Jahr einnimmt. Früher schätzten ihn praktisch nur Programmierer, die Werke über Pascal und C++ verschlingen; heute ist er als Erfinder des Begriffs "Web 2.0" auch Laien bekannt.

"In den 1970er Jahren habe ich viel über das 'globale Bewusstsein' geredet", erinnert sich O'Reilly. "Und jetzt, im neuen Jahrtausend, rede ich immer noch vom 'globalen Bewusstsein' - nur diesmal als Folge des technischen Fortschritts." Der 54-Jährige lacht und schüttelt vergnügt den Kopf. Die Ironie gefällt ihm, sie hat etwas Philosophisches. O'Reilly kann stundenlang über die Welt der Bits und Bytes sprechen, die ihn seit über 30 Jahren fasziniert; er wechselt dabei mühelos von Google und Microsoft zu unbekannten Startups, bekannten Theoretikern (Freeman Dyson), Größen der Computerwelt (John von Neumann) - und wieder zurück.

Im Gespräch mit stern.de erklärt er, wie ein "Web 2.0"-Handy aussehen könnte; warum der Boom im Silicon Valley schon wieder Blasen schlägt; und weshalb dieselbe Technik, die Microsofts Software-Dominanz bedroht, womöglich nur zu neuen Monopolen führt.

Herr O'Reilly, Sie haben den Begriff "Web 2.0" geprägt. Was kommt als Nächstes - das "Web 3.0", wie manche glauben?

Schon Web 2.0 ist ein schlechter Ausdruck; ich wüsste nicht, warum sich Web 3.0 jemals durchsetzen sollte.

Warum gefällt Ihnen "Web 2.0" nicht?

Es klingt nach einer Versionsnummer, und so war es nie gemeint. Was viele vergessen: "Web 2.0" war ursprünglich nur der Name einer Konferenz, die wir veranstalten wollten - damals, nachdem die Dot-com-Blase geplatzt war und alle den Internet-Boom als "Strohfeuer" abgetan hatten. Uns ging es darum zu zeigen: Stimmt nicht, da ist noch viel mehr! Wir stehen erst ganz am Anfang. Ich mag den Begriff, den Microsoft gefunden hat: "Live Software". Das ist eine viel bessere Beschreibung als "Web 2.0". Wir leben im Zeitalter der Live-Software.

Was ist das Neue daran?

Live-Software ist nicht statisch, sondern kann in Echtzeit reagieren; sie lernt von ihren Nutzern und wird umso besser, je mehr Menschen mit ihr arbeiten. Das ist für mich eines der Kernelemente des Web 2.0: Wir schöpfen aus der kollektiven Intelligenz der Masse. Oft geht es dabei um Datenbanken, die durch Nutzerbeteiligung wachsen und gedeihen. Man sieht das bei fast allen Internet-Erfolgen: Amazon hat es geschafft, seine Kunden dazu zu bringen, dass sie die Produkte kommentieren - das macht das Angebot besser als anderswo. Ebay bindet auf ähnliche Weise Nutzer an sich, und auch Wikipedia profitiert davon, dass immer mehr Menschen mitmachen. Warum startet keiner sein eigenes Online-Lexikon? Weil es einen Netzwerk-Effekt gibt, der dazu führt, dass solche Dienste von allein wachsen, wenn man ein bestimmtes Maß an Nutzerbeteiligung erreicht.

Und seit Myspace und Facebook vorgemacht haben, wie man damit über Nacht reich werden kann, ist im Silicon Valley wieder Goldfieber ausgebrochen ...

Es gibt sicher die Gefahr, dass sich der Web-2.0-Boom überhitzt. Vieles, was früher ein Freizeitprojekt war, wird heute angefangen, weil Leute sich ein Vermögen davon versprechen. Wir bewegen uns auf die nächste Spekulationsblase zu, und irgendwann wird all der Schaum an der Oberfläche wieder in sich zusammenfallen. Das ist ganz typisch und lässt sich nicht vermeiden.

Also kommt der nächste Crash, und dann herrscht wieder Katzenjammer?

Es ist ganz wichtig zu verstehen, dass das Phänomen, um das es geht, von all diesen kleinen Web-2.0-Firmen völlig unabhängig ist. Es geht um das Internet als Plattform. Das führt unter anderem dazu, dass Software nichts mehr kosten wird. Genau wie der PC das Großrechner-Monopol zerstört hat, das IBM einst genoss, wird Gratissoftware aus dem Internet das Monopol von Microsoft zerstören. Aber Geld verschwindet nicht, es geht nur woanders hin. Firmen werden Wege finden, Geld zu verdienen, indem sie Datenbanken kontrollieren und Informationsdienste anbieten. Google ist ein gutes Beispiel dafür.

Anzeigen rund um ein kostenloses Angebot - das mag bei Google gut funktionieren, aber wird das Werbegeld auch für die vielen anderen reichen, die jetzt auf dieses Geschäftsmodell setzen?

Nein, auf keinen Fall. Die meisten Firmen werden nicht mehr als eine Fußnote in der Geschichte des Internets sein. Wenn sie Glück haben. Aber das ist genau der Punkt: Web 2.0 bedeutet Netzwerkeffekte - und wohin führen uns Netzwerkeffekte? Direkt zu einem Monopol! Es wird ein oder zwei Große geben, die überleben. Alle anderen werden geschluckt oder gehen unter. Doch das war beim PC kein bisschen anders. Schauen Sie sich an, was in den 1980er-Jahren passierte. Da gab es etliche Hersteller von Bürosoftware - wo sind die heute geblieben?

Also sagen Sie voraus, dass die ganze Welt irgendwann Google gehört?

Ich kann Ihnen nicht sagen, wer am Ende übrig bleiben wird - Google oder irgendein Unternehmen, das es heute noch gar nicht gibt. 1983 hätten Sie vielleicht gesagt: "Lotus! Denen gehört die Zukunft!" Es ist sehr schwer, Voraussagen über den Erfolg einer einzelnen Firma zu treffen. Google könnte durch einen Fehltritt genauso verschwinden, wie Lotus verschwunden ist. Sicher scheint mir, dass wir in den nächsten fünf Jahren eine massive Marktbereinigung sehen werden.

Welche Dienste können wir von denen, die übrig bleiben, erwarten?

Ich glaube, es gibt eine enorme Chance, das Prinzip der Live-Software und der kollektiven Intelligenz auf weite Teile unseres Lebens zu übertragen. Nehmen Sie Ihr Mobiltelefon: Wie sähe ein Web-2.0-Handy aus? Das hat nichts mit Facebook zu tun; mir geht es um das Adressbuch, um die Liste der Telefonnummern. Im Augenblick steht da vielleicht: "Dies sind Ihre zehn jüngsten Anrufe." Was ist mit den anderen tausend passiert? Die sind alle in der Datenbank des Mobilfunkanbieters gespeichert - warum werden sie dort versteckt? Der Anbieter weiß, wen ich anrufe, er kennt mein soziales Netzwerk. Warum nutzt er es nicht? Ein Web-2.0-Telefon könnte zum Beispiel sagen: "Hier sind Ihre Top-Kontakte, hier ist eine Liste von Leuten, mit denen Sie lange nicht mehr gesprochen haben, und dies sind Kontakte, deren Telefonnummer sich geändert hat." Für Banken gilt Ähnliches. Ich bin ein Investor von Wesabe, einer Online-Community rund um persönliche Finanzen. Da erfahren Nutzer zum Beispiel, dass ihre Nachbarn, die beim Supermarkt um die Ecke einkaufen, im Durchschnitt 20 Dollar weniger ausgeben als sie selbst bei einer anderen Kette.

Woher kommen diese Informationen?

Von Nutzern, die ihre Kontoauszüge, Kreditkarten-Abrechnungen und andere Finanz-Informationen bei Wesabe eingeben. Der persönliche Datenschutz ist gesichert, aber es können allgemeine Erkenntnisse gewonnen werden, von denen alle profitieren.

Hat niemand Bedenken, den vielen Firmen und Diensten solche Einblicke in sein Leben zu gewähren?

In den meisten Fällen sind die Daten ohnehin längst irgendwo gespeichert. Das Internet macht nur deutlich, wie wenig Privatsphäre wir inzwischen haben. Natürlich haben Sie Recht: Viele Menschen machen sich deshalb Sorgen. Aber im Allgemeinen nimmt man gewisse Abstriche in Kauf, wenn man sich Vorteile davon verspricht. Ich nutze zum Beispiel einen Dienst namens Doppler - ein großer Hit unter Vielreisenden. Man gibt ein, wohin man fliegt, und kann sehen, ob Freunde und Bekannte zufällig ebenfalls in der Stadt sind. "Oh, du bist auch in Tokio! Super." Oder schauen Sie sich Google an: Es gibt viel Aufregung darüber, was Google alles über uns weiß. Du lieber Himmel! Direktmarketing-Firmen hier in den USA wissen mindestens genauso viel über uns. Aber der Unterschied ist, Google stellt mit seinem Wissen etwas Nützliches an und lässt sich Dinge einfallen, die unser Leben leichter machen. Deshalb haben am Ende viele Menschen kein Problem damit. Es ist ein kleines Opfer der Privatsphäre, gewiss, aber so tasten wir uns Stück für Stück an Grenzen heran. So ist das immer bei Erfindungen, die sich durchsetzen: Sie verändern auch unsere Kultur.

Das Magazin "Wired" hat Sie "den Trendspotter" genannt. Was sehen Sie noch so auf uns zukommen?

Ich glaube, Computer werden zunehmend mit der Welt um uns herum verschmelzen und sie grundlegend verändern. Der Gedanke, dass man sich vor einen Bildschirm setzt und mit Tastatur und Maus arbeitet, wird uns schon in wenigen Jahren sehr altmodisch vorkommen. Schauen Sie sich nur Nintendos Wii-Spielekonsole an, die man mit Gesten steuert, oder Apples iPhone, das auf Fingertippen reagiert. Auch Spracheingabe wird sicher dazukommen. Wir werden mit unseren Computern reden, wir werden ihnen zuwinken, und all das wird mit Web-2.0-Diensten zusammenwachsen. SAP hat eine experimentelle Software entwickelt, bei der Gebäude mit Sensoren ausgestattet sind und Daten an die "Second Life"-Community weitermelden. Wenn also im wirklichen Leben eine Tür aufgemacht wird, öffnet sie sich automatisch auch bei Second Life. Das ist ziemlich cool.

Ist das Ihr Erfolgsgeheimnis als Silicon-Valley-Orakel, dass Sie sich für solche etwas abseitigen Dinge begeistern können?

Ich habe festgestellt, dass technische Revolutionen oft damit beginnen, dass Menschen aus Spaß an etwas Neuem herumbasteln. Denken Sie nur an die Anfänge des PCs: Steve Wozniak baute den ersten Apple-Rechner daheim in der Garage zusammen. Ich nenne das gern "die Alpha-Geeks beobachten". Den Jungs geht es ums Vergnügen - erst später kommen die Unternehmer und machen ein Geschäft daraus. Wir bei O'Reilly schauen uns das alles an, und wenn wir irgendwo besonders viel Begeisterung entdecken, schauen wir genauer hin und fragen: Was ist da los?

Sie gelten als ultimativer Insider, leben und arbeiten aber im verschlafenen Städtchen Sebastopol, rund 150 Kilometer nördlich des Silicon Valley. Wie geht das zusammen?

Als wir von der Ostküste zurück nach Kalifornien gezogen sind, sagte meine Frau: "Ich möchte irgendwo leben, wo ich gar nicht mehr in Urlaub fahren will, weil es so schön ist." Und dies ist wirklich eine der schönsten Ecken der Welt. Wir genießen es hier sehr, und ich glaube, es hat uns sogar genützt, vom Silicon-Valley-Rummel so weit weg zu sein. Es gibt uns als Beobachter eine besondere Perspektive.

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