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64 kB für ein Halleluja

Der "Commodore 64" war in den achtziger Jahren der digitale Urknall für eine ganze Generation: der erste eigene Computer. Jetzt wird er 25 Jahre alt. stern-Redakteur Sven Stillich erinnert sich an die erste große Liebe seines Lebens.

Es kommt mir nicht vor, als sei es gestern gewesen. Nein, es ist lange her, das weiß ich, fast ein ganzes Vierteljahrhundert - und dennoch ist mir der Moment immer noch nahe: Die Sekunde, in der ich zum ersten Mal auf dem Fernseher etwas bewegte. Dass dort etwas meinem Willen folgte - das war eine Sensation. Auf demselben Bildschirm, auf dem sonst "Kimba, der weiße Löwe", Samstagsabends die Sportschau und der Hase Cäsar liefen, "wenn ihr wollt und wenn ihr könnt", da steuerte ich nun ein winziges Raumschiff in meinem ersten Computerspiel. Links, rechts, Schub: Der Fernseher gehörte mir!

Ich saß an den Hebeln der Macht, der Joystick in meiner Hand roch nach Freiheit. Das ist eine Schlüsselszene meines Lebens. Leider spielte sich die nicht bei mir zu Hause ab, in meinem Kinderzimmer, sondern bei einem Schulfreund ein Dorf weiter. Denn der hatte ihn schon, den C64. Einen eigenen Computer! Den Computer überhaupt, den mit dem großen blauen C und den beiden angefeilten blau-roten Strichen, die ich die kommenden Jahre in der Schule während des Unterrichts immer wieder auf Karopapier gezeichnet habe vor Sehnsucht nach den Nachmittagen.

Erst spielen, dann programmieren

Nicht viel später, Weihnachten 1983, bekam ich nämlich auch einen. Und das, obwohl meine Eltern eigentlich dagegen waren, so was zu kaufen. Weil ihnen die "Stiftung Warentest" erfolgreich weisgemacht hatte, dass ein C64 überflüssig sei. Wobei die Zeitschrift natürlich Recht hatte: Keinem Menschen konnte man raten, mit dem C64 seine Briefmarkensammlung katalogisieren oder Überblick im Weinkeller schaffen zu wollen - aber das wollten wir ja auch gar nicht, damit warb nur Commodore. Wir wollten: spielen und programmieren lernen. Erst spielen. Und dann programmieren.

Es begann eine wundervolle Zeit. Eine Zeit voller neuer Bilder und Töne. Wir spielten "Blue Max", "Impossible Mission", "Killerwatt", "Fort Apokalypse" und "Raid on Bungeling Bay". Noch heute habe ich im Ohr, wie die Steine bei "Boulderdash" fallen, die Automotoren von "Spy Hunter" und "Rally Speedway", die Musik von "Raid over Moscow" und "Archon". Und "Zak McKracken", "Giana Sisters", "Lode Runner", "Zaxxon". Und immer wieder "Paradroid", mon amour.

Helden der Kindheit

Ich kann heute noch die Firmen herunterbeten, die mein Leben betimmten: EPYX, Microprose, Activision. Und Electronic Arts. Und ich nenne Namen: Chris Hülsbeck und Rob Hubbard, die Komponisten meines Zeitalters. Und Boris Schneider, der Alt-"64'er", Redakteur und Übersetzer meiner Spieleperlen. Alles Helden meiner Kindheit. Es kommt mir heute noch vor, als wären die achtziger Jahre ein einziges "erstes Computerspiel" gewesen: So vieles passierte zum ersten Mal, so viele Spielideen und Genres entstanden.

Und wir waren mittendrin. Wir haben gePEEKt und gePOKEt, haben Programme aus Zeitschriften abgetippt, sogenannte "Listings", die uns neue Erlebnisse versprachen, neue Möglichkeiten. Später habe ich gefühlte zwei Millionen "Hertie"-Zettel im ganzen Dorf in Briefkästen gesteckt, um mir ein Diskettenlaufwerk kaufen zu können. Ich wollte es so, meine Freunde wollten es so. Wir wollten eins sein mit der Maschine. Wir durften zwar noch nicht Auto fahren, aber wir beherrschten die Technologie, mit der man zum Mond flog. Für die Erwachsenen waren wir "Freaks", Kopfschüttelkinder.

Es floss Pixelblut

Was wir noch waren: kriminell und sehr, sehr jugendgefährdet. Kriminell, weil ich und meine Freunde diese Spiele natürlich nicht kauften. Die kamen einfach zu uns, und der Absender hieß "Dynamic Duo", "German Cracking Service" oder "Jedi", und sie gaben uns nicht nur freie Spiele, sondern auch "Trainer", "Cheats", unendliche Leben. Und sie programmierten den Spielen neue Vorworte, Einleitungen, "Demos"! Wir haben diese C64-Künstler damals so vergöttert, dass ich es auch heute nicht über mich bringe, ihr Tun zu verabscheuen. Das liegt vielleicht daran, dass ich damals fürchterlichen Bildern ausgesetzt war, die mich in meiner Entwicklung gestört haben - schließlich handelten viele Spiele vom (Kalten) Krieg und waren sogar indiziert. Es floss Pixelblut, Kugeln flogen durch die Luft, Autos landeten im Graben, kurz: Wir hatten riesig Spaß!

Und es war genau diese die Mischung aus Kriminalität, Kleinkunst, Gewalt und Ablehnung durch die Autoritäten (Eltern), die eine starke Jungendkultur hervorbringen musste. Eine beherrschende Kultur, die dazu führte, dass ich damals zum ersten Mal Bach hörte und mit glänzenden Augen den Umstehenden zuraunte, dass das die wundervolle Musik aus "Killerwatt" sei. Inzwischen weiß ich zwar, wer Bach ist, habe aber immer noch mehr Stunden meines Lebens mit "Killerwatt" verbracht.

C64 hat noch Kraft

Das alles ist natürlich ein Vierteljahrhundert her. Aber das macht nichts, denn der Commodore 64 hat immer noch Kraft. In vielen Tausenden Mittdreißigern lebt er weiter. So unterschiedlich sie ihren Alltag leben mögen - wenn sie ein weißes Quadrat auf hellblauem Grund sehen, dann wird ihnen allen warm ums Herz. Man kann sie beizeiten beobachten, in Kneipen und in Clubs, wie sie zusammenkommen an manchen Abenden. Wenn sie sich bei einem Bier in der Hand und Elektromusik im Ohr von damals erzählen. Wer dann lauschen mag, hört sie laut lachen, wenn einer "SYS 64738" sagt oder "Load ‚*',8,1" - Befehle, die damals erst nur die Maschine verstand und dann eine ganze Generation. Und alle werden grinsen und an die Zeit denken, in der alles begann. In der zum ersten Mal ein Computer auf dem Tisch stand, "READY" sagte und uns erwartungsvoll zublinzelte mit seinem Cursor - gespannt darauf, was wir Knirpse mit ihm anstellen würden.

Sven Stillich
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