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Ein Spiel, ein Leben

Ralph Baer war Deutscher - bis er vor den Nazis flüchten musste. Jetzt besucht der Erfinder der Spielkonsole zum ersten Mal seine alte Heimat

Von Sven Stillich

Ralph Baer ist ein kleiner, aufrechter alter Herr mit großer Brille. Er ist Erfinder. Er hat vor Jahrzehnten das erfunden, was heute Playstation heißt, Xbox oder Gamecube: die Spielkonsole. Wenn er von seinem Leben erzählt, dann funkeln seine Augen oft, als halte sich in ihm ein kleiner Junge versteckt - der Bub aus Pirmasens, der schon in den zwanziger Jahren wissen wollte, wie die Welt funktioniert. Doch immer wieder fällt aus der Erzählung heraus ein Schatten auf ihn, der ihn fast verschluckt: Mit 14 Jahren haben sie ihn 1936 aus der Schule geworfen, weil er Jude war. Dann die Flucht mit seinen Eltern, nur Monate bevor in Deutschland Schaufenster und Leben in Scherben fielen. Der Verlust seiner Heimat. Das ganze Leben ein Kampf, auch in der neuen Welt: Amerika. Müde wirkt er und hartschalig, bis ihn die Erinnerung an glücklichere Zeiten sein verschmitztes Lächeln wieder finden lässt. 84 Jahre ist Ralph Baer heute alt, es ist sein erster Besuch in Deutschland seit 1938.

Jetzt sitzt er auf einem Holzstuhl im Computerspielemuseum in Berlin. Er passt gut hierher: Es ist ein Ort, den es ohne ihn nicht geben würde. Und ein Ort, der seit Jahren um Räume kämpft für eine ständige Ausstellung - so wie Ralph Baer viele lange Jahre um seinen Platz in den Geschichtsbüchern ringen musste.

Ein Heureka auf vier Seiten

Diese Geschichte beginnt im August 1966. Krieg, Hitler und Ralph Baers Zeit in der US-Armee sind lange vorbei. Er hat ein Technikerdiplom gemacht und ist jetzt leitender Ingenieur bei Sanders, einer Rüstungsfirma, Chef von 500 Angestellten. Baer hat Geräte erfunden, mit denen die Amerikaner in Berlin die Sowjets abhören, und ein Radarsystem, mit dem man U-Boote aufspüren kann. Bald schon soll er die Raketentechnik mitentwickeln, die Neil Armstrong zum Mond bringen wird. An diesem Tag im August jedoch sitzt Ralph Baer an einer Bushaltestelle in der New Yorker East Side und sinniert. "Es gibt 40 Millionen Fernseher in Amerika", denkt er, "und die Leute wollen bestimmt mehr damit anfangen, als drei Programme und Werbung zu schauen." Ein paar Minuten später hat er die Idee seines Lebens: Spiele! Miteinander. Und gegeneinander. Auf dem Fernseher, mit der ganzen Familie. Das ist es. Auf vier Seiten skizziert er seine Idee einer Vidospielkonsole, sogar einige Spiele denkt er sich dafür aus. "Das war mein Heureka", sagt Ralph Baer - und beginnt gleich am nächsten Tag, mit Kollegen bei Sanders das Gerät zu entwickeln.

Auch wenn das Erfinden von Spielzeug nicht wirklich zum Arbeitsfeld in einer Rüstungsfirma zählt: Baers Boss ist angetan und lässt sie machen. Es dauert trotzdem mehr als ein Jahr, bis etwas entstanden ist, dass sich vorzeigen lässt: ein Prototyp, "Brown Box" genannt, mit dem man gegeneinander auf dem Fernseher Pingpong spielen kann. "Da wussten wir, dass wir etwas in der Hand haben", sagt Baer, und er lächelt dabei. Schnell meldet er ein US-Patent an für die Konsole. Nun muss er nur noch jemanden finden, der das Gerät bauen und in die Regale stellen will. Niemand bei der Rüstungsfirma hat damit jedoch Erfahrung. Und so wird es 1972, bis die Firma Magnavox seine Konsole endlich herausbringt - unter dem Namen "Odyssey". In den kommenden drei Jahren werden 350.000 Stück verkauft. Ralph Baer ist nun über 50 Jahre alt.

Plötzlich steht ein anderer im Rampenlicht

Jetzt könnte die Geschichte wie ein Märchen glücklich zu Ende sein: Ein Ingenieur hatte eine geniale Idee. Er patentiert sie, das Produkt ist erfolgreich - er ist der "Vater der Videospielkonsole". Doch Ralph Baers Kampf um Anerkennung fängt 1972 gerade erst an. Denn plötzlich ist da ein anderer, ein Jüngerer. Nolan Bushnell heißt er. Er hält sein Gesicht in jede Fernsehkamera und behauptet, er habe die Videospiele erfunden. Er sagt es immer wieder, über Jahre hinweg, und je öfter er es sagt, desto größer wird er.

Und Ralph Baer wird immer kleiner.

Auf den ersten Blick sieht es sogar aus, als hätte Bushnell Recht. Denn er ist kein Hochstapler. Er ist der Chef der Firma Atari - und er hat in diesem Sommer 1972 unglaublichen Erfolg mit einem Münzautomaten-Spiel, dessen Name heute noch jeder kennt: Pong. Jeder will zu dieser Zeit Pong spielen in den Bars und Spielhallen. Sein Pong ist der Urknall der Spieleindustrie. "Bushnell ist klug, und er ist ein hervorragender Verkäufer", sagt Ralph Baer heute über ihn. Damals hat er ihn verklagt. Und er hat gewonnen: Atari muss an Magnavox Lizenzgebühren zahlen - weil Bushnell am 24. Mai 1972 einen Fehler gemacht hat: An diesem Tag fand eine Vorführung von Baers "Odyssey" statt - und Bushnell war dabei. Das beweist seine Unterschrift auf einem Besucherzettel. Im Mai hat er Baers Pingpong-Spiel gespielt - und es dann zu Pong weiterentwickelt.

Später Erfolg - mit "Senso"

"Atari hatte gezahlt. Unsere Anwälte haben mir geraten, Ruhe zu geben", sagt Baer heute, "und das war ein Fehler." Es schwingt immer noch viel Ärger mit, wenn er das sagt. Und wenn er Bushnells Stimme nachmacht, die klingt wie die eines Cowboys, der Kaugummi kaut. Denn auch in den kommenden Jahrzehnten bleibt Bushnell präsent auf allen Kanälen: Den charmanten "Pong"-Erfinder kennt jeder, den knorrigen Baer kaum jemand. Er fühlt sich um den verdienten Ruhm gebracht und zurückgewiesen - von der Öffentlichkeit und von Bushnell selbst: "Ich habe ihm Mails geschrieben", sagt Ralph Baer - "er hat nicht geantwortet." Bald verlässt er die Rüstungsfirma, sitzt in seinem Labor im Keller und erfindet rastlos Neues. Mehr als 150 Patente meldet er an: Spielzeuge und Videospiele, ein interaktives Buch, die sprechende Türmatte - und "Senso", ein Musikspielzeug, bei dem man sich Tonfolgen merken muss, um zu gewinnen. Ein Welthit. Sein Erfolg.

Die letzte Schlacht ist geschlagen

"Ich habe schon als Kind mit Baukästen gespielt", sagt er jetzt auf Deutsch - und es ist kaum ein amerikanischer Akzent zu hören: "Etwas zu konstruieren, das ist mein Glück und meine Kunst." Seine Augen strahlen. Reich ist er nicht geworden: "Ich habe nie die Hand aufgehalten, das war dumm. Ich habe jedoch etwas Wichtigeres bekommen: die Freiheit, das zu tun, das ich liebe." Er hat nie aufgehört, um Respekt zu kämpfen - in Vorträgen, auf seiner Website ralphbaer.com, ein Buch hat er geschrieben. Im Februar 2006 hat ihn George Bush mit der "National Medal of Technology" geehrt, dem US-Nobelpreis für Technik. Endlich haben sie ihn anerkannt. Ist die letzte Schlacht geschlagen? "Ja", sagt Ralph Baer, und reibt die müden Augen.

Nun ist es an der Zeit, alles zu ordnen für die Zeit nach ihm: "Geschichte darf nie verloren gehen", sagt er. Seine Notizen, Skizzen und Schaltpläne hat das Smithsonian Museum in Washington gerade digitalisiert, es sind über 500 Seiten. Auch eine "Brown Box" steht im Museum. "Es ist alles gerettet", sagt Ralph Baer, "nun kann mein Haus abbrennen, ohne dass alles vernichtet würde."

Das war für ihn auch der Zeitpunkt, Deutschland noch einmal zu besuchen. "Wenn ich jetzt nicht komme, dann nie", sagt er: "Früher konnte ich nicht. Ich hatte Angst, Menschen meiner Generation zu begegnen." Dann bricht er ab. Vor drei Tagen hat Ralph Baer erfahren, dass auch seine Tanten im KZ ermordet wurden - wie fast alle aus der Familie. "Deutschland ist heute ein schönes Land mit netten jungen Leuten", sagt er kurz darauf. Er hat Pirmasens besucht, wo er geboren wurde. Der Oberbürgermeister hat ihn dort empfangen. Und in Köln war er, wo er aufwuchs neben der 4711-Fabrik. Es ist kaum noch etwas da, an das er sich erinnert. Aber es war ein guter Besuch und ein wichtiger. "Ich weiß, dass jeder Tag mein letzter sein kann", sagt er - "aber ein paar Erfindungen noch... das wäre schön." Die letzten drei Worte sagt er auf Deutsch.

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