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Der Bundestag spielt "Killerspiele"

Wissen Politiker eigentlich, worüber sie sprechen, wenn sie Computerspiele kritisieren? Demnächst darf im Bundestag geballert werden: Drei junge Abgeordnete haben ihre über 600 Kollegen auf eine LAN-Party eingeladen. Neben einer Vielzahl an Spaß- und Familienspielen werden auch Ego-Shooter gezeigt.

Vermutlich wissen wenige Abgeordnete, was man auf einer LAN-Party erleben kann. Noch kleiner dürfte die Gruppe derjenigen Volksvertreter sein, die selbst einmal auf einem derartigen Treffen waren, auf dem Nutzer ihre Computer zu einem Netz zusammenschließen. Das soll sich ändern. In den kommenden Wochen werden alle Abgeordneten des Bundestages eine persönliche Einladung zum gemeinschaftlichen "Zocken" erhalten. Absender: drei junge Abgeordnete der schwarz-gelben Koalition. Am Montagabend erklärten die Koalitionspolitiker in Berlin ihre Pläne.

Die Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär (CSU), Manuel Höferlin und Jimmy Schulz (beide FDP) führen ein digitales Leben. Bei Facebook und Twitter lassen sie "Follower" an ihrem politischen Alltag teilhaben, iPhone und iPad sind ständige Begleiter. Doch nicht alle neuen Medien genießen unter Politikern hohes Ansehen. Vor allem Computerspiele sind in den vergangenen Jahren nicht zuletzt nach Amokläufen an deutschen Schulen in Verruf geraten.

Schulz sagt, ihn ärgere es, dass Computerspiele immer wieder als Erklärung für Gewaltexzesse herangezogen würden. Die Diskussion müsse versachlicht und emotionsfrei geführt werden, fordert der Obmann der Enquetekommission "Internet und digitale Gesellschaft". Daher die Idee, eine LAN-Party für Angeordnete zu organisieren. Diese soll Schulz zufolge dabei helfen, Berührungsängste gegenüber Computerspielen abzubauen.

Stattfinden soll die Party im Herbst, ein endgültiger Termin steht noch nicht fest. Wohl aber die Gästeliste: Auf ihr stehen laut Schulz alle 622 Abgeordneten des Bundestages sowie jene Politiker, die "mit undifferenzierter Betrachtungsweise" von Computerspielen aufgefallen seien. Namen nennt er nicht. Dabei haben wollen die Politiker auch Vertreter der Freiwilligen Selbstkontrolle, die Bundeszentrale für politische Bildung und Spielehersteller, ebenso wie die Suchtbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, Medienpädagogen und versierte Spieler.

Bär will nicht von "Killerspielen" reden

Nach den Plänen der Initiatoren soll unter Anleitung von Profis gespielt werden. Sport-, Strategie- und Geschicklichkeitsspiele stehen auf dem Programm. Auf der LAN-Party sollen die Politiker aber auch ein Spiel der besonders umstrittenen Kategorie Ego-Shooter kennenlernen. "Schließlich sind wir im Bundestag schon alle über 18", scherzt die CSU-Politikerin Bär.

Mit der provokanten Idee verfolgt sie gleichwohl ein ernsthaftes Ziel. Sie wolle erreichen, dass über Computerspiele nicht mehr "Schwarz-weiß diskutiert" werde. Das "K-Wort", also Killerspiele, meidet sie im Falle der Ego-Shooter nach eigenem Bekunden ausdrücklich.

Vorbild der für Ende Oktober oder Anfang November geplanten LAN-Party im Bundestag ist Bär zufolge ein Parlamentarischer Spieleabend, der im vergangenen Jahr im Bayerischen Landtag stattfand. Organisiert hatte ihn der medienpolitische Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, Eberhard Sinner. Damals testeten die Abgeordneten 60 PC-Spiele, darunter auch das recht gewalttätige "GTA 4".

Finanziert werden soll die LAN-Party im Reichstag von den einladenden Abgeordneten und Fraktionen. Bär zufolge fiel die Resonanz der Unionsfraktion sehr positiv aus. Der CSU-Parteivorsitzende Horst Seehofer sei bekennender "Computerfreak". Auch die anderen Abgeordneten seien aufgeschlossen. "Ihre Hauptsorge ist es, schlecht zu spielen", scherzte Bär.

AP/AP
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