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Bescherung ohne Weihnachtsmann

Zum ersten Mal muss die Macworld-Messe ohne ihre Hauptattraktion auskommen: Apple selbst. Kann die größte Show rund um iPod, iPhone & Co. trotzdem überleben?

Von Karsten Lemm, San Francisco

Für Apple-Fans kam der Weihnachtsmann traditionell im Januar: Gleich nach Neujahr pflegte Firmenchef Steve Jobs in San Francisco auf die Bühne zu treten und den Getreuen, die an seinen Lippen hingen, die neuesten iSensationen aus der Entwicklerküche des kalifornischen Computerherstellers zu präsentieren. Das war, über Jahre hinweg, gleichermaßen die verspätete Bescherung vom Heiligabend und der Auftakt zur Macworld-Messe - bis Apple im vorigen Januar überraschend verkündete: Wir machen nicht mehr mit.

So stehen nun die Mitarbeiter der deutschen Softwarefirma Navigon mit ihrem Messestand am Rande einer Veranstaltung, die auf den ersten Blick mehr Ähnlichkeit mit einem Flohmarkt als einer internationalen Schau hat, die zu Hoch-Zeiten über 50.000 Menschen aus aller Welt anlockte. In einer einzigen Halle des Moscone-Konferenzzentrums drängen sich mehrere Dutzend Aussteller, viele davon Kleinbetriebe, die iPod-Zubehör und selbstgestrickte iPhone-Software anbieten. Apple dagegen, früher Mittelpunkt und Besuchermagnet in der Messehalle, fehlt ebenso wie andere große Marken - darunter Adobe, Canon, Epson und Logitech.

Aber das kümmert diejenigen, die dennoch gekommen sind, überhaupt nicht. "Wir haben riesigen Zulauf", freut sich Navigon-Sprecher Michael Hoffmann. "Wir werden von Verbrauchern geradezu bestürmt." Seit die Hamburger Orientierungshelfer im vorigen Sommer ihre Navigationssoftware für das iPhone vorgestellt haben, gehört das Programm in Apples "App Store" zu den Bestsellern seiner Kategorie. Navigon wusste, dass Apple diesmal fehlen würde, und buchte dennoch erstmals einen Messestand. "Weil Entwickler nun im Mittelpunkt stehen, bekommen wir erst recht viel Aufmerksamkeit", erklärt Hoffmann - nicht nur von Kunden, sondern auch von anderen Firmen, die sich als Partner anbieten. "Da kommen Ideen auf", schwärmt der Navigon-Sprecher, "das ist erstaunlich."

Gratistickets für die Macworld

Ähnlich begeistert zeigt sich Alberto Cuellar, Direktor der gemeinnützigen Organisation "Younglife" in San Francisco, der seit Mitte der 1990er Jahre zur Macworld pilgert. "Natürlich ist alles diesmal kleiner", sagt der 52-Jährige, der die Messe nutzt, um nach Neuheiten für Macintosh-Rechner Ausschau zu halten. "Aber es ist nichts verloren gegangen. Man kann weiter mit den Herstellern reden, und es ist überschaubarer geworden." Bezahlen musste Cuellar nichts für seine Eintrittskarte - Organisator IDG gab sie ihm umsonst, weil Cuellar im vorigen Jahr schon dabei war. Auch Marissa Bunting musste nichts bezahlen, sie fand Gratis-Tickets im Internet. Darüber ist die Schülerin glücklich, denn diese Macworld findet sie, anders als im vorigen Jahr, doch etwas enttäuschend. "Es ist alles ziemlich klein diesmal", sagt die Videospiele-Freundin, "und ziemlich ruhig. Es gibt kaum große Firmen hier."

Mal abgesehen von Microsoft, HP, Cisco und einigen anderen, die sich raumgreifend präsentieren, um auf der Schnittstelle zwischen Wohnzimmer, Büro und Elektronik neue Kunden zu gewinnen. Doch es stimmt, der größte Teil der Fläche in der Messehalle gehört den Kleinen, die versuchen, die Chance zu nutzen, dass diesmal kein Goliath mit Apfel-Logo teilnimmt, der alle anderen in den Schatten stellt. "Für ein kleines Unternehmen wie uns ist es eher von Vorteil, dass Apple diesmal nicht dabei ist", sagt Attiya Abdulghany, Marketing-Managerin bei der Softwarefirma TuneUp, die sich darauf spezialisiert hat, Ordnung in chaotische Musiksammlungen zu bringen. "Die Leute laufen mehr herum, und wer bei uns vorbeischaut, nimmt sich mehr Zeit."

Supergirl mit Breitwand-Lächeln

Das mag freilich auch an dem Supergirl liegen, das sich werbewirksam vor dem TuneUp-Stand in Pose wirft. Unermüdlich strahlt Megan Karaan Besucher an, die vorbeikommen, lenkt mit Cape und Breitwand-Lächeln die Blicke auf sich und sagt ein ums andere Mal fröhlich "Cheese", wenn die aufmerksam Gewordenen den Fotoapparat zücken, um sich mit ihr ablichten zu lassen. Voriges Jahr war sie selbst noch als Besucher bei der Macworld, und es war anders. "Diesmal fehlt irgendetwas", sagt sie. "Aber trotzdem macht es Spaß. Schließlich darf ich in einem Cape herumlaufen."

Der deutsche Audio-Spezialist Sennheiser setzt derweil auf die Anziehungskraft von "German engineering" und kann sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen: Der Stand der Hannoveraner, strategisch günstig in der Nähe des Eingangs gelegen, platzt geradezu vor Besuchern. Offizielle Angaben, wie viele Neugierige die Macworld diesmal anlockt, gibt es bis Samstag nicht, doch Sennheiser zumindest ist mehr als zufrieden. "Der Zulauf ist fantastisch", freut sich Eric Palonen, der den Messeauftritt seiner Firma organisiert hat. Und weil nach seiner Erfahrung Apple-Fans dazu neigen, ihren Freunden von Technik vorzuschwärmen, die ihnen gefällt, steht jetzt schon fest: "Nächstes Jahr kommen wir wieder - und unser Stand wird größer sein als je zuvor."

So bleibt - vorerst zumindest - der Macworld in San Francisco offenbar das Schicksal erspart, das ihre Zwillings-Verstaltung an der Ostküste ereilte: Als Apple sich von der zweiten alljährlichen Macworld-Show zurückzog, die traditionell im Sommer abgehalten wurde, bedeutete das für die Messe schnell das Ende. In San Francisco dagegen wird jeder Besucher mit einer Einladung zur Rückkehr verabschiedet: "Danke fürs Teilnehmen", steht auf einem großen Plakat, das sich über den Rolltreppen am Ausgang quer durch die Halle zieht, "und auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr, vom 25. bis 29. Januar 2011".

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