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Geld und Größenwahn

Millionär, Exzentriker – und verurteilter Wirtschaftskrimineller: Kim Schmitz ist eine der schillerndsten Figuren des Webbusiness. Seine Festnahme passt nahtlos in seinen Lebenslauf.

Von Ralf Sander

  Kim Schmitz (re.) und drei seiner Mitangeklagten nach ihrer Festnahme in Auckland

Kim Schmitz (re.) und drei seiner Mitangeklagten nach ihrer Festnahme in Auckland

Wenn Kim Schmitz zum Zoo fährt, tut er das in einem schwarzen Rolls-Royce mit dem Nummernschild "GOD". So geschehen in der neuseeländischen Stadt Auckland im vorvergangenen Jahr. Eine Anekdote, die die Essenz von Kim Schmitz darstellt: Geld und Größenwahn.

Jetzt wurde Schmitz in Auckland verhaftet. Als Betreiber der Dateitausch- und Onlinespeicher-Plattform Megaupload werden ihm und sechs anderen Personen Verstöße gegen das Urheberrecht, Geldwäsche und organisierte Kriminalität vorgeworfen. Gravierende Vorwürfe gegen einen Mann, der mit der Justiz schon mehrfach Ärger hatte und über den man relativ wenig weiß - abgesehen von einer Unmenge an Anekdoten.

Schmitz wird 1974 in Kiel geboren. Mitte der 1990er Jahre ist er in der Mailbox-Szene aktiv. Mailboxen (auch Bulletin Boards genannt) waren von Privatpersonen betriebene Rechner, auf die andere von außen zugreifen, Nachrichten hinterlassen und Dateien herunterladen konnten. Bereits in dieser Zeit gerät Schmitz erstmals mit dem Gesetz in Konflikt: In den von ihm betriebenen Mailboxen werden unter anderem auch Raubkopien und gestohlene Telefonkarten gehandelt. 1998 verurteilt das Landgericht München den 24-Jährigen wegen Betrugs, Bandenhehlerei und anderer Vergehen zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung.

Alles ist "Mega"

Gleichzeitig gelingt es dem Drei-Zentner-Mann, sich als kundiger Hacker und Sicherheitsexperte zu präsentieren. In der Fernsehsendung "Monitor" zeigt er, wie man öffentliche Telefone hackt, um kostenlos telefonieren zu können. 1994 gründet Schmitz die Sicherheitsberatungsfirma DataProtect, die er sechs Jahre später gewinnbringend an den TÜV Rheinland verkauft. Kurz darauf ist die Firma pleite.

Auf seiner für die damalige Zeit spektakulär aufwendig gestalteten Website Kimble.org prahlt der Kieler mit seinen Projekten - die schon damals "Mega" waren. Zum Beispiel das "Megacar", ein Mercedes der dank 16 kombinierter Mobilfunkmodule Breitbandinternet im Auto bieten soll.

In der Hackerszene sind Kimbles - wie er sich zu der Zeit nennt - technische Fähigkeiten durchaus umstritten. Unbegrenzt ist hingegen sein Willen zur Selbstdarstellung und seine Sucht nach Luxus. Schnelle Autos, teure Klamotten, schöne Frauen - darunter Dieter Bohlens "Teppichluder" Janina - und Partys ohne Ende. Er nimmt mehrfach an der internationalen "Gumball"-Rallye teil, die 3000 Kilometer quer durch Europa führt - auf regulären, nicht abgesperrten Straßen, wohlgemerkt. Sein buntes Treiben dokumentiert Schmitz online mit Fotos und Youtube-Videos.

Sein extravagantes Auftreten und seine große Klappe machen ihn zu einem der lautesten Vertreter des New-Economy-Wahns, der um die Jahrtausendwende einige bunte Business-Vögel hervorbringt. Schmitz setzt ein Kopfgeld auf Osama bin Laden aus und gründet die Organisation Young Intelligent Hackers Against Terrorism (Yihat), die angeblich Cyberattacken gegen Terroristen durchführen sollen.

Zum zweiten Mal vor Gericht

Seine nächste Ankündigung hat allerdings reale Folgen. 2001 verspricht Kim Schmitz, mit seiner neuen Beteiligungsgesellschaft Kimvestor den angeschlagenen Onlinehändler letsbuyit.com mit einer Finanzspritze von 50 Millionen US-Dollar zu retten. Diese Aktion beschert Schmitz nicht nur eine Einladung in die "Harald Schmidt Show", sondern auch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Kimble setzt sich derweil nach Thailand ab, wo er Anfang 2002 festgenommen wird. Das Amtsgericht München verurteilt ihn wegen Insiderhandels zu einem Jahr und acht Monaten Haft auf Bewährung und 100.000 Euro Geldstrafe. Schmitz hatte durch die Investitionsankündigung den Aktienkurs von letsbuyit.com in die Höhe getrieben und mehr als eine Million US-Dollar durch den schnellen Verkauf von Aktien verdient. Ein Jahr später wird er in einer anderen Sache wegen Veruntreuung schuldig gesprochen. Wieder auf Bewährung.

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Der neue Kim ist ganz der alte

Nach ein paar weiteren lauthals verkündeten, aber nie umgesetzten Geschäftideen - darunter Anlagetipps, die von künstlicher Intelligenz errechnet werden sollten - verschwindet Kim Schmitz aus der Öffentlichkeit. Auch die Webseiten seiner Projekte, sogar seine Ur-Domain kimble.org, werden 2007 abgeschaltet. Es gibt Gerüchte, dass Schmitz zu dieser Zeit mit dem Aufbau von Megaupload beschäftigt ist.

Im Jahr 2010 taucht Schmitz dann mit einem Paukenschlag wieder auf - in Neuseeland. So laut, extrovertiert und egozentrisch wie zuvor. Er nennt sich jetzt Kim Dotcom und soll die teuerste Privatimmobilie des Landes gekauft haben. Das 15 Millionen Euro teure Chrisco Mansion, vor den Toren der Hauptstadt Auckland, heißt nun Dotcom Mansion. Neuseeländische Medien rätseln über den neuen Multimillionär im Land, der als Käufer zunächst nicht in Erscheinung tritt. Die Verwirrung wird noch größer, als das Magazin "Investigate" herausfindet, dass Schmitz auch noch in Hongkong als Inhaber verschiedener Firmen, deren Namen mit "Mega-" beginnen, registriert ist - unter dem Namen Kim Tim Jim Vestor.

Die breite Öffentlichkeit erfährt von Schmitz' Verbindungen zu Megaupload erst Ende 2011. In einem eigens produzierten Musikvideo preisen Stars wie Snoop Dogg, P. Diddy und Alicia Keys die Vorzüge von Megaupload, um große Dateien zu tauschen. Mittendrin: Kim Schmitz, der im Studio die Textzeilen "It's a hit. It's a hit" einsingt. Der "Mega Song" verbreitet sich rasant im Web. Groß ist die Verblüffung, dass prominente Musiker einen Dienst loben, den die Unterhaltungsindustrie für eine Ausgeburt der Hölle hält. Das Video wird auf Betreiben der Universal Music Group von Youtube gelöscht (inzwischen wieder erreichbar), obwohl Video und Musik komplett eigenproduziert sind und keine Urheberrechte verletzen. Megaupload als Opfer der bösen Unterhaltungsindustrie - etwas Besseres kann Schmitz nicht passieren.

Krachende Geschenke

Um die Neuseeländer für sich zu gewinnen, setzt Schmitz auf das Einzige, das er kennt: Geld und Bombast. Er spendet einen großen Betrag für Erdbebenopfer - und schenkt der Stadt Auckland zum Jahreswechsel 2010/2011 ein Feuerwerk im Wert von rund 500.000 Dollar, das er sich vom eigenen Hubschrauber aus anschaut. In einem Interview mit dem "New Zealand Herald" vom Juni 2011 gibt er sich weltmännisch: Neuseeland sei das Paradies auf Erden, sein Anwesen aber nur ein Ferienhaus. Die meiste Zeit lebe er mit seiner Frau Mona und drei Kindern in Hongkong.

Und dann ist noch dieser Satz in dem Interview: "Ich habe den Preis für meine Fehler bezahlt und meine Lektionen gelernt", sagt Schmitz mit Bezug auf seine früheren Verurteilungen. Die Autoren der 72-seitigen Mega-Anklageschrift sehen das vermutlich anders.

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