Auf der Gamescom in Köln versuchen die Videospiele-Hersteller, mit 3D-Optik und Körpersteuerungen Spieler vor die Konsolen zu locken. Doch auch die Branche muss sich bewegen. Von Ralf Sander

Künftig werden Computerspiele mit vollem Körpereinsatz gespielt. Fußball-Nationalspieler Lukas Podolski testet auf der Gamescom das neue System© Oliver Berg/DPA
Eine Viertelmillion zappelnde Brillenträger – das wäre der Traum der Videospieleindustrie für die Gamescom. Wenn von Donnerstag bis Sonntag in Köln Europas größte Messe für Computergames öffnet, würde der Bundesverband der interaktiven Unterhaltungssoftware BIU, der die Gamescom ausrichtet, schon gerne die Zahl von 248.000 Besuchern im vergangenen Jahr übertrumpfen. Und die Gamesbranche setzt in diesem Jahr auf die Anziehungskraft neuer Technik: Die beiden großen Themen der Messe sind 3D und Spiele, die mit dem ganzen Körper gesteuert werden. Der perfekte Messebesucher springt, boxt und ficht vor der Konsole oder trägt wenigstens eine 3D-Brille. Am besten aber beides. Den Gamer von den Segnungen der Technik zu überzeugen, ist elementar für die Branche. Denn sie steckt im Umbruch. Um mit den Veränderungen des Marktes klar zu kommen, müssen Microsoft, Electronic Arts, Sony, Nintendo und Co. nicht nur die Spieler dazu kriegen, sich vor der Konsole zu bewegen. Die Spieleschöpfer müssen sich selbst bewegen.
Das klasssische PC- und Konsolenspiel, das im Fachhandel oder Elektromarkt im Regal steht, ist zwar immer noch der entscheidende Geldbringer der Branche, doch die Zeiten ändern sich. Die riesigen Gewinne der vergangenen Jahre sind Geschichte. Electronic Arts bespielsweise, einer der größten Spieleproduzenten der Welt, schloss eine Reihe von Entwicklerstudios und schaffte dennoch nur knapp die schwarzen Zahlen. Die Wirtschaftberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) hat 2009 einen Rückgang des Branchenumsatzes um 2,4 Prozent festgestellt, das erste Minus seit sieben Jahren. Für dieses Jahr erwartet PwC einen winzigen Anstieg - von 1,8 auf 1,81 Milliarden Euro. "In der Wirtschaftskrise haben sich die Konsumenten mit Ausgaben zurückgehalten", sagte PwC-Analyst Alessandro Pagella gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: "Gleichzeitig wurden weniger Spiele veröffentlicht". Die Hersteller scheuten die Investitionen in millionenschwere Produktionen für Konsolen und PC.
Dabei müssen sie etwas tun. Denn die Menschen haben ja nicht aufgehört zu spielen, sie vergnügen sich inzwischen auf anderen digitalen Wegen. Mobile Spiele für Smartphones, einfache Casual Games für Gelegenheitszocker und so genannte Social Games in Netzwerken wie Facebook bespaßen Millionen von Menschen – und klauen ihnen Zeit und unter Umständen auch Geld, die sie nun nicht mehr den traditionellen Spielekonsolen spendieren können.
Technische Wunder sollen die Daddelkisten wieder sexy machen. Microsoft und Sony versprechen mit Kinect und Playstation Move völlig neue Spielerfahrungen, wobei die Grundidee alt ist: Bereits seit fast vier Jahren lässt Nintendo mit seiner Wii-Konsole die Menschen vor dem Fernseher springen, tanzen, bowlen oder fechten - mit großem Erfolg. Immerhin: Die beiden Nachzügler heben das Konzept dank der wesentlich höheren Leistung ihrer Konsolenhardware und modernerer Sensorentechnik, die Bewegungen um dreidimensionalen Raum präzise erkennen kann, auf einen neuen Level. (Mehr zur Technik der Systeme steht in den beiden Kästen.) Verkaufsstart für Playstation Move ist der 15. September. Ein einzelner Move Motion Controller soll knapp 40 Euro kosten, die für viele Spiele ebenfalls benötigte Navigation Controller (mit einem kleinen Joystick) schlägt mit rund 30 Euro zu Buche. Und wer noch keine Eye-Kamera für die PS3 hat, muss die auch noch anschaffen. Bei Microsofts Kinect, das am 10. November für die Xbox 360 erscheint, hat der Spieler gar keine Hardware mehr in der Hand und steuert alles ausschließlich mit dem Körper. Der Preis für die benötigte Kinect-Sensorleiste, die unter den Fernseher gestellt wird, beträgt rund 150 Euro.
Die Spieler vom Sofa herunterzulocken, hat für Microsoft, Sony sowie die Gameshersteller verschiedene Gründe:
Kinect für Xbox 360 Die Technik von Kinect steckt in einem rund 20 Zentimeter breiten Kästchen, das unter dem Fernseher aufgestellt und per USB-Kabel an die Xbox 360 angeschlossen wird. In Kinect stecken verschiedene Sensoren: Eine Videokamera erfasst die Bewegungen der Spieler. Eine Kombination aus einem Infrarotsender und einem Bildsensor überwacht die Tiefe des Raums und sammelt 3D-Daten. Spezialmikrofone orten Stimmen im Raum und filtern Hintergrundgeräusche heraus. Ein Elektromotor im Fuß kann die Kinect-Einheit schwenken, sodass die Kamera Menschen folgen kann, die sich bewegen. Das ganze System kann Personen voneinander unterscheiden, ihre Position im Raum erkennen - und sogar einzelne Körperteile identifizieren. Kinect erscheint am 10. November.
Playstation Move für PS3 Im Gegensatz zu Microsofts Kinect muss der Spieler bei Sonys Bewegungssteuerung Playstation Move weiterhin einen Controller in der Hand halten - wie bei Nintendos Wii auch. Der so genannte Motion Controller ähnelt einer stabförmigen Fernbedienung mit einer Kugel am oberen Ende, die die Farbe wechseln kann, um verschiedene Spieler unterscheidbar zu machen. Das Gerät verfügt über verschiedene Bewegungs- und Beschleunigungssensoren, die Bewegungen im Raum präzise erkennen können sollen. Außerdem gehört die bereits bekannte Eyetoy-Kamera zum Gesamtpaket von "Move", die die Spieler vor dem Fernseher abfilmt und die Bewegungen des farbigen Balls am Controller verfolgt. Außerdem gehört dazu der Navigation Controller, der nicht bei jedem "Move"-Spiel benötigt wird. Er bietet einen Joystick und einige der Knöpfe, die auch auf dem Standard-PS3-Controller zu finden sind. Playstation Move erscheint am 15. September. Der Motion Controller wird rund 40 Euro kosten, der Navigation Controller ungefähr 30 Euro. Für die Eye-Kamera sind ebenfalls knapp 30 Euro fällig. Sony hat ein Starterpaket mit allen drei Geräten für knapp 60 Euro angekündigt.