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28. Juni 2008, 15:55 Uhr

Die zweite Karriere des Bill Gates

Microsoft steckt in der Krise, der Gründer geht trotzdem. Am 30. Juni hat Bill Gates seinen letzten Arbeitstag, nach über 33 Jahren an der Spitze des Unternehmens. Ab 1. Juli will er vorwiegend Wohltäter sein. Ist der Wachwechsel ein schlauer Schachzug? Von Karsten Lemm, San Francisco

Bill Gates kann sich jetzt auf seine gemeinnützige Arbeit konzentrieren© AP

Am 1. Juli wird der drittreichste Mann der Welt aufstehen und zur Arbeit gehen. Wie immer - nur mit einem kleinen, feinen Unterschied: Statt 80 Prozent seiner Zeit Microsoft zu widmen und 20 Prozent der Bill & Melinda Gates-Stiftung, wird es fortan genau umgekehrt sein: 80 Prozent Einsatz für die Wohltätigkeit, 20 Prozent für das Wohl der Firma, an deren Spitze er seit über 33 Jahren stand, erst als Mitgründer und Vorstandschef, seit 2000 dann als Aufsichtsratsvorsitzender. "Es ist einfach nur ein Umschalten", erzählte Gates, ganz Programmierer, der in Einsen und Nullen denkt, einer Gruppe von Zuhörern vor wenigen Wochen bei einem Cocktail-Empfang am Rande der "D: All Things Digital"-Konferenz in Carlsbad bei San Diego.

Wer den 52-Jährigen dort so stehen sah - mit offenem Kragen, in der Linken ein Glas Weißwein, rechts das Jackett locker über den Arm geworfen, die Haare wie immer zerzaust -, der konnte den Eindruck bekommen, das Umschalten liege schon hinter Gates. Entspannt plauderte der Multimilliardär über Software-Welt und Familie, erzählte von E-Mail-Memos, die er schreibe, und den Kindern, die er dreimal pro Woche zur Schule bringe; berichtete von Plänen, nächstes Jahr mit seiner Frau Melinda und den drei Sprösslingen eine ausgedehnte Europa-Reise zu unternehmen, und spielte, ganz nebenbei, seinen Quasi-Rückzug aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft herunter, so gut es eben ging.

Den 1. Juli habe er "schon vor vielen Jahren" als Stichtag für seinen Rollenwechsel ins Auge gefasst, versicherte Gates, und niemand müsse sich Sorgen um das Wohlergehen des Unternehmens machen. Schließlich stehe mit Vorstandsboss Steve Ballmer ein erfahrener Mann an der Spitze: "Steve ist genauso sehr Microsoft-Gründer wie ich", sagte Gates. "Er fing bei uns an, als der Umsatz kaum mehr als ein Rundungsfehler war." Gates gründete die Firma 1975 mit seinem Schulfreund Paul Allan, Ballmer stieß 1980 dazu. Damals kam Microsoft auf 8 Millionen Dollar Jahresumsatz, heute sind es über 50 Milliarden (etwa 32 Milliarden Euro), immer noch mit wachsender Tendenz - und doch stellt sich die Frage, ob Gates womöglich genau in dem Moment abtritt, in dem ihn sein Unternehmen und dessen 79.000 Mitarbeiter am meisten brauchen.

Microsoft verliert zunehmend an Bedeutung

"Microsoft steht am Scheideweg", sagt der Finanzexperte Paul Kedrosky, ein langjähriger Kenner der Firma. "Und von allen Seiten rasen Schwerlaster heran." Zwar dominiert der Softwaregigant nach wie vor das Geschäft mit PC-Software, doch das verliert in der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung. Windows und Office sind Microsofts Goldesel, mit ihnen verdient der Software-Riese zwei Drittel seiner Einnahmen - und beide sehen plötzlich sehr verwundbar aus. Vista, Nachfolger des derzeitigen Windows XP, gilt trotz 140 Millionen verkaufter Exemplare als Reinfall: Anderthalb Jahre nach Verkaufsstart zögern immer noch viele Unternehmen, ihre Rechner auf das aktuelle Microsoft-Betriebssystem umzustellen. Selbst Intel, traditionell einer der engsten Partner der Softwareschmiede aus Redmond bei Seattle, verzichtet auf Vista und will lieber auf den Nachfolger "Windows 7" warten, der im Januar 2010 auf den Markt kommen soll.

"Vista hat sich als enorme Enttäuschung erwiesen", urteilt Roger Kay, Präsident der Unternehmensberatung Endpoint Technologies Associates. Zu schwerfällig sei dieses neue Windows, klagen Nutzer, zu umständlich, und noch immer funktionierten nicht alle Drucker und andere Geräte. "Falls Windows 7 nicht besser wird, droht ein zweiter Flop in Serie", sagt Kay. Und das kann Microsoft sich nicht leisten, weil Windows längst nicht mehr so unentbehrlich ist wie früher: Wer E-Mails schreiben, Online-Videos schauen oder Flickr-Fotos ansehen will, kann das genauso gut auf einem Rechner mit Macintosh- oder Linux-Betriebssystem - oder sogar auf seinem Mobiltelefon.

Das zweite Microsoft-Standbein, Office, wackelt ebenfalls, weil viele Aufgaben, für die man bisher Word, Excel oder PowerPoint brauchte, sich neuerdings mit Hilfe von Internetdiensten wie Google Docs erledigen lassen. Das kostet in der Regel keinen Cent - während Microsoft für sein Büropaket Hunderte von Euro verlangt. "Es ist absehbar, dass Microsofts Kerngeschäft immer mehr an Wert verlieren wird", sagt Roger Kay. Der Firma bleibe "nur noch eine begrenzte Zeit", um sich neu zu erfinden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum der Zeitpunkt des Rückzugs nicht perfekt gewählt ist und wie man sich in der Zukunft an Bill Gates erinnern wird.

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