Roboter, die über Leben und Tod entscheiden. Die ultimative Vision von Militärstrategen: Bei Robotern mit eingebautem Ethik-Programm käme es gar nicht erst zu Kriegsverbrechen. Doch dieser Wunsch bereitet Robotikwissenschaftlern wie Ethikern und Philosophen enormes Kopfzerbrechen. Von Eva Schatz

Schon jetzt werden Roboter häufig für militärische Zwecke eingesetzt© AP
Vorsichtig rollt ein kleines, wendiges Raupenfahrzeug auf einen Hauseingang zu. Es ist mit Lasern, Kameras und einer Reihe weiterer Sensoren bestückt, die jede Veränderung in der Umgebung sofort wahrnehmen und an das Rechnersystem melden. Auf den ersten Blick wirkt der nur knapp 45 Kilogramm schwere Roboter nicht sehr bedrohlich - doch oben aufmontiert ist ein Maschinengewehr. Um potenzielle Angreifer sogleich zum Aufgeben zu bewegen, gibt der Metallsoldat erst einige Warnschüsse ab, bevor er ins Innere des Hauses eindringt. Wenige Minuten später kommt er wieder heraus, ohne einen weiteren Schuss abgefeuert zu haben. Statt der gesuchten Terroristen waren nur unschuldige Zivilisten zu finden - diese zu erschießen wäre gegen die ethischen Grundsätze des Roboters gewesen. Was sich anhört wie der neueste Science-Fiction-Streifen, ist Planziel vieler Militärs.
Vorstufen gibt es bereits: Im Sommer 2007 setzte die US-Armee zum ersten Mal drei dieser wahlweise mit Maschinengewehren, Granat- oder Raketenwerfern bestückten Roboter im Irak ein. Noch müssen die Roboter des Typs TALON SWORDS von Menschen ferngesteuert werden und können keine eigenen Entscheidungen treffen. Die Realität auf dem Schlachtfeld ist zu komplex, um von Computern verstanden zu werden. Denn etliche der wichtigsten Voraussetzungen für intelligentes Handeln bereiten Robotern - im Gegensatz zu Menschen - noch erhebliche Schwierigkeiten: Wie lassen sich Objekte erkennen und Situationen richtig interpretieren? Wie findet man sich in der Welt zurecht?
Das menschliche Gehirn kann Sinneseindrücke meist ohne Probleme einordnen und die richtigen Schlüsse ziehen. Wer einmal verinnerlicht hat, wie ein Bleistift aussieht, der erkennt solch einen Gegenstand auch dann als Schreibgerät wieder, wenn Kappen, Quasten oder aufgesetzte Radiergummis das ursprüngliche Bild verändern. Für einen Roboter ist die Sache ungleich schwieriger. Sämtliche Sensoreindrücke müssen klassifizierbar sein. Sobald sich zu viel auf einmal ändert, steht auch der schnellste Rechner vor einem unlösbaren Rätsel.
"Für einen Roboter ist es relativ einfach, den Mars zu erforschen, denn dieser Planet ist relativ einfach strukturiert", erklärt Professor Hugh Durrant-Whyte vom Australian Centre for Field Robotics das Dilemma. "Eine Tür zu öffnen ist dagegen viel komplizierter, denn Türgriffe unterscheiden sich sehr stark voneinander und sind schwierig zu bedienen." Wer schon einmal gegen eine Tür gelaufen ist, weil sie anders als erwartet aufging, dem dürfte dieses Problem nicht unbekannt sein.
Mit diesem Bild vor Augen ist es schwer vorstellbar, wie bewaffnete Blechsoldaten bald in Krisenherde entsandt werden sollen. Zumal es um deren Akzeptanz in der Öffentlichkeit nicht sonderlich gut steht. Bei einer Online-Umfrage des Georgia Tech College of Computing, Atlanta, unter Robotik-Forschern, Militärangehörigen, Politikern und Normalbürgern lehnte mehr als die Hälfte aller Teilnehmer es strikt ab, autonome Roboter mit tödlichen Waffen auszustatten.
Laut der "Unmanned Systems Roadmap 2007-2032" verfolgt das US-Verteidigungsministerium dieses "äußerst kontroverse Thema" daher mit der sogenannten "crawl-walk-run"-Herangehensweise (kriechen, gehen, rennen): Unbemannte mobile Roboter sollen nur schrittweise mit tödlichen Waffen ausgestattet werden - in dem Maße, wie ihre Fähigkeit zu selbständigem Handeln zuverlässiger wird. Nur wenn unbemannte Systeme zunehmend autonom agieren können, so die Vision der "Roadmap", werde sich die Fähigkeit der US-Armee verbessern, mit komplexen Missionen in einer dynamischen Umwelt fertig zu werden.
Schon jetzt geht beim Minenräumen und bei Aufklärungsmissionen ohne semi-autonome Roboter nichts mehr. Sie müssen ran, wenn es um Jobs mit den drei "D" geht: "dull, dirty, dangerous" (langweilig, dreckig, gefährlich). Ende des Jahres 2006 waren im Irak über 4000 unbemannte Bodenfahrzeuge unterwegs. Zwei Jahre zuvor hatte deren Zahl gerade einmal 162 betragen. Bis zum Jahr 2015 soll gemäß einer Vorgabe des US-Kongresses ein Drittel aller Bodenfahrzeuge der Armee unbemannt eingesetzt werden. Dasselbe Ziel ist für tief fliegende Flugzeuge sogar fünf Jahre früher angepeilt.
Auch andere Länder setzen immer mehr auf automatisierte Kriegsführung: Im September 2007 ließ Südkorea Roboter-Wachposten patentieren, die entlang der entmilitarisierten Zone an der Grenze zu Nordkorea zum Einsatz kommen sollen. Mit den geplanten 1000 Einheiten lässt sich viel Personal einsparen - und die Roboter sind ihren menschlichen Kollegen nicht nur in punkto Durchhaltevermögen überlegen: Das Zielverfolgungsystem funktioniert bei Tageslicht bis zu zwei Kilometer weit, nachts einen Kilometer. Der Überwachungsradius ist sogar doppelt so groß. Wer ohne gültiges Passwort auf einen dieser mit Mikrofon, Lautsprechern und Spracherkennung ausgestatteten Grenzposten trifft, muss nach 20 Sekunden entweder mit Gummigeschossen oder scharfer Munition rechnen.
Noch treffen auch bei diesem System Menschen über Fernsteuerung die Entscheidung über Leben und Tod. Doch Hersteller Samsung ließ mitteilen, dass der robotische Wachposten SGR-A1 auch über einen autonomen Modus verfügt. Damit Roboter in solch schwierigen Situationen wie Kampfeinsätzen eigenständig handeln können, müssen sie nicht nur ihre Umwelt mindestens ebenso zuverlässig wie Menschen wahrnehmen können. Auch ihre kognitiven Fähigkeiten müssen sich der menschlichen Denkweise anpassen. Professor Ronald Arkin vom Georgia Tech College untersucht derzeit für das US-Verteidigungsministerium Möglichkeiten, Roboter mit ethischem Denken auszustatten.
Arkins Überlegung: Es ist nur eine Frage des richtigen Programms, um Morde an Zivilisten, brutale Vergeltungsmaßnahmen und andere Kriegsverbrechen zu verhindern. Da Roboter keine Gefühle haben, können sie ultimativ menschlicher handeln als Menschen es in Kriegssituationen für gewöhnlich tun. So gesehen ist ein Roboter immer im Vorteil: Er kann Informationen unbeeinflusst, zuverlässig und schnell bewerten. Außerdem muss er sich nicht erst durch die gesamte Ethiklehre des christlichen Abendlandes arbeiten, sondern verfügt mit einem Mix aus Kriegsrecht, spezifischen Einsatzregeln und internationalen Abkommen wie den Genfer Konventionen über ein klares Handlungsmuster.
Militärroboter Ende des Jahres 2006 gab es weltweit 9000 Militärroboter - nicht viel im Vergleich zu knapp einer Million Industrierobotern. Doch der Markt wächst rasant: Nach Angaben der International Federation of Robotics waren es Ende 2004 erst 1000 Stück, bis 2010 ist mit weiteren 12.000 Einheiten zu rechnen. Neben den USA und Südkorea investieren vor allem Russland, China, Indien, Singapur und Großbritannien verstärkt in automatisierte Kriegsführung. Israel verfügt schon über automatisierte Grenzposten.